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Steve Hackett im Interview: „Mein Reichtum liegt in meinen Songs, nicht auf der Bank“

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Steve Hackett

Genesis ist ohne Steve Hackett für viele nicht dasselbe. Für ihn auch nicht. Im Interview spricht der 70-Jährige über seinen ersten Auftritt mit Genesis, die Reunion von Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks und die Urlaubspläne mit seiner Mutter.

von Björn Springorum

Bei der aktuellen Genesis-Reunion ist Steve Hackett ja bekanntlich ebenso wenig dabei wie Peter Gabriel. Das ist aber nicht das einzige, was sie gemeinsam haben: Beide sind im Februar 70 geworden, beide prägten die Frühphase von Genesis maßgeblich. Doch während Gabriel eher seine eigenen musikalischen Visionen verwirklicht, kehrt Hackett oft und gern zu den glanzvollen Anfangszeiten der Genesis-Magie zurück. Auf seinen Alben, aber auch auf der Bühne. Sein neues Live-Album Genesis Revisited: Live At The Royal Albert Hall erschien kürzlich in einer neuen Auflage, seine nächste Soloplatte ist schon in Arbeit. Beschäftigt wie immer also, der gute Mister Hackett – und dennoch zu einem schönen Plausch bereit.

Hört hier Genesis Revisited: Live At The Royal Albert Hall:

Steve, du hast im Februar deinen 70. Geburtstag gefeiert. War es ein rauschendes Fest?

Ach was, ganz ruhig war das alles. Ich habe mit Familie und Freunden in einem Londoner Restaurant gefeiert. Meine Mutter feierte kurz darauf ihren 90. Geburtstag, und eigentlich hätte ich sie zu diesem Anlass mit auf den Cruise To The Edge in der Karibik genommen. Du weißt schon, diese Kreuzfahrt, die nach dem Marillion-Album benannt ist und bei der Bands wie Marillion, Yes oder Musiker von King Crimson mitmischen. Und ich. Leider wurde diese Kreuzfahrt aus den bekannten Gründen abgesagt. Das ist schade, denn hatte sich wirklich darauf gefreut.

90 ist ein reifes Alter. Wie geht es deiner Mutter?

Oh, prächtig. Sie wirkt generell eher, als wäre sie in meinem Alter. Und sie benimmt sich, als wäre sie 19! (lacht) Aber na ja, diese Kreuzfahrt holen wir einfach zu ihrem 91. Geburtstag nach. Wenn sich bis dahin alles normalisiert hat, natürlich. Weißt du, ich liebe diese Kreuzfahrten und mache eigentlich alles mit. Von Heavy Metal bis Jazz. Das entspricht meinem musikalischen Ansatz: Ich habe nie in Genres gedacht. Für mich war immer alles eins. Viele haben Angst, dass sie sich dann komplett zum Narren machen, aber das kommt nur auf deine Einstellung an. Selbst Ravi Shankar kann mit Rock-Musiker*innen zusammenspielen, wenn man die Gemeinsamkeiten findet. Dann ist alles möglich. Dann entdeckt man, dass selbst die entferntesten Genres mehr Ähnlichkeiten haben als man dachte.

Genesis: Darum sind Peter Gabriel und Steve Hackett nicht dabei!

Was hast du eigentlich geschenkt bekommen?

Oh, da muss ich überlegen. Sicher gab es Geschenke, aber wie so oft, kann ich mich an die meisten nicht erinnern. Was hängen blieb, ist ein Porträt von mir, das ein guter Freund angefertigt hat. Es ist sehr modern und expressionistisch und es hat etwas, das mir sehr gut gefällt. Es hängt oben in einem Zimmer, direkt neben dem Bild einer Ukulele. Es wirkt so, als würde mein Bildnis diese Ukulele anschauen. Das hat was.

Vielleicht haben wir da ja schon das Artwork deines nächsten Soloalbums?

Ha, das wäre natürlich gut möglich! Ich arbeite gerade an einem Akustikalbum. Es wird sehr orchestral und voller Nylongitarre. Hoffentlich können wir bald wieder wie gewohnt proben. In letzter Zeit kam ich mir vor wie ein einsamer Maler, der seine Gemälde in der Abgeschiedenheit anfertigt.

Dein alter Bankollege Peter Gabriel ist einen Tag später 70 geworden. Habt ihr euch gratuliert?

Oh, wir haben uns natürlich geschrieben. Es ging ein paar Mal hin und her, natürlich gab es auch keine Chance, all die Witze rund um das Älterwerden abzuarbeiten. Wir waren uns beide einig, dass wir uns an diesem späten Punkt unseres Lebens nicht mehr loswerden.

Altern Rockstars anders als wir normalen Menschen?

Das mag gut sein, doch in meinem Fall hat das eher etwas mit meiner merkwürdigen Familie zu tun. Mütterlicherseits habe ich viel jüdische Verwandtschaft, die aus Osteuropa floh und aus irgendeinem Grund steinalt wird. Ich habe eine Tante, die 102 Jahre alt ist, einen Onkel, der 108 wurde, und eine Mutter, die 90 ist. Da würde ich mich natürlich gern einreihen. Und bis es zum Lockdown kam, war ich so aktiv und beschäftigt wie ich es noch nie zuvor war. Und ich habe fest vor, das aufrecht zu erhalten.

Du siehst dich also noch mit 90 als aktiven Musiker?

