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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.5.1965 kommt Trent Reznor von Nine Inch Nails zur Welt.

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Trent Reznor 2017 - Foto: Rich Fury/Getty Images for FYF

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.5.1965.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

„You get us closer to god“: Kaum jemand darf uns Musikliebende so sehr mit Düsternis, Schmerz und Obszönitäten konfrontieren wie Trent Reznor. Nicht umsonst nennt man ihn „Prince of Pain“. Doch das Multitalent, das am 17. Mai 1965 das Dunkel der Welt erblickt, liefert weit mehr als das. Wir gratulieren dem Sänger, Songwriter und Produzenten.

Hört hier in Ghosts V: Together rein, das erste der beiden aktuellen Alben:

Ihren Anfang nimmt die Geschichte im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania, wo Klein-Trent bei den Großeltern aufwächst. Dass Mutter und Vater sich trennen, hinterlässt natürlich Spuren, ansonsten bezeichnet er seine Kindheit jedoch als sehr behütet: „Es war nicht schlecht dort, aber viel mehr außer Maisfelder gab es nicht. Meine Lebenserfahrung kam von Filmen, vom Fernsehen und aus Büchern.“

Musiker, Komponist, Produzent

Vermutlich schnappt er dort irgendwann seine finsteren Einflüsse auf, denn das Lehrpersonal an seiner Schule kennt ihn sonst als gutgelaunt und freundlich. Die Diskrepanz zu dem düsteren Rockgott, der Ende der Achtziger unter dem Namen Nine Inch Nails auf dem Radar der Musikindustrie auftaucht, könnte kaum größer sein. Er schockiert mit Texten voller Sex, Religionskritik und Identitätszweifeln. Dazu gibt es rohe Beats und angespannte Vocals, wie es sich beim Industrial eben gehört. Wie das wiederum mit gängigen Popformeln zusammengeht, kann keiner so recht sagen, aber Reznor kriegt es irgendwie hin.

Hier zeichnet sich ein Muster ab: Welche Erwartungshaltung man auch an ihn stellt, was man auch glaubt, über ihn zu wissen, man darf es gleich wieder vergessen. Erstens kommt es anders, und zweitens Trent Reznor.

Abgründe in der Musik wie im Privaten

So verhält es sich dann auch mit den Drogen, die in den Neunziger Jahren verstärkt die Rockszene heimsuchen. Als seine Großmutter verstirbt, gerät Reznors Konsum allmählich außer Kontrolle; Depressionen belasten den jungen Mann zusätzlich. Während seine Kollegen an der Sucht zugrunde gehen, realisiert der Multiinstrumentalist das Ausmaß seines Problems: „Irgendwann hatte sich diese Facette meiner Persönlichkeit erschöpft. Ich musste meine Prioritäten klären, war extrem abhängig geworden, also nahm ich ein paar Jahre frei. Ich musste mein Leben auf die Reihe kriegen und herausfinden, was schiefgelaufen war.“ Dass er zwischenzeitlich das Haus der Manson-Morde bewohnt, dürfte nicht eben stimmungsaufhellend wirken.

Die Auszeit zeigt Resultate; zwar liefert er davor schon mit Alben wie Pretty Hate Machine (1989) und The Downward Spiral (1994) Erfolge ab, aber als dann 2005 With Teeth erscheint, kann man sich der Langlebigkeit Reznors endlich sicher sein. Däumchen dreht er in der Pause natürlich nicht, vielmehr erweitert er das Portfolio mit namhaften Referenzen: Als Produzent verantwortet er einige Werke von Marilyn Manson, 1997 tritt er in David Bowies Video zu I’m Afraid Of Americans auf. Wem das noch zu nah am bisherigen Katalog des Sängers liegt, der darf während eines offiziellen Remixes des Tracks Victory von Puff Daddy den Produktionskünsten des NIN-Kopfes lauschen.

Referenzen in ansehnlicher Kampfklasse

Meist scheut Reznor dabei das Rampenlicht. Sein Auftritt bei den Grammys kommt 2014 also ziemlich aus dem Abseits; aber wenn Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac, Dave Grohl und die Langzeit-Kumpel Queens Of The Stone Age bitten, dann folgt selbst der Closer-Komponist. Wenn auch widerwillig: „Ich habe lange über das Für und Wider gegrübelt. Wollen wir in einer beschissenen TV-Show auftreten? Nein, nicht wirklich. Wollen wir mit den Grammys in Verbindung gebracht werden? Nein, nicht wirklich. Wollen wir ein großes Publikum erreichen und etwas Integres nach unseren eigenen Vorstellungen auf die Beine stellen? Nun, eigentlich schon.“ Der Auftritt fällt letztlich dem Schnitt zum Opfer, es bleibt lediglich die Aufzeichnung der Probe.

Privat läuft es mittlerweile ohnehin so gut, dass man ruhig mal das ein oder andere Risiko eingehen kann. 2009 heiratet Reznor die Musikerin Mariqueen Maandig, Kind Nummer fünf kommt im Januar 2020 zur Welt. Mit ihr und Kollege Atticus Ross gründet er das Nebenprojekt How To Destroy Angels. Ross und er komponieren zudem ganz schön erfolgreich Filmmusik; Kontakte kann Trent in dem Bereich ja auch genug vorweisen. Unter anderem steuerte er selbst zu den Soundtracks von Natural Born Killers, The Crow und Lost Highway bei, was die Ross-Koproduktionen für The Social Network, Gone Girl und Bird Box erklärt. Nebenbei findet das Arbeitstier auch noch Zeit, Apple bei der Lancierung des Streaming-Services Apple Music zu helfen. 

Harte Schale, weicher Kern

Woher Reznor in einer globalen Pandemie die Energie für ein Doppelalbum nimmt, können wir beim besten Willen nicht sagen, aber im März 2020 veröffentlicht er eben jenes gemeinsam mit Atticus Ross, der sich seit 2016 als vollwertiges Mitglied der Nine Inch Nails bezeichnen darf. Ghosts V: Together und Ghosts VI: Locusts schließen an das Instrumentalalbum Ghosts I-IV von 2008 an. 

Bezahlen müssen Fans dafür nichts, vielmehr geht es Reznor um emotionale Verbindung und Solidarität zu Zeiten einer weltweiten Krise. Wenn das den Kerl nicht beschreibt, können wir es auch nicht besser. Happy Birthday, Mr. Reznor!

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