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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.7.1953 kommt Rush-Frontmann Geddy Lee zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.7.1953.

von Christof Leim und Tom Küppers

Bassgott, Weinliebhaber, Freund obskuren Humors: Rush-Frontmann Geddy Lee ist nicht nur einer der Größten seiner Zunft, sondern einfach ein guter Typ. In mehr als 40 Jahren Rock’n’Roll leistete er sich keinen einzigen Skandal, aber langweilig geht trotzdem anders. Zu seinem Ehrentag gratulieren wir mit einem etwas anderen Porträt.


Hier könnt ihr in die einzigartige Welt von Rush abtauchen:

Klickt auf „Listen“ für die ganze Playlist.

Als Sänger und Bassist des Power-Trios Rush hat Geddy Lee sich den Traum von Rockstar-Dasein erfüllt. Der Kanadier genießt nicht nur den Ruf als ein erfolgreicher und respektierter Rockmusiker, sondern gilt zudem als einer der nettesten Typen im Showgeschäft, gesegnet mit einem ganz eigenen, köstlichen Humor gesegnet ist.

Humorvoller Rockstar: Geddy Lee

Geboren wird Lee am 29. Juli 1953 als Gary Lee Weinrib in Willowdale, einem Stadtteil von Toronto. Das musikalische Talent legt ihm sein Vater in die Wiege, der leider verstirbt, bevor der Sohn das Teenageralter erreicht. „Ein fürchterlicher Verlust“, blickt er Jahre später zurück. Um Geddy und seine beiden Geschwister zu ernähren, muss die Mutter arbeiten, was der Junge dazu nutzt, den heimischen Keller in einen Proberaum für seine High-School-Band zu verwandeln. Inspiriert von Beatle Paul McCartney, The Who-Tieftöner John Entwistle und Yes-Viersaiter Chris Squire entscheidet er sich für den Bass. Später bricht Lee sogar die Schule ab, um sich als Rock’n‘Roller zu verdingen. 1968 dann steigt er in die vom Schulfreund Alex Lifeson gegründete Gruppe Rush ein.

Herausragende Musik zu komponieren, ist schwer genug. Paart sich dieses Talent zusätzlich mit einer außerordentlichen Begabung für ein Instrument, muss man von einem seltenen Glücksfall sprechen. Wenn gleich drei solcher Ausnahmemusiker zusammenfinden, gleicht das einem Sechser im Rockmusik-Lotto mit Zusatz- und Superzahl. Bei Rush passiert genau das. Gemeinsam mit Schlagzeuger und Lyriker Neil Peart erschafft das Trio in den kommenden vier Dekaden neunzehn Studioalben sowie etliche Livemitschnitte hoher Qualität. (Weil wir hier genau sein wollen, sei natürlich erwähnt, dass auf dem Debüt Rush von 1974 noch Drummer John Rutsey spielt.) Im Jahr 2000 veröffentlicht zudem sein erstes und bisher einziges Soloalbum My Favourite Headache.

An Geddy Lees extrem hoher Kopfstimme scheiden sich bis heute die Geister, außerhalb jeglicher Diskussion steht hingegen sein Bassspiel. Größen vom Schlage eines Les Claypool von Primus, Iron Maiden-Kopf Steve Harris oder Metallica-Bassist Cliff Burton betonten regelmäßig, was für ein immenser Einfluss Lee für ihre eigene instrumentale Entwicklung gewesen sei. Unzählige Auszeichnungen der Fachpresse unterstreichen das. Wenn Lee gleichzeitig singt, den Bass zupft und noch mit den Füßen über Pedale Sounds abfeuert, kann einem schon mal die Kinnlade auf den Boden fallen.

Episch ausufernde, in mehrere Kapitel unterteilte Songs plus Texte an der Grenze zu Science-Fiction und Fantasy (allesamt aus der Feder von Neil Peart) sind jedoch nicht das, was die Plattenindustrie Mitte der Siebziger als „erfolgversprechend“ definiert. Auf die Bitte nach kommerziell besser verwertbarem Material reagiert das Trio mit dem Album 2112 inklusive eines zwanzigminütigen Titeltracks in sieben (!) Teilen. Ausgerechnet dieser Schritt entpuppt sich als goldrichtig: Die drei Kanadier erhalten die erste von etlichen Edelmetall-Auszeichnungen. In den folgenden Jahren werden Rush zu einer der beliebtesten Bands im progressiven Rock. Mit dem ungewohnt zugänglichen Meisterwerk Moving Pictures gelingt ihnen 1981 ein Klassiker. Speziell auf dem nordamerikanischen Kontinent tourt die Band fast unablässig durch die großen Arenen.