Ich denke schon, ja. Ich habe zumindest nichts anderes vor. Als ich mit Genesis in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen wurde, wurde mir klar, dass kurz davor Les Paul mit 94 Jahren verstorben war und auch B.B. King fast 90 wurde. Mir zeigte das, dass das Leben vielleicht lang, aber gewiss nicht ewig ist. Man sollte also so lange wie möglich aktiv bleiben.

Am 24. Januar 1971 hast du dein erstes Konzert mit Genesis gespielt – laut Wikipedia an einer Londoner Universität…

Weiß nicht genau, ob das an dem Tag war, aber der Ort müsste stimmen. Weißt du, Wikipedia steckt so voller Unwahrheiten, ich bin nicht gerade begeistert davon. Vielleicht stimmt es, vielleicht nicht. Ich habe ihnen sogar schon mal Korrekturen geschickt, doch sie wurden nicht angenommen! Ist das zu glauben? Der Auftritt war jedenfalls eine absolute Katastrophe für mich. Ich hatte einen vollkommen anderen Verstärker auf der Bühne als den, mit dem ich zuvor geprobt hatte. Beim Soundcheck klang noch alles okay, aber als es losging, hörte ich nur noch summendes Feedback. Ich war überzeugt davon, dass ich es vergeigt hatte, und war extrem überrascht, dass sie weitere Konzerte mit mir spielen wollten. Die wurden dann aber auch besser, sodass unser erstes Konzert so etwas wie eine bezahlte Bandprobe war. (lacht)

„Es kann frustrierend sein, wenn man nicht allein entscheiden kann“

Gute sechs Jahre später war es dann aber auch schon wieder vorbei mit Genesis, dein Ausstieg wurde offiziell am 8. Oktober 1977 bekanntgegeben. Wie lange hast du darüber nachgedacht?

Das müssen so zwei Jahre gewesen sein! Ich trug diese Entscheidung Tag und Nacht mit mir herum, kam aber am Ende zu dem Schluss, dass ich der Musik dienen muss. Und das ging nun mal nur ohne Band. Versteh mich bitte nicht falsch, es ist toll, in einer Band zu spielen, und mit Genesis haben wir wirklich einige unglaubliche Sachen zusammen erschaffen. Aber es kann frustrierend sein, wenn man nicht allein entscheiden kann. Genesis ist ein Teil von mir, aber es ist kein allzu großer.

Ende Juli kommt deine Autobiografie A Genesis In My Bed in die Läden. Der Titel suggeriert, dass dieser nicht allzu große Teil, wie du es selbst nennst, dennoch eine große Rolle spielt.

Natürlich tut er das, es waren ja wichtige Jahre für mich. Das Buch enthüllt eine Menge und geht recht tief. Ich habe viele Fragen beantwortet, auch die, warum ich Genesis verlassen habe.

Damals hieß es, du brauchst mehr Autonomie…

Und das war es auch. Ich wusste damals dennoch nicht, ob ich das Richtige getan hatte. Es war ein gewaltiger Schritt ins Ungewisse. Ich schmiss bei einer Weltklasse hin, die damals gerade anfing, weltweit die Arenen zu füllen. Ich musste mich auf meinen Instinkt verlassen – und habe es nicht bereut.

Fragen, die wir uns nach dem Genesis-Comeback stellen

Diese Entscheidung hast du wirklich nie bereut?

Keine einzige Sekunde. Musik belohnt den Musiker mehr als es Geld jemals könnte. Mein Reichtum liegt in meinen Songs, nicht auf der Bank.

Wie hast du den Schreibprozess erlebt?

Es hat 15 Jahre gedauert, das Buch zu Ende zu schreiben, ganz so einfach war es also wahrscheinlich nicht. (lacht) Es war eine interessante Erfahrung, denn ich merkte, dass einige Perioden noch glasklar vor mir stehen, während ich über andere kaum noch etwas weiß. Ich bin zwar kein Nick Kent, aber es hat mir dennoch viel Spaß gemacht. Dieser Kerl kann besser über Sex, Drugs, Rock’n’Roll schreiben als jeder andere, den ich kenne. Ich dachte mir also: Wie wäre es, wenn mein Buch eben mehr ist als nur Sex, Drugs und Rock’n’Roll? Ich wollte ein bisschen über den Rand hinausschauen. Mir gefällt zumindest der Gedanke, dann mal nicht nur über mich zu schreiben und aufzudröseln, welches Effektgerät ich 1893 gespielt habe. (lacht)

Ist es nicht schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein, wenn man eine Autobiografie schreibt?

Ist es. Ehrlich UND unterhaltsam, das ist sogar noch schwieriger!

Eine Frage zur Genesis-Reunion muss es jetzt dann aber doch noch sein: Hättest du zugesagt, wenn sie dich gefragt hätten?

Ich weiß es nicht. Und wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Ich denke, das ist alles noch ein offenes Buch. Wer weiß, was passiert, wenn sie fragen und ein vernünftiges Angebot machen? Meine Tür steht jedenfalls immer offen. Ich liebe die Band immer noch. Doch als ich hörte, dass sie als Trio zurück sind, war mir klar, dass sie die Achtziger priorisieren werden. In dieser Dekade mögen sie ihre meisten Hits gehabt haben, doch für mich geht einfach nichts über die Siebziger. Magischer klangen Genesis nie.

Die musikalische DNA von Genesis

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