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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1964 kommt Jeff Hanneman von Slayer zur Welt.

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Header Pic by Victoria Morse (Flickr) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Common

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1964.

von Christof Leim

Keine Frage: Jeff Hanneman dürfte als Hauptsongwriter für die mächtigen Slayer zu den einflussreichsten Gitarristen im Heavy Metal zählen. Von ihm stammen unsterbliche Stücke, die ein ganzes Genre definieren. Leider verstirbt Hanneman 2013 mit nur 49 Jahren, nachdem er schon zwei Jahre wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr auftreten konnte. Am 31. Januar hätte er Geburtstag, blicken wir also zurück auf drei Dekaden Metal und was danach kam…

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Hört euch hier die fettesten Slayer-Kracher an:

Jeff Hanneman hat einige der großartigsten, fiesesten, wildesten Riffs der Metal-Geschichte geschrieben: Geht es böser als in South Of Heaven? Wenn ja, wollen wir das lieber nicht erleben. Oder kompromissloser als in Angel Of Death? Fetter als in Raining Blood? Wohl kaum. Hanneman hat einmal selbst gesagt: „Wir sind keine ausgebildeten Musiker, aber wir wissen, was düster wirkt. Wenn etwas klingt, als würde ich über einem gerade niedergestochenen Körper stehen, dann ist es perfekt.“ Mit dieser Attitüde wurde der US-Amerikaner maßgeblich verantwortlich für den Sound von Slayer, die schon immer als die extremste der wichtigen Thrash-Bands der Achtziger galten. Von Anfang an haben sie das Böse in ihrer Musik kanalisiert, quasi als musikalischer Horrorfilm. Interessanterweise schrieb Hanneman nach eigenen Aussagen aber die besten Riffs, wenn er glücklich war. Was wieder einmal zeigt: Krasse Musik, normale Typen.

Faszination für Krieg & Düsternis

Jeffrey John Hanneman kommt am 31. Januar 1964 in Oakland, Kalifornien zur Welt und wächst in Long Beach auf. Zu seiner Familie gehören mehrere Kriegsveteranen, was Jeffs lebenslange Faszination für dieses Thema verständlich macht. 1981 lernt er Kerry King kennen, als beide bei einer anderen Band vorspielen und feststellen, dass sie die gleichen musikalischen Vorlieben teilen. Das heißt: früher Metal von Judas Priest und Iron Maiden, Black Sabbath und alles, was sonst noch ordentlich scheppert. Jeff steht zusätzlich auf Hardcore-Punk wie Minor Threat und Black Flag. Wie es sich gehört, gründen die beiden prompt ihre eigene Kapelle, die noch härter, schneller und fieser brettern soll als alle anderen. Damit sind Slayer geboren.

Das Original-Line-up von Slayer: Tom Araya, Dave Lombardo, Kerry King, Jeff Hanneman (v.l.)

In den folgenden 30 Jahren prägt Jeff Hanneman als Gitarrist, Texter und Songwriter den Sound der Band ebenso wie Auftreten und Image. Sein ultrapräziser Anschlag und die gemein atonalen Soli, beides in Höllengeschwindigkeit, darf man zu Recht als legendär und einflussreich bezeichnen. Es erscheinen elf Studioalben, zwei Liveplatten und eine EP mit seinen Beiträgen. Drei dieser Veröffentlichungen gehören in jeden vernünftigen (Metal-)Haushalt: Reign In Blood (1986), South Of Heaven (1988) und Seasons In The Abyss (1990).

Diese Slayer-Alben gehören in jeden Haushalt. Ehrlich.

Abseits von allem Geballer gilt Hanneman als stiller Mensch mit einem trockenem Humor, der sich bei Interviews zurückhält und das Rampenlicht meidet, weil es ihn schlicht nicht interessiert. Lieber verbringt er Zeit mit seiner Frau Kathryn, die er schon seit der High School kennt, und folgt seinen Lieblingsteams im Eishockey (Los Angeles Kings) und Baseball (Oakland Raiders). Ansonsten zählt: Metal.

