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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.9.1988 treiben es Metallica mit „…And Justice For All“ auf die Spitze.

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Metallica And Justice For All Album Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.9.1988."

von Christof Leim

1988 stehen Metallica kurz vor dem Sprung in die Oberliga. Mit Master Of Puppets haben sie sich 1986 ein Denkmal gesetzt, jetzt wollen sie ihren ebenso brachialen wie cleveren Thrash Metal mit …And Justice For All zu neuen Höhen treiben. Ein Rückblick auf ein ambitioniertes, eigenständiges, nur fast perfektes Machtwerk.

Hört hier in …And Justice For All rein:

Als Metallica am 7. September 1988 ihr viertes Album …And Justice For All veröffentlichen, liegen ebenso großartige wie harte Zeiten hinter ihnen. Mit Kill ‘Em All haben die vier blutjungen Wilden 1983 den Thrash Metal losgetreten, sich mit Ride The Lightning im Folgejahr massiv weiterentwickelt und 1986 schließlich das monumentale Master Of Puppets veröffentlicht (die ganze Geschichte dazu steht hier). Die Band durchbricht mit Schwung alle Grenzen des Underground, das Genre explodiert, und die Metal-Welt liegt ihnen zu Füßen. Ob die bierdurstigen Herren sich darüber sorgen, was sie musikalisch folgen lassen können, ist nicht überliefert. Dann stirbt Bassist Cliff Burton am 27. September 1986 bei einem Tourbusunglück, und die Band verliert einen wichtigen Steuermann.

Schwieriger Einstand

Mit diesem Verlust haben die noch jungen Musiker sehr zu kämpfen, ernennen jedoch schon wenige Monate später den gleichaltrigen Jason Newsted zu ihrem neuen Bassisten, nachdem sie mehr 50 Kandidaten getestet haben, darunter Joey Vera (Armored Saint), Greg Christian (Testament) und Les Claypool (Primus). Sogar David Ellefson von den damals noch quasi verfeindeten Megadeth steht kurzzeitig auf der Liste.

Newsted kommt von den Thrashern Flotsam & Jetsam, mit denen er als großer Fan mehr als einmal Metallica-Songs gecovert hat. Für seine Audition hat er sich sämtliche Stücke der Setlist draufgeschafft, was für großen Eindruck sorgt und charakteristisch für seine Arbeitseinstellung bei Metallica sein sollte. Sein erster Auftritt findet am 8. November 1986 in Reseda, Kalifornien statt, danach geht es auf Japan-Tour und nach Europa. Musikalisch kann man Newsted nichts vorwerfen, selbst wenn er im Gegensatz zu Burton mit einem Plektrum statt mit den Fingern spielt. Vor allem auf der Bühne glänzt er mit unfassbarem Einsatz. Vermutlich liegt es an der unverarbeiteten Trauer über Cliffs Tod, dass die Band ihn trotzdem fortwährend piesackt. So werfen die anderen seine Klamotten aus dem Hotelfenster, schmieren ihn mit Rasierschaum ein oder bestellen teuersten Room Service auf seine Rechnung. Ständig. Newsted zieht trotz allem durch, stolz macht das die Kollegen später natürlich nicht. Fest steht: Metallica sind mittlerweile die Lars-und-James-Show, noch mehr als früher. Kirk Hammett gilt eher als Diplomat, ist kein Alphamännchen, und der Neue hat ohnehin wenig zu sagen.

Ab in die Garage

Zum Aufwärmen nehmen die vier Metal-Helden erstmal fünf Songs für die The $5.98 E.P.: Garage Days Re-Revisited auf, die sie – nomen est omen – in Lars’ umgebauter Garage einproben (alles dazu hier). Auf diesem ersten Vinyl-Lebenszeichen nach Burtons Tod finden sich Gassenhauer von Diamond Head, Holocaust, Killing Joke, Budgie und den Misfits. Das Ding rockt, und der Bass von „Jason Newkid“ drückt ordentlich. Danach geht es ans Songwriting. Metallica entscheiden sich für die Flucht nach vorne und führen die Entwicklung der vergangenen Jahre fort: Die Songs werden noch komplexer, noch länger, noch anspruchsvoller. Mehr Riffs, mehr Harmonien, mehr Taktwechsel sogar im Vergleich zu Master Of Puppets, und nach jedem zweiten Chorus geht es ab in ein „verdammtes anderes Universum“, wie Lars Ulrich es einmal ausdrückte.

Von Januar bis Mai 1988 finden die Aufnahmen statt, dank eines neu verhandelten und gut dotierten Plattenvertrages diesmal in Kalifornien, nicht mehr im kalten Kopenhagen. Leider steht ihr alter Weggefährte Flemming Rasmussen zunächst nicht als Produzent zur Verfügung, weswegen die Band Mike Clink anheuert, der gerade mit dem Debüt von Guns N’ Roses, Appetite For Destructioneinen Megahit gelandet hat. Doch die Zusammenarbeit funktioniert nicht: Nach drei Wochen und ein paar Drumtracks wird Clink entlassen, Rasmussen fliegt zur Rettung ein.

