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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.1.1984 stirbt Blues-Legende Alexis Korner.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.1.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Alexis Korner gilt als einer der wichtigsten Drahtzieher der britischen Blues-Szene. So ebnet er zu Beginn der Sechziger nicht nur Eric Clapton und John Mayall den Weg, sondern auch den Rolling Stones. Am 1. Januar 1984 erliegt der Musiker einer Krebserkrankung.


Hört hier in die besten Songs von Alexis Korner rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Stücke.

Korner kommt am 19. April 1928 in Paris zur Welt und wächst multikulturell auf, kriegsbedingt vor allem in England. So flüchten sein jüdischer österreichischer Vater, seine griechische Mutter und er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit einem der letzten Schiffe nach Großbritannien. Schon vorher zieht die Familie mehrfach um, Korner lebt in der Schweiz, in Frankreich und in Nordafrika.

Der Krieg bringt den jungen Briten mit der US-amerikanischen Kultur in Berührung, und er entdeckt die Blues-Musik. Den Ausschlag gibt ein Album von Jimmy Yancey, das er während eines deutschen Luftangriffs hört. „Von da an“, gibt er später in einem Interview zu Protokoll, „wollte ich nur noch Blues spielen.“

Als der Krieg vorbei ist, lernt Korner Klavier und Gitarre. 1949 tritt er Chris Barber’s Jazz Band bei, 1952 der Ken Colyer Jazz Group, die mit Chris Barbers Gruppe fusioniert. Zu jener Zeit lernt er auch Cyril Davies kennen. Die beiden Musiker stellen ihre gemeinsame Begeisterung für den Blues fest und spielen ab 1954 zahlreiche Konzerte als elektrisch verstärktes Duo. Die Shows finden unter anderem im London Blues And Barrelhouse Club statt, wo die zwei Künstler nicht nur selbst auftreten, sondern auch US-amerikanische Größen buchen. Schon bald pilgern Fans aus ganz England in den Club. Ihr erstes Album nehmen die beiden 1957 auf.

Eine Momentaufnahme des Brit Blues, von links nach rechts: Dave Stevens, Dick Heckstall-Smith, Alexis Korner, Jack Bruce, Mick Jagger und Cyril Davies.

1961 gründen Korner und Davies die Supergroup Blues Incorporated, für die sie zum Beispiel den heutigen Rolling Stones-Drummer Charlie Watts rekrutieren. Darüber hinaus geben sich zahlreiche Gastmusiker die Klinke in die Hand wie zum Beispiel Brian Jones, Eric Clapton, Keith Richards oder auch Art Wood, der ältere Bruder von Ron Wood.



Als in England immer mehr Musik-Clubs dicht machen, beschließt das Duo im März 1962, einen eigenen Laden zu eröffnen, den Ealing Club. Das Angebot kommt an, und die Zuschauerzahlen stimmen. Zu den freudigen Gästen des neuen Seziertes gehören unter anderem die Rolling Stones und Manfred Mann. Einen ganz besonderen Einfluss nehmen Korner und Davies auf John Mayall, der später in zahlreichen Interviews erzählt, der Laden habe ihn dazu inspiriert, die Bluesbreakers zu gründen.



Im Mai, also zwei Monate nach Eröffnung des Clubs, erhalten Blues Incorporated ein festes Engagement im Londoner Marquee Club. Die ersten Musikfunktionäre werden auf die Band aufmerksam, einen weiteren Monat später tritt Plattenproduzent Jack Good an die Musiker heran. Er möchte ein Konzert der Band mitschneiden und veröffentlichen. Das Ergebnis: R&B From The Marquee (1962).

Kurz nach der Veröffentlichung überwirft sich das Duo: Korner möchte Bläser einsetzen, Davies quittiert seinen Dienst. 1963 wird Alexis Korner dann von dem Trend überrollt, den er selbst losgetreten hat. Mit den Rolling Stones, den Animals und den Yardbirds konkurriert er gegen junge Bands, die sich besser zu verkaufen wissen und kommerziellere Songs schreiben. Weiter geht es für ihn trotzdem, wenn auch nicht auf der großen Bühne.



Er beginnt damit, den Five O’Clock Club zu moderieren, eine britische Kindersendung. Das Engagement nutzt er, um dem Nachwuchs US-amerikanische Blues- und Jazzmusik nahe zu bringen. Darüber hinaus schreibt er für zahlreiche Musikzeitschriften — während Mick Jagger und Co. deren Titelseiten zieren.


Auch als Musiker bleibt er aktiv. Im Frühjahr 1968 nimmt er einige Songs mit dem zukünftigen Led Zeppelin-Frontmann Robert Plant auf, doch ein gemeinsames Album wird nie fertig. Live läuft es für Korner vor allem außerhalb seines Heimatlandes gut, besonders in Skandinavien, wo er regelmäßig gebucht wird. Dort lernt er auch Peter Thorup kennen, mit dem er die Band New Church gründet. Als Brian Jones und die Rolling Stones getrennte Wege gehen, überlegt der Gitarrist kurz, ob er bei Korner anheuert, doch der Grandseigneur lehnt ab. Er möchte nicht, dass seine neue Band Gegenstand öffentlicher Kontroversen wird.

Alexis Korner und sein langjähriger Partner Peter Thorup 1968 in Bremen. – Credit: Pottz/Wiki Commons

Während der Siebziger landet Alexis Korner schließlich doch noch einen großen Hit, wenn auch nicht aus eigener Feder. Gemeinsam mit Thorup leitet er die 25-köpfige Big Band C.S.S., die eine Cover-Version des Led Zeppelin-Hits Whole Lotta Love einspielt. Der Song stürmt die britischen Charts, zieht eine Tour nach sich, und die Gruppe erhält Einladungen ins Fernsehen.



Korner nutzt die Erfolgswelle und stellt die Compilation Bootleg Him (1972) zusammen, für die er zahlreiche Raritäten aus seinem privaten Archiv kramt, unter anderem die Aufnahmen mit Robert Plant, aber auch Stücke mit Mick Jagger und Charlie Watts. Mitte der Siebziger bildet Korner zum ersten Mal ein Duo mit seinem langjährigen Partner Colin Hodgkinson. Als Mick Taylor 1975 die Rolling Stones verlässt, wird Korner sogar als möglicher Nachfolger gehandelt. Den Zuschlag erhält allerdings Faces-Gitarrist Ron Wood.



1981 gründet Korner die letzte Supergroup seiner Karriere: Für Rocket 88 rekrutiert er Jack Bruce am Kontrabass, Ian Stewart am Piano und Charlie Watts am Schlagzeug. Begleitet von einigen Bläsern und Keyboardern tourt die Band durch Europa. 1981 erscheint mit Rocket 88 ein Album.



Gegen Mitte der Achtziger wird Korner eine schlechte Angewohnheit zum Verhängnis. Der jahrzehntelange Kettenraucher klagt über starke Kopfschmerzen und sucht ein Krankenhaus auf. Die Ärzte können zunächst nichts feststellen und schicken den Musiker wieder nach Hause. Am 1. Januar 1984 erliegt er mehreren Tumoren in Kopf und Lunge.

Alexis Korner gehört weder zu berühmtesten, noch zu den kommerziell erfolgreichsten Musikern — sicher aber zu den wichtigsten. John Mayall, die Rolling Stones und Eric Clapton gäbe es vermutlich auch ohne ihn. Ob sie sich ohne Korners Vorarbeit zu den größten britischen Bluesmusikern aller Zeiten entwickelt hätten, sei aber dahingestellt. Ruhe in Frieden!


Credit Header-Bild: Harald Bischoff/Wikimedia Commons

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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.8.1959 erscheint „Kind Of Blue“ von Miles Davis.

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.8.1959.


von Timon Menge und Christof Leim

Kind Of Blue gehört zu den schlichtesten Aufnahmen der Musikgeschichte, aber auch zu den wichtigsten und schönsten. Am 2. März und am 22. April 1959 spielen Miles Davis und seine sechs Mitmusiker die Platte ein, am 17. August 1959 erscheint sie. Werfen wir zum Geburtstag einen Blick auf das Jahrhundertwerk des Jazz.

Hier könnt ihr euch Kind Of Blue anhören:

Ende des Jahres 1958 gehören Miles Davis und seine Bandmitglieder zu den gefragtesten Jazzmusikern New Yorks. Die Gruppe spielt einerseits Klassiker des Bebop, andererseits ein Repertoire von Popsongs. Wie im Jazz üblich, reichern die Künstler ihre Nummern mit Improvisationen an, die zu den Akkordfolgen der Stücke passen. Wie viele andere Musiker stört sich allerdings auch Davis zunehmend an den engen Grenzen der Richtung — und schlägt einen anderen Weg ein.

