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Popkultur

The GTOs: Die wohl ungewöhnlichste Girl Group der Geschichte

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Unbändige Mädels: Girls Together Outrageously auf Promobildern im Februar 1970, kurz vor ihrer Auflösung. Foto: Ed Caraeff/Getty Images

Girls Together Outrageously: Ende der Sechziger mischt eine Gruppe unbändiger Mädels die Musikwelt von Los Angeles auf. Unterstützung bekommen sie dabei von Frank Zappa, Rod Stewart und vielen mehr; nebenbei ebnen sie jedoch gleichermaßen den Weg für Riot Grrls und Spice Girls. Schauen wir uns die kurze, aber vollgepackte Geschichte des Septetts an.

von Victoria Schaffrath

Los Angeles, Mitte der Sechziger: Wenn San Francisco die Hochburg der Hippies ist, dann gilt die Stadt der Engel als der Sündenpfuhl des Rock. Auf dem Sunset Strip tummeln sich allerlei Gestalten, die neben ihrer Vorliebe für Gitarrenmusik vor allem die sexuelle Befreiung teilen. Die schwappt nämlich gemeinsam mit der „British Invasion“ und der Überholung der Jugendkultur über die gesamten USA.

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L.A. in den Sechzigern – der Sündenpfuhl des Rock

Vor allem junge Frauen fassen zum ersten Mal den Mut, ihre Sexualität zu erforschen und ihre Bedürfnisse kompromisslos auszuleben. Led Zeppelin besingen sie später in Going To California: „A girl out there with love in her eyes and flowers in her hair“, heißt es da. Frank Zappa bewirtet sie in seinem Haus im Stadtteil Laurel Canyon, der Werke wie Twelve Thirty (Young Girls Are Coming To The Canyon) von John Phillips ( The Mamas & The Papas), Blues From Laurel Canyon von John Mayall, Ladies Of The Canyon von Joni Mitchell oder Our House von Crosby, Stills & Nash.

In diesem Umfeld treffen fünf junge Frauen aufeinander: Pamela Miller und Linda Parker kennen sich bereits aus der Schule; Christine Frka und Sandra Rowe wohnen in Frank Zappas Keller und Frka fungiert gar als Kindermädchen für die junge Moon Zappa. Auf dem verruchten Sunset Strip erkennen sich die Frauen dank einer Vorliebe für Flatterkleider und ihrer lauten Persönlichkeiten als verwandte Seelen. Lucy Offerrall gabeln sie im Haus eines Choreografen auf.

Girls Together Outrageously: neues Selbstverständnis der Groupie-Szene

Zunächst gründet das Quintett unter dem Namen Laurel Canyon Ballet Company eine Tanztruppe, die laut Miller mit Bands wie Love, den Grassroots und anderen lokalen Gruppen auftritt: „Wir trugen knappe Klamotten und waren junge, hübsche Teenager, also freuten sich alle über unsere Gesellschaft.“ Dass da mehr als nur Tanz stattfindet, hört man heraus; auch wenn Miller zugibt, dass sich nicht jede von ihnen als „Groupie“ identifiziert. Zappa sieht jedoch mehr in der Clique und möchte die Szene als Teil der Gegenkultur öffentlich machen. Er schlägt seinen Schützlingen 1968 vor, eine Band zu gründen.

„Sie waren ja ohnehin ständig zusammen und hatten ihre eigenen Denkweisen, ihre eigene Geschichte. Ich wollte ihnen ein Vehikel zur Verfügung stellen, damit auch Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft sehen konnten, was in diesen Mädchen vor sich geht“, beschreibt der Dancin’ Fool später seine Beweggründe. Das vorläufige Quartett soll ein paar Songs schreiben und sie dann mit Zappas Hilfe auf Vinyl bannen. Zudem rekrutiert dieser noch Cynthia Wells und Judith Peters; letztere bildet ein noch extremeres, beinahe düsteres Pendant zum ätherischen Stil der übrigen Frauen.

Frank Zappa über die GTOs: „Ich wollte ihnen ein Vehikel zur Verfügung stellen.“

Offerrall hält sich zunächst zurück, stößt erst nach den Aufnahmen zum Album Permanent Damage wieder dazu. Als besondere Marketingmaßnahme verpasst man sich stilisierte Namen: So treten im Studio schließlich Miss Pamela, Miss Sparky, Miss Christine, Miss Sandra, Miss Cynderella und Miss Mercy an. Die Gruppe selbst wird Girls Together Outrageously, kurz GTOs, getauft. Für das Album nehmen die unerhörten Damen 1969 gern Hilfe in Anspruch, und die kann sich sehen lassen.

Es finden sich Beteiligungen eines jungen Rod Stewart, der Gitarristen Ry Cooder und Jeff Beck sowie von Davy Jones von den Monkees. Besonders stechen aber die Songtitel wie The Eureka Springs Garbage Lady, I’m in Love with the Ooo-Ooo Man oder I Have A Paintbrush In My Hand To Color A Triangle hervor, außerdem die Spoken Word-Beiträge, bei denen auch Figuren wie Cynthia Plaster Caster oder Rodney Bingenheimer mitwirken.

Einziges Album Permanent Damage

Schaden richtet die Platte zwar nicht gerade an, sie klingt jedoch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Ohnehin tritt die Gruppe (dann wieder als Septett mit Miss Lucy) nur wenige Male live auf, nämlich im Vorprogramm von Zappas Mothers Of Invention und Alice Cooper. Kurze Zeit später, nach gerade einmal zwei Jahren Bandgeschichte, löst man sich 1970 auf. Der Permanent Damage äußert sich eigentlich erst später.

Miss Pamela, auch als Pamela Des Barres bekannt, gilt heute als Schutzheilige der „Groupies“. In ihren Memoiren I’m With The Band detailliert sie Liebschaften mit Rockstars wie Jimmy Page, Keith Moon und Jim Morrison. Kate Hudson basiert auf diesen Schilderungen ihre Rolle der Penny Lane in Almost Famous. Miss Mercy lieferte mit ihrem unverwechselbaren Stil und dem überlebensgroßen Eyeliner zugleich eine Ode an die Stummfilmstars der Zwanzigerjahre und einen Prototyp für Goth- und Punk-Fans, dem sich auch spätere Ikonen wie Nina Hagen nicht entziehen können.

Zeitsprung: Am 8.9.2000 feiert „Almost Famous“ Premiere.

Vorreiterinnen der „Girl Power“

Vor allem aber kehren die Künstlerinnen die Bedeutung des Begriffs „Groupie“ völlig um. Den führt die damalige Musikpresse nämlich als despektierliche Bezeichnung für diejenigen Frauen ein, die ihre sexuellen Bedürfnisse in der Rock-Szene frei ausleben, während die Herren der Schöpfung zumeist unbescholten davonkommen oder gar gefeiert werden. Die GTOs stehen jedoch kompromisslos zu sich selbst und suchen nach einer Art, diese neue Befreiung künstlerisch auszudrücken. Klar, Zappa stellt vielleicht Stift und Papier zur Verfügung; doch ausmalen muss die Girl Group schon selbst. In der Albumhülle zu Permanent Damage betont er eindringlich: „Sie schreiben ihre Texte selbst, und keine Themen wurden jemals von außen angeregt.“

Titelstory 1969: Neben den GTOs kommen in der „Rolling Stone“-Ausgabe zum Thema „Groupies“ auch die „Plaster Casters“, Zappa und Jimmy Page zu Wort.

Erst Jahre später beginnt dann der (traumatische) Siegeszug der Runaways, in den Neunzigern folgen Riot Grrrls und Spice Girls, die die Perspektiven junger Frauen auf völlig unterschiedliche Art musikalisch ausloten. Ob ihr Erfolg ohne die GTOs möglich gewesen wäre? „In den Sechzigern und Siebzigern gab es in der Musikszene nur wenig Gehör für das, was Frauen zu sagen hatten“, sinniert Miss Pamela heute. „Ich bin stolz, dass wir uns welches verschaffen konnten.“

Die frühen Frauen des Rock ’n’ Roll: Wichtig, aber übersehen

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