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Popkultur

Zeitsprung: Am 16.4.1984 erscheint „Slide It In“ von Whitesnake.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 16.4.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit Slide It In ebnen die englischen Hardrocker Whitesnake 1984 den Weg für ihren internationalen Durchbruch. Das liegt auch daran, dass die Platte in zwei verschiedenen Versionen erscheint. In unserer heutigen Geschichte erfahrt ihr, wo genau die Unterschiede liegen und was die Besetzungswechsel während des Aufnahmeprozesses damit zu tun haben.


Hört hier in Slide It In rein:

Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.

Nachdem Whitesnake 1982 mit Saints & Sinners den ersten Schritt Richtung Durchbruch unternommen haben, wittert Gründer David Coverdale die große Chance und verfrachtet seine Musiker nach einer erfolgreichen Tour schnellstmöglich in die Musicland Studios in München, um dort die Arbeit am sechsten Album der Gruppe aufzunehmen. Zunächst sitzt Produzent Eddie Kramer am Mischpult, wird aber bald durch Martin Birch ausgetauscht, der Slide It In mit Whitesnake produziert. Die Platte, eingespielt von David Coverdale am Gesang, Mel Galley und Micky Moody an der Gitarre, Colin Hodgkinson am Bass, Jon Lord am Keyboard und Cozy Powell am Schlagzeug, soll die Karriere der Gruppe bis heute in zwei Teile spalten: die Bluesrock-Phase von 1978 bis Ende 1983 und den Hard-Rock-Abschnitt von 1984 bis heute. So erfinden sich die Briten während und nach der Veröffentlichung in vielerlei Hinsicht neu. Dominierte bis dato der Sound der Siebziger, orientieren sich die Musiker nun am neuen Jahrzehnt. Auch ihr klassisches Schlangenlogo verwenden Coverdale und Co. 1984 zum letzten Mal, bevor sie 1987 umsatteln.

Hinter den Kulissen kriselt es zu jener Zeit, vor allem Gitarrist Moody ist unzufrieden. Für die Albumaufnahmen und ein paar Auftritte bleibt er noch an Bord, greift dann aber seinen Hut. Später gibt er zu Protokoll, dass sich Coverdales Persönlichkeit im Vergleich zu 1976 stark verändert habe. In einem Interview erzählt er 1997: „David und ich waren keine Freunde und keine gemeinsamen Songschreiber mehr. Er hat nicht mehr mit mir gesprochen und mich nicht mehr wahrgenommen. Fünf oder sechs Jahre zuvor war er noch mein bester Freund.“ Die finale Entscheidung, Whitesnake tatsächlich zu verlassen, fällt Moody, als Coverdale ihn bei einem Festival-Gig in Deutschland in Gegenwart des Thin-Lizzy-Gitarristen John Sykes demütigt. „Ich saß ganz ruhig da. Auf einmal zeigt David auf mich und ruft: ‚Dreh dem Publikum nie wieder den Rücken zu! Das ist unprofessionell!’ Er wollte, dass ich mich in Johns Gegenwart klein fühle und ich dachte: ‚Das war’s.‘ Ich hätte fast zu ihm gesagt: ‚Hol ihn doch in die Band’, denn sogar ich hatte inzwischen verstanden, dass David auf der Suche nach jemandem wie Sykes war. Er sah gut aus und spielte hervorragend Gitarre. Nach der Tour bin ich dann ausgestiegen.“ Tatsächlich übernimmt Sykes den Job postwendend und wird in der Presse als neuer Whitesnake-Gitarrist angekündigt. Nur wenig später muss auch Bassist Hodgkinson gehen, weil Coverdale nicht findet, dass sein Spiel zur neuen Ausrichtung der Band passt. Stattdessen holt er Gründungsmitglied Neil Murray zurück an Bord.

Übernimmt 1984 die sechs Saiten für Whitesnake: John Sykes (Tygers Of Pan Tang, Thin Lizzy) – Pic: Dana Wullenwaber/Wiki Commons

Am 30. Januar 1984 erscheint Slide It In in Großbritannien und klettert in den Charts bis auf Platz neun. Besonders empfindliche Beobachter kritisieren Coverdales doppeldeutig-eindeutige Texte. Dazu muss man wissen: Wenn der Mann von „Love“ singt, dann meint er meistens Sex. Schon den Albumtitel Slide It In kann eigentlich nicht missverstehen, und Songs wie Love Ain’t No Stranger, Hungry For Love oder Guilty Of Love bilden eine gewisse thematische Monokultur. Der Sound der Scheibe wird an manchen Stellen ebenfalls bemängelt, er klinge zu flachbrüstig. Zumindest das ändert sich, als sich Coverdale mit dem Produzenten Keith Olsen zusammensetzt, um das Album noch einmal abzumischen — diesmal für die Veröffentlichung in den USA. Die Änderungen kann man gut oder schlecht finden; in den Staaten funktionieren sie. So lassen Coverdale und Olsen die Keyboards von Jon Lord beinahe verschwinden, löschen die Bassspuren von Colin Hodgkinson, um sie mit Neil Murray noch einmal einzuspielen und ersetzen einen Großteil von Moodys Gitarrenarbeit durch neue Aufnahmen von John Sykes. Auch als Leadgitarrist darf Sykes einiges der Songs um seine Magie bereichern, zum Beispiel Slow An’ Easy, den Titeltrack oder Spit It Out. Bei Give Me More Time und Standing In The Shadow lohnt ebenfalls ein Blick auf die Gitarrenarbeit.



Die Powerballade Love Ain’t No Stranger beginnt mit Jon Lords gefühlvollem Keyboardspiel, obwohl die Passage ursprünglich für die Gitarre gedacht war. Auch Frontmann Coverdale schlägt zunächst ruhige Töne an, bevor das Stück kurz vor Ende der ersten Minute zu einem waschechten Hardrocker mutiert. Beim Publikum kommt die Mischung hervorragend an, jahrelang müssen Whitesnake die Nummer live spielen. Trommler Cozy Powell spricht gar davon, dass dies der beste Song sei, für den er je das Schlagzeug eingespielt habe. Musikvideos gibt es 1984 natürlich auch schon, also wird auch Love Ain’t No Stranger in bewegter Bildform verewigt. Der Clip zeigt eine Kombination aus nachgestellten Konzertszenen sowie Coverdale, wie er einer unbekannten Frau hinterherrennt.



Bei Slow An’ Easy handelt es sich um das letzte Stück, an das Gitarrist Micky Moody für Whitesnake Hand anlegt. Zu jener Zeit sind er und Coverdale die einzigen verbleibenden Gründungsmitglieder, was sich an dieser Kooperation hervorragend ablesen lässt. So orientiert sich der Song eher am Bluesrock der vergangenen Scheiben, als am Hard Rock auf Slide It In. Wie ein Relikt aus der Vergangenheit mogelt er sich zwischen das neue Material, feiert als Promo-Single allerdings großen Erfolg im Radio. In der Slide It In-Version zum 25-jährigen Jubiläum des Albums verrät Coverdale in den Liner Notes: „Slow An’ Easy haben wir um vier Uhr morgens nach einer harten Partynacht in München aufgenommen. Den Text habe ich mir auf die Schnelle ausgedacht, um die Band bei der Aufnahme zu inspirieren. Später habe ich damit herumgespielt, um ihm irgendeinen Sinn zu entlocken.“



Der flotte Rocker Guilty Of Love besticht durch seine doppelte Gitarrenspitze aus Mel Galley und John Sykes (bzw. Mel Galley und Micky Moody in der UK-Version). Im Gegensatz zu den anderen Songs auf Slide It In erscheint das Stück bereits im August 1983. Der Hintergrund: Whitesnake wollten ihr sechstes Album zu jener Zeit bereits im Kasten haben, brauchen aber zu lange. Am 20. August 1983 steht allerdings ein Auftritt beim Monsters Of Rock Festival in England auf dem Zettel. Um dem Publikum neues Material anbieten zu können, kommt der Song also vorab als Single. Für Hardcore-Fans nicht uninteressant: Die Produktion des Schnellschusses übernimmt noch Eddie Kramer, also kann man hier hören, wie das Album unter seiner Federführung geklungen haben könnte.

Um Slide It In zu bewerben legen Whitesnake unter anderem einen Zwischenstopp in Offenbach ein

Kurz nach der europäischen Veröffentlichung von Slide It In im Januar 1984 folgt eine Europatour, die bis zum April andauert. Das Publikum flippt aus, nicht zuletzt deshalb, weil Whitesnake eine Art Greatest-Hits-Programm zum Besten geben — zum ersten Mal in ihrer Karriere haben sie genug Material dafür beisammen. Auf der Bühne fährt die Gruppe eine beeindruckende Show auf. So spielt Drummer Powell bei jedem Set ein fulminantes Solo, für das die gesamte Bühne in dichten Nebel gehüllt wird — eine gemeinsame Idee von Coverdale und Powell selbst. Gegen Ende der Tour schleichen sich allerdings mehr oder minder große Schwierigkeiten ein. Coverdales Stimme versagt, sodass eine Show in Ludwigshafen abgesagt werden muss. Galley verletzt sich am Arm, wodurch Nerven beschädigt werden. Er muss die Gitarre für immer an den Nagel hängen und wird folglich entlassen. Wenig später feiern Deep Purple ihre Wiedervereinigung, also quittiert auch Jon Lord seinen Dienst. Coverdale und Co. nehmen all das relativ sportlich und machen kurzerhand im abgespeckten Vierer-Line-Up weiter.



Am 16. April 1984 erscheint die US-Version von Slide It In und katapultiert Whitesnake in den Staaten schon ansatzweise durch die Decke, ob in den Charts, im Radio oder bei MTV. Als Coverdale, Sykes, Murray und Schlagzeuger Powell auch noch mit Quiet Riot und Dio durch das Land touren, stehen den Europäern auch auf der anderen Seite des großen Teichs alle Türen offen. 1987 bringt die Gruppe ihr siebtes Album auf den Markt, das schlicht Whitesnake heißt und den endgültigen Durchbruch der Briten markiert — was Coverdale nicht davon abhält, das Line-Up noch einmal vollständig auszutauschen und erneut bei A anzufangen. Doch diese Geschichte erzählen wir in einem anderen Zeitsprung.

Zeitsprung: Am 7.12.1988 feuern Whitesnake ihren Gitarristen Vivian Campbell.

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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