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So war’s: Kiss live in New York City 2019

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Die große Rockshow zum Abschied: Kiss ziehen mit der End Of The Road-Tour ein letztes Mal um die Welt und wollen dabei noch mehr auf die Sahne klopfen als sonst. Im Sommer kommen unsere liebsten Schminkemonster damit nach Deutschland; wir haben uns die Sause Ende März schon mal angesehen…

von Christof Leim

Hier könnt ihr in die Setlist des Abends reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wie glitzernde Superhelden steigen sie vom Himmel herab: Das vorerst letzte Konzert von Kiss im Madison Square Garden beginnt mit einem gewaltigen Knall. Der riesige Vorhang fällt, als Gene Simmons, Paul Stanley und Tommy Thayer auf drei Podesten von der Hallendecke zur Bühne fahren. Links und rechts wirbeln Feuer, Funken und Fontänen, aus den Boxen dröhnt das Anfangsriff von Detroit Rock City. Ja, was den großen Auftritt angeht, macht der Kapelle so schnell keiner was vor. Aber der Reihe nach…

Noch einmal ganz groß „Bumm!“ soll die Abschiedsreise der Hardrocker nach einer über vier Dekaden währenden Karriere machen, mit Konzerten in aller Welt und einer noch größeren Show als sonst. Das Ende steht noch in den Sternen, naht aber deutlich: Gitarrist Paul Stanley ist 67 Jahre alt, Bassist Gene Simmons wird im Sommer 70. Heute Abend gastieren sie nach jetzigem Stand zum (vorerst) letzten Mal in der legendären Halle in New York City, in der Stadt also, in der alles angefangen hat. Hier musizierte die Band im Januar 1973 zum ersten Mal in der Originalbesetzung zusammen (alles darüber hier), hier begann die zeitweilige Rock’n’Roll-Weltherrschaft.



Los geht die Sause allerdings nur im übertragenen Sinn mit Rock’n’Roll: Im Vorprogramm tritt keine Liveband auf, sondern der Performance-Künstler David Garibaldi. Der zappelt zu den Klängen von War Pigs und Crazy Train vor einer großen schwarzen Leinwand herum und malt mit einem Pinsel schwungvoll wirre Linien. Die Zuschauer wirken skeptisch. Nach einer Weile kristallisiert sich allerdings das Gesicht von Ozzy aus dem Geschwurbel heraus, bis sich zum Schluss eindeutig ein Porträt des „Prince Of Darkness“ erkennen lässt. Interessant. Dann läuft Born In The USA, und wir Schlaumeier wissen natürlich: Jetzt malt er eben den „Boss“. Garibaldi fordert erstmal die Leute zum Mitklatschen auf und feuert sie per Mikro an, die aus dem Handgelenk geführten Pinselstriche ergeben jedoch keinen Sinn. Falsch geschlaumeiert – bis der 36-Jährige sein Werk einfach umdreht. Und siehe da: Garibaldi hat das Antlitz Springsteens auf dem Kopf gezeichnet, und das noch im Takt der Musik. Respekt. Als er dann noch ein die vier Kiss-Gesichter zeichnet, gibt es Szenenapplaus, und man muss sich eingestehen: Was zunächst wie ein alberner Gimmick wirkte, entpuppt sich als ziemlich coole Showeinlage. Zudem werden die Gemälde in jeder Stadt für einen wohltätigen Zweck versteigert. Nicht schlecht.

…und auf einmal sieht man Ozzy auf der Leinwand: David Garibaldi im Vorprogramm von Kiss – Pic: Christof Leim

Nach 25 Minuten ist jedoch schon Schluss damit, also bietet sich ein Zug durch die Gemeinde an: In den umlaufenden Gängen des Madison Square Gardens gibt es nicht nur Tresen mit Getränke- und Essensverkauf, sondern natürlich unzählige Merchandise-Stände. Kiss haben locker zehn bis fünfzehn verschiedene Motive zwischen cool und geschmacklos dabei; der Kurs der „Grundwährung Shirt“ liegt bei mindestens 50 Dollar, diverse Hoodies, signierte Fotos und anderer Schnickschnack belasten das Taschengeld deutlich stärker.

Kiss-Merch auf der „End Of The Road“-Tour – Pics: Christof Leim

Die schätzungsweise 20.000 Plätze im „Garden“ füllen sich derweil zusehends. Dafür mussten übrigens alle Besucher am Eingang durch Metalldetektoren schreiten und konnten dann etliche Kiss-Doppelgänger in der Lobby bestaunen, die zum Teil sogar von Selfie-Willigen belagert werden. Auf den Weg zu ihren Sitzen wirken manche Fans mit riesigen Getränkebechern und Pizzaschachteln ein bisschen wie bei einem Picknick, was auch in den großen Hallen Deutschlands kein seltener Anblick ist. Mindestens zwei Drittel der Besucher tragen irgendwo das Kiss-Logo oder die Make-up-Gesichter auf der Kleidung, das Durchschnittsalter liegt über 40.