Die Performance der vier Musiker im Studio kann sich sehen lassen: James Hetfield als „Gott der rechten Hand“ haut uns äußerst tighte und ziemlich vertrackte Rhythmusgitarren um die Ohren, mehrfach geschichtet und hochgezogen wie eine Thrash-Metal-Backsteinmauer. Lars Ulrichs Spiel strotzt nur so vor cleveren Ideen, Fills und ordentlich Doublebass. Der Mann ist definitiv besser als sein Ruf. Auch Kirk Hammett hat die meisten seiner Soli sorgsam auskomponiert und zieht im Höllentempo alle technischen Register: modale Skalen, Geschredder, Tapping, markante Melodien, Whammy-Bar, das ganze Programm. Nur Jason Newsted hört man fast nicht.…

Mischen impossible

Zwischen den Gigs der US-Monsters Of Rock-Tour mit Van Halen und den Scorpions fliegen Ulrich und Hetfield mit müden Ohren ständig nach New York, um mit Steve Thompson und Michael Barbiero (ebenfalls bekannt von Appetite For Destruction) das Album abzumischen. Wo und wie genau das Urteilsvermögen der beiden Metallica-Chefs auf der Strecke geblieben ist, weiß man nicht, aber Lars und James entscheiden sich dafür, den Bass rauszudrehen und den Sound zudem extrem trocken und „scooped“, also ohne Mitten, einzustellen. Damit wirkt die Scheibe durchaus speziell, was man als Vorteil und Nachteil betrachten kann. Rund, lebendig, fett klingt sie allerdings nicht, dafür knüppelhart und düster.

Die Gründe sind vielfältig, eine ausführliche Analyse des Bass-Debakels findet ihr hier. Insbesondere scheint Ulrich auf diesem Sound bestanden zu haben, wie Thompson kürzlich erst zu Protokoll gab: „Am ersten Tag kam Lars an mit einem Stapel Notizen zum EQ-Setup für die Drums. Das haben wir umgesetzt, und es klang beschissen.“ Also rudern die beiden zurück, bauen einen fetten Mix, den Hetfield absegnet. Lars’ beharrt jedoch auf seiner Vision einschließlich fast unhörbarer Bassspuren, Hetfield wirft (laut Thompson) nur resigniert die Arme in die Luft. Hinzu kommt, dass Newsted es von Flotsam & Jetsam gewohnt ist, die Riffs der Rhythmusgitarre einfach mitzuspielen, nicht ungewöhnlich in diesem Stil. Doch weil sein Instrument und die mächtige Axt von Hetfield sich dank des speziellen Sounds bei den gleichen Frequenzen tummeln, geht er unter. Die Tatsache, dass er seine Spuren in wenigen Tagen ohne viel Führung und Kommunikation nur in Anwesenheit des Toningenieurs Toby Wright eingespielt hatte, verstärkt das Problem noch. Glücklich macht Jason das alles nicht, doch drei Dekaden später und nach seinem Ausstieg 2001 hat er seinen Frieden damit geschlossen. Darauf angesprochen, lässt er meist durchblicken, dass das Album „ist, was es ist“, eine spezielle, nicht perfekte Momentaufnahme. Ein kleiner Trost immerhin: Gleich der erste Song basiert auf einem seiner Riffs…

Lang, länger, Justice

Das vierte Metallica-Album erweist sich als ein komplexer Brocken, ein ebenso brachiales wie anspruchsvolles Machtwerk: Von neun Stücken bleiben nur zwei – knapp – unter sechs Minuten. Jeder Tracks weist unzählige Parts, ungewöhnliche Strukturen, Taktwechsel und gerne natürlich halsbrecherische Tempi auf. Das Bemerkenswerte: Die Truppe schafft es tatsächlich, das alles in sinnvolle Songs zu gießen, meistens zumindest. Ein paar Längen gibt es, aber die sind nichts im Vergleich zum Geschwurbel auf Death Magnetic (2008). Das Songwriting teilen sich wie gewohnt James und Lars, Kirk trägt zu vier Stücken bei, Jason zu einem. Für To Live Is To Die findet eine Idee Burtons Verwendung.

Der Opener Blackened, basierend auf einem flotten 7/4-Riff von Newsted, entwickelt sich schnell zum Publikumsliebling und eröffnet in den nächsten Jahren viele Shows. Auch die Vorabsingle, der Stampfer Harvester Of Sorrow, gibt den Fans live die Gelegenheit, für 5:42 Minuten zu Godzilla zu werden. Herrlich. Der Hit der Scheibe heißt jedoch One: Für diese ebenso epische wie bedrückende Nummer, die sich von einem balladesken Anfang bis zu einem furiosen Finale aufbaut, drehen Metallica sogar ihren ersten Videoclip überhaupt (alles dazu hier). One wird im Januar 1989 als dritte Single veröffentlicht und seitdem bei jedem Gig gespielt.

