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Popkultur

Zeitsprung: Am 12.10.1971 feiert „Jesus Christ Superstar“ Premiere am Broadway.

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Jeff Fenholt als „Jesus Christ Superstar“ - Foto: John Olson/The LIFE Picture Collection via Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.10.1971.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Eine Show biblischen Ausmaßes: Dramatischer als ein Musical über Jesus von Nazareth geht es kaum. Zwar befallen Andrew Lloyd Webber und Tim Rice beim Schreiben keine sieben Plagen, aber Probleme gibt es trotzdem. Im heutigen Zeitsprung schauen wir auf den etwas holprigen Weg zur Broadway-Premiere am 12. Oktober 1971 – und Besetzungshöhepunkte wie Alice Cooper.

Hört hier in das Album zum Musical rein: 

Dass Andrew Lloyd Webber und Tim Rice sich Ende der Sechziger mit religiösen Inhalten auseinandersetzen, liegt an einer Auftragsarbeit. Deren Ergebnis heißt Joseph And The Amazing Technicolor Dreamcoat und erlebt als moderne Pop-Kantate moderate Erfolge und positive Kritik. Bevor danach jedoch irgendjemand an den Broadway denkt, träumt das Duo höchstens von einem Konzeptalbum à la Tommy von The Who, entsprechend möchte man auch ein wenig mehr Richtung Rockoper rücken. Da eine solche Unternehmung natürlich einiges an Budget verschlingt (Pauken! Trompeten! Triangeln!), möchte die Plattenfirma zunächst eine Vorabsingle veröffentlichen und den Markt ein wenig antesten.

Rock-Oper mit Startschwierigkeiten: „Das war wie ein militärischer Einsatz“

Also gehen Lloyd Webber und Rice in die Vollen und schreiben für ihr neues Projekt das epische Lied Superstar, das der Sänger Murray Head vertont; später darf der dann mit One Night In Bangkok einen weiteren Musical-Hit verzeichnen. Die Single fasst in England und den Staaten nicht so richtig Fuß, doch die Zahlen in Brasilien und einigen anderen Ländern reichen aus, um die Finanzierung zu sichern. Nur singen will niemand: „Wir mussten die Leute dazu bringen mitzumachen“, erinnert sich Rice später. „Das war wie ein militärischer Einsatz und dauerte länger, als die Musik zu schreiben.“

Am Ende singt kein Geringerer als Ian Gillan von Deep Purple die Rolle des Jesus, dessen letzte Woche auf Erden im Musical erzählt wird. Head darf immerhin noch als Judas ran. König Herodes klingt verdächtig nach dem Fronter von Manfred Mann, und von Yvonne Elliman, die Maria Magdalena ihre Stimme leiht, hört man spätestens 1977 dank der Gebrüder-Gibb-Nummer If I Can’t Have You noch einmal. Keine schlechte Besetzung also. I Don’t Know How To Love Him aus der Perspektive von Maria Magdalena mutiert im Sommer 1971 gar zum veritablen Hit. Zeit, der Nummer noch ein wenig Handlung zu verpassen und sie auf die Bühne zu bringen.

Bibel-Musical mit moderner Note

Wie die Sache mit Jesus ausgeht, müssen wir wohl nicht rekapitulieren. In Jesus Christ Superstar widmet man sich aber besonders dem Verhältnis zwischen dem Zimmermannssohn und Judas. Letzterer zeigt sich nämlich mit dem Management-Stil des Messias unzufrieden. Für die Siebziger außerdem ungewöhnlich: Man besetzt Judas mit dem Afroamerikaner Ben Vereen. Natürlich gibt es aus dem Lager der Frömmigkeit eine Menge Unmut.

Rice rechtfertigt seine Herangehensweise an den Stoff britisch-sachlich: „Wir sehen Jesus einfach nicht als Gott, sondern als einen Mann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.“ Für christliche Gruppen im religiösen Amerika, wo das Musical Premiere feiern soll, bedeutet das reine Blasphemie. Judas käme außerdem zu sympathisch rüber, und von Auferstehung fehle jede Spur. Jüdische Vereinigungen hingegen ärgern sich über die Darstellung ihrer Glaubensbrüder und -schwestern. In Südafrika und Ungarn erntet das Stück zeitweise Aufführungsverbote.

Poster für die ersten Aufführungen am Mark Hellinger Theatre in New York

Kitsch & Kontroverse

Diesen Widerständen zum Trotz fällt am 12. Oktober 1971 der erste Broadway-Vorhang für Jesus Christ Superstar. Kitsch und Kontroverse bilden eine Symbiose, die die Kassen klingeln lässt. Bei den Tony-Awards (den Oscars der Theaterwelt) hagelt es fünf Nominierungen; einstreichen kann man die Trophäe jedoch nicht. Die Urheber juckt das heute eher wenig: Baron Lloyd Webber wirkt schließlich noch an Dauerbrennern wie Das Phantom der Oper, Evita und Cats mit, während Rice Texte zu Disney-Klassikern wie Aladdin und Der König der Löwen beisteuert.

Das Musical selbst erfährt ungefähr so viele Produktionen wie die Bibel Verse hat. So spielen unter anderem Agnetha Fältskog von ABBA, Irene Cara oder Melanie Chisholm von den Spice Girls die Maria Magdalena, und in die Fußstapfen von Jesus treten beispielsweise John Legend und Sebastian Bach von Skid Row. Ebenfalls irgendwann mit von der Partie: Alice Cooper als König Herodes und Roger Daltrey als Judas. 

Daltrey, Cooper, Bach

Unseres Wissens nach musste von den oben genannten niemand mit Feuerregen oder Höllenhunden kämpfen, höchstens im übertragenen Sinne. Gut, Jesus-Darsteller Jeff Fenholt schult zunächst zum christlichen Missionar um, unterhält eine eigene TV-Show. Mitte der Achtziger bewirbt er aber auch kurz mal bei Black Sabbath. Dass der Schauplatz der Broadway-Uraufführung, das ehemalige Mark Hellinger Theatre, heute als Kirche dient, gibt uns aber schon ein wenig zu denken.

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