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Popkultur

Die musikalische DNA der Beastie Boys

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Die Musikgeschichte ist voller Missverständnisse. Eines der größten lautet so: Die Beastie Boys wollten für euer Recht auf Party einstehen. Stimmt nicht so ganz! Denn obwohl der schnoddrig-rotzige Song (You Gotta) Fight For Your Right (To Party) den Durchbruch des New Yorker Trios bedeutete, handelte es sich dabei doch um eine knallharte Parodie von ähnlich gelagerten Spaßmachersongs. „Haufenweise Typen sangen zu Fight For Your Right mit und kapierten nicht, dass der Witz auf ihre Kosten ging”, sagte Mike D einst.

Hört euch hier die Hits der Beastie Boys an und lest weiter:

Tatsächlich zeichneten sich die Beastie Boys nicht allein mit ihrem politischen Engagement aus, sondern auch als fortschrittliche Künstler, die in Sachen Sampling und Vertriebswegen ihrer Zeit immer einen Schritt voraus waren. Ihr krawalliges Image, sagte Produzent und Def Jam-Mitgründer Rick Rubin vor einiger Zeit, „war von Pro-Wrestling beeinflusst.” Bei weitem nicht der einzige Einfluss, der das Auftreten und den Sound der Beastie Boys zu dem machte, wofür sie bis zum tragischen Tod von Adam „MCA” Yauch im Jahr 2012 einstanden. Schauen wir also mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit auf die musikalische DNA der Beastie Boys!


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Bad Brains  – Big Take Over

Vor den Beastie Boys waren die Young Aborigines mit Michael Diamond an den Vocals, John Berry an der Gitarre, Adam Yauch am Bass und Kate Schellenbach an den Drums. Der Sound? Hardcore-Punk! Das blieb auch dann noch so, als nach ein paar Songs auf der Compilation New York Thrash erschien. 1982 legten sie schließlich mit Polly Wog Stew ihr erstes eigenes Release vor, bis dann Adam „Ad-Rock” Horovitz letztlich Berry ersetzte. Wegbegleiter und Vorbilder dieser Zeit waren unter anderem die Bad Brains, die mit ihrem Reggae-lastigen Hardcore-Sound dem Genre bereits die Grenzen aufzeigten. Und zwar, jene Grenzen, die auch die Beastie Boys im Folgejahr mit ersten Hip Hop-Experimenten auf Cooky Puss übertreten sollten. Das Jahr 1982 aber stand noch im Zeichen von schnellen, rohem Hardcore, wie ihn Bad Brains auf ihrem selbstbetitelten Album perfektionierten. Den Song Big Take Over sampleten die Beasties noch auf ihrem dritten Album Check Your Head zehn Jahre später.

Run DMC – Sucker M.C.’s (Krush-Groove 1)

Wie aber kam es, dass die rotzigen Hardcore-Punks plötzlich ihren Stil wechselten? Run DMC, die im Laufe ihrer Karriere selbst einigen Crossover-Willen an den Tag legten, waren daran sicherlich nicht unschuldig. Sucker M.C.’s (Krush-Groove 1) erschien auf der B-Seite des Tapes It’s Like That, der ersten Single des New Yorker Trios. Der unscheinbare, minimalistische Bonus Beat entwickelte sich rasend schnell zu einem einflussreichen Instant Classic, die New School war geboren. »Er hat Hip-Hop komplett verändert«, schrieb der Musikhistoriker Peter Shapiro über den von Orange Krush gebastelten Beat, über den der – angeblich – erste auf Platte festgehaltene Diss-Track der Rap-Geschichte gespittet wurde. Ein mitreißender Track, den die Beastie natürlich auch in ihre eigene musikalische Sprache integrierten: Im Opener von ihrem Album Hello Nasty, Super Disco Breakin’, dürfen Run DMC für ein paar Sekunden gegen Sucker M.C.’s wettern.