Die Texte: real und finster

Das vertrackte Eye Of The Beholder hingegen, die zweite Auskopplung Ende Oktober 1988, taucht seit 1989 nicht mehr komplett in der Setlist auf. Ansonsten gehen Metallica mit dem treibenden Titelstück …And Justice For All und dem ausgefuchsten Instrumental To Live Is To Die hart an die Zehn-Minuten-Grenze, was den Akteuren bei ersterem live irgendwann sogar selbst auf die Nerven geht. Im vertrackten The Frayed Ends Of Sanity haut uns Hetfield, der alle Rhythmusgitarren einspielt, in 7:40 Min so viele Riffs um die Ohren wie andere Bands auf einer ganzen Plattenseite, und trotzdem kann er noch einen griffigen Chorus einbauen. The Shortest Straw galoppiert böse und fies, und Dyer’s Eve thrasht so schnell und brutal, dass Metallica die Nummer erst 16 Jahre später auf die Bühne bringen. (Noch mehr zur den neun Tracks von Justice gibt’s hier.)

In seinen Texten hat sich James Hetfield längst von Dämonen, Satan, dem wilden Rockerleben und anderen Klischees entfernt. Mehr noch als auf Master Of Puppets beobachtet und kommentiert der damals 25-Jährige die Welt um sich herum, was Lars Ulrich später als die „CNN-Phase“ bezeichnet. Die Themen spannen sich von Umweltzerstörung, Korruption und die McCarthy-Ära über Einschränkung der freien Meinungsäußerung und Folgen des Krieges bis zu mentalem Wahnsinn und einer bitterbösen Abrechnung Hetfields mit seinen Eltern. Nach „Peace & love“ klingt das alles nicht.

Gelächter beim Grammy

…And Justice For All erscheint im Spätsommer 1988. Als offizielles Datum wird drei Dekaden später der 7. September genannt, allerdings gehen viele Online-Quellen vom 25. August aus, damalige Werbeanzeigen zeigen den 5. September, und die Metallica-Homepage verkündet den 6. September. Das grau-weiße Cover zeigt eine auseinander bröckelnde, mit Seilen gefesselte Justitia-Statue, deren Waagschale vor Geldscheinen überquillt. (Das Vorbild steht übrigens in Frankfurt.) Mit dem Album landen Metallica zum ersten Mal in den US-amerikanischen Top Ten, nämlich auf Platz 6, in Deutschland und England sogar noch einen bzw. zwei Plätze höher. Nach neun Wochen erreicht das Werk in den USA bereits Platinstatus für (damals noch) eine Million verkaufter Exemplare. Damit sind Metallica sind auch geschäftlich in der Oberliga angekommen und haben sich als Arena-Headliner etabliert.

1989 werden sie folgerichtig für einen Grammy für „Best Hard Rock/Metal Performance“ nominiert, der in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen wird. Sie gelten als haushohe Favoriten und spielen One bei der Zeremonie. Überraschend aber verlieren sie gegen Jethro Tull. Die wiederum sind auf Anraten ihres Managers gar nicht erst erschienen, weil selbst der felsenfest mit einem Sieg der Thrasher gerechnet hat. Die Musikwelt lacht zu Recht über die Grammy-Jury, die die Scharte im Folgejahr durch die Auszeichnung von One auswetzt.

Raus auf die Straße

Doch bekanntlich zählt „auf dem Platz“: Am 11. September 1988 starten Metallica ihre 13 Monate dauernde Damaged Justice-World Tour. Zwei Shows in Seattle im August 1989 werden für das großartige Boxset Live Shit: Binge & Purge auf Video festgehalten und zeigen eine Band, die aus allen Rohren feuert. Die Musiker spielen mit unfassbarer Energie und Präzision und können für die Setlist aus den Vollen schöpfen. Als besonderer Showeffekt fällt die Statue vom Cover, liebevoll „Doris“ getauft, bei den letzten Songs spektakulär auseinander. Sehenswert.

Als Headliner etabliert: Metallica auf der Damaged Justice-Tour. Pic: Ebet Roberts/Redferns

Ein Fazit

Mit Master Of Puppets haben sich Metallica im Heavy Metal künstlerisch an die Spitze gesetzt, mit …And Justice For All führen sie den Weg konsequent fort und haben den Verlust von Burton mehr oder minder überwunden. Von der Soundfrage einmal abgesehen gelten sie mit der Platte noch als unumstritten in der Metal-Welt und gehören zumindest ideell noch zum musikalischen Underground. Die nervigen Diskussionen über metallische Reinheit sollten erst später kommen. Steigern lassen sich die Komplexität und Riffwucht jedoch nicht mehr, weswegen die Band mit dem Folgewerk kompositorisch und klanglich in die Gegenrichtung aufbricht. Das Resultat heißt Metallica (oder: The Black Album) und schießt den Stern der vier Musiker durch die Stratosphäre. Aber das ist eine andere Geschichte…

„…And Justice For All“ von Metallica: Die Sache mit dem Bass

Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Popkultur

Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Der kürzeste Song, die längste Tour: Diese 7 Bands haben Weltrekorde aufgestellt

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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