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Popkultur

Die musikalische DNA von John Lennon

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Wir können über die Spinner*innen und Träumer*innen dieser Welt so lange lachen, wie wir wollen: Wir sind bitter auf sie angewiesen, wenn die Aussichten nicht erfreulich sind. John Lennon war ein Spinner, ein Träumer, ein Fantast und ein Hans-Guck-in-die-Luft. Außerdem war er eine der wichtigsten Figuren, welche die Pop-Welt jemals hervor gebracht hat. Ob mit den Beatles, gemeinsam mit Yoko Ono oder solo: Seine Songs ließen und lassen die Menschheit träumen. Von einer besseren Welt, von einem Mit- statt einem Gegeneinander.

Hör dir hier die musikalische DNA von John Lennon als Playlist an während du weiter liest:


Bevor sich Lennon aber als Rädelsführer einer neuen Friedensbewegung profilierte, begann er seine Karriere als Rebell. Seine Tante wollte um jeden Preis verhindern, dass der Neffe sich mit Musik die Zeit vertrieb. Seine Mutter starb, als Lennon gerade 17 Jahre alt war und hinterließ eine Lücke in seinem Leben, die niemals jemand schließen konnte. Der Teenager wurde aufrührerisch und respektlos gegenüber allen Autoritätsfiguren, wie er sich auch später als Musiker über alle Konventionen hinwegsetzen sollte.

Stellt Euch eine Welt ohne John Lennons „Imagine“ vor

John Lennon mag ein Träumer gewesen sein, der Preis dