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Popkultur

Die besten Drummer aller Zeiten: 10 Schlagzeuglegenden, die man einfach kennen muss

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Neil Peart
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty images

Was nun genau jemanden am Schlagzeug besser macht als andere, welches Element eine*n Drummer*in wirklich herausragenden macht – das ist eine Frage, die die Meinungen schon immer spaltet. Die Diskussion, ob nun technische Finesse oder mathematisch nicht greif- und definierbares Feeling ausschlaggebend sein sollten, dürfte wohl nicht abschließend zu klären sein. Ist man besser, wenn man zurückhaltend spielt – oder dürfen Exzentrik und Showeffekte doch eine Rolle spielen? Da selbst die Grundlage der Diskussion höchst schwammig ist, kann es streng genommen gar keine definitive Liste der weltbesten Schlagzeuger*innen geben… einen Versuch war es uns trotzdem wert.

10. Terry Bozzio

Für Terry Bozzio, der am 27. Dezember 1950 in San Francisco zur Welt kam, begann alles vor dem Fernseher: Er hatte Ringo Starr und die Beatles in der Ed Sullivan Show gesehen – und gleich danach seinen Vater gefragt, ob er Schlagzeugunterricht bekommen könnte. Viele der Techniken, die er schließlich jahrzehntelang nutzen und verfeinern sollte – die Art und Weise, wie er die Snare spielt etwa – gab ihm sein allererster Lehrer mit auf den Weg, ein Mann namens Chuck Brown. Seine eigentliche Karriere begann er in kleineren Garagenbands, woraufhin er mit der Band Missing Persons und schließlich als Schlagzeuger von Frank Zappa weltberühmt werden sollte: Mit Zappa nahm er ganze 26 Alben auf. Erst 2014 ging Bozzio auf Solotournee durch die USA und spielte in diesem Rahmen das laut eigener Aussage „größte gestimmte Schlagzeug- und Percussion-Set der Welt“.

9. Dave Grohl

Er gilt als der Mann, der dem Alternative-Rock den nötigen Nachdruck verpasst hat: Dave Grohl, am 14. Januar 1969 in Warren (Ohio) geboren, ging ohne Abschluss von der Schule, um in der Band Scream zu spielen – und danach bei Nirvana als Drummer vorstellig zu werden. Nach dem Tod von Kurt Cobain gründete er die Foo Fighters. Sein Ansatz als Schlagzeuger wurde dabei immer wieder gefeiert: für die Fills, die unerwarteten Akzente, seinen von Breaks und Synkopen geprägten Umgang mit der Snare. „Das Schlagzeug muss einfach alles vorantreiben“, kommentierte er einst. Grohl selbst bezeichnete wiederum Dale Crover von den Melvins als sein wichtigstes Schlagzeuger-Vorbild: „Ich finde bis heute, dass er der weltbeste Drummer ist. Es gibt keinen anderen, der macht, was er macht – und es gibt auch niemanden, der das könnte. Wenn ich ihn spielen höre, bekomme ich sofort eine Gänsehaut. Er hat das Schlagzeugspielen richtig umgekrempelt, und wenn ich früher nicht die Melvins gehört hätte, wäre ich wohl nie selbst Schlagzeuger geworden: Er war es nämlich, der mir gezeigt hat, dass Schlagzeugspielen sehr viel mehr sein kann als das, was die meisten Leute raushören.“

8.  Dave Lombardo

Dave Lombardo – geboren am 16. Februar 1965 in Havanna – ist weltbekannt als Gründungsmitglied der Thrash-Metal-Ikonen Slayer. In dieser Konstellation bearbeitete er sein Instrument dermaßen gnadenlos (und innovativ!), dass die Zeitschrift DRUMMERWORLD ihn schon mal zum „Godfather Of Double Bass“ ernennen sollte. „Die frühen Slayer-Alben, also Show No Mercy zum Beispiel, waren alle so geschrieben, dass das Schlagzeug richtig, richtig heavy sein musste. Ich musste die Drums absolut knallhart und wahnsinnig schnell spielen“, so Lombardo. Seit er Slayer im Jahr 2013 den Rücken gekehrt hat, spielte Lombardo in unterschiedlichen Bands – unter anderem in Grip Inc., Testament, Suicidal Tendencies und den Misfits.

7.  Stewart Copeland

Obwohl Stewart Copeland auch als Produzent und Soundtrack-Komponist riesige Erfolge verbuchen konnte, ist und bleibt die erste Assoziation, die man mit seinem Namen verbindet, seine Rolle als Schlagzeuger und Gründungsmitglied von The Police – jenem Trio, mit dem er in der Mitte der Achtziger die ganze Musikwelt auf den Kopf stellen und die internationalen Charts erobern sollte. Geboren am 16. Juli 1952 in Alexandria (Virgina), bekam Copeland mit 12 erstmals Schlagzeugunterricht. Ins Musikgeschäft startete er dann als Road Manager für Curved Air, bei denen er ab 1975 auch hinterm Schlagzeug sitzen durfte. Zwei Jahre später gründete er zusammen mit Sting, mit dem er davor in der kurzlebigen Formation Strontium 90 gespielt hatte, die Band The Police.

Nach der Auflösung sollte Copeland für seinen Score zu Francis Ford Coppolas Film Rumble Fish unter anderem einen Golden Globe Award gewinnen. Als Schlagzeuger von The Police hatte er davor immer wieder auf vom Reggae inspirierte Rhythmen gesetzt – und wurde weltberühmt für seinen so mühelos wirkenden Umgang mit den Becken. „Arabische Musik hab ich im Blut“, sagte Copeland einst. „Dazu Einflüsse wie Buddy Rich, Mitch Mitchell, Joe Morello… ich liebe den Sound von Joe Morello und Take Five. So ein satter, relaxter Schlagzeug-Sound: Wenn man einfach das Instrument singen lässt.“

6.  Danny Carey

Am 10. Mai 1961 in Lawrence (Kansas) geboren, wurde Danny Carey als Schlagzeuger der Grammy-gekrönten Progressive-Metal-Band Tool bekannt. Aufgewachsen war er zuvor laut eigener Aussage mit „viel Jazz und so verrückten Prog-Sachen“. Neben seiner Arbeit mit Tool, war Carey auch auf Alben von ZAUM, Green Jellÿ, Pigface, Skinny Puppy, Adrian Belew (King Crimson), Carole King, Collide, The Wild Blue Yonder, Lusk und den Melvins zu hören. Ein großer Fan des Jazz-Schlagzeugers Steve Gadd, ist Carey, was Strukturen und Harmonien angeht, ein echter Ausnahme-Musiker. „Die meisten Schlagzeuger sind offensichtlich ganz zufrieden in ihrer Rolle als Metronom, und viele Songs brauchen ja genau genommen auch nur das und nichts weiter. Ich jedoch habe das Glück, mich so ausdrücken zu können, wie es mir vorschwebt. Für mich ist das die ideale Position“, so Carey.

5. Buddy Rich

Buddy Rich, der im April 1987 im Alter von 69 Jahren starb, hatte sich das Schlagzeugspielen selbst beigebracht. Bekannt wurde er als Drummer von Artie Shaw und Tommy Dorsey, woraufhin er schließlich seine eigene Band gründete. Legendär ist dabei die Energie des Autodidakten: Wie eine kontrollierte Naturgewalt bearbeitete er das Instrument, dessen Beats jeder Konstellation, mit der er spielte, massiven Vortrieb gaben. „Die gesamte Musikwelt ist Buddy Rich etwas schuldig“, brachte Frank Sinatra die Sache auf den Punkt. Tatsächlich arbeitete Mr. Rich mit den wichtigsten Jazzgrößen des 20. Jahrhunderts, tourte in den 1940er und 1950ern ausgiebig mit Jazz At The Philharmonic, um im Jahrzehnt danach eine eigene Band um sich zu versammeln. „Als ich gerade loslegte in den Sechzigern, galt Buddy als größter lebender Schlagzeuger jener Ära“, sagte Steve Smith. „Er hat definitiv einen Stammplatz als größter Drumset-Virtuose, der je gelebt hat – daran hat sich bis heute nichts geändert. Buddy hatte einfach diese spontane, instinktive Energie. Eine ganz natürliche Technik, diesen Swing, dieses Feeling, dieses Können. Seine Leuchtkraft und seine Fähigkeit, eine Band anzutreiben – wie er spielte und damit die anderen Musiker aufs nächste Level befördern konnte…“

