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Popkultur

The Whos Pete Townshend im Interview: „Rock’n’Roll ist keine Alte-Leute-Musik“

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The Who

London, ein herrlich altmodisches Hotel in der Innenstadt. Wir erblicken Pete Townshend zunächst draußen, wo er ein Selfie mit einem Passanten macht, später dann empfängt er im Kaminzimmer.

von Steffen Rüth

Townshend, 74, Gitarrist und Songschreiber von The Who, macht einen lebhaften und freundlich-interessierten Eindruck. Ein bisschen stolz scheint er auch zu sein, aus gutem Grund. Who ist das erste neue Album seit Endless Wire aus dem Jahr 2006, und es ist eine überzeugende, elf Stücke umfassende, Sammlung geworden. Vor dem Attribut „Spätwerk“ sträubt man sich schon deshalb, weil Townshend und auch Sänger Roger Daltrey (75) auf Songs wie Hero Ground Zero oder Ball And Chain mehr nach Mittzwanzigern als nach Mittsiebzigern klingen.

Mr. Townshend, sind Sie vor Veröffentlichung eines neuen Albums noch nervös?

Ja, selbstverständlich. Die Gewissheit habe ich ja nie, und ich möchte natürlich, dass die Menschen meine Arbeit schätzen. Klar ist, dass sie unsere alten Sachen lieben, aber neue Musik ist immer ein Spiel mit unklarem Ausgang.

Warum wollten Sie überhaupt ein neues Album machen?

Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel live gespielt. Irgendwann entschied ich, nur noch zu touren, sofern wir auch neue Musik haben. Ich wollte mich weiter wie ein aktiver Komponist fühlen. Ich bin durchaus glücklich damit, mir selbst einzureden, als junger Mensch großartige Musik geschrieben zu haben. Ich fürchte mich auch nicht vor der Nostalgie. Aber auch wegen des Internets, wo man echt alles hören kann, was man will, habe ich dieses Jucken gekriegt, dieses Gefühl „Verdammt, da draußen ist so viel geile Musik, ich will ein Teil davon sein“.

Wie stark orientieren Sie sich beim Schreiben an Ihrem bisherigen Schaffen?

Das funktioniert nicht. Früher klang alles, was wir spielten, sofort wie The Who. Heute nicht mehr. Die Hälfte von The Who lebt nicht mehr. Den alten Sound aufzukochen, würde sich falsch anhören. Also habe ich es erst gar nicht versucht, sondern unmittelbar für Roger geschrieben. Roger ist bis heute archetypisch für den Who-Sound. Und ich finde, er singt heute besser als je zuvor.

Also blenden Sie die Klassiker aus?

Okay, ein paar Konzessionen mache ich schon. Es steckt ja doch tief in einem drin. Und so sind I Don’t Wanna Get Wise und All This Music Must Fade sehr ähnlich strukturiert wie The Kids Are Alright.

Sie schreiben in I Don’t Wanna Get Wise die Zeile „We tried hard to stay young“. Was halten Sie selbst vom Altwerden?

Ich mag das Wissen, das sich mit den Jahren in einem sammelt. Die Weisheit wird größer. Ich mag auch die immer besser werdende Intuition. Ich glaube sogar daran, dass wir mit dem Alter gewisse hellseherische Fähigkeiten entwickeln. Dieser Song jedenfalls dreht sich eher darum, eben nicht zu altersweise sein zu wollen, da ein alter Knacker alle anstrengt (lacht). Alt zu werden ohne alt zu werden – das ist die Lösung.

Sind Sie heute der glücklichste Pete Townshend, der Sie je waren?

Ja, ich denke schon. Kürzlich traf ich Elton John zum Abendessen in Südfrankreich, und er sagte das gleiche. Bei ihm liegt das zum Teil daran, dass er noch ziemlich kleine Kinder hat und eine sehr stabile Ehe, aber es spielt auch mit rein, dass er Drogen und schwere Zeiten überlebt hat und dass er seine Defizite und seine Schwächen heute akzeptieren kann. Und, da waren wir uns einig: Irgendwann ist man alt genug, um sagen zu können: „I don’t give a fuck“ (lacht).

Sie haben 55 Jahre Rock’n’Roll ganz gut überstanden, oder?

