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Popkultur

Die musikalische DNA von Billy Idol

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„Ich bin hoffnungslos zwischen dem Düsteren und dem Guten, dem Rebellen und dem Heiligen, dem Sexfanatiker und dem Mönch, dem Poeten und dem Priester, dem Demagogen und dem Populisten hin- und hergerissen“, begrüßt William Michael Albert Broad auf seiner Website sein Publikum. Das klingt kompliziert, einfacher machte es sich sein Chemielehrer, der dem Knirps die Worte „William is IDLE“, also „William ist untätig“ ins Zeugnis schrieb. Der nahm sich das zwar zu Herzen, nicht aber so wie der Schulmeister es wohl gern gehabt hätte. Aus William Broad wurde Billy Idol, einer der größten Stars der achtziger Jahre – und offensichtlich ein innerlich ziemlich zerrissener Typ.


Hört hier in die musikalische DNA von Billy Idol rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

So liest sich auch die Geschichte von Idols Karriere alles andere als die eines untätigen Künstlers. Vielmehr haben wir es immer mit einem umtriebigen Menschen zu tun, der nicht selten mal zu weit ging in dem Versuch, allen anderen ein bisschen voraus zu sein. Punk, Glam, New Wave, klassischer Rock, elektronischer Pop und ein Flair von Cyberpunk – Billy Idol versammelt tatsächlich nicht wenige Widersprüche in sich, was sich auch auf seine Musik auswirkt. Doch was hat den rebellischen Heiligen, den sexversessenen Mönch, den poetischen Priester eigentlich auf seinem langen und keineswegs geraden Weg alles inspiriert? Die musikalische DNA von Billy Idol schlüsselt uns genau das auf. Aber Achtung – es wird wild…


1. Sex Pistols – God Save The Queen

…denn schließlich fängt es auch wild an! Mit den Sex Pistols nämlich und der von ihnen losgetretenen Revolution namens Punk. Als Teil der Band Chelsea beziehungsweise später Generation X war Idol Teil der jungen Szene, in deren Mitte Johnny Rotten und Co. standen. „Damals die Sex Pistols zu sehen war wie, verdammt, Himmel, Paulus auf dem Weg nach Damaskus zu sein oder so“, versuchte er den Einfluss der Band auf seine Generation zu beschreiben. „Du bekamst eine Vorstellung davon, wie die neue Welt sein würde, eine Welt ohne Zukunft.“

Das nämlich war bekanntermaßen der Schlachtruf des Punks, wie er in God Save the Queen zu hören war. Klingt pessimistisch? Überhaupt nicht. Stattdessen wurde die britische Jugend angespornt, die Ärmel hochzukrempeln und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. „Johnny zeigte uns, wo‘s langging“, so Idol. „Wir mussten unsere Ärsche bewegen und etwas unternehmen. Als ich die Sex Pistols sah, zeigte mir das, dass diese Typen in meinem Alter genau das machen, was ich tun sollte. Und wenn sie es konnten, hielt mich nichts auf!“ Gesagt, getan: Idol bewegte den Arsch. Und nicht nur seinen eigenen, versteht sich. Bald schon tanzte die ganze Welt auf der White Wedding.


2. The Beatles – She Loves You

Doch als Idol zuerst mit Generation X Karriere machte, kam das in der Punk-Szene nicht immer gut an. Wie andere von Punk inspirierte Gruppen, etwa The Police, wollten sie mehr als nur polarisieren und nicht allein eine gute Figur, sondern auch die passende Musik dazu machen. „Wir sagten das Gegenteil von The Clash und den Sex Pistols“, erinnerte sich Idol. „Die nämlich sangen ‚Kein Elvis, Beatles oder Rolling Stones‘. Wir aber waren aufrichtig in dem, was wir mochten. Unsere Musik baute auf den Beatles und den Stones auf!“

Die Beatles kamen schon früh in Idols Leben. Mit sieben Jahren hörte er das erste Mal She Loves You. „Als Kind lebte ich in den Staaten, in Long Island, und habe da vermutlich Elvis, Gene Vincent and Eddie Cochran gehört und die Beatles und Velvet Underground. Mein ganzes Leben lang habe ich Musik geliebt.“ So zollte er den Fab Four auch 2006 mit einer Interpretation ihres Stücks Tomorrow Never Knows vom Revolver-Album Tribut, das auf der Compilation Butchering The Beatles – A Headbashing Tribute enthalten war. Kein Cover wie jedes andere, versteht sich.


