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Popkultur

„…And Justice For All“ von Metallica: Track für Track!

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Heute gehen wir ins Detail: Mit …And Justice For All veröffentlichen Metallica am 7. September 1988 ein äußerst komplexes und knüppelhartes Machtwerk. Werfen wir einen Blick auf die einzelnen Songs, die musikalischen Feinheiten und die Texte von James Hetfield. Achtung: Headbanger-Nerd-Alarm!

von Christof Leim

Ja, einfacher Stoff ist die vierte Metallica-Platte nicht. Die neun Songs erweisen sich alle als technisch ausgefuchst und vielschichtig, der kürzeste liegt mit über fünf Minuten Spielzeit jenseits vom üblichen Single-Format des Mainstreams. Trotzdem schaffen die kalifornischen Thrash-Könige damals einen Meilenstein des Genres, der sie nach dem Durchbruch mit Master Of Puppets nun endgültig als Headliner etabliert.


Hört hier in …And Justice For All rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Dabei klingt Justice speziell: Beim Mix und Mastering wurden die Mitten abgesenkt, die Frequenzen sind also „scooped“. Das verleiht der Sache zwar einen brettharten, aber auch äußerst rüden, „unrunden“ Sound. Schwerer wiegt noch, dass der Bass als Instrument massiv runtergemischt wurde. Es gibt zwar genug Gewummer „unten rum“, aber man kann kaum hören, was der neue Bassist Jason Newsted da spielt.



Was die Komplexität angeht, drehen Metallica die Schraube hier bis zum Maximum. Mehr geht kaum, wenn man nicht komplett in einem Prog-Mathe-Metal-Paralleluniversum landen will. In seinen Texten verzichtet Gitarrist/Sänger James Hetfield auf Dämonen und Monster der Fantasiewelt und kreist auch nicht um die Metal-Szene an sich, sondern wendet seinen Blick nach außen. Es geht um Politik, Gerechtigkeit, Krieg und Zensur, alles grundlegend düster und pessimistisch betrachtet. Drummer Lars Ulrich beschreibt diese Songwriting-Phase deshalb als die „CNN-Jahre“

Bei der Reihenfolge der Lieder folgen die Musiker den bekannten Mustern der beiden Vorgängeralben Master Of Puppets (1986) und Ride The Lightning (1984): Die Platte startet mit einem schnellen Brecher, gefolgt vom epischen Titelsong, einem langsameren Stampfestück und der Ballade, ganz zum Schluss gibt es einen brutalen Rausschmeißer. Diesen neun Stücken widmen wir uns nun. Die restliche Geschichte des Albums könnt ihr hier nachlesen, alles zur Neuauflage vom 2. November 2018 steht hier.

Blackened

„To begin whipping dance of the dead…“

Den Anfang macht Blackened, ein Nackenbrecher über Umweltzerstörung und ökologische Apokalypse. Viel Sonne scheint hier nicht, aber die Nummer macht vor allem live großen Spaß. Sie basiert auf einem 7/4-Riff von Newsted, dem eine Strophe in 6/4 folgt. Mag abgefahren wirken, klingt aber stimmig. Einfach mal aus dem Handgelenk schüttelt man sich das als Gitarrist allerdings nicht. Jason erinnert sich: „Wir haben in meinem Ein-Zimmer-Appartement an ein paar Ideen herumgeschraubt. Als ich das Blackened-Riff gespielt habe, hat James aufgehorcht und es aufgegriffen. Daraus hat sich der Song entwickelt. Für mich war das ein besonderer Moment: Ich habe tatsächlich mit James Hetfield einen Song geschrieben, der auf einem Metallica-Album landen wird.“ Im dramatischen Intro hören wir mehrere Schichten rückwärts abgespielter Gitarren (die „richtig rum“ übrigens so klingen), ansonsten bietet der Song einen griffigen Refrain, einen moshharten Stampfepart in der Mitte und tolle Harmonien über wechselnde Takte. Das Solo hat Kirk Hammett songdienlich auskomponiert mit melodischem Beginn, Tapping, wieselflinkem Ende, Whammy-Bar und einer Extrapolation der Refrainmelodie. Ein Hammer.


And Justice For All

„Pulling your strings…“

Das Titelstück beginnt mit schön orchestrierten Cleangitarren, wird lauter, steigert sich, dann nimmt Lars mit einem markanten Motiv auf den Toms das Riff vorweg. Fast zehn Minuten (9:44 Min genau) läuft die Nummer über Korruption und falsche Gerechtigkeit, mit perkussiven Strophen, dickem Chorus, einem endlangen Mittelteil und einem Granatensolo. Das ist schon die XXL-Packung – und die geht der Band auf der Damaged Justice-Tour irgendwann so dermaßen auf die Nerven, dass sie gemeinschaftlich schwören, die Nummer nie wieder live zu spielen. Erst 2007, fast 20 Jahre später, graben sie den Song wieder aus. Der Titel …And Justice For All stammt aus dem US-amerikanischen Treuegelöbnis („Pledge of Allegiance“) gegenüber Land und Fahne.


