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Popkultur

The Whos Pete Townshend im Interview: „Rock’n’Roll ist keine Alte-Leute-Musik“

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The Who

London, ein herrlich altmodisches Hotel in der Innenstadt. Wir erblicken Pete Townshend zunächst draußen, wo er ein Selfie mit einem Passanten macht, später dann empfängt er im Kaminzimmer.

von Steffen Rüth

Townshend, 74, Gitarrist und Songschreiber von The Who, macht einen lebhaften und freundlich-interessierten Eindruck. Ein bisschen stolz scheint er auch zu sein, aus gutem Grund. Who ist das erste neue Album seit Endless Wire aus dem Jahr 2006, und es ist eine überzeugende, elf Stücke umfassende, Sammlung geworden. Vor dem Attribut „Spätwerk“ sträubt man sich schon deshalb, weil Townshend und auch Sänger Roger Daltrey (75) auf Songs wie Hero Ground Zero oder Ball And Chain mehr nach Mittzwanzigern als nach Mittsiebzigern klingen.

Mr. Townshend, sind Sie vor Veröffentlichung eines neuen Albums noch nervös?

Ja, selbstverständlich. Die Gewissheit habe ich ja nie, und ich möchte natürlich, dass die Menschen meine Arbeit schätzen. Klar ist, dass sie unsere alten Sachen lieben, aber neue Musik ist immer ein Spiel mit unklarem Ausgang.

Warum wollten Sie überhaupt ein neues Album machen?

Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel live gespielt. Irgendwann entschied ich, nur noch zu touren, sofern wir auch neue Musik haben. Ich wollte mich weiter wie ein aktiver Komponist fühlen. Ich bin durchaus glücklich damit, mir selbst einzureden, als junger Mensch großartige Musik geschrieben zu haben. Ich fürchte mich auch nicht vor der Nostalgie. Aber auch wegen des Internets, wo man echt alles hören kann, was man will, habe ich dieses Jucken gekriegt, dieses Gefühl „Verdammt, da draußen ist so viel geile Musik, ich will ein Teil davon sein“.

Wie stark orientieren Sie sich beim Schreiben an Ihrem bisherigen Schaffen?

Das funktioniert nicht. Früher klang alles, was wir spielten, sofort wie The Who. Heute nicht mehr. Die Hälfte von The Who lebt nicht mehr. Den alten Sound aufzukochen, würde sich falsch anhören. Also habe ich es erst gar nicht versucht, sondern unmittelbar für Roger geschrieben. Roger ist bis heute archetypisch für den Who-Sound. Und ich finde, er singt heute besser als je zuvor.

Also blenden Sie die Klassiker aus?

Okay, ein paar Konzessionen mache ich schon. Es steckt ja doch tief in einem drin. Und so sind I Don’t Wanna Get Wise und All This Music Must Fade sehr ähnlich strukturiert wie The Kids Are Alright.

Sie schreiben in I Don’t Wanna Get Wise die Zeile „We tried hard to stay young“. Was halten Sie selbst vom Altwerden?

Ich mag das Wissen, das sich mit den Jahren in einem sammelt. Die Weisheit wird größer. Ich mag auch die immer besser werdende Intuition. Ich glaube sogar daran, dass wir mit dem Alter gewisse hellseherische Fähigkeiten entwickeln. Dieser Song jedenfalls dreht sich eher darum, eben nicht zu altersweise sein zu wollen, da ein alter Knacker alle anstrengt (lacht). Alt zu werden ohne alt zu werden – das ist die Lösung.

Sind Sie heute der glücklichste Pete Townshend, der Sie je waren?

Ja, ich denke schon. Kürzlich traf ich Elton John zum Abendessen in Südfrankreich, und er sagte das gleiche. Bei ihm liegt das zum Teil daran, dass er noch ziemlich kleine Kinder hat und eine sehr stabile Ehe, aber es spielt auch mit rein, dass er Drogen und schwere Zeiten überlebt hat und dass er seine Defizite und seine Schwächen heute akzeptieren kann. Und, da waren wir uns einig: Irgendwann ist man alt genug, um sagen zu können: „I don’t give a fuck“ (lacht).

Sie haben 55 Jahre Rock’n’Roll ganz gut überstanden, oder?