Diese fünf Musiker wurden erst etwas später berühmt

Die Aufnahmen zu Kind Of Blue finden an zwei Tagen in den 30th Street Studios in New York City statt. Am 2. März 1959 spielen Davis und seine Band, zu der auch Jazzlegende John Coltrane gehört, die Songs So What, Freddie Freeloader und Blue In Green ein. All Blues und Flamenco Sketches folgen am 22. April. Entgegen der landläufigen Meinung, das Album sei während nur eines einzigen Versuchs entstanden, befindet sich wahrheitsgemäß kein einziger sogenannter „First Take“ auf der Platte.

Vor den Sessions haben Davis’ Mitmusiker beinahe keine Gelegenheit zum Üben. Sie wissen noch nicht einmal so genau, was sie überhaupt einspielen sollen. In den Liner Notes kann man nachlesen, dass der Bandleader im Vorfeld gerade einmal grobe Skizzen mit einigen Tonleitern und Melodieabläufen verteilt. Als sich die Instrumentalisten im Studio einfinden, gibt Davis ihnen eine kurze Einweisung zu den einzelnen Songs, und die Aufnahme eines der wohl wichtigsten Jazzalben aller Zeiten beginnt. 

An dieser Stelle in das weite Feld der Kirchentonarten, Halbtonschritte und Modi einzusteigen, würde den Rahmen sprengen. Halten wir daher Folgendes fest: Mit Kind Of Blue entfernen sich Davis und seine Mitmusiker von den seinerzeit üblichen Dur-/Moll-Tonleitern und greifen auf eine wesentlich umfangreichere Trickkiste zurück. Dadurch schaffen sie nicht nur deutlich mehr Abwechslung, was die grundlegenden Songstrukturen betrifft, sondern vor allem jede Menge Raum für vielfältige Improvisation.

Bis heute behält Kind Of Blue seinen Legendenstatus. Ob im Jazz, in der Klassik oder im Pop: Die meisten Experten teilen die Meinung, dass Miles Davis mit seinem größten Erfolg die Musikwelt umgekrempelt hat. Mehr als sechs Millionen Mal geht das Werk über die Ladentheke, in den USA genießt das Album vierfachen Platinstatus, ein sagenhafter, fast pop-esquer Maßstab.

Miles Davis 1984 – Foto: David Gahr /Getty Images

Zeitsprung: Am 8.11.1985 spielt Miles Davis den Bösen bei „Miami Vice“.

 

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Popkultur

Eine ahnungslose Gospelband, ein Blitzlogo und ein Besuch von Bruce Springsteen: 3 Anekdoten, die nur aus dem Leben von Elvis stammen können

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Elvis Presley
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Seit inzwischen 45 Jahren müssen wir ohne Elvis Presley auskommen. Am 16. August 1977 verstarb der „King“ im Alter von nur 42 Jahren. Doch bis heute ranken sich zahlreiche Legenden und Geschichten um den ersten aller Rockstars. Drei davon haben wir für euch aufgeschrieben — darunter auch ein ungebetener Besuch vom „Boss“.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch den Soundtrack zum Biopic Elvis von Regisseur Baz Luhrmann anhören:

1. Mit 19 wurde Elvis von einer Gospelgruppe abgelehnt.

Genau wie die Beatles einmal legendär abgelehnt wurden, musste auch der „King Of Rock’n’Roll“ zu Beginn seiner Laufbahn mit allerhand Zurückweisung zurechtkommen. So attestierte ihm sein Musiklehrer in der Schule zum Beispiel, dass Elvis nicht besonders gesangsbegabt sei. So kann man sich täuschen. Im Alter von 19 Jahren bewarb sich Elvis Presley außerdem bei den Songfellows, einem Ableger der deutlich berühmteren Gospelgruppe The Blackwood Brothers. Doch die Band lehnte ihn ab. Als wenig später ein Platz bei den Songfellows frei wurde, weil eines der Mitglieder zu den Blackwood Brothers wechselte, sollte der „King“ noch eine Chance bekommen. Zu jener Zeit hatte Elvis allerdings schon einen Plattenvertrag mit Sun Records((LINK)) unterschrieben. Der Rest ist Geschichte.

