Genesis „A Trick of the Tail“: An etwas glauben, weitermachen

February 1, 2017
in Category: Platten, Popkultur



Genesis „A Trick of the Tail“: An etwas glauben, weitermachen

Genesis „A Trick of the Tail“: An etwas glauben, weitermachen

Es ist wieder soweit: Die Zeiten ändern sich. Und zwar in einem Ausmaß, das Aufmerksamkeit verlangt, Reflexion und letztlich Entscheidungen, von uns allen. Darüber, in welche Richtung es weitergehen soll. Und wenn es heute eine, naja, Institution gibt, die sich sowohl mit den Schwierigkeiten als auch den Chancen einer Neuorientierung auskennt, dann ist das Genesis (nicht, dass das 1. Buch Mose nicht auch das ein oder andere zum Thema bereit hielte). Ohja, Genesis: diese verrockten britischen Privatschulkids mit dem leicht überheblichen Namen und, naja, Phil Collins.


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Womit man es, wie eigentlich immer bei dieser Band, schon wieder geschafft hätte, das Reizwort gleich im ersten Absatz zu erwähnen (für weniger eingefleischte Fans: es ist nicht Privatschulkids). Der Abschied vom ehemaligen Genesis-Frontmann und Gründungsmitglied Peter Gabriel und der fliegende Wechsel von Drummer-Collins zu Leadsänger-Collins war unter den vielen Besetzungsänderungen in der Bandgeschichte zweifellos der größte Einschnitt. Und er begann 1975 mit den Aufnahmen zum Album A Trick of the Tail in den Londoner Trident Studios, das im Februar 1976 über Charisma Records (UK) und Atco Records (USA) veröffentlicht wurde. Collins sang Squonk, einen der neuen Songs, spontan schöner als die anderen 400 Bewerber um Gabriels Nachfolge und die Sache nahm ihren bekannten Lauf.


Schaut euch hier eine Live-Aufnahame des Genesis Songs Squonk an:


 

Während gefühlt mindestens die Hälfte der Genesis-Fans schon ab diesem Punkt die Prog-Rock-Tage á la Foxtrot (1972) oder The Lamb Lies Down On Broadway (1974) unter Gabriel beweinte, befand die andere Hälfte A Trick of the Tail – auch an den Verkaufszahlen ablesbar – für das neue beste Genesis-Album. Mit Platz Platz 3 in Großbritannien sowie 39 Wochen in den Charts und Platz 31 in den Albumcharts der USA war es auf jeden Fall das bis dahin erfolgreichste Album der Band. Und „die Band“ bedeutete derzeit immerhin noch Mike Rutherford, Tony Banks, Phil Collins und Steve Hackett – dessen Ausstieg und den damit dann wirklich spürbaren Wandel Richtung Pop-Rock es ein Jahr später zu beweinen galt.


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Klar, A Trick of the Tail war schon anders, aber noch nicht ansatzweise so anders wie Genesis (1983), Invisivble Touch (1986) oder We can’t dance (1991). Fraglos ist erstmal die Verbesserung der Soundqualität im Vergleich zu vorigen Genesis-Alben, die vor allem Produzent David Hentschel zu verdanken ist. Hentschel löste in dieser Rolle John Burns ab, der die Band seit Foxtrot begleitet hatte. A Trick of the Tail öffnet mit Dance on a Volcano, ein Song, an dessen Progressivität auch treuste Gabriel-Fans nichts auszusetzen haben dürften – und dessen Lyrics man sogar die Haltung der Band zu diesem Neuanfang entnehmen könnte, wenn man denn wollte:

You're halfway up and you're halfway down

 

And the pack on your back is turning you around

 

Throw it away, you won't need it up there, and remember  

 

You don't look back whatever you do Better start doing it right.


Schaut euch hier eine Live-Version des Genesis Songs Dance On A Volcano an:


 

Wenn es nicht überhaupt der musikalisch freiste (und damit beste) Aufmacher aller Genesis-Alben ist, dann ist es auf jeden Fall einer von ihnen. Entangled, geschrieben von Hackett mithilfe von Banks, zeigt unter Einsatz mehrerer 12-String Gitarren eine seltenere, weichere Seite der Band, über die auch Collins Stimme besonders zur Geltung kommt. Was dazu natürlich auch beigetragen haben könnte: Der Song kommt ausnahmsweise komplett ohne Drums aus. Und endet, irgendwo zwischen melancholisch, psychedelisch und hoffnungsvoll, in einem grandiosen Mix aus Mellotron, Synthies und 12-Strings.


a trick of the tail cover


Das wahre Highlight der Platte ist aber natürlich der letzte Song – schnell ein Favorit bei Live-Auftritten, der selbst 2007 auf der „Turn It On Again“-Tour immer wieder gespielt wurde – Los Endos. Völlig nachvollziehbarer Titel für einen Song dieser Größe. Was es noch schöner macht: An der Entstehung dieses fast sechsminütigen Epos waren tatsächlich alle Bandmitglieder beteiligt. Collins, verantwortlich für die grundlegende rhythmische Struktur des Songs, hat sich von seiner Mitarbeit im Jazz Fusion Projekt „Brand X“ inspirieren lassen, was nicht zu überhören und eine ziemlich lässige Abwechslung im Genesis-Drumsound ist. Los Endos arbeitet außerdem mit Wiederholungen einzelner Motive aus Dance on a Volcano und Squonk, was dieses Album genauso stark abrundet, wie es begonnen hat.

Wenn es ein Album gibt, das voll von den komplexen, genesistypischen Songstrukturen und Arrangements der frühen Jahre ist, gleichzeitig einwandfrei produziert klingt und schon einen ersten Blick in die musikalische Zukunft der Band offenbart, dann ist es A Trick of the Tail. Das siebte Genesis-Album markiert einen Wendepunkt, den man sich nicht oft genug anhören kann, wenn man diese Band verstehen will. Und überhaupt: Wenn man verstehen will, wie sich dieser Moment anfühlen kann, in dem etwas umbricht. Denn Zeiten ändern sich. Da ist die Lehre Genesis’ nicht die abwegigste: an etwas glauben, weitermachen.


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