3. T.Rex – Get It On

Denn wann machte Idol schon jemals irgendetwas wie sonst jemand anderes? Eben, nie. 1981 ließ er England wieder hinter sich und zog nach New York, um seine Solo-Karriere anzukurbeln, nachdem er mit Generation X ein paar Achtungserfolge erzielen konnte. Hilfe kam vom ehemaligen KISS-Manager Bill Aucoin ebenso wie vom Gitarristen Steve Stevens. Gemeinsam mit Phil Feit und Gregg Gerson veröffentlichten die beiden die Don’t Stop-EP, auf der neben einer Version von Generation X‘ Dancing with Myself auch eine Interpretation von Tommy James & the Shondells‘ Mony Mony enthalten war.

Doch musikalisch wie in seinem Erscheinen machte sich ein weiterer Einfluss bei Idol bemerkbar: Glam Rock. Noch heute covert Idol bei Konzerten mit seiner Band gerne Glam-Hits wie T.Rex’ Get It On. Seine Liebe zum Songwriting und Sound der sechziger und siebziger Jahre schließlich spiegelt sich darin ebenso wider wie sein exaltiertes Auftreten, das ihn von den schnoddrigen Punks seiner Zeit unterschied. Und nicht nur das: T.Rex-Mastermind Marc Bolan war ein früher Förderer von Generation X, der Idol auch als Solo-Künstler unter seine Fittiche nahm.


4. Simple Minds – Don’t You (Forget About Me)

Glam hier, Rock da: Die Musik von Bolan und seiner Band bot für Idol das Beste aus beiden Welten. Doch die Rock-Welt änderte sich in den achtziger Jahren, was auch vor ihm nicht Halt machte. Die Songs klangen glatter, Synthesizer verdrängten die Gitarre an den Bühnenrand. Was tun? Nicht verzweifeln! Idol blieb offen für die Entwicklungen und ging das eine oder andere Bündnis mit Bands ein, die Rock-Fans eher ablehnten. Mit Duran Duran ging er ebenso auf Tour wie er den Simple Minds ihren größten Hit verschaffte, indem er… rein gar nichts tat!

Wie bitte? Die Geschichte von Don’t You (Forget About Me) geht folgendermaßen: Das von Keith Forsey und Steve Schiff geschriebene Stück wurde unter anderem Bryan Ferry und eben auch Idol angeboten, sie alle aber lehnten ab. Schiff schlug deswegen die Simple Minds vor, die sich auch nur zögerlich darauf einließen – schließlich wollten sie lieber mit ihrem eigenen Material bekannt werden. Eine Ironie der Geschichte, denn tatsächlich wurde daraus ihre berühmteste Nummer überhaupt. Und Idol? Der interpretierte das Stück 2001 für seine Greatest Hits-Platte neu. Ob er es heute wohl bereut, Forseys Vorschlag damals nicht angenommen zu haben?


5. The Doors – L.A. Woman

Überhaupt gehört das Scheitern genauso zu Idols Biografie wie seine großen Erfolge. Nicht nur mit Don’t You (Forget About Me) sollte es nichts werden, auch Idols zwei vielleicht größte Fernsehrollen überhaupt wurden ihm vereitelt. Zugegeben, daran war er nicht unschuldig: 1990 wurde er in einen schweren Motorradunfall in Hollywood verwickelt, weil er auf dem Weg vom Studio nach Hause ein Stoppschild überfuhr. Und was ihn das alles kostete! James Cameron hätte den sporadisch als Schauspieler aktiven Briten nämlich gerne als T-1000 in Terminator 2 gesehen.