AC/DC – Back In Black

Der Produzent hinter Sucker M.C.’s war zu jener Zeit kein Unbekannter mehr: Russell Simmons hatte sich in der Hip Hop-Szene bereits einen Namen gemacht und tat sich 1983 mit Rick Rubin zusammen, um der New School eine Heimat zu geben: Def Jam Records. Rubin selbst hatte eine ganz ähnliche Hintergrundgeschichte wie die Beasties, die 1986 mit Licensed To Ill auf Def Jam debütierten: Beispielsweise gründete er zu Schulzeiten eine Punk-Band, die nach zwei Songs von der Bühne des legendären CGBG’s heruntergebuht wurde – von Freunden der Band! Viel Aufwand, um ein bisschen Hype zu kreieren – geschafft hat er es allerdings nicht. Stattdessen wurde er einer der erfolgreichsten Produzenten aller Zeiten. Auf der ersten Beastie Boys-Single für Def Jam, Rock Hard, gingen die vier aber etwas zu weit: Die Band AC/DC war gar nicht damit einverstanden, dass ihr Song Back To Black darauf gesamplet wurde. Sie befürworteten eben kein Sampling, erzählte AC/DC-Mitglied Malcom Young Jahre später am Telefon Mike D. »Also antworteten wir, dass wir es nicht befürworten, wenn Leute Gitarre spielen!«, sagte Ad-Rock dazu.

Coldcut – Say Kids, What Time Is It?

À propos Sampling: Auch wenn die Beasties gerne selbst die Instrumente in die Hand nahmen, ihre Musik wäre ohne nicht denkbar gewesen. Ihr Album Paul’s Boutique etwa gilt nach wie vor als ein Meilenstein im Sample-basierten Hip Hop. Zwei Jahre vor dessen Veröffentlichung erschien eine Platte, welche den Maßstab für die schnellen Cuts und die grelle Soundästhetik des Albums setzen sollte: Say Kids, What Time Is It? war die erste Single des britischen Produzentenduos Coldcut, bestehend aus dem Computerexperten Matt Black und Jonathan More, welche später das Label Ninja Tune gründeten. Bei ihnen schauten sich auch die Dust Brothers, welche maßgeblich für den Sound von Paul’s Boutique verantwortlich waren, ein paar essentielle Kniffe ab. Zentral in Say Kids, What Time Is It? ist übrigens ein Schlagzeug-Break aus James Browns Funky Drummer, welcher auch auf Paul’s Boutique im Song Shadrach zu hören war und als eines der essentiellesten Hip Hop-Samples überhaupt gilt.

Sly & the Family Stone  – Time For Livin’

Nicht nur James Brown, sondern auch dem revolutionären Sound von Sly & the Family Stone zollten die Beastie Boys Tribut: Auf Check Your Head coverten sie deren Time For Livin’ vom Album Small Talk als krachigen Hardcore-Song. Der klang so natürlich entschieden anders als der soulige Funk der Family, wichtig aber war vor allem die Referenz an sich. Denn die drei jüdischen Weißbrote zeigten nicht nur in politischer Hinsicht, dass sie die Ambitionen von Hip Hop und dessen Vorläufern Funk und Soul verinnerlicht hatten, sondern ihre musikalischen Wurzeln auch ehrten – obwohl sie die Sounds ihrer schwarzen Idole ganz anders interpretierten.

Madonna  – Like A Virgin

Als im Mai 2012 der tragische Tod von Adam Yauch verkündet wurde, kondolierte die halbe Musikwelt. Nicht immer schienen die Verbindungen zwischen den Trauernden und der Band so offenkundig. Als Madonna etwa öffentlich ihr Beileid aussprach, dürfte sich so mancher gewundert haben: Was weiß die schon davon, welch »integraler Teil der musikalischen Revolution dieser Zeit« Yauch darstellte, wie sie sagte? Ganz einfach: Noch bevor die Beasties mit Licensed To Ill ihren endgültigen Durchbruch feierten, teilten sie sich nicht nur mit John Lydons Band Public Imagie Ltd. die Bühne, sondern waren auch mit Madonna auf Tour. Die feierte gerade mit ihrem Album Like A Virgin und der dazugehörigen Single einen Riesenerfolg, der nicht ohne Kontroverse daherkam: Madonna war schließlich selbst ein integraler Teil der musikalischen Revolution in den Mitt-Achtzigern. In Sachen Provokationslust konnten selbst die Beasties der Sängerin kaum das Wasser reichen.

Igor Stravinsky – Le Sacre du Printemps: Glorification de l’Élue

Die Kontroversen der Beasties und selbst Madonnas sind hingegen nichts gegen die tumultartigen Szenen, die sich am 02. April 1913 im Théâtre des Champs-Elysées abspielten: Der Konzertsaal war an diesem Abend brechend voll. Denn auf dem Programm stand Ballet – genauer gesagt die Premiere von Igor Stravinskys Le Sacre du Printemps. Schon nach den ersten Tönen wird es unruhig, nach wenigen Minuten fliegen Gegenstände durch den Saal und vierzig Menschen werden rausgeschmissen. Der Grund? Stravinskys avantgardistische Musik und die dazugehörige Tanzperformance schmecken den Konservativen mit Logenplatz nicht und dafür den Bohèmiens umso mehr  am Ende einigten sich beide Parteien aber darauf, das Orchester zu attackieren. Die krassen Fortissimi des Stücks werden gerne zum Spannungsaufbau herbeigesampelt. So auch im Video zu Intergalactic, mit dem die drei ihr Album Hello Nasty ankündigten.