Ausverkauftes Heimspiel für Kiss im Madison Square Garden – Pic: Christof Leim

Kiss hauen nach dem fulminanten Start mit Detroit Rock City zwei weitere Klassiker raus: Shout It Out Loud und Deuce. Sogar der Innenraum ist bestuhlt, aber mittlerweile stehen alle, und das wird auch bis zum Ende so bleiben, was durchaus für die Darbietung spricht. Die Band spielt souverän und klingt gut, von geriatrischer Hüftsteifheit lässt sich nichts ausmachen. Als Zeremonienmeister in der Mitte schmeißt sich Paul Stanley in alle Frontmann-Posen, die Geschichte des Rock’n’Roll so hergibt, während Gene Simmons zungenschlabbernd auf Drachenfüßen umherstolziert und gerne mal Spuckefäden produziert. Der Mann zeigt Einsatz, schwitzt, zieht Grimassen und hat offensichtlich Spaß.

Eric Singer als „Catman“, hier in New Orleans – Pic: Keith Leroux

Eric Singer trommelt dazu wie gewohnt mit viel Wumms, aber dem richtigen Fingerspitzengefühl für die Originalarrangements, während Tommy Thayer an der Leadgitarre erneut blass wirkt. Das verwundert nicht, weil der Mann grundsätzlich immer im Charakter des „Spaceman“ bleibt oder bleiben muss, sowohl vom Gestus als auch von den Licks her. Oder zu gut Deutsch: Tommy spielt gut und ohne Frage runder als Ace Frehley, der Mann, dessen Rolle er übernommen hat. Aber er spielt auch notgedrungen genau das Zeug von früher runter, allerdings ohne Ecken, Kanten oder besonderes Feuer.

Viel hilft viel, und mehr hilft mehr: Bei Kiss muss es knallen – Pic: Jay Gilbert

Feuer gibt es allerdings jede Menge, und zwar von allen Seiten, außerdem Pyros in bemerkenswerter Anzahl. Dazu sehen wir Laserkaskaden, Trockeneisnebel, Funken und gefühlt so viel Licht wie im Rest von Manhattan. Die Bühne wird dominiert von einem großen Bildschirm und 17 riesiger achteckiger Panels hoch über den Musikern, die Animationen und Grafiken zeigen. Damit verleihen Kiss fast jedem Song ein anderes optisches Ambiente: Mal erstrahlt das Bandlogo in „vintage“, mal in modern, Flammen lodern, 3D-Monster brüllen, oder Genes blutverschmiertes Gesicht vervielfältigt sich über alle Anzeigen. Gelegentlich flimmern sogar Videosequenzen vergangener Shows und Line-ups über den Schirm, wofür es sogar Szenenapplaus gibt. Hier liegt eine Neuerung in der Show – und sie funktioniert bestens.

Der „God Of Thunder“ hat sich wieder eingesaut – Pic: Jay Gilbert

Ansonsten bedienen sich Kiss aller Showeinlagen ihrer Geschichte, denn grundsätzlich umstellen können, dürfen und sollen sie ihre Konzertdramaturgie gar nicht. Wo Kiss draufsteht, müssen bestimmte Sachen drinstecken. Also spuckt Gene Feuer bei War Machine und saut vor God Of Thunder mit Blut herum. Dabei zieht er dämonische Gesichter und lässt den Bass bedrohlich rumpeln, bevor die Plattform, auf der er steht, bis unter die Decke fährt und die Band den Song startet. (Für die Kiss-Historiker: Gene hängt also nicht mehr freischwebend an Seilen wie früher.)

Beim langen Gitarrensolo in Cold Gin, das Leadgitarrist Tommy Thayer ziemlich genau so anlegt wie einst Ace 1975 auf Alive!, schießen Raketen aus der Gitarre, und während Black Diamond am Ende des regulären Sets fährt Erics Schlagzeug inmitten eines beträchtlichen Funkenregens in die Lüfte. Auch er darf sich im Laufe des Abends auf einen längeren Soloexkurs begeben, natürlich wie dareinst Peter Criss in 100.000 Years und mit einem ähnlichen Flanger-Effekt im Sound. Für alle Rekruten der „Kiss Army“ stellt das nichts Neues dar, aber es unterhält, keine Frage.