So kann man sagen, ja. Zumal es zwei Menschen aus unserer Band – Keith Moon und John Entwistle – sowie unsere beiden geliebten Manager Kit Lambert und Chris Stamp nicht bis hierher geschafft haben. Und irgendwo fühlst du dich schuldig, hast ein schlechtes Gewissen, dass du noch am Leben bist. Weil du ja auch nicht großartig besser warst als die anderen.

Sie haben aber gesünder gelebt als etwa Keith Moon?

Gar nicht mal so sehr. Ich steckte nicht so tief in den Drogen drin wie andere, ich hörte 1967 mit Marihuana auf. Aber ich trank viel. Sehr viel. Ich habe zum Glück eine gute Leber.

Haben Sie mit 20 gedacht, diesen Job mit Mitte 70 noch zu machen?

Ich hätte sicher nichts dagegen gehabt. Aber mir gefiel es nicht, in einer Band zu sein. Dieses Konstrukt „Band“ war für mich immer wie so ein Sicherheitsnetz. Als Kind hatte ich Probleme, meine Eltern ließen mich im Stich, ich wurde missbraucht, ich kam mit sieben zurück zu meinen Eltern und hatte eine bessere Zeit, aber als Teenager bin ich definitiv nicht gut damit zurechtgekommen, ein Teenager zu sein.

Welcher Teenager tut das schon?

Auch wieder wahr. Ich war als Kind viel allein und vielleicht auch deshalb jemand, der Mitglied einer Bande werden wollte. Wäre ich kein Teil von Roger Daltreys Bande geworden, dann von einer anderen. Ich war ein ängstlicher, schüchterner Mitläufer, kein Anführer. Ich brauchte den Halt einer Gemeinschaft. Später dann mit 16, ab 1961, kam ich auf die Kunsthochschule. Auf dem „Ealing Art College“ klärte sich für mich vieles, ich wurde selbstsicherer und merkte zum ersten Mal, wie wundervoll Frauen sind.

Dafür, dass Sie es nicht mögen, in einer Band zu sein, ziehen Sie das schon lange durch.

Weil es leicht für mich ist. Und weil ich gut in dem Job bin. Roger tickt ganz anders. Er liebt die Gewissheit, sich mit dem Publikum zu verbinden, Roger ist von Herzen eine Rampensau. Und ich liebe das Gefühl, als Komponist die Menschen zu erreichen. Ehrlich gesagt, würden mir die Live-Auftritte nicht sehr fehlen. 85.000 Leute fangen an zu schreien, wenn ich mit meinem Arm kreise (macht die Bewegung nach). Aber den meisten ist es egal, ob ich ein geiles Gitarrensolo spiele oder nicht. Aber die paar hundert Leute, die mir persönlich gesagt haben, das Quadrophenia-Album hätte ihr Leben verändert, die tun mir unendlich gut.

„Tommy“, „The Wall“ und Co.: Was wurde eigentlich aus der Rockoper?

Hat sich Ihr Verhältnis zu Roger Daltrey über die Jahre gebessert?

Oh ja. Definitiv. Speziell seit dem Tod von John Entwistle 2002, durch den für uns die Räume größer wurden. Diesen Raum wollten wir nicht, weil wir die Magie von Keith und John verloren haben, aber als Künstler und Partner hat uns der Verlust der beiden nähergebracht. Wir verstehen uns heute sehr viel besser als je zuvor, was außergewöhnlich ist.

Warum außergewöhnlich?

Wir kannten uns, seit wir 15, 16 waren und mochten uns echt nie besonders gut leiden. Aber heute tun wir das.

Sind Sie Freunde?

Ja, wir sind gute Freunde. Wir vertrauen uns und wir erzählen uns stets die Wahrheit, was ich sehr wichtig finde. Und streiten haben wir auch gelernt. Streiten, ohne sich beleidigt in die Ecke zu verziehen. Aber wir verbringen nicht viel Zeit zusammen.

Sie sagen über das Who-Album, dass es frei von Romantik und Nostalgie sei. Aber das stimmt nicht so ganz, oder? Das schöne, melancholische und beinahe schon akustische I’ll Be Back greift das Ende einer Liebe auf, das vom Jazz inspirierte Piano-Stück She Rocked My World ist wohl auch ein Liebeslied.

