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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.3.1970 kommt John Frusciante zur Welt.

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Foto: Promo/Warner Music

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.3.1970.

von Timon Menge und Christof Leim

Als Gitarrist einer erfolgreichen Rockband stand er ganz oben, hat aber auch in tiefe Abgründe geblickt. Mehrfachplatin, Heroin, ausverkaufte Tourneen, komplette Verwahrlosung: John Frusciante kennt beide Seiten der Medaille. Am 5. März feiert er seinen Geburtstag.

Hier könnt ihr euch Stadium Arcadium von den Red Hot Chili Peppers anhören:

Das Licht der Welt erblickt John Anthony Frusciante am 5. März 1970 im Stadtteil Queens in New York City. Er wächst bei musikalischen Eltern auf: Seine Mutter singt so gut, dass sie wohl Karriere hätte machen können, doch sie bleibt Hausfrau. Sein Vater hat an einer Eliteuniversität Klavier studiert. Durch die Scheidung der Eltern landen Frusciante und seine Mutter in Los Angeles — bei einem Stiefvater, der die musikalischen Ambitionen des jungen John unterstützt. 

Frusciante fuchst sich in die Punkszene ein, entdeckt die Gitarre für sich und beschäftigt sich mit Künstlern wie Jeff Beck, Jimmy Page, David Gilmour, Jimi Hendrix und Frank Zappa. Mit 16 bricht er die Schule ab, um sich ganz seiner Karriere widmen zu können. Seine zukünftigen Arbeitgeber hat er zu jener Zeit bereits kennengelernt, auch wenn er noch nichts davon weiß: Bereits mit 15 sieht Frusciante die Red Hot Chili Peppers auf der Bühne und entwickelt sich zu einem ihrer größten Fans.

„Ich habe festgestellt, dass ich ein Rockstar sein möchte.“

1988 freundet sich Frusciante mit D. H. Peligro an, dem Schlagzeuger der Dead Kennedys, der ab August 1988 auch kurz für die Chili Peppers trommelt. Bei einer gemeinsamen Jam-Session lernt er einen von dessen Freunden kennen: Chili-Peppers-Bassist Flea. Er und Frusciante harmonieren sofort. Zur gleichen Zeit überlegt der Gitarrist, ob er sich als Musiker für die Band von Frank Zappa vorstellen soll, entscheidet sich aber dagegen, weil Zappa Drogen strikt ablehnt. „Ich habe festgestellt, dass ich ein Rockstar sein, Drogen nehmen und Frauen abbekommen möchte“, berichtet Frusciante. Das sei in Zappas Band nicht möglich gewesen.

Mit den Red Hot Chili Peppers allerdings schon. Nach dem Tod von Gründungsgitarrist Hillel Slovak steigt Frusciante bei den Funk-Rockern ein, sein Studiodebüt gibt er 1989 mit Mother’s Milk. Zwei Jahre später gelingt der Gruppe mit Blood Sugar Sex Magik der internationale Durchbruch. Mehr als 15 Millionen Mal geht das Album über die Ladentheke. Frusciante geht das alles zu schnell, es überfordert ihn. Am 7. Mai 1992 verlässt er die Band zum ersten Mal.

Der Weg nach unten

Schon während seiner Zeit mit den Peppers entwickelte sich seine Affinität zu Drogen immer mehr zum Problem. Gemeinsam mit Flea raucht er kiloweise Marihuana, später entdeckt Frusciante auch das Heroin. Nach seinem Austritt gerät er in eine Abwärtsspirale. Er hat den Glauben an sich verloren, erkrankt an einer starken Depression und zieht sich zurück. Sein Konsum an Rauschmitteln steigt rapide. Später erzählt er in einem Interview mit dem Magazin Spin: „Ich war zu dieser Zeit sehr traurig, habe mich aber immer gut gefühlt, wenn ich auf Drogen war; also musste ich einfach die ganze Zeit Drogen nehmen. Ich habe mich nie schuldig gefühlt. Ich war immer sehr stolz auf meine Sucht.“

Am 8. März 1994 erscheint sein erstes, avantgardistischer klingendes Soloalbum Niandra Lades And Usually Just A T-Shirt. Gesundheitlich geht es weiter bergab. Die New Times LA beschreibt Frusciante in einem Artikel als „Skelett, umhüllt von dünner Haut“. Er stirbt beinahe an einer Blutinfektion. Auf seinen Armen befinden sich permanente Abszesse, bedingt durch missglückte Drogeninjektionen. Frusciante verkriecht sich endgültig und verschanzt sich drei Jahre lang in seinem Haus in den Hollywood Hills, wo die Wände stark beschädigt und voller Graffiti sind. 

