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Popkultur

Die größten Benefizkonzerte aller Zeiten

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Wenn man bedenkt, wie lange Musik und Politik schon Hand in Hand gingen, ist es erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis Musiker*innen realisierten, dass sie wirklich etwas bewirken konnten auf der Welt – und dazu mussten sie einfach nur das tun, was sie am besten konnten: live auftreten. Aber nach George Harrisons Concert For Bangladesh 1971 begann die Idee, sich durchzusetzen. Seitdem haben gigantische Benefizkonzerte weltweit auf Themen wie Hunger oder AIDS aufmerksam gemacht. Sie haben sich zu einem enorm wirkungsvollen Werkzeug im Arsenal politisch interessierter Musiker entwickelt. Hier sind die zehn größten Benefizkonzerte aller Zeiten.

von Jamie Atkins

Concert For Bangladesh: Madison Square Gardens, New York City (1971)

Als der Sitar-Virtuose Ravi Shankar von der schnell eskalierenden humanitären Katastrophe erfuhr, unter der die vertriebenen Ureinwohner Ostpakistans Anfang 1971 litten, vertraute er sich seinem engen Freund George Harrison an. Zunächst wollte Shankar ein eigenes Benefizkonzert veranstalten. Aber mit der Zugkraft eines Ex-Beatles an Bord, einer Partnerschaft mit UNICEF im Rücken und dem Madison Square Garden als Veranstaltungsort ging bald das erste Benefizkonzert dieser Größenordnung über die Bühne.

Genau genommen handelte es sich sogar um zwei Shows an einem Tag und als das hochkarätige Line-up feststand, wurde die Spannung fast unerträglich. Das Concert For Bangladesh war Harrisons erster großer Auftritt seit dem furiosen Start seiner Solokarriere mit All Things Must Pass; obendrein mit einer Band, die aus keinen Geringeren als Eric Clapton, Billy Preston, Leon Russell und Ringo Starr bestand! Für Bob Dylan was es der erste Auftritt seit dem Isle Of Wight Festival 1969.

Die Konzerte fanden am Sonntag, den 1. August um 14.30 Uhr und 20.00 Uhr statt und waren ein durchschlagender Erfolg – nicht nur aus finanzieller Sicht, sondern auch, weil so die Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit auf das Thema gelenkt wurde. Danach diente das Event als Blaupause für die größten Benefizkonzerte aller Zeiten, denn George Harrison gab seine Erfahrungen an Bob Geldof weiter, der das gigantische Live Aid 1985 veranstaltete. Auch das Album Concert For Bangladesh ist heute noch ein spannendes Zeitdokument.


The Secret Policeman’s Ball (1976-2008)

Hierbei handelt es sich um eine Konzertreihe zugunsten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die 1976 mit A Poke In The Eye (With A Sharp Stick) begann. Damals standen Top-Comedians wie Peter Cook, Monty Python und The Goodies auf dem Programm. Pete Townshend von The Who war 1979 der erste Musikact, der bei der Veranstaltungsreihe auftrat.

Seitdem geben sich Größen wie Joan Armatrading, Kate Bush, Duran Duran, Morrissey, Sting und U2 die Klinke in die Hand. Besonders erinnerungswürdig war sicherlich der Moment, als die Rockgötter von Spinal Tap Gesellschaft von David Gilmour bekamen!


Rock Against Racism Carnival, Victoria Park, London (1978)

Am 30. April 1978 bewies Rock Against Racism, dass ein großes Benefizkonzert auch ohne bekannte Veranstalter auskommt. Das Event war das Ergebnis einer zweijährigen Kampagne aus antirassistischen Gigs, der Verteilung von Fanzines und mehreren Versammlungen mit dem Ziel, dem wachsenden Rassismus in der Gesellschaft und dem Aufstieg des National Front in der britischen Politik entgegenzutreten.

Die Organisatoren hofften auf circa 20.000 Teilnehmer*innen. Als die Hälfte davon sich schon um 7.00 Uhr morgens im Londoner Trafalgar Square eingefunden hatte, um die vier Meilen zum Victoria Park im Osten Londons für das Konzert zu laufen, wurden die Erwartungen schnell revidiert. Am Ende strömten ungefähr 100.000 Menschen in den Park und erlebten Auftritte von Acts wie The Clash, Tom Robinson, Steel Pulse, X-Ray Spex und Sham 69.

Aufgrund des Erfolgs von Rock Against Racism fanden weitere Konzerte statt, das Thema bekam Aufmerksamkeit und, was besonders wichtig war, normale Menschen hatten das Gefühl, etwas bewegen zu können. Die Unterstützung für den National Front ließ nach und mittlerweile hat er in der Öffentlichkeit einen extrem schlechten Ruf. Rock Against Racism dagegen ging weiter.


