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Popkultur

Die musikalische DNA von James Brown

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Mr. Dynamite. The Soul Brother No. 1. The Godfather of Soul. The Hardest Working Man In Show Business. Sex Machine. Die Reihe von Spitznamen allein zeigt, was für ein Typ James Brown war und welche Bedeutung er für die Entwicklung der gesamten Pop-Geschichte hatte. „Er war beinahe ein Musikgenre für sich“, sagte ein ehrfürchtiger Jimmy Page einmal über den Entertainer. „Er veränderte und entwickelte sich ständig, sodass sein Publikum von ihm lernen konnte.“ Zu diesem Publikum gehören sie alle: Angefangen mit seinem vielleicht größten Fan Michael Jackson hin zu unzähligen Rockbands und den tausenden von Rap-Artists, die für ihre Tracks Drum-Breaks und Vocals aus seinen Songs sampelten.


Hör dir hier James Browns musikalische DNA als Playlist an und lies weiter:


Der Erfolg Browns liegt nicht nur in viel Leidenschaft, sondern auch harter Arbeit begründet. Hart war er aber auch zu anderen. Von seiner Band verlangte er ungebrochene Disziplin, jedes Mitglied musste Abend für Abend genauso wie der Chef zum Äußersten gehen. Er selbst schonte sich nie und verschleppte mehr als eine Krankheit, weil er lieber auf die Bühne stürmte anstatt im Wartezimmer eines Arztes Däumchen zu drehen. Im Privaten indes verlor er häufig die Kontrolle – insbesondere gegen Frauen. Physische Gewalt und sogar Vergewaltigung wurden Brown vorgeworfen. Der Mann mit den vielen Spitznamen hatte viele Gesichter und nicht jedes davon war schön anzusehen.

Mit seiner Musik allein hat Brown viel Gutes getan. Songs wie Say It Loud – I’m Black and I’m Proud drückten nach Jahrhunderten von Unterdrückung und Rassismus ein neues Selbstbewusstsein aus, das bis heute noch ganze Generationen von KünstlerInnen beeinflusst. Und Brown selbst? Von wem hat sich der Godfather of Soul beeinflussen lassen? Wir finden es raus! Mit Blick auf die musikalische DNA von James Brown werden wir herausfinden, was den Mann mit den vielen Spitznamen so vielseitig machte.


1. Louis Jordan & His Tympany Five – Caldonia

Früh übt sich, weiß der Volksmund zu berichten. Das stimmt auch im Falle von James Brown. Schon als junges Kind stand der Knirps bei Talentwettbewerben auf der Bühne, das erste Mal im zarten Alter von elf Jahren im Lenox Theater in Augusta, Georgia – angeblich mit der unvergesslichen Ballade So Long. Von da an hatte es den Jungspund gepackt. Er lernte Klavierspielen, brachte sich seine ersten Kniffe auf der Gitarre bei und meisterte sogar die Mundharmonika.

Den Ausschlag dafür gab ein ganz bestimmter Song: „Mein Einfluss war Louis Jordan, der einen Song namens Caldonia aufnahm sowie weitere Stücke, die in den fünziger und späten vierziger Jahren groß waren“, so Brown selbst. Er selbst nahm wie viele andere Größen der damaligen Zeit – darunter etwa B. B. King – eigene Coverversionen des Jump-Blues-Stücks auf. Insbesondere Jordans exaltierter Gesangsstil wird es ihm angetan haben. Der kieksiger Sprechgesang Jordans, der viel Wert auf mitreißende Dynamiken legte, wurde später von Brown perfektioniert.


2. The Staple Singers – The Old Landmark

Mit nur dreizehn Jahren scharte Brown bereits Musiker um sich, um seinen Traum in die Tat umzusetzen. Es sollte zuerst aber anders kommen. Lediglich drei Jahre später ging es für den jungen Wilden zuerst einmal ins Kittchen. Und weil es ihm dort langweilig wurde, gründete er flugs sein eigenes Gospel-Quartett und widmete sich auch nach seiner frühzeitigen Entlassung der spirituellen Musik, die in vielen seiner Songs nachhallt.

Ein kleines Highlight in Browns Karriere war zweifellos sein Auftritt im Kultfilm Blues Brothers, in welchem er seine Gospel-Leidenschaft voll ausleben konnte. In seiner Rolle als verschwitzter und heiserer Prediger war der Sänger schließlich voll in seinem Element! Wenn er mit der Gemeinde den Klassiker The Old Landmark spielt, der unter anderem in der Version der Staple Singers zu einem großen Hit wurde, dann wird das Kirchenschiff schnell zum Dancefloor. Da kann selbst ein abgebrühter Blues Brother nur ehrfürchtig zittern…


3. The Orioles – Baby Please

Bevor Brown als Solokünstler seinen endgültigen Durchbruch feiern konnte, schloss er sich verschiedenen Bands an. Als Sänger der Famous Flames konnte er aber die Grundlagen für seinen späteren Welterfolg legen. Try Me oder Please, Please, Please waren bittersüß eingefärbte Songs, die dem Rhythm and Blues-Genre einen balladesken Anstrich gaben. Kein Wunder, kamen die Einflüsse der Band doch von Gruppen wie Hank Ballard und seinen Midnights, Billy Ward und den Dominoes oder den Orioles.

Die Orioles gehörten zu den ersten Gruppen, die ausgehend von Rhythm and Blues, Doo Wop und dem Blues einen neuen Sound zu schmieden begannen, der vor komplexen Vocal-Arrangements ebenso wenig zurück schreckte wie vor dem Einsatz von Kammerorchestern. 1951 coverte die Band das Blues-Stück Baby Please, das laut dem Musikjournalisten Larry Birnbaum für den ersten Hit der Flames Pate stand: Please, Please, Please.


4. Little Richard – Lucille

„Moment mal“, werden nun Fans protestieren. „Alles Quatsch! Die Inspiration für das Stück kam doch von jemand ganz anderem!“ Und ja, es gibt zum Signature-Song der Flames noch eine andere Geschichte, die niemand Geringeren als Little Richard zur Hauptfigur hat. Von dieser Geschichte existieren mehrere abweichende Versionen, sicher indes scheint der ungefähre Ablauf: Brown und seine Band fragten den Rock-Pionier, ob sie ihn auf der Bühne begleiten dürften. Der lehnte zwar ab, ließ die junge Truppe aber in der Pause ihr Ding machen – und war so angetan von ihr, dass er sie an seinen Manager Clint Brantley verwies.

Brantley schickte sie direkt weiter zur nächstbesten Radiostation, wo sie eine gewisse Nummer mit dem Namen Please, Please, Please aufnahmen. Die Lyrics sowie die passende Musik dazu soll Brown geschrieben haben, nachdem der Lucille-Sänger die titelgebenden Worte auf eine Serviette gekritzelt hatte. Was stimmt nun also? Vermutlich beides, denken wir. Obwohl Little Richard den ersten Impuls für das Stück gab, so hallt darin immer noch der Doo Wop-orientierte Herzschmerz-Sound der Orioles nach. Ist doch ein guter Kompromiss, oder?


5. Fela Kuti – Viva Nigeria

Browns eigenwilliger und für seine Zeit absolut visionärer Sound wurzelte allerdings nicht nur in den Genres, die sich zu seiner Zeit in den USA breit machten. Er schaute stattdessen auch nach Afrika, wo einigen Musikhistorikern zufolge die gesamte Pop-Geschichte ihren Anfang nahm. Während der sechziger Jahre traten die Blues- und Gospel-Elemente in Browns Musik zurück, die Rhythmen wurden härter… Kurzum, der Funk war geboren!

Gegen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre beschäftigte sich Brown noch entschiedener mit afrikanischer Musik und kam dabei natürlich nicht um Fela Kuti herum. Die beiden sollen sich gegenseitig beeinflusst haben. Laut Kutis Drummer Tony Allen soll Brown sogar seinen Bandleader David Matthews auf ein Konzert der nigerianischen Band geschickt haben, um sich Notizen zu machen. Und Browns ehemaliger Bassist Bootsy Collins erinnert sich an einen legendären Auftritt in Lagos, bei dem die dortige Afrobeat-Szene den Soul Brother No. 1 mit offenen Armen empfing.


6. Fred Wesley & The Horny Horns feat. Maceo Parker & Mike E. Clark – Four Play

Die komplexen, unwiderstehlichen Grooves des Afrobeats wurden so nahtlos in die Musik Browns übertragen. Nicht das einzige Genre, von dem er sich die besten Elemente heraus pickte, um sie in sein klangliches Gesamtbild zu integrieren – zum Leidweisen seiner Bandmitglieder. Denn nicht selten folgte auf eine stilistische Neuorientierung ein Besatzungswechsel. Fred Wesley beispielsweise gehört zu den Musikern, die neben Maceo Parker in den sechziger und siebziger Jahren als Ko-Songwriter maßgeblich den neuen, an Jazz geschulten Funk Browns mitprägten.

„Ich war nicht nur Bandleader, sondern Psychologe. Ich musste mich um Psycho-James kümmern, genauso um die Musiker und die Tontechniker“, erzählt Wesley rückblickend in einem Interview. „Ich musste alles am Laufen halten. Jeder Musiker, der bei James Brown spielte, war irgendwann so angenervt, dass er gehen wollte.“ Seine Leidenschaft für Bebop konnte er da nur bedingt ausleben und verabschiedete sich 1975 von der Band, als Brown den nächsten Stilwechsel forcierte. Ohne Wesley, Parker und andere aber hätte der Hardest Working Man In Show Business aber sicher nicht den Sound schmieden können, der ihn damals von allen anderen absetzte.


7. David Bowie – Fame

Warum Wesley damals das Handtuch schmiss? Nein, es lag nicht allein an seiner eigenen Drogensucht. Vielmehr waren es musikalische Gründe, die ihn zum Weggang bewegten. „Weil er, der Erfinder des Funk, auf einmal wollte, dass ich die Musik anderer für ihn kopiere: Fame von David Bowie etwa oder die Afro-Funk-Sachen“, so Wesley. „Wir hatten bis dahin immer neue Musik geschaffen. Und jetzt sollte ich auf einmal kopieren? Noch dazu Musik, die zum Teil von James Brown kopiert und inspiriert war? Nein.“

Dann eben ohne Wesley: 1976, ein Jahr nach dessen Ausstieg, veröffentlichte Brown einen Hit (I Need To Be Loved, Loved, Loved, Loved), der auf einem Hauptriff aufbaut, das von David bowie und dem Gitarristen Carlos Alomar geschrieben wurde. Kein Wunder eigentlich, dass die beiden das zuließen: Alomar war zuvor selbst schon Teil von Browns Band gewesen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sich Brown auch mal von einem Weißbrot wie Bowie eine Scheibe abschnitt.


8. MFSB – Love Is The Message

Aber so war Brown: Er hatte immer ein Ohr am Puls der Zeit. Was ihm Wesley vorwarf – diejenigen zu imitieren, die von ihm beeinflusst waren – lässt sich auch positiv deuten: Brown nahm dankend an, was mit seiner Musik veranstaltet wurde und dachte es selber weiter. Als sich Ende der sechziger Jahre in der Bathhouse-Szene New Yorks Männer trafen, um zu treibender Musik – darunter natürlich auch viele Klassiker der Sex Machine – Drogen zu konsumieren und ihre Homosexualität frei auszuleben, war noch nicht abzusehen, was eines Tages daraus werden würde. Beinahe hätte auch Brown die Geburtsstunde von Disco verpasst. Weil er aber Mitte der siebziger Jahre eine kommerzielle Durststrecke durchlief, suchte er auf dem Dancefloor neue Inspiration.

Als Brown 1979 ein Album mit dem etwas protzigen Titel The Original Disco Man veröffentlichte, war die Discomania jedoch bereits an seinem Zenit angekommen. Eins aber müssen wir Brown zugutehalten: Statt sich am klinischen Euro-Disco-Sound von Giorgio Moroder und Co. zu orientieren oder den New York-Style zu kopieren, horchte er lieber nach Philadelphia, wo Kollektive wie MFSB Disco-Musik schmiedeten, die zugleich mitreißend und komplex arrangiert war. So wie Brown es selbst vorgemacht hatte und wie er es wieder und wieder perfektionierte. Es ist doch keine Schande, sich von den nachfolgenden Generationen inspirieren zu lassen!


9. Afrika Bambaataa – Planet Rock

Dasselbe gilt auch für die achtziger und neunziger Jahre, in denen das aufstrebende Hip Hop-Genre den klassischen schwarzen Musikstilen wie Soul und Funk den Rang ablief. Afrika Bambaataas Planet Rock gilt als eine der maßgeblichen Rap-Platten. Als Grundlage dafür dienten gleich zwei Kraftwerk-Songs – Numbers und Trans Europe Express –, das Fundament aber war ein funkiger Groove, wie ihn James Brown der Welt beigebracht hatte. Nur die Mittel waren andere: Statt dem Funky Drummer Clyde Stubblefield war eine Roland TR-808 zu hören.

Der Sound der japanischen Drummachine hallt auch in Unity nach, der gemeinsamen Single von Afrika Bambaataa mit James Brown. Es sollte nicht seine einzige Stippvisite in dem Genre sein, als dessen Vordenker er bis heute gilt: 1992 stattete er MC Hammer in einem Video einen Besuch ab, was durchaus als respektvolle Geste seitens des Ballonhosenträgers zu verstehen war: Ohne Browns Musik, die so oft im Rap gesampelt wurde, und seine legendären Tanzeinlagen, die ihrerseits einen immensen Einfluss auf die B-Boy- und Girl-Kultur hatten, dürften es weder Bambaataa noch Hammer in die Charts geschafft haben.


10. Public Enemy – Fight The Power

Es gibt noch so viele andere Musiker, die James Brown Zeit seiner langen Karriere beeinflusst haben – von Frank Sinatra bis Ray Charles. Wer aber seinen Einfluss verstehen will, muss zwangsläufig nachvollziehen, wie sich Brown mit den unterschiedlichen Strömungen seiner Zeit auseinandergesetzt hat. So nämlich wird klar, dass von Louis Jordans Caldonia hin zu Afrika Bambaataa und MC Hammer eine Traditionslinie besteht, die der Godfather of Soul wie kein zweiter geprägt hat. Das kurze Drum-Break Stubblefields in Funky Drummer gehört zu den meistgesampelten überhaupt und stellt die Grundlage für unzählige Hip Hop-Tracks. So auch Fight The Power von Public Enemy, die mit Alben wie Fear Of A Black Planet die Brownsche Losung Say It Loud – I’m Black and I’m Proud auf ein neues Level hoben.

Ob es ein Zufall ist, dass die Gruppe denselben Namen trägt wie ein James Brown-Song vom Album There It Is? Wohl kaum! Und sicher ist auch, dass ohne Browns markanten Sprechgesang dieses Ding namens Rap niemals möglich gewesen wäre. Es hat ihm eben nicht gereicht, den Funk zu erfinden – Brown hatte als Musiker schon immer noch größere Pläne. Er wurde ja schließlich nicht umsonst The Hardest Working Man In Show Business genannt. Also, unter anderem.


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