So kann man sagen, ja. Zumal es zwei Menschen aus unserer Band – Keith Moon und John Entwistle – sowie unsere beiden geliebten Manager Kit Lambert und Chris Stamp nicht bis hierher geschafft haben. Und irgendwo fühlst du dich schuldig, hast ein schlechtes Gewissen, dass du noch am Leben bist. Weil du ja auch nicht großartig besser warst als die anderen.

Sie haben aber gesünder gelebt als etwa Keith Moon?

Gar nicht mal so sehr. Ich steckte nicht so tief in den Drogen drin wie andere, ich hörte 1967 mit Marihuana auf. Aber ich trank viel. Sehr viel. Ich habe zum Glück eine gute Leber.

Haben Sie mit 20 gedacht, diesen Job mit Mitte 70 noch zu machen?

Ich hätte sicher nichts dagegen gehabt. Aber mir gefiel es nicht, in einer Band zu sein. Dieses Konstrukt „Band“ war für mich immer wie so ein Sicherheitsnetz. Als Kind hatte ich Probleme, meine Eltern ließen mich im Stich, ich wurde missbraucht, ich kam mit sieben zurück zu meinen Eltern und hatte eine bessere Zeit, aber als Teenager bin ich definitiv nicht gut damit zurechtgekommen, ein Teenager zu sein.

Welcher Teenager tut das schon?

Auch wieder wahr. Ich war als Kind viel allein und vielleicht auch deshalb jemand, der Mitglied einer Bande werden wollte. Wäre ich kein Teil von Roger Daltreys Bande geworden, dann von einer anderen. Ich war ein ängstlicher, schüchterner Mitläufer, kein Anführer. Ich brauchte den Halt einer Gemeinschaft. Später dann mit 16, ab 1961, kam ich auf die Kunsthochschule. Auf dem „Ealing Art College“ klärte sich für mich vieles, ich wurde selbstsicherer und merkte zum ersten Mal, wie wundervoll Frauen sind.

Dafür, dass Sie es nicht mögen, in einer Band zu sein, ziehen Sie das schon lange durch.

Weil es leicht für mich ist. Und weil ich gut in dem Job bin. Roger tickt ganz anders. Er liebt die Gewissheit, sich mit dem Publikum zu verbinden, Roger ist von Herzen eine Rampensau. Und ich liebe das Gefühl, als Komponist die Menschen zu erreichen. Ehrlich gesagt, würden mir die Live-Auftritte nicht sehr fehlen. 85.000 Leute fangen an zu schreien, wenn ich mit meinem Arm kreise (macht die Bewegung nach). Aber den meisten ist es egal, ob ich ein geiles Gitarrensolo spiele oder nicht. Aber die paar hundert Leute, die mir persönlich gesagt haben, das Quadrophenia-Album hätte ihr Leben verändert, die tun mir unendlich gut.

„Tommy“, „The Wall“ und Co.: Was wurde eigentlich aus der Rockoper?

Hat sich Ihr Verhältnis zu Roger Daltrey über die Jahre gebessert?

Oh ja. Definitiv. Speziell seit dem Tod von John Entwistle 2002, durch den für uns die Räume größer wurden. Diesen Raum wollten wir nicht, weil wir die Magie von Keith und John verloren haben, aber als Künstler und Partner hat uns der Verlust der beiden nähergebracht. Wir verstehen uns heute sehr viel besser als je zuvor, was außergewöhnlich ist.

Warum außergewöhnlich?

Wir kannten uns, seit wir 15, 16 waren und mochten uns echt nie besonders gut leiden. Aber heute tun wir das.

Sind Sie Freunde?

Ja, wir sind gute Freunde. Wir vertrauen uns und wir erzählen uns stets die Wahrheit, was ich sehr wichtig finde. Und streiten haben wir auch gelernt. Streiten, ohne sich beleidigt in die Ecke zu verziehen. Aber wir verbringen nicht viel Zeit zusammen.

Sie sagen über das Who-Album, dass es frei von Romantik und Nostalgie sei. Aber das stimmt nicht so ganz, oder? Das schöne, melancholische und beinahe schon akustische I’ll Be Back greift das Ende einer Liebe auf, das vom Jazz inspirierte Piano-Stück She Rocked My World ist wohl auch ein Liebeslied.

Yeah. She Rocked My World ist ein funktionelles Lied über eine Liebesbeziehung. Weniger romantisch, eher faktisch. Und I’ll Be Back spricht nicht so sehr über eine verlorene Liebe, sondern über die Liebe, Punkt. Ich denke, wenn einmal Liebe da ist, ist immer Liebe da. Du sagst doch einer Frau nicht „Ich liebe dich“, und dann drei Wochen später „Ich liebe dich nicht mehr“.

Wie wild haben Sie den Sex-Aspekt des Rock’n’Roll-Musikerseins ausgelebt?

Nicht genug.

Sie hätten gern mit mehr Frauen geschlafen?

Nein, das will ich nicht sagen. Ich war immer ziemlich zufrieden. Auf der Kunsthochschule lernte ich ein Mädchen kennen, Karen, das zwei Jahre jünger war als ich, wir heirateten, bekamen drei Kinder und blieben dreißig Jahre lang zusammen. Und seit mittlerweile zwanzig Jahren bin ich glücklich in meiner Beziehung zu Rachel, seit drei Jahren sind wir zudem verheiratet. Aber ich war keiner von den Jungs, die Gitarrist wurden, um mit mehr Mädchen zu schlafen.

Und Ihre Bandkollegen?

Nun ja, die schon. Sie wollten Frauen, Geld und Ruhm. Bekamen sie auch.

Waren Sie treu?

Ich hatte die eine oder andere Affäre auf unseren vielen Tourneen, aber längst nicht so viele wie die meisten anderen.

Als Sie Anfang der Sechziger anfingen, war Rockmusik eine Sache der jungen Leute. Heute scheint Rockmusik eher die Domäne der Älteren zu sen. Wie empfinden Sie das?

Nicht als so schwarz und weiß. Viele Hip-Hop-Produzenten holen sich neuerdings Rockmusiker ins Studio, um den eher engen, stark von Beats dominierten Horizont ihrer Stücke zu erweitern. Ich denke ganz bestimmt nicht, dass Rock’n’Roll-Musik nur noch etwas für alte Leute ist.

„I Hope I Die Before I Get Old“ haben Sie einst in Ihrem Song My Generation geschrieben.

Der Satz hatte nichts mit dem Alter zu tun. Ich bin wenige Tage nach Ende des Krieges geboren, wir wuchsen in Frieden und zunehmendem Wohlstand auf, es ging uns gut. Wir waren die Boomer. Aber wir hatten keinen Zweck, keine Mission. Den Song My Generation schrieb ich mit 18. Ich war so jung, und ich wollte mich abgrenzen, sagen: „Wir werden nicht so leben wie ihr Alten. Wir werden es anders machen.“

Die aktuelle Jugend ist aktiver, oft auch wütender. Was sagen Sie dazu?

Ich finde das phantastisch. Bei uns war es so, dass die Hippie-Bewegung viel von der Wut der Nachkriegsgeneration geschluckt und absorbiert hat. Und allgemein war ich mir nie sicher, ob Politik eine Rolle in der Rockmusik spielen sollte, spielen müsste. Heute denke ich, ja, sie hat eine Rolle.

Sie haben eine Menge Zeugs erfunden: Tommy war die erste Rock-Oper, aber Sie haben auch Instrumente auf der Bühne kaputtgeschlagen und so manches Hotelzimmer verwüstet. Wie schauen Sie mit fünfzig Jahren Abstand auf diese Aktivitäten?

(lacht) Ich hoffe inständig, dass ich nicht dafür in Erinnerung bleiben werde, Hotelzimmer verwüstet zu haben. Aber okay, war so. Soll keine Entschuldigung sein, aber wenn du so lange unterwegs bist, wird das Hotelzimmer zu einer Art Feind. Heute nicht mehr, ich käme im Traum nicht mehr auf den Gedanken, irgendwas kaputt zu machen. Teil des Problems war, dass die Hotels uns das Gefühl gaben, nicht willkommen zu sein. Man hielt uns für Radikale, für Wüstlinge. Und das macht dich natürlich dann erst recht sauer.

Sie werden 2020 wieder touren. Wie weit gucken Sie nach vorne?

Ich möchte gern noch mehr Lieder schreiben. Wir waren so viel auf Tour, dass mein Songwriting darunter gelitten hat. Und ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe. Aber wir werden schon ordentlich viel live spielen, schon allein, damit die jungen Leute uns sehen. Also möglicherweise, das ist zumindest der grobe Plan, schaffen wir es im September nach Mitteleuropa und nach Deutschland.

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