Eye Of The Beholder

„Freedom of choice is made for you, my friend“

Die zweite Single Eye Of The Beholder reitet schön im mittleren Tempo heran, im Chorus wechseln die Herren dann in einen synkopierten 12/8-Takt. (Man kann trotzdem headbangen und Bier trinken dazu. Wir haben es ausprobiert.) Leider taucht der Track seit 1989 nicht mehr komplett in der Setlist auf, sondern höchstens als Teil eines Medleys, etwa auf Live Shit: Binge & Purge (1993). Das Stück wird am 30. Oktober 1988 als zweite Single ausgekoppelt, ein Video gibt es – wie damals bei Metallica noch üblich – nicht. Auf der B-Seite findet sich das Budgie-Cover Breadfan.


One

„Landmine!“

Die Quotenballade, das große Epos One, mausert sich schnell zum Hit. Der Spaß beginnt mit einem cleanen Intro ganz ähnlich zu Sanitarium (Welcome Home) und Fade To Black. Hetfield gibt später zu, dafür sehr genau beim Venom-Song Buried Alive zugehört zu haben. Es folgt eine tolle Orchestrierung der Cleangitarren, teilweise im 3/4-Takt, samt hochmelodischer Soli von Hammett. Wie üblich wird es im Chorus laut, zum Ende hart, gipfelnd in einem furiosen Finale mit einem äußerst markanten Double-Bass-Part („Landmine, has taken my sight…“) und einem tollen Tapping-Solo. Selbst wenn viele von uns den Song nicht mehr hören können: Das ist große Kunst. Kein Wunder, dass von Master Of Puppets und Seek & Destroy abgesehen kaum ein Stück so oft live gespielt wird. Richtig durch die Decke geht die Angelegenheit, als Metallica am 10. Januar 1989 One zur dritten Single machen und zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Videoclip veröffentlichen (alles dazu hier). Dabei hatten sie hoch und heilig versprochen, nicht das MTV-Spielchen mitzuspielen. Die Metal-CSU dreht natürlich durch (Verrat! Untrue! usw.), allerdings sieht One nicht aus wie ein Standardmusikfilmchen. Die Story über einen bis zur kompletten Kommunikationsunfähigkeit verwundeten Soldaten wird illustriert durch Szenen aus dem Film zu Dalton Trumbos Buch Johnny Got His Gun, ansonsten sehen wir die Band in schwarz-weiß in einer leeren Halle: Jason mit Elvis-Shirt, Hetfield mit der weißen Explorer irgendwo auf Kniehöhe, alle mit grimmigem Blick. Die Wirkung: Düster, real und ziemlich cool. Kurz nach Veröffentlichung landet der Clip auf Platz eins des MTV-Rankings und wird zum Standard auf Headbanger’s Ball.


The Shortest Straw

„…has been pulled for you“

The Shortest Straw darf man als selten gespielte Perle bezeichnen, ein ungewöhnlich beriffter Thrasher, bei dem man sich wieder mal fragen kann, wie Hetfield da gleichzeitig singt und spielt. Der Text behandelt die McCarthy-Ära in den USA der Fünfziger und prangert De­nun­zi­a­ti­on, Diskriminierung und schwarze Listen an. Auch hier beglücken uns Metallica mit vielen Breaks, ordentlich Doublebass und einem hörenswerten, hibbeligen, aber auskomponierten Solo. Taucht in letzter Zeit wieder auf den Setlisten auf, etwa bei unserem Konzertbesuch im April 2018 in Leipzig (nachzulesen hier).


Harvester Of Sorrow

„Language of the mad“

Bei Harvester Of Sorrow könnte man meinen, die Strophe sei eigentlich einfach, stimmt aber nicht. Der Teufel liegt hier im Halbton-Detail. Doch Lars und seine Mannen zeigen, dass sie – meistens – cleverer arrangieren können als die anderen Kinder, denn selbst mit allen Schlenkern und satten 5:42 Min. Spielzeit (zweitkürzester Song!) verfehlt der Track seine Wirkung nicht. Beim Solo bleibt Hammett hier zudem überraschend langsam und schafft einen kleinen Ohrwurm. Inhaltlich zeigt sich Meister Hetfield wieder besonders lebensbejahend, denn der Protagonist des Textes scheint dem Wahnsinn zu verfallen und seine Familie samt der Kinder umzubringen.