Tragischer noch, dass ihm vielleicht die Rolle seines Lebens durch die Finger glitt: Eigentlich nämlich sollte er ebenso in Oliver Stones Jim Morrisson-Biopic The Doors eine tragende Rolle spielen, konnte aber wegen seiner Verletzung nur am Rande auftauchen: Er mimte Morrissons Saufkumpanen Cat. Mit den langen Haaren aber ist er schwer zu erkennen. Immerhin: Er hat es in den definitiven Film über eine seiner Lieblingsbands geschafft. Immer wieder spielt er Doors-Songs bei seinen Auftritten, für eine Interpretation von L.A. Woman vom gleichnamigen Album ging er 1990 ins Studio. Genau, im selben Jahr, als er mit dem Motorrad verunglückte…


6. The Who – The Punk and the Godfather

Morrisson zu treffen war Idol nie vergönnt, doch die anderen Doors-Mitglieder durfte er im Laufe seines Lebens kennenlernen. Sowieso konnte er immer wieder die Chance nutzen, mit seinen Idolen auf Augenhöhe zu kommen, sei es im Studio oder auf der Bühne. 1996 gelang ihm ein besonderer Coup, bei dem er seine Talente als Musiker und Schauspieler vereinen konnte: Er spielte bei The Whos Quadrophenia mit, wie auch auf der The Who – Tommy and Quadrophenia Live With Special Guests-DVD dokumentiert ist. The Punk and the Godfather sang er ebenso wie Bell Boy. Nicht das erste Mal, dass er mit The Who auf der Bühne stand – und erst recht nicht das letzte Mal. 2017 ging er erneut mit Pete Townshend auf Tour.

Die Frage, wer von den beiden wohl der Punk und wer der Godfather sei, stellt sich gar nicht erst. Townshend entfesselte mit seiner Band die wütende Energie seiner Generation auf die Bühne und schuf damit überhaupt erst die Möglichkeiten für Punk und damit auch das, was Idol später machen sollte. Die beiden wurden aber beste Buddies. Auf die Frage hin, bei welcher Band Idol gerne dauerhaft das Mikrofon übernehmen würde, musste er auch nicht lange nachdenken: „The Who! Aber nicht, dass ich das lange machen könnte… Vielleicht für fünf Minuten.“ Sieh an, vor solchen Rock-Giganten entdeckt selbst ein Billy Idol seine Bescheidenheit…


7. Ernie Marrs & the Marrs Family – Plastic Jesus

Aber wir wollen Idol auch nicht größenwahnsinniger zeichnen, als er eigentlich ist. Denn über alle Eskapaden hat er seine Wurzeln nicht vergessen. Als er 2005 mit Devil’s Playground sein erstes Album seit zwölf Jahren veröffentlichte, tat er das gemeinsam mit zwei alten Wegbegleitern: Seinem Gitarristen Steve Stevens natürlich und Keith Forsay. Genau, eben jener Forsay, dessen Don’t You (Forget About Me) Idol zwanzig Jahre zuvor wohl besser nicht abgelehnt hätte. Die Platte überraschte sogar mit dem Cover eines traditionellen Folk-Songs: Plastic Jesus.

Dass Idol, der von Kindheit an ein Leben zwischen den USA und England führt, sich auf klassische US-amerikanische Traditionen bezieht, liegt nahe. Doch Plastic Jesus, bekannt durch die Version von Ernie Marrs & the Marrs Family, ist schon eine etwas obskure Perle. Vielleicht lag es am Einfluss von Stevens, der den Sound von Idol über die Jahre noch bestimmter leitete als sonst jemand anderes. „Meine frühsten Einflüsse waren Folk und Flamenco, was viele überrascht, weil ich für meine Arbeit mit Billy bekannt bin“, sagte Stevens. Vielleicht also war Plastic Jesus der ideale Kompromiss zwischen den beiden, um gemeinsam eine neue Ära einzuleiten.


8. Art of Noise – Close (To The Edit)

Ein Schritt zurück kann schließlich zugleich einer in Richtung Zukunft sein. 2014 tat sich Idol mit dem Überproduzenten Trevor Horn zusammen, der als Musiker mit The Buggle und Yes bekannt wurde, bevor er sich es hinter den Reglern bequem machte und Pop auf den Kopf stellte. Mit der Gruppe Art of Noise gründete er gemeinsam mit Gary Langan, J. J. Jeczalik, Anne Dudley und Paul Morley ein radikales Kollektiv, das sich Anfang der achtziger Jahre auf die Musik des frühen 20. Jahrhunderts bezog und doch die Zukunft klanglich erfahrbar machte.

