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Popkultur

Der historische Verriss: „Destroyer“ von Kiss

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Foto: Cover

Auch Experten*innen liegen manchmal mächtig daneben. In dieser Reihe stellen wir vernichtende Plattenkritiken von großen Alben der Musikgeschichte vor, fatale Fehlurteile, die aus heutiger Sicht mindestens merkwürdig wirken. Oder handelt es sich doch um berechtigte Kritik, die der allgemeinen Meinung widerspricht? Zeit für eine erneute Analyse.

von Michael Döringer

Platin-Erfolg für Kiss

Dieses Mal geht es um einen Monolithen des Hard Rock, der selten hinterfragt wird: Destroyer von Kiss, das vierte Studioalbum der Make-Up-Helden Paul Stanley, Gene Simmons und Co. aus dem Jahr 1976. Darauf finden sich Songs wie Detroit Rock City und Beth, der erste Top-Ten-Hit der Band überhaupt. Destroyer wurde auch zum ersten Platin-Erfolg für Kiss, niemand würde diesem Klassiker heute ans Bein pinkeln. Aber damals im Erscheinungsjahr? Der amerikanische Rolling Stone verehrte seine Helden und strafte den Rest oft gnadenlos ab. In der Rezension von John Milward erhielt nicht nur Destroyer ein vernichtendes Urteil, sondern es wurde gleich die komplette Daseinsberechtigung von Kiss in Frage gestellt. Und zwar so:

Hartes Urteil

Es ist sofort klar, dass dieser Kritiker kein Freund von Kiss ist. Nach einer rhetorischen Finte macht John Milward im zweiten Satz überdeutlich, was er von Kiss hält: gar nix, so war es und so wird es auf immer bleiben. Das Urteil ist gefällt und zwar maximal hart. Milward scheint ein No-Bullshit-Typ gewesen zu sein, der außer authentischem Bluesrock wenig akzeptiert und sich von feuerspuckenden Clowns auf Plateau-Sohlen garantiert nicht beeindrucken lässt, wenn nichts Substanzielles dahintersteckt oder es wie bei Alice Cooper nach seinem Geschmack gut umgesetzt ist. Die Soundeffekte von Produzent Bob Ezrin fallen bei Kiss auf keinen ähnlich fruchtbaren Boden, findet der Autor, und legt nach:

Hat der Kritiker die Platte überhaupt gehört?

Autsch! Die Rezension kommt immer noch nicht zur Sache und geht nicht darauf ein, was denn so schlimm an Destroyer ist, sondern macht es andersherum: Die Produktionseffekte sind okay, nicht grandios, aber besser wird’s hier nicht mehr. Ihr braucht gar nicht erst auf gute Musik warten. Das muss zumindest jedem Kiss-Fan sauer aufstoßen. Was für ein blasiertes Arschloch von Kritiker, oder? Wahrscheinlich hat er die Platte gar nicht gehört – die Power der ersten drei Songs, die in der infernalischen Hymne God Of Thunder gipfelt, dann den originellen Kinderchor in Great Expectations, später noch viel mehr hochklassiges Hard-Rock-Futter und den balladesken Höhepunkt Beth. Nichts davon wird gewürdigt:

Der Todesstoß

Der endgültige, eiskalte Todesstoß: nicht mal ein gutes Solo. Soll heißen: Wer das nicht hinbekommt, ist hier völlig falsch. Darüber könnte man jetzt sehr wohl diskutieren. Auf jedes fehlende Solo kommen immerhin viele großartige Riffs und Slogans. Doch die Lösung ist viel einfacher: Man kann dem Kritiker zugleich zustimmen und widersprechen: Kiss ist nicht denkbar ohne das ganze Drumherum – die Show, die Action, die Illusion. Die Musik war immer nur die halbe Miete und wohl nie so revolutionär wie die von manchen ihrer Zeitgenossen. Wer diesen Aspekt nicht wertschätzt, der wird mit Kiss nichts anfangen können. Das hat John Milward hier bewiesen. Ob ihm das damals schon klar war?

Auf dem Cover von Destroyer war die Band zum ersten Mal nicht mit Foto abgebildet, sondern in Form einer Comiczeichnung. Damit war Kiss die Verwandlung von Rockstars zu Superhelden gelungen. Auch die vernichtendsten Kritiken prallten nun wirkungslos an ihnen ab. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre wurden sie die bekannteste und populärste Band in den USA, nicht zuletzt wegen Destroyer.

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