Das Schlagzeug von Eric Singer darf nicht nur fliegen, es muss sogar. Natürlich. – Pic: Christof Leim

Paul erzählt die Anekdote, wie er 1972 als Taxifahrer Elvis-Fans zum „Garden“ kutschierte und sich schwor, irgendwann selbst einmal auf dieser Bühne zu stehen. Genüßlich weist er darauf hin, dass Kiss die Halle nun zum 15. Mal ausverkauft haben. (Hierzu haben einige Stimmen angemerkt, dass die Shows während der Achtziger in dieser Halle keinesfalls voll besetzt waren – geschenkt.)



Letztendlich kommt es aber auf die Songs an, und hier verlassen sich Kiss auf die Hits, denn – wir erinnern uns – alles unter „ganz groß“ ist „zu klein“. Die Überraschungen halten sich damit in Grenzen. Immerhin: Besagtes War Machine ist kein seit Dekaden gesetzter Standard und kommt ziemlich gut; die beiden einzigen „unmaskierten“ Stücke Heaven’s On Fire (mit Mitsing-Part) und Lick It Up (mit laserumflimmerten verlängerten Mittelteil) funktionieren hervorragend, ebenso der herrliche Stampfer I Love It Loud. Vergleichsweise Neuzeitliches taucht nur in Form von Say Yeah (2009) und Psycho Circus (1999) auf, ansonsten gibt es viele Siebziger-Klassiker auch mal aus der „zweivordersten“ Reihe, etwa Calling Dr. Love, Do You Love Me oder Let Me Go, Rock‘N Roll. Wie schon auf der letzten Tour 2017 stammen ganze vier Nummern vom 1974er-Debüt, sogar fünf von Destroyer (1976).

Nimmt den kürzesten Weg zur zweiten Bühne am Hallenende: Paul Stanley – Pic: Jay Gilbert

Natürlich wünschen sich Hardcore-Fans mehr „Deep Tracks“ und Überraschungen, aber womöglich hat die Band Recht, wenn sie darauf hinweist, dass das für die meisten Besucher nicht funktionieren würde. Eigentlich ist es einfach: Kiss sind Ikonen, und diesen Status zelebrieren sie mit Ansage – im Detail bekannt, vom Grundprinzip her zeitlos. Neue Musik oder Experimente sind dazu gar nicht nötig.



Kurz vor Ende des regulären Sets fliegt Paul dann mit einer Seilbahn einmal quer über das Auditorium zu einer kleinen Zweitbühne, um von dort das immergrüne Love Gun und den live angefetteten Discokracher I Was Made For Lovin’ You darzubieten. Songs wie diese hatte er mit Mitte Zwanzig geschrieben; dass er vierzig Jahre später immer noch in solch hohen Tonlagen herumsingen muss, hatte ihm in den vergangenen Jahren zwar verständliche, aber hörbare Schwierigkeiten beschert. Mittlerweile scheinen tatsächlich manche Passagen der Leadvocals vom Band zu kommen, wie Fans mit forensischer Genauigkeit im Netz aufgespürt haben wollen. Als „massiv auffällig“ kann man das aber nicht bezeichnen. Hier scheiden sich die Geister: Natürlich ist das prinzipiell uncool, natürlich machen das (zumindest bei den Chorgesängen) nicht wenige Kapellen (Fozzy und Shinedown zum Beispiel), und natürlich ist es genauso langweilig, im Konzert dann ständig Detektiv zu spielen. Weil es bei Kiss nicht um tadellosen Satzgesang und Musikerpolizei-gefällige Darbietung geht, sondern um das Gesamterlebnis, kann man solcherlei Hilfestellung in dezenter Dosierung durchgehen lassen – zumindest wenn die Alternative lautet, auf eine Abschiedstour zu verzichten.



Für die Zugabe setzt sich Eric Singer dann an ein Glitzerpiano, dass aus dem Bühnenboden aufsteigt, und singt noch den Schmachtfetzen Beth. Der Abend endet dann nach satten 20 Songs und mehr als zwei Stunden mit der unvermeidbaren Hymne Rock And Roll All Nite, zu der Paul in einem unfassbaren Konfettiregen seine Gitarre zerschlägt und Simmons und Thayer mit zwei Kränen bis über die Ränge schweben. Schon fett.

Konfettimassaker beim letzten Song – Pic: Christof Leim

Wann Kiss das „Ende der Straße“ erreichen, steht noch in den Sternen, aber mit dieser Tour sorgen sie für eine zwar nicht grundlegend überraschende, aber ohne Zweifel unterhaltsame Verabschiedung.

Setlist:
Detroit Rock City
Shout It Out Loud
Deuce
Say Yeah
I Love It Loud
Heaven’s On Fire
War Machine
Lick It Up
Calling Dr. Love
100,000 Years
Cold Gin
God Of Thunder
Psycho Circus
Let Me Go, Rock ‘N’ Roll
Love Gun
I Was Made for Lovin’ You
Black Diamond
Beth
Do You Love Me
Rock And Roll All Nite


Titelfoto: Jay Gilbert

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