1997 veröffentlicht er seine zweite Soloscheibe Smile From The Streets You Hold, das ihn in einem fürchterlichen Zustand zeigt und deshalb später wieder vom Markt genommen wird. So hört man Frusciante während des Songs Enter A Uh zum Beispiel husten. Später räumt er ein, dass er das Album nur veröffentlicht habe, um an Drogengeld zu kommen. 

Der Gitarrenmeister berappelt sich

1996 geht es aufwärts. Nach mehr als fünf Jahren Sucht begibt sich Frusciante auf kalten Entzug, zumindest, was das Heroin betrifft. Mit Kokain und Alkohol kämpft er auch Monate später noch, weshalb er sich 1998 in eine Entzugsklinik begibt. Dort stellen die Ärzte eine Infektion im Mund fest, die sich nur durch das Entfernen seiner verfaulten Zähne und das Einsetzen von Implantaten heilen lässt. Auf seinen Armen bekommt er Hauttransplantationen, damit die Abszesse besser heilen. Einen Monat später verlässt er die Klinik — und stellt sein Leben auf den Kopf. Frusciante ernährt sich gesund, praktiziert Yoga und entsagt dem Sex. „Mir geht es auch ohne sehr gut“, erklärt er in einem Interview. 

Etwa zeitgleich kriselt es bei den Red Hot Chili Peppers. Bassist Flea sagt zu Sänger Anthony Kiedis: „Ich glaube, dass wir nur weitermachen können, wenn wir John zurück in die Band holen.“ Und so kommt es dann auch: Flea besucht seinen alten Kollegen zu Hause und fragt, ob er wieder einsteigen möchte. Frusciante beginnt zu schluchzen und versichert, dass nichts ihn glücklicher machen könnte. Ein Jahr später erscheint Californication und verkauft sich noch besser als der Megaseller Blood Sugar Sex Magik. Mit ihrer nächsten Scheibe By The Way (2002) gelingt den Chili Peppers ein weiterer riesiger Erfolg, mit Stadium Arcadium (2006) belegen sie in 23 Chartlisten den ersten Platz.

Zeitgleich widmet sich Frusciante anderen musikalischen Projekten, zum Beispiel mit The Mars Volta. Im Juni 2004 kündigt er an, dass er sechs Veröffentlichungen in sechs Monaten auf den Markt bringen werde, was dann auch geschieht. Die letzte im Bunde: Curtains, zu deren Single The Past Recedes erstmals auch ein Musikvideo erscheint. „Diese sechs Platten wurden aufgenommen, nachdem ich anderthalb Jahre mit den Red Hot Chili Peppers auf Tour war. Ich habe alle Songs aufgelistet, die ich geschrieben hatte, und das waren etwa 70 Stück. Während der Pause nach der Tour wollte ich so viel aufnehmen wie möglich. Währenddessen habe ich weitere Stücke geschrieben, teilweise die besten meines Lebens. Man hört auf den Veröffentlichungen also bisweilen genauso viele neue Lieder wie alte. Das war definitiv die produktivste Phase meines Lebens.“

Der dritte Frühling

Ende 2007 beschließen die Red Hot Chili Peppers eine Pause, weil sie seit Californication quasi durchgängig gearbeitet haben. Die Unterbrechung dauert bis Herbst 2009, doch die anschließende Phase findet wieder ohne Frusciante statt, der im Dezember 2009 seinen erneuten Austritt bekanntgibt. Die Chili Peppers engagieren Gitarrist Josh Klinghoffer und machen weiter, Frusciante widmet sich seinem inzwischen zehnten Soloalbum The Empyrean (2009). Ab 2010 erfüllt er sich einen Traum und beschäftigt sich intensiv mit elektronischer Musik, zum Beispiel mit Acid House. Auch darüber hinaus veröffentlicht er weiteres Solomaterial. 

Am 15. Dezember 2019 folgt der nächste Erdrutsch: Josh Klinghoffer muss die Red Hot Chili Peppers nach zehn Jahren wieder verlassen, an seine Stelle tritt…? Genau, John Frusciante. Am 8. Februar 2020 steht die Gruppe zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne, ein Album soll im gleichen Jahr Jahr erscheinen. Doch nun sagen wir erstmal: Happy Birthday!

Zeitsprung: Am 24.9.1991 zelebrieren die Red Hot Chili Peppers „Blood Sugar Sex Magik“.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

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