Harvester erscheint am 28. August 1988 als Vorbote zur Platte und wird vorher auf der US-Sommertour Monsters Of Rock mit Van Halen und den Scorpions bereits live präsentiert. Auch zu diesem Song drehen Metallica kein Video. Dafür spendieren sie der Single gleich zwei B-Seiten: neben Breadfan mal wieder ein Diamond Head-Cover in Form von The Prince.


The Frayed Ends Of Sanity

„Hear them calling…“

The Frayed Ends Of Sanity lässt sich umständlich, aber korrekt übersetzen mit „Die ausgefransten Enden der geistigen Gesundheit“. Und ein bisschen klingt der Song auch so. Er beginnt mit einem Motiv aus dem Film The Wizard Of Oz, dem Chor der Affen. Dafür bedienen sich Metallica eines klassisch-metallischen E-A#-Akkordwechsels. (Klassisch deshalb, weil dieser so genannte Tritonus so böse klingt, dass er im Mittelalter verboten werden sollte und die Grundlage für etwa den Song Black Sabbath bildet.)

Das Hauptriff dieser gerät hier sehr abgefahren, die verschachtelten Strophen nicht weniger, aber erstaunlicherweise geht der Refrain rasch ins Ohr, selbst wenn er keinen Standardschemata folgt. Wie hochtrabend die Musiker hier denken, zeigt sich im Solo: Dort ist die Rhythmusgitarre komplizierter als manche Prog-Rock-Meisterwerke. Vielleicht wird die Nummer deshalb auf der Bühne lange Jahre nur in Auszügen gespielt. Erst 2014 führen Metallica das Stück auf Wunsch des Newsted-Nachfolgers Rob Trujillo zum ersten Mal in voller, fast achtminütiger Pracht auf. Im Text geht es erwartungsgemäß und wieder mal um Wahnsinn.


To Live Is To Die

„When a man lies…“

Der Titel „Längster Song der Platte“ geht mit 9:48 Min. an das Instrumental To Live Is To Die. Hier brilliert Hetfield mit tollem Picking, einem melodischen Solo und massig Harmonien. In den langem Midtempo-Passagen kann man sich durchaus verlieren, denn hier wird die Rifflust zu viel – das Ding zieht sich. Die wenigen Textzeilen spricht Hetfield nur, sie stammen von Cliff Burton, der sich Teile davon aus einem mehrere hundert Jahre alten Gedicht des Deutschen Paul Gerhardt ausgeborgt hat. James Hetfield nennt den Song eine „Hommage an Cliff, ohne zu übertreiben. Es geht um die Dankbarkeit für die Zeit, die wir mit ihm hatten.“ Auf die Bühne kommt die Nummer in den nächsten 30 Jahren kaum, und wenn, dann nur gekürzt als Intro.


Dyers Eve

„Dear mother, dear father“

Enden muss die Scheibe natürlich traditionell mit einer kurzen, schnellen, brutalen Nummer. Wobei hier „kurz“ im Kontext verstanden werden muss, denn die 5:12 Min von Dyers Eve sind nicht gerade Radiolänge. Das rasante Tempo und die wahnsinnigen Riffs fallen hier so anspruchsvoll aus, dass Metallica den Song damals nicht live spielen und erst 2004 reaktivieren. Lyrisch scheint Hetfield hier gegen seine Eltern zu schimpfen. In einem Interview mit dem Rolling Stone erklärt er: „Der Song porträtiert ein Kind, das von der Außenwelt fast völlig abgeschirmt wurde – wie bei mir wegen der Religion meiner Eltern, die der Lehre der Christian Science angehört haben. Das hat mich von vielen anderen Kindern in der Schule entfremdet.“


Bonusrunde: Die B-Seiten

The Prince

Keine Band hat die Metallica-Buben mehr beeinflusst als die Engländer Diamond Head, die zur so genannten „New Wave of British Heavy Metal“ (NWoBHM) gezählt werden. Insbesondere Lars Ulrich gilt als glühender Anhänger dieser Ära. Ganze fünf Stücke spielen unsere Helden im Laufe ihrer Karriere nach, vier davon nehmen sie sogar auf. The Prince findet sich ursprünglich auf dem empfehlenswerten Album Lightning To The Nations von 1980Zu Live-Ehren kommt die Nummer jedoch kaum.


Breadfan

Das Stück stammt von den Walisern Budgie und erschien 1973 auf deren Album Never Turn Your Back On A Friend. Budgie gehörten zu den härtesten Bands ihrer Zeit und hatten Einfluss auf die  NWoBHM. Man darf davon ausgehen, dass 99 Prozent aller Metal-Fans ohne Metallica weder Budgie noch Breadfan kennen würden. Was schade ist, denn die Nummer geht ab. Auf der Damaged Justice-Tour taucht sie meistens als Zugaben auf.


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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

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