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Popkultur

Zeitsprung: Am 23.8.1970 verabschiedet sich Lou Reed von Velvet Underground und flieht ins Büro.

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Foto: Lou Reed braucht um 1970 offenbar eine Pause. - Foto: Richard E. Aaron/Redferns via GettyImages

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 23.8.1970.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Geradlinig verläuft die Karriere von Lou Reed definitiv nicht. Nach den sehr bewegten Sechzigern reicht es dem Sänger und Gitarristen erstmal: Am 23. August 1970 spielt er das letzte Konzert mit The Velvet Underground und zieht sich zurück. Wo andere zu dieser Zeit in den Aschram wandern, nimmt Reed eine etwas andere Ruheoase ins Visier.

Hört euch hier Lou Reeds letzte Show mit Velvet Underground an, die auf dem Album Live At Max’s Kansas City verewigt wurde: 

1970 befindet sich Lou Reed am Scheideweg: Die Sechziger verbringt er damit, dem Leben eine Menge harter Lektionen abzuluchsen; nistet sich zwischen Drogen, Prostitution und allerhand Figuren ein, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. Diese Erfahrungen verarbeitet er zu einzigartiger, halb-gesungener Poesie und vertont sie mit dem Waliser John Cale, mit dem er noch Sterling Morrison und Angus MacLise rekrutiert und Mitte der Dekade The Velvet Underground gründet.

Steiniger Weg mit The Velvet Underground

Themen wie Masochismus und sexuelle Subkulturen stellen in der Ära der freien Liebe aber noch keine Verkaufsschlager dar: Jede Bewegung hat ihre Grenzen, und das, was Reed & Co. da machen, ist wahrlich Zukunftsmusik. Erst als Andy Warhol die Gruppe unter seine Fittiche nimmt und seine Muse Nico ins Line-up beordert, gibt es endlich Anerkennung. Bei der selbsternannten intellektuellen Elite New Yorks kommen die düsteren, aber wegweisenden Songs an; der kommerzielle Erfolg lässt jedoch weiterhin auf sich warten, und ein Gerichtsverfahren inklusive horrender Forderungen lässt die ohnehin überschaubaren Gewinne von The Velvet Underground & Nico zusätzlich schrumpfen.

Nach dem Schlussstrich unter dem Warhol-/Nico-Kapitel verlässt sich besonders Reed auf den neuen Manager Steve Sesnick. Das missfällt wiederum Cale, der seinen Status in der Band gefährdet sieht, rund um seinen Abschied gibt es weitere personelle Veränderungen. Unser Protagonist darf sich nebenher übrigens mit einer ausgewachsenen Hepatitis-Erkrankung und erheblichen Suchtproblemen herumschlagen. 

Plötzliches Ende einer Ära

Ein Zerwürfnis mit Sesnick tut sein übriges, und im August 1970 befindet Reed während einer lukrativen Residenz im New Yorker Szeneladen Max’s Kansas City, dass die Luft raus ist, teilt das dem Rest der Besatzung allerdings nicht mit. Am 23. August laufen die Tonbänder noch mit; die Aufnahmen dieses Abends sollen später einen Großteil des Livealbums Live At Max’s Kansas City ergeben. Dafür sorgt Warhol-Superstar Brigid Berlin mit ihrem Kassettenrekorder und kreiert so eines der ersten autorisierten Bootlegs. Das Set enthält auch einige neue Songs, an der die Band für ihr nächstes Album Loaded arbeitet.

Die Darbietung des Sängers lässt nicht ahnen, was er der sich im Mutterschutz befindlichen Schlagzeugerin Maureen Tucker und Manager Sesnick mitteilt: Ihm reicht’s. Morrison und Basser Doug Yule rechnen am Abend darauf allenfalls mit einer Verspätung Reeds, nicht aber mit dessen Kündigung. Eine Stunde vor Auftritt steht jedoch Sesnick im Raum: „Lou kommt nicht.“ Yule erinnert sich 2006: „Es war ein totaler Schock, eine wirkliche Überraschung. Ich dachte, der kommt noch, dass er vielleicht etwas spät dran ist, aber Sesnick hatte das so geplant. Lou hatte sich moralisch auf ihn gestützt, und Sesnick sagte ihm mehr oder weniger, er könne ihn mal.  Das muss für Lou wirklich schwer gewesen sein.“

„Schwer“ mag hier eine kolossale Untertreibung sein. Wo andere Musikschaffende auf der Suche nach Abwechslung, Inspiration und Seelenheil nämlich in indische Aschrams pilgern, kehrt Lou lieber ins Elternhaus nach Coney Island zurück und heuert in der Buchhaltung an. Nein, wirklich: Papa Reed führt ein kleines Steuerberatungsbüro, in dem der Sohnemann für 40 Dollar die Woche Briefe tippt. Nicht gerade die kreative Auszeit, die man sich bei einem Rockstar seines Kalibers vorstellt, aber den Zweck erfüllt sie allemal. 1971 unterzeichnet Lou einen neuen Plattenvertrag, wagt erneut den Walk On The Wild Side und schlägt eine ziemlich bedeutsame Solokarriere ein. Daddy sei Dank.

Fünf Geschichten, die nur aus dem Leben von Lou Reed stammen können

 

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