Yeah. She Rocked My World ist ein funktionelles Lied über eine Liebesbeziehung. Weniger romantisch, eher faktisch. Und I’ll Be Back spricht nicht so sehr über eine verlorene Liebe, sondern über die Liebe, Punkt. Ich denke, wenn einmal Liebe da ist, ist immer Liebe da. Du sagst doch einer Frau nicht „Ich liebe dich“, und dann drei Wochen später „Ich liebe dich nicht mehr“.

Wie wild haben Sie den Sex-Aspekt des Rock’n’Roll-Musikerseins ausgelebt?

Nicht genug.

Sie hätten gern mit mehr Frauen geschlafen?

Nein, das will ich nicht sagen. Ich war immer ziemlich zufrieden. Auf der Kunsthochschule lernte ich ein Mädchen kennen, Karen, das zwei Jahre jünger war als ich, wir heirateten, bekamen drei Kinder und blieben dreißig Jahre lang zusammen. Und seit mittlerweile zwanzig Jahren bin ich glücklich in meiner Beziehung zu Rachel, seit drei Jahren sind wir zudem verheiratet. Aber ich war keiner von den Jungs, die Gitarrist wurden, um mit mehr Mädchen zu schlafen.

Und Ihre Bandkollegen?

Nun ja, die schon. Sie wollten Frauen, Geld und Ruhm. Bekamen sie auch.

Waren Sie treu?

Ich hatte die eine oder andere Affäre auf unseren vielen Tourneen, aber längst nicht so viele wie die meisten anderen.

Als Sie Anfang der Sechziger anfingen, war Rockmusik eine Sache der jungen Leute. Heute scheint Rockmusik eher die Domäne der Älteren zu sen. Wie empfinden Sie das?

Nicht als so schwarz und weiß. Viele Hip-Hop-Produzenten holen sich neuerdings Rockmusiker ins Studio, um den eher engen, stark von Beats dominierten Horizont ihrer Stücke zu erweitern. Ich denke ganz bestimmt nicht, dass Rock’n’Roll-Musik nur noch etwas für alte Leute ist.

„I Hope I Die Before I Get Old“ haben Sie einst in Ihrem Song My Generation geschrieben.

Der Satz hatte nichts mit dem Alter zu tun. Ich bin wenige Tage nach Ende des Krieges geboren, wir wuchsen in Frieden und zunehmendem Wohlstand auf, es ging uns gut. Wir waren die Boomer. Aber wir hatten keinen Zweck, keine Mission. Den Song My Generation schrieb ich mit 18. Ich war so jung, und ich wollte mich abgrenzen, sagen: „Wir werden nicht so leben wie ihr Alten. Wir werden es anders machen.“

Die aktuelle Jugend ist aktiver, oft auch wütender. Was sagen Sie dazu?

Ich finde das phantastisch. Bei uns war es so, dass die Hippie-Bewegung viel von der Wut der Nachkriegsgeneration geschluckt und absorbiert hat. Und allgemein war ich mir nie sicher, ob Politik eine Rolle in der Rockmusik spielen sollte, spielen müsste. Heute denke ich, ja, sie hat eine Rolle.

Sie haben eine Menge Zeugs erfunden: Tommy war die erste Rock-Oper, aber Sie haben auch Instrumente auf der Bühne kaputtgeschlagen und so manches Hotelzimmer verwüstet. Wie schauen Sie mit fünfzig Jahren Abstand auf diese Aktivitäten?

(lacht) Ich hoffe inständig, dass ich nicht dafür in Erinnerung bleiben werde, Hotelzimmer verwüstet zu haben. Aber okay, war so. Soll keine Entschuldigung sein, aber wenn du so lange unterwegs bist, wird das Hotelzimmer zu einer Art Feind. Heute nicht mehr, ich käme im Traum nicht mehr auf den Gedanken, irgendwas kaputt zu machen. Teil des Problems war, dass die Hotels uns das Gefühl gaben, nicht willkommen zu sein. Man hielt uns für Radikale, für Wüstlinge. Und das macht dich natürlich dann erst recht sauer.

Sie werden 2020 wieder touren. Wie weit gucken Sie nach vorne?

Ich möchte gern noch mehr Lieder schreiben. Wir waren so viel auf Tour, dass mein Songwriting darunter gelitten hat. Und ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe. Aber wir werden schon ordentlich viel live spielen, schon allein, damit die jungen Leute uns sehen. Also möglicherweise, das ist zumindest der grobe Plan, schaffen wir es im September nach Mitteleuropa und nach Deutschland.

10 Songs, die alle The Who-Fans kennen müssen

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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