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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.12.1982 spielen Kiss die erste Show mit Vinnie Vincent.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.12.1982.

von Christof Leim

1982 wollen Kiss wieder durchstarten: neues Album, neuer Gitarrist, neue Tour. Doch die Shows zu „Creatures Of The Night“ laufen nicht so, wie sie sollen. Am 29. Dezember 1982 steht Vinnie Vincent zum ersten Mal mit Kiss auf der Bühne. Da haben sie den ersten Schneesturm schon hinter sich…

Hört hier die Greatest Hits von Kiss:

Nach der Veröffentlichung ihres zehnten Albums Creatures Of The Night im Oktober 1982 stehen Kiss vor einem Problem: Ace Frehley hat sein Schminkkästchen genommen und die Band verlassen. Die Fans wissen das noch nicht, auf Pressefotos, in Videos, ja sogar auf dem Albumcover taucht der Gitarrist noch auf. Gespielt hat er auf der Platte indes nicht. Zwei Jahre zuvor war bereits Drummer Peter Criss ausgestiegen, so dass nur noch zwei Mitglieder der Originalbesetzung zur Mannschaft gehören.

Schwierige Zeiten

Schwerer wiegt die Tatsache, dass die Plattenverkäufe der Schminkemonster seit den goldenen Siebzigern massiv eingebrochen sind. Kiss haben sich zum einen immer mehr zu einem zahnlosen Merchandise-Vergnügen für die ganze Familie entwickelt. Zum anderen haben sie viele Fans mit einer Disconummer (I Was Made For Lovin’ You), poppigen Platten (Unmasked, Dynasty) und dem halbgaren Konzeptalbum Music From (The Elder) verschreckt.

Rückkehr zum Hard Rock

Jetzt müssen Kiss also abliefern – und das tun sie: Creatures Of The Night markiert die gekonnte Rückkehr zu kompromisslosem Hard Rock und nimmt sogar ein wenig frühen Achtziger-Metal mit. Dass nicht nur und nicht alle Bandmitglieder auf der Platte spielen, passiert keinesfalls zum ersten Mal. Diesmal übernehmen anstelle von Frehley unter anderem Rockjazz-Virtuose Robben Ford und Steve Farris von Mr. Mister die Leadgitarre. Gleich sechs Soli darf ein bis dahin unbekannter Musiker namens Vincent Cusano beisteuern, mit dem sich die beiden Chefs Paul Stanley und Gene Simmons so gut verstehen, dass sie zudem drei Songs mit ihm schreiben. Einer davon – I Love It Loud – wird sogar als erste Single ausgekoppelt.

Hoffnungsschimmer

Weil die Reaktionen auf die Platte gut ausfallen wie lange nicht mehr und die Fans sich darüber freuen, dass es endlich wieder ordentlich zur Sache geht, wollen Kiss die Gunst der Stunde nutzen und möglichst rasch in ihrem Heimatland auf Tour gehen. Doch auch dieses Thema birgt Schwierigkeiten: Seit einem einzelnen Konzert im Juli 1980 zum Einstand von Drummer Eric Carr haben sie wegen schwindender Nachfrage nicht mehr in den USA gespielt und sich stattdessen auf Europa, Südamerika und Australien konzentriert.

Cusano wird zu Vinnie Vincent

Vor allem aber fehlt ihnen ein Gitarrist. Deshalb machen sie Cusano zu ihrem neuen Bandmitglied, scheinen aber nicht ganz überzeugt zu sein. „Wir konnten entweder das Zeitfenster zu dieser Tour verpassen oder den Kerl mitnehmen“, schreibt Simmons in seiner Autobiografie Kiss And Make-Up. Cusano heißt fortan Vinnie Vincent und trägt das Make-up des „Ankh Warrior“, das einen ägyptischen Krieger darstellen soll und unter Zeitdruck von Paul Stanley ersonnen wird. Auf dem Werbematerial zur Tour ist anfangs weiter Ace Frehley zu sehen; eine Pressemeldung erklärt, er könne jedoch wegen eines Autounfalls zurzeit nicht spielen. Der Grund dafür liegt im lukrativen Plattenvertrag der Band, der explizit drei Originalmitglieder verlangt. Später aber wird Vincent als Mitglied behandelt und taucht auch auf offiziellen Fotos auf.