2011 zieht sich Hannemann jedoch eine fiese Krankheit zu: Nekrotisierende Fasziitis, eine „durch Bakterien ausgelöste, sehr heftig verlaufende Infektion“, wie Wikipedia erklärt. Dabei sterben Haut und Bindegewebe ab und müssen schnellstmöglich entfernt werden. Auslöser könnte ein Spinnenbiss gewesen sein; zumindest erzählt der Gitarrist später davon. Die Folgen sind ernst und potenziell tödlich. Seine Frau zitiert später gegenüber Guitar World den behandelnden Arzt: „Als erstes werde ich versuchen, ihr Leben zu retten. Dann werde ich versuchen, ihren Arm zu retten, dann ihre Karriere.“ Hannemann überlebt schwer angeschlagen und fällt bis auf weiteres für Slayer-Shows aus. Am 23. April 2011 spielt er im kalifornischen Indio ein paar Songs mit und zeigt einen krass lädierten Arm, den man sich hier ansehen kann.

Dämon Alkohol

Es sollte sein letzter Auftritt sein, denn Hanneman hat noch ein ganz anderes Problem: Alkohol. Der Gitarrist trinkt seit Jahren laut Augenzeugen morgens, mittags, abends Heineken und Wodka. Das kann nicht gut gehen. Sich helfen lassen oder gar eine Therapie durchziehen will er jedoch laut seiner Witwe nicht. Auch die restlichen Slayer-Musiker können daran trotz vielfältiger Versuche nichts ändern, berichtet Kerry King. Daneben setzt Hannemans Psyche die Tatsache zu, dass er nicht mehr so spielen kann wie früher. Wie sehr die Sauferei seine Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen hat, scheint dabei niemand so richtig zu ahnen. Bis es passiert: Am 2. Mai 2013 stirbt Jeff Hanneman an Leberversagen.

By Vladimir [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Die Nekrotisierende Fasziitis hat den Slayer-Veteranen also nicht das Leben gekostet, sondern der Alkohol. Später kommentieren Ärzte, dass die Erkrankung der Leber die Infektion begünstigt oder gar bewirkt habe und nicht andersrum. Die Band veröffentlicht ein Statement: „Slayer sind am Boden zerstört und müssen mitteilen, dass ihr Mitmusiker und Bruder Jeff Hanneman heute morgen gegen 11 Uhr verstorben ist. Er befand sich in einem Krankenhaus in der Nähe seines südkalifornischen Wohnortes, als seine Leber versagte. Er hinterlässt seine Ehefrau Kathy, seine Schwester Kathy und seine Brüder Michael und Larry. Er wird schmerzlich vermisst werden.“

Die Metal-Welt ist geschockt und gedenkt Hanneman in vielfältigen Tributen. Am Todestag besucht Kerry King gerade eine Preisverleihung und verkündet dort am Mikro: „Jeff fucking Hanneman. Er hat bei Slayer gespielt, er würde keine Schweigeminute wollen, sondern verdammten Krach.“ Dann lädt er die Zuschauer ein, einen Drink auf den „gefallenen Bruder“ zu kippen. Dafür erntet er Kritik, verteidigt das aber konsequent.

Für Slayer geht das Leben weiter: Pat O’Brien von Cannibal Corpse und Gary Holt von Exodus übernehmen die zweite Gitarre, letzterer schließlich permanent. Repentless, das erste Slayer-Album ohne Jeff Hanneman erscheint am 11. September 2015 und erreicht Platz eins (!) in Deutschland. In den folgenden Jahren spekulieren die Gründungsmitglieder King und Tom Araya wiederholt über ein Ende der Band. Am 22. Januar 2018 schließlich verkünden Slayer ihren Abschied mit einer letzten Welttour

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So war’s: Slayer live in Dortmund 2018

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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