4. Ginger Baker

Der Londoner Ginger Baker, der in seiner langen, abwechslungsreichen Karriere unter anderem das Power-Trio im Rockbereich etablierte und ohne es drauf anzulegen zum ersten Star-Drummer in seinem Genre avancierte, kam am 19. August 1936 zur Welt. Anknüpfend an erste Studioarbeiten mit The Graham Bond Organisation, gründete er mit Jack Bruce und Eric Clapton die erste Supergroup der Rockgeschichte: Cream. Danach spielte der rothaarige Brite bei Blind Faith. Nach der Jahrtausendwende war er unter anderem mit Ginger Baker’s Jazz Confusion unterwegs, zu der auch der für seine Arbeiten mit James Brown und Van Morrison bekannte Saxofonist Pee Wee Ellis gehörte. Der Ende 2019 verstorbene Baker, der fest davon überzeugt war, dass man als Schlagzeuger geboren wird, erklärte das Geheimnis seiner legendären Aufnahmen mit Cream – dieses besondere Zusammenspiel von Hi-Hats, Tomtoms und Becken – mit dem Faktor Improvisation, jener vom Jazz inspirierten Offenheit, die er zum Sound des Trios beisteuerte.

3.  Neil Peart

Wie ein paar seiner Kollegen, die ebenfalls hier aufgelistet sind, landete auch der kanadische Schlagzeuger und Songwriter Neil Peart, geboren am 12. September 1952, bei seinem Instrument, nachdem er The Gene Krupa Story gesehen hatte. Während er anfangs noch in der Firma seines Vaters aushalf (Dalziel Equipment) und nur gelegentlich mit kleineren Bands aus Ontario auftrat, wurde er 1974 Mitglied von Rush – die schon zwei Wochen später ihre erste US-Tour antreten sollten. Tatsächlich war Pearts Schlagzeugspiel ganz klar mitverantwortlich für ihren Durchbruch und die massiven Erfolge in den Jahren danach: Über 40 Millionen Alben verkaufte die Band weltweit, und besonders seine Schlagzeugsolos, die er regelmäßig in die Live-Shows von Rush einbaute, sind legendär. „So ein Solo fühlt sich für mich so an, als würde man einen Marathon laufen und nebenbei noch Matheaufgaben lösen“, sagte der Musiker einst, der im Januar 2020 verstorben ist.

2.  Keith Moon

Der aus London stammende The Who-Drummer Keith Moon war erst 31, als er im September 1978 an einer Überdosis starb. Bekannt für sein ausschweifendes Verhalten und seine vielen Exzesse, galt der Brite, der auch mit Jimmy Page und John Lennon gearbeitet hat, an dem Punkt jedoch schon längst als einer der größten und einflussreichsten Schlagzeuger der Rockgeschichte. Roger Daltrey sagte, dass Moon „seine Fills einfach instinktiv an Stellen platzierte, an die andere Leute nie im Leben gedacht hätten.“ Während er einen Bogen ums Hi-Hat machte und stattdessen gerne mit Double-Bass-Nachdruck arbeitete, war auffällig, dass er zu den wenigen Vertreter*innen seiner Zunft gehörte, die auf Soloeinlagen bei Konzerten gerne verzichten. Auf die Frage, ob er denn nun einer der besten Schlagzeuger der Welt sei, antwortete er einmal: „Na ja, ich bin auf jeden Fall der größte Keith-Moon-artige Schlagzeuger der Welt.“

1.  John Bonham

Auch John Bonham wurde kaum älter: Im September 1980 starb er nach exzessivem Alkoholmissbrauch – im Alter von nur 32 Jahren. Schon früh von den wichtigsten Jazz-Größen inspiriert, war der Engländer ein weiterer Autodidakt, der sich die eine oder andere Spieltechnik bei Leuten wie Gene Krupa, Max Roach und Buddy Rich abgeguckt hatte. Für Led Zeppelin hätte es keinen besseren Mann als Bonham geben können: Sein Tempo, seine Kraft, auch sein Gespür und sein ganz eigener Sound – ganz zu schweigen vom unvergleichlich schnellen Bassdrum-Einsatz. „John Bonham hat so Schlagzeug gespielt wie jemand, der keine Ahnung hat, was im nächsten Augenblick passieren wird. Als würde er über den Rand einer Klippe wanken“, sagte Dave Grohl einmal über den Briten. „Seither ist niemand auch nur ansatzweise da rangekommen, und ich glaube auch nicht, dass es jemals ein Mensch schaffen wird. Ich denke, er wird wohl für immer der größte Schlagzeuger aller Zeiten sein.“

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Die besten Bassist*innen aller Zeiten: 15 Bass-Legenden, die man einfach kennen muss

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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