Schneesturm zum Start

Mit der Neubesetzung sind zum Tourstart längst nicht alle Probleme gelöst: Ursprünglich soll es schon am 27. Dezember in Rapid City, South Dakota losgehen, doch wegen eines massiven Schneesturmes hängen das Equipment und die Kostüme am Flughafen in Denver fest. Kiss müssen absagen. Die Ausrüstung wird auf Trucks verladen, die sich auf den Weg zum nächsten Termin zwei Tage später in Bismarck, North Dakota machen. Die wertvollen Kostüme allerdings sollen nicht über den Highway rattern und bleiben in Denver in der vagen Hoffnung, dass die Flughäfen bald wieder öffnen. Weil Kiss ohne ihre Outfits allerdings nicht auftreten können, ersinnt das Management einen Notfallplan: Laut dem abgefahren detaillierten Buch Kiss Alive Forever: The Complete Touring History soll die ehemalige Garderobenverantwortliche Pixie Esmonde alte Kostüme aus dem Lager holen und mit ihnen nach Bismarck fliegen. Sie kommt jedoch nur bis nach St. Louis, 1000 Meilen fehlen noch. Deshalb mietet die Band einen Learjet, der Esmonde und die Kostüme in die richtige Stadt transportiert. Kiss spielen die erste Show ihrer Creatures Of The Night-Tour deshalb in den Kostümen der Love Gun-Ära, heißt es. Beweisfotos gibt es jedoch nicht.

Vinnie Vincents Livedebüt als Kiss-Gitarrist geht an diesem 29. Dezember 1982 vor 3.230 Leuten über die Bühne – in einer 8.000er-Halle. Und es wird nicht unbedingt besser: Viele Konzerte der Tour finden vor halbvollen Sälen statt, obwohl die Band mit der Reise auch ihr zehnjähriges Jubiläum feiern will und das entsprechend angekündigt hat. Vier US-Shows müssen sogar wegen unzureichender Ticketverkäufe abgesagt werden. Dabei sähe das alles weniger schlimm aus, wenn die Konzerte einfach in kleineren Läden stattfinden würden, was bei einem Schnitt von 5.400 Fans eine Menge Spaß machen kann. Doch die Band lehnt ab und will nur in den großen Arenen auftreten.

Einigermaßen immerhin

An der musikalischen Leistung wird die Misere nicht gelegen haben, auch der Bühnenaufbau mit einem Panzer als Drumriser kann sich sehen lassen, ebenso die Setlist mit bis zu sechs neuen Songs. Zu allem Überfluss gibt es noch die Proteste religiöser Gruppen, die sich sicher sind, dass Kiss allabendlich den Gehörten anbeten. Rund läuft das alles also nicht. Nach 53 Shows endet der US-Abschnitt der Creatures Of The Night/10th Anniversary Tour am 3. April 1983 in San Francisco.

Kiss goes Brasil

Doch die Welt hat Kiss keinesfalls vergessen: Im Sommer reisen die Musiker für drei Auftritte nach Brasilien und spielen am 18. Juni 1983 im Maracanã Stadium in Rio de Janeiro das größte Konzert ihrer Karriere vor sagenhaften 137.000 durchdrehenden Fans. Doch Paul und Gene wissen, dass es etwas passieren muss. Im September 1983 trennen sie sich pünktlich zum Release von Lick It Up von ihrem Make-up und treten fortan ohne Bemalung auf. Die Szene feiert die neue Platte, es geht aufwärts, zudem haben sie jetzt wieder einen Gitarristen, der gute Songs schreibt und mit seiner instrumentalen Kompetenz gut in die Dekade der „Sportgitarristen“ passt.

Doch noch kommt keine Ruhe ins Boot: Vincent weigert sich, den ihm vorgelegten Beschäftigungsvertrag zu unterzeichnen, außerdem verlangt er Beteiligung am Wirtschaftsunternehmen Kiss. Als er sich dann noch rausnimmt, sein Gitarrensolo auf der Bühne nach Belieben auszudehnen, haben die Chefs die Nase voll – und schmeißen den Flitzefinger raus. Der macht mit seiner Soloband Vinnie Vincent Invasion weiter, verschwindet nach ein paar Jahren völlig und komplett in der Versenkung. Aber das ist eine andere (und ziemlich abgefahrene) Geschichte

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Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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