2. Ein Gewitter während eines Flugs nach Memphis lieferte die Inspiration für das legendäre TCB-Logo — oder doch nicht?

Wie genau das ikonische TCB-Logo [kurz für: „Taking Care of Business“] entstand, das sich Elvis als Halskette für seine Band wünschte, daran scheiden sich bis heute die Geister. Eine weit verbreitete Theorie lautet, dass Elvis ein so großer Fan von Captain Marvel Jr. war, dass er nicht nur dessen Optik imitierte, sondern auch den Blitz vom Cape des Comic-Superhelden übernahm. Eine andere Meinung vertritt Elvis’ Cousin Billy Smith, der sich sicher ist, dass Elvis den Blitz aufgrund seiner Zeit bei der US Army verwendete. „Es war das Abzeichen seines Bataillons“, gibt Smith in einem Interview zu Protokoll. Das stimmt, wie ihr hier sehen könnt. Wiederum anderer Meinung ist Elvis’ Ex-Frau Priscilla, die kürzlich in einem Interview mit der Vogue erzählte: „Die TCB-Halskette habe ich entworfen. Wir saßen in einem Flugzeug nach Memphis und er [Elvis] sagte zu mir, dass er sich ein Schmuckstück wünscht, das nur für seine Jungs entworfen wurde, also für TCB. Während des Flugs fing es an zu regnen und am Himmel war ein Blitz zu sehen. Ich habe mir den Blitz angeschaut, ihn aufgemalt und die Buchstaben TBC darüber gesetzt. Dann habe ich ihn gefragt, ob es das ist, was er meint. Und er sagte: ‚Oh Gott, das ist es.‘ Wer hätte ahnen können, dass dieses Symbol einmal so bekannt werden würde? Ich werde mich ewig darüber ärgern, dass ich kein Patent darauf habe.“ Wie genau das Logo entstanden ist, wird also wohl immer ein Geheimnis bleiben. Wir Fans dürfen uns immerhin über gleich drei unterschiedliche Geschichten dazu freuen.

3. Am 29. April 1976 bekam der „King“ Besuch vom „Boss“. Zumindest fast.

Fans tun manchmal die verrücktesten Dinge, um ihren Stars ein wenig näher zu kommen. Besonders unterhaltsam wird es, wenn die Fans selbst Superstars sind. Im April 1976 war Bruce Springsteen schon längst in der Rock’n’Roll-Champions-League angekommen, allerspätestens mit seinem dritten Album Born To Run (1975) und der dazugehörigen Tour. Dennoch ist der „Boss“ auch selbst noch Fan und geht in der Nacht vom 29. April 1976 einen kliiitzekleinen Schritt zu weit, um seinen großen Helden Elvis Presley kennenzulernen. Statt einen Termin mit dem „King“ auszumachen, entscheidet sich Springsteen nämlich für einen anderen Weg: Gegen drei Uhr morgens erklimmt er die Mauer von Elvis’ Anwesen Graceland, nimmt die Beine in die Hand und rennt mit Vollgas auf das Haus seines Idols zu. Dort brennt sogar noch Licht, doch bis zur Tür kommt der „Boss“ gar nicht. Einer von Elvis’ Wachmännern ringt den jungen Musiker nieder und geleitet ihn vom Gelände. „Ich bin auch berühmt!“, lässt Springsteen den Wachhabenden wissen. Der wiederum erklärt dem begeisterten Fan, dass Elvis gar nicht zu Hause sei, sondern am Lake Tahoe verweile. Dumm gelaufen. Gut ein Jahr später stirbt Elvis; Springsteen lernt er vorher nicht mehr kennen. Doch wer ganz genau hinschaut, kann erkennen, dass der „Boss“ dem „King“ schon vor seiner Einbruchsaktion auf dem Cover von Born To Run die Ehre erwies:

the king cover

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„Moody Blue“: Elvis Presleys allerletztes Studioalbum wird 45

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Popkultur

Zeitsprung: Am 16.8.1994 gedenkt Neil Young Kurt Cobain.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 16.8.1994.

von Thilo Hornschild und Christof Leim

Es muss ein beklemmendes Gefühl sein, in einem Abschiedsbrief zitiert zu werden. Vor allem, wenn ihn Kurt Cobain geschrieben hat, die wohl wichtigste amerikanische Pop-Ikone der Neunziger. Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber von Nirvana nimmt sich am 5. April 1994 das Leben – und fügt seiner letzten Botschaft eine Zeile aus Neil Youngs Stück Hey Hey, My My hinzu: „It’s better to burn out than to fade away“. Dieses tragische Ereignis fällt zeitlich in die Produktion von Youngs zwanzigstem Album Sleeps With Angels und beeinflusst den Kurs der Platte maßgeblich.

Hier könnt ihr euch Sleeps With Angels anhören:

 

Musikalisch gerät das Werk recht vielseitig: Vom ätherischen Jam bis zum One-Chord-Rocker zelebriert Young eine klassische Crazy-Horse-Platte. Nebenbei spielt er hier übrigens zum ersten und einzigen Mal Blockflöte. Thematisch fasst er sich allerdings enger, es geht immer wieder um Tod, Selbstmord und Waffen. Interessanterweise lebt Cobain bei der Entstehung der meisten Stücke noch.

Neil Young Anfang der Neunziger – Foto: Greg Allen

Dann erreicht Young die Schocknachricht: „Als er gestorben ist und diesen Brief hinterlassen hat“, berichtet der damals 49-jährige Musiker, „hat mich das tief berührt.“ Tatsächlich stand die Albumproduktion schon kurz vor dem Abschluss, doch dann fliegt Young – während eines Prominenten-Golfturniers – ein Song zu, mit dem er Cobains unzeitiges Ableben zu verarbeiten versucht. Er notiert ihn auf einem Streichholzheftchen: 

He wasn’t worried / At least he wasn’t alone (too late)

He sleeps with angels (too soon) / He’s always on someone’s mind

He sleeps with angels (too late) / He sleeps with angels (too soon)

Am 25. April 1994 nimmt Young den Song in den Complex Studios in Hollywood auf. In typischer Crazy-Horse-Manier entsteht ein wüster Jam von 21 Minuten Länge, der schlussendlich auf 2:44 Min heruntergebrochen und zum Titeltrack des Albums erkoren wird.

Natürlich konnte der kanadische Rocker nicht übersehen, dass mit Cobain etwas nicht stimmte. Neben der öffentlichen Drogensucht, chronischen Magenschmerzen, einem rigiden Tourplan und einer ziemlich exzentrischen Gattin litt der Nirvana-Kopf unter schweren Depressionen, die Songtiteln wie I Hate Myself And I Want To Die eine erschreckende Note verleihen. Wie Young in seiner Autobiografie Waging Heavy Peace verrät, hatte er versucht, Cobain eine andere Perspektive zu vermitteln, ihm den Druck zu nehmen und geraten, nur zu spielen, wenn ihm danach war. (In diesem Interview spricht er darüber.)

Generell zementiert Young auf Sleeps With Angels, der siebten Platte mit den treuen Begleitern von Crazy Horse, seine Patenschaft über die Grunge-Bewegung. Denn Neil Young ist immer schon ein Querdenker gewesen, ein Künstler, der kompromisslos auf seine innere Stimme vertraute. Diese Haltung lässt ihn bei den jungen Musikern gut aussehen; er steht für Integrität und kreativ-dreckiges Gitarrenspiel. 

Sleeps With Angels bildet hier keine Ausnahme und hält alles parat, was man von Neil Young hören möchte. Dazu gehören auch Eigensinnigkeiten wie Tatsache, dass Train Of Love und Western Hero zwar unterschiedliche Texte haben, aber musikalisch völlig identisch ausfallen. Daneben wabert sich das wunderbare Change Your Mind eine Viertelstunde lang meditativ durch hallschwangere Sphären, Piece Of Crap kommt tatsächlich punkig daher und könnte von den Minutemen oder den Meat Puppets stammen.

Es mutet schon bizarr an, dass eine veritable Laurel-Canyon-Hippie-Legende wie Young die Punk-Bewegung mit offenen Armen empfängt, hätte er doch in gewisser Weise durchaus ihr Feindbild verkörpern können. Doch Neil Young schlägt immer einen Haken, wenn es ihm zu eng wird, und zieht hellwach sein eigenes Ding durch. Und es scheint, als wolle er auch nach Sleeps With Angels weiter aufarbeiten, dass er Kurt Cobain nicht helfen konnte: 1995 geht er mit Pearl Jam ins Studio, um Mirrorball einzuspielen. Damit hat der sture Genre-Hopper nun auch noch ein reines Grunge-Album in seiner ohnehin schon eklektischen Diskografie. Sleeps With Angels mag man als Vorstufe davon verstehen.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Zeitsprung: Am 14.5.1969 erscheint „Everybody Knows This Is Nowhere“ von Neil Young.

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