Nas – N.Y. State of Mind

Natürlich kommt eigentlich kein New Yorker Rap-Projekt drumherum, sich an Nas’ Illmatic zu messen. Das bahnbrechende Album aus dem Jahre 1994 konkurrierte damals mit Ill Communication, das dank dem Überhit Sabotage allerdings mit Bravour gegen den jungen Rapper standhalten konnte. Der belebte das Genre nach Run DMC, den Beasties und anderen Helden der New School ein weiteres Mal und rief dementsprechend viele Nachahmer auf den Plan. Mit Too Many Rappers kollaborierten die Beasties erst 2009 mit Nas, der sich auf dem Track in Bestform zeigt und auch ein paar seiner legendären Zeilen aus N.Y. State Of Mind zitiert. Tolles Single-Material! Natürlich teaserten die Beasties mit dem Stück ihr neues Album Hot Sauce Committee an und performten es gemeinsam mit Nas auf den Boonaroo Music and Arts Festivals. Ein Karrierehighlight für beide, für die Beasties aber ein trauriges: Es sollte der letzte gemeinsame Live-Auftritt der Drei sein.

Even Worse – Illusion Won Again

Adam Yauch war nicht der einzige Beastie, der viel zu früh von uns ging. John Berry gehörte zwar seit 1982 nicht mehr den Beastie Boys an, ohne ihn aber hätte es das Trio so nie gegeben. Der Name geht angeblich auf den Gitarristen zurück, die erste Beastie-Show spielten sie in seinem Loft, wo die Band probte und damit Berrys Vater zur Weißglut brachte. »Will you turn off that fucking shit already!?«, soll dessen kritische Evaluation des Bandsounds gelautet haben. Bevor sein Sohn gemeinsam mit der Band die Polly Wog Stew-EP aufnahm, spielte er in einer Vielzahl von anderen Bands, von denen eine sogar gemeinsam mit den Beasties debütierte: Even Worse waren wie die Beasties auf der Kassetten-Compilation New York Thrash vertreten. Von den zwei Songs sticht vor allem Illusion Won Again hervor, wobei allerdings John Berry auf der Aufnahme schon nicht mehr zu hören war. Dafür aber auf dem Stück, auf welchem eine junge Band ihren neuen Namen ausbuchstabierte: »B. E. A. S. T. I. E.!« Als Berry im Mai 2016 starb, gab es die Band schon nicht mehr: Nach dem Tod Yauchs hatten sich Mike D und Ad-Rock entschlossen, den Beastie Boys aus Respekt ein Ende zu setzen.

At The Drive-In – Invalid Litter Dept.

Die Beasties machten Zeit ihrer Karriere immer wieder klar, dass sie trotz ihres Rufs als fortschrittliche Hip Hop-Kombo ihre Hardcore-Wurzeln nie vergessen haben. Das spiegelte sich ebenso im Roster ihres eigenen Labels Grand Royal wider, welches sie 1992 gegründet hatten und welches 2001 aus finanziellen Gründen die Tore schließen musste. Neben ihren eigenen Releases veröffentlichten die Beasties darüber auch Musik vom Berliner Digital Hardcore-Projekt Atari Teenage Riot und der texanischen Post-Hardcore-Band At The Drive-In, deren Relationship Of Command Geschichte schreiben sollte. Mit seinem surrealistischen Sprechgesang legte Frontmann seine eigenen Verbindungen zum Rap offen, während im energetischen Sound seiner Band der Hardcore-Spirit der achtziger Jahre widerhallte. Die politischen Ambitionen der Beasties dürfte etwa das Stück Invalid Litter Dept. angesprochen habe, ein markerschütternder Aufschrei gegen die Frauenmorde in der Grenzstadt Juárez. Das 2000 veröffentlichte Relationship Of Command gilt bis heute noch als eine der besten Hardcore-Platten aller Zeiten, welcher erst mit weit über 15 Jahren Verspätung ein weiteres Album folgen könnte: Nach langer Pause spielten At The Drive-In erst eine Reihe von Konzerten und kündigten in kryptischen Nachrichten neues Material an. Diesmal ohne den Support der Beastie Boys.

5 Wahrheiten über die Beastie Boys

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