Mit Songs wie Close (To The Edit), der von Horn mitgeschrieben wurde, landete die nicht immer ganz ernst gemeinte (Nicht-)Band allerdings ein paar veritable Hits und zeigten in den achtziger Jahren, was mit der Hilfe von Samplern und Studiotechnik alles möglich war. Idol war damals von Horns Tätigkeiten begeistert und ist es noch heute noch. Nachdem die beiden schon für den Soundtrack des Tom Cruise-Films Tage des Donners zusammengearbeitet hatten, wollte ihn Idol für die Aufnahmen von Kings & Queens of the Underground erneut im Boot haben. „Ich sagte zu ihm: ‚Du hast alles gemacht!‘, und das stimmt. Er hat Techno gemacht, Hard Rock, Progressive Rock, Pop, alles in der Welt“, schwärmte Idol in 2014.


9. The Velvet Underground – Heroin

Es passte also alles. Denn mit Horn fand Idol einen Partner, der genauso viele Interessen wie er selbst unter einem Hut (oder besser: unter einer wasserstoffperoxidblonden Stachelfrisur) vereinte. Schon 1993 schließlich hatte Idol erneut bewiesen, dass er neuen Sounds und Technologien, wie auch Horn sie in den achtziger Jahren populär machte, aufgeschlossen war. Richtig, wir reden von seinem Album Cyberpunk, das er im Heimstudio an einem Macintosh-Computer aufnahm! Mit der Platte wollte Idol den alten Punk-Gedanken aufleben lassen und alles auf eigene Faust machen – womit er ziemlich früh dran war.

Das hatte seinen Grund – Idol war über die Stagnation im Rock-Biz frustriert. „Ich sitze hier als Punk von 1977 und schau Courtney Love dabei zu, wie sie über Punk redet und sehe, wie Nirvana über Punk reden – und das hier ist meine Antwort darauf“, hieß es zur Platte. Neben viel Literatur von Autoren wie William Gibson, Treffen mit wichtigen Figuren der Cyberkultur und natürlich einer umfassenden Internetrecherche floss allerdings ein bisschen alter Spirit in das Album ein, das in der Cyber-Community kontrovers diskutiert wurde: Das Stück Heroin ist ein Cover der gleichnamigen Velvet Underground-Nummer. Ob Idol schon 1993 verstand, wie süchtig uns das Internet eines Tages machen würde?


10. Nmesh – A Face Without Eyes

Cyberspace, Cyberpunk – das sind Worte, die heute längst ihre futuristische Magie verloren haben. Je schneller das Internet wurde, je mehr Menschen online gingen, je mehr Musik darin zu finden war, desto mehr verlor auch die Zukunft ihren Reiz und wir wurden von einer stressigen Gegenwart überwältigt. Ein zweites „No Future“? Nicht ganz, denn wo aus Punk noch ganz neue Formen entstanden, da folgte auf den großen Internet-Hype… Na ja, sehr wenig. Als „Retromania“ bezeichnete der Musikjournalist Simon Reynolds die Musik von Bands wie Arctic Monkeys oder Amy Winehouse, die überkommene Stile neu aufkochten. Pop-Kultur, argumentierte er, sei süchtig nach seiner eigenen Vergangenheit geworden. Heroin!

Als Antwort auf – oder vielleicht doch nur Ausdruck von? – diesem schleichenden Prozess entwickelte sich ab Ende der Nullerjahre im Netz ein bizarrer Mikrotrend namens Vaporwave: Gesichts- und manchmal namenslose Artists sampelten und verlangsamten Passagen aus bekannten Pop-Songs, um verrauschte Verfremdungseffekte hervorzubringen und die Pop-Welt mit ihrer Vorgestrigkeit zu konfrontieren. 2013 nahm der Produzent Nmesh sich dabei auch Billy Idols Eyes Without a Face vor. Ewig loopt sich die markante Eingangssequenz des Originals hin, bevor der Song springt und plötzlich in den stark verlangsamten Refrain übergeht – ein unheimlicher Effekt, gerade weil das Stück so einen enormen Wiedererkennungswert hat. Ob es dem (ehemaligen) Cyberpunk Idol wohl gefallen würde, die Power-Ballade so zu hören?


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