Dem bei solchen Mammut-Unternehmungen typischen Trott verdankt Lee eine seiner größten Leidenschaften: Baseball. Anfangs dienen die Fernsehübertragungen lediglich als Mittel zum Zweck, um sich die Langeweile zu vertreiben, erklärt er. Doch dann beginnt er, sich in die Geschichte dieses Sports hineinzulesen und begeistert sich für Statistiken, Theorie und Spielsysteme. Zusätzlich sammelt er Erinnerungsstücke wie von Stars benutzte Schläger, Baseball-Karten und unterschriebene Bälle. 2008 spendet er dem Negro Leagues Baseball Museum gleich 200 extrem rare Exemplare von letzteren. Für die Toronto Blue Jays besitzt er Dauerkarten und darf auch mal den zeremoniellen ersten „Pitch“ der Saison durchführen.

Wenn Lee erst einmal anfängt, sich in ein Thema einzuarbeiten, dann will er alles darüber erfahren, erzählt er einmal. Entsprechend hingebungsvoll widmet er sich einer weiteren Passion: dem Wein. In seinem Keller lagert der Musiker knapp 5000 Flaschen feinster Tropfen und kann stundenlang über unterschiedliche Rebsorten und Winzer fachsimpeln. Gemeinsam mit seiner Frau erkundet er auch die verschiedenen Anbaugebiete. Darüberhinaus engagiert er sich als Vorstandsmitglied der Organisation Grapes For Humanity für humanitäre Zwecke.

Es dürfte kaum überraschen, dass Lee über eine beeindruckende Sammlung an Instrumenten verfügt. Seit Mitte der Neunziger verzichtet er auf der Bühne auf herkömmliche Verstärker, was allerdings ein optisches Loch produziert. Um das zu füllen, platziert er irgendwann einen vollständig gefüllten Kühlschrank dorthin, wo sonst Boxenwände stehen. Um den Gag abzurunden, folgen drei elektrische und mit Mikrofonen versehene Trockner aus einem Waschsalon, die mit raren Shirts bestückt sind, welche am Ende der Show in der Menge landen. Den Höhepunkt stellen wohl die rotierenden Hähnchen-Grills dar, die während des Konzerts von einem Chefkoch bedient werden. Auch für ähnlich humorige Gastauftritte wie in How I Met Your Mother oder dem South Park-Film ist sich Geddy Lee nicht zu schade. Die Macher von Letzterem zaubern der Band im Gegenzug ein sehenswertes Intro zu ihrem Hit Tom Sawyer.

Credit: Enrico Frangi

Was Lee zum einem der beliebtesten und freundlichsten Interviewpartner macht, erklärt die folgende Anekdote: 2012 steht die Band Rede und Antwort zum letzten Studioalbum Clockwork Angels. Es herrscht ein strenges Regiment, die versammelten Pressevertreter bekommen die neue Platte genau einmal vorher zu hören. Außerdem solle man, wenn überhaupt, sich nur ein einziges mitgebrachtes Erinnerungsstück signieren lassen. Kurz darauf öffnet eine lächelnde Dame die Tür einer Suite. Sie und der Autor begrüßen sich, während der eigentliche Protagonist im Hintergrund wartet. Nach dem sehr angenehmen Gespräch der entscheidende Moment: Ob Herr Lee unter Umständen die Güte hätte, ein Albumcover zu unterschreiben? „Du darfst mich um alles bitten“, lacht er dann. „Du bist der Erste, der zuerst meine Assistentin begrüßt hat und nicht direkt auf mich losgestürzt ist. Und ein Foto machen wir deswegen auch noch.“  


Rush heute: Neil Peart, Geddy Lee, Alex Lifeson


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