Concerts For The People Of Kampuchea, London, Dezember (1979)

Zwischen 1975-79 war das Khmer Rouge Regime unter Pol Pot in Kambodscha für unglaubliches Leid und über zwei Millionen Tote verantwortlich (auch bekannt als die Kampuchea-Periode). Ende 1978 marschierte Vietnam in Kambodscha ein, um den dortigen Führer abzusetzen. Dadurch wurde das ganze Ausmaß des Schreckens, der sich in dem Land versteckt vor den Augen der Welt abspielte, bekannt.

Der damalige UN Generalsekretär Kurt Waldheim organisierte mit Unterstützung von Paul McCartney und UNICEF zwischen dem 26.-29. Dezember eine Reihe von Konzerten im Hammersmith Odeon in London, um Geld für die vom Krieg gebeutelten Menschen von Kambodscha zu sammeln. McCartneys Kontakte kamen ihm sehr zugute und Acts wie Queen, The Who, The Clash, Elvis Costello & The Attractions und Pretenders folgten seiner Einladung. Den Abschluss bildeten Wings mit ihrem allerletzten Auftritt.


Live Aid, Wembley Stadium, London / JFK Stadium, Philadelphia (1985)

1984 erschien der aus der Feder von Bob Geldof und Midge Ure stammende Song Do They Know It’s Christmas?, mit dessen Verkaufserlösen der Hunger in Äthiopien bekämpft werden sollte. Die größten Künstler der britischen Popmusik hatten auf der Single mitgewirkt und mit fünf Wochen an der Spitze der britischen Charts, war sie ein Megahit. Aber die Wirkung des Songs selbst war noch größer als sein finanzieller Erfolg, denn er hat sich tief ins nationale Bewusstsein eingegraben. Das zeigte sich schon, als Culture Club im selben Jahr eine Reihe von Weihnachtskonzerten spielten und das Publikum spontan und wie aus einer Kehle Do They Know It’s Christmas? anstimmte. Boy George war nicht der einzige, dem es komplett die Sprache verschlug.

Aber Bob Geldof legte noch einen drauf – mit einem der größten Benefizkonzerte der Musikgeschichte. Es bestand aus zwei gigantischen Events, die beide am 13. Juli, aber auf unterschiedlichen Kontinenten, stattfanden. Das Line-up war atemberaubend – es sollte die Fans vor Ort begeistern und auch ein möglichst großes Fernsehpublikum erreichen. Und das ist geglückt. Live Aid war ein Megaerfolg und inspirierte die Menschen weltweit. David Bowie, Queen, U2, Elton John, Paul McCartney, Black Sabbath, Madonna, eine Led Zeppelin-Reunion… das ist nur ein winziger Ausschnitt des Aufgebots. Dank Live Aid konnten $127 Mio. dazu verwendet werden, den Hunger zu bekämpfen und den Westen davon zu überzeugen, Getreide aus Überproduktion an verarmte Länder zu spenden.


Farm Aid, Memorial Stadium, Champaign, Illinois (1985)

Bob Dylan hat nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten und als er bei der Live Aid-Show in Philadelphia als Mitglied eines leicht ramponierten Trios mit Keith Richards und Ronnie Wood auf der Bühne stand, gab er zu bedenken, dass auch die benachteiligten Bauern in den USA Hilfe gebrauchen könnten. Das sorgte zwar für einen Aufschrei, aber viele fanden auch, dass er nicht ganz Unrecht hatte. Zu denen zählte auch Willie Nelson, der das Event in seinem Tourbus verfolgte.

Nelson beschäftigte sich eingehender mit der Krise, in der sich die Landwirtschaft in den USA befand: Wegen eines Gesetzes, das industrielle Landwirtschaftsbetriebe bevorzugte, hatten Kleinbauern sehr zu kämpfen und viele gingen bankrott. Mit Unterstützung von John Mellancamp und Neil Young veranstaltete Nelson am 22. September 1985 das erste Farm Aid. Das Line-up las sich wie eine Rock And Roll Hall Of Fame-Gästeliste: The Beach Boys, Johnny Cash, Dylan, Emmylou Harris, BB King, Roy Orbison, Lou Reed u.v.m. Und natürlich ließen es sich die Organisatoren selbst auch nicht nehmen, für den guten Zweck aufzutreten.

33 Jahre später ist Farm Aid immer noch eines der größten Benefizkonzerte und hat wahnsinnig viel erreicht – sowohl in direkter Hilfe für die Bauern als auch durch die Finanzierung von Infrastrukturprojekten, die nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen. Alles, von Soforthilfen im Katastrophenfall bis hin zu Beratungshotlines, wird von dem großen Publikum bezahlt, welches immer wieder für Farm Aid anreist.


The Freddie Mercury Tribute Concert For AIDS Awareness, Wembley Stadium, London (1992)

Als der Queen-Sänger Freddie Mercury an Folgen seiner AIDS-Erkrankung verstarb, beschlossen seine Bandkollegen, ihn mit einem Benefizkonzert zu ehren, mit dem Geld für die AIDS-Forschung gesammelt werden sollte. Das passte auch deswegen, weil Mercury nur sieben Jahre zuvor bei Live Aid die Performance seines Lebens gegeben hatte.

Nach der Ankündigung bei den Brit Awards 1992 waren die 72.000 Tickets schnell vergriffen und das obwohl die einzige bestätigte Band die kürzlich ihres Frontmanns beraubten Queen waren. Am 20. April wurde keiner der kurzentschlossenen Käufer*innen enttäuscht.

Die erste Hälfte des Konzerts bestand aus kurzen Sets phänomenaler Acts wie Metallica, Def Leppard und Guns N’ Roses, um das Publikum langsam für den Hauptteil des Abends in Stimmung zu bringen. Dieser bestand aus einem sensationellen Queen-Best of mit einer Reihe unglaublicher Sänger. Künstler*innen wie David Bowie, Robert Plant, Elton John, Annie Lennox und Axl Rose stellten sich der Herausforderung. Aber es war George Michael mit seiner leidenschaftlichen und aufregenden Performance von Somebody To Love, der allen die Show stahl. A Concert For Life war eines der größten Benefizkonzerte aller Zeiten und wurde in 76 Ländern ausgestrahlt. Schätzungen zufolge haben eine Milliarde Menschen das Event am Fernseher verfolgt. Alle Einnahmen gingen an eine extra ins Leben gerufene AIDS-Charity. Mercury hätte dem Ganzen bestimmt seinen Segen gegeben.


Tibetan Freedom Concert, Golden Gate Park, San Francisco (1996)

Als Adam Yauch von den Beastie Boy in Kathmandu, Nepal, die Aktivistin Erin Potts traf, erfuhr er alles über die Notlage der im Exil lebenden Tibeter und über Potts Bemühungen, Ihnen zu helfen. Nach der Begegnung blieben sie über Jahre in Kontakt und Potts hielt Yauch über die Aktivist*innen und ihre Arbeit auf dem Laufenden. Irgendwann fiel der Entschluss, ein Benefizkonzert zu veranstalten.

Das erste Tibetan Freedom Concert war eines der größten Benefizkonzerte der 90er: Unglaubliche 100.000 Menschen füllten während der zwei Tage den Golden Gate Park in San Francisco, um Künstler*innen wie Björk, A Tribe Called Quest, Rage Against The Machine, John Lee Hooker, Fugees, Pavement und natürlich die Beasties selbst zu sehen. Aber Potts und Yauch taten alles dafür, dass die Musikfans auch verstanden, worum es bei dem Event ging. Zwischen all den fantastischen Musikacts platzierten sie Ansprachen von Exilant*innen aus Tibet und Experten zu der Geschichte der Region. Die Tibetan Freedom Concerts fanden bis 2003 regelmäßig statt und haben nicht nur das Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt, sondern auch viel Geld gesammelt.


The Concert For New York City, Madison Square Garden, New York City (2001)

Wahrscheinlich war es abzusehen, dass der 11. September 2001 eines der größten Benefizkonzerte, das die USA je gesehen hat, nach sich ziehen würde. Das Concert For New York City am 20. Oktober 2001 ehrte Polizisten und Feuerwehrleute, die zuerst am Schauplatz der Tragödie waren und alle anderen, die an den Rettungs- und Bergungsarbeiten beteiligt waren.

Paul McCartney organisierte ein Konzert mit legendären Rockacts und aktuellen US-Popstars: Mick Jagger und Keith Richards, Bowie, Elton John und James Taylor standen Seite an Seite mit Destiny’s Child, Backstreet Boys und Jay Z. Aber die stürmischste Reaktion bekam der Auftritt von The Who. Ihr kurzes Set hinterließ einen so bleibenden Eindruck, dass die verbliebenen Mitglieder Roger Daltrey und Pete Townshend im Dezember 2008 vom Kennedy Centre ausgezeichnet wurden.


One Love Manchester, Old Trafford Cricket Ground, Manchester (2017)

Jeder hätte es verstanden, wenn sich Ariana Grande nach dem Bombenattentat auf ihr Konzert in der Manchester Arena am 22. Mai 2017 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätte. Aber stattdessen zeigte die Sängerin bemerkenswerten Mut und Kampfgeist und organisierte nur zwei Wochen nach dem schrecklichen Attentat ein Benefizkonzert, um den Opfern zu helfen.

Pop- und Rockgrößen waren gerne bereit, ihren Beitrag zu leisten, darunter auch einige direkt aus Manchester – nämlich Take That und Liam Gallagher. Aber eigentlich schauten alle auf Ariana Grande und sie meisterte nicht nur eines der größten Benefizkonzerte aller Zeiten, sondern auch das bis dahin größte Konzert ihrer Karriere. Für viele war der erinnerungswürdigste Moment des Abends, als sie unterstützt von Coldplay, den Oasis-Hit Don’t Look Back In Anger sang, der die Stadt seit dem Ereignis zusammengehalten und ihr Kraft gegeben hat.


Headerbild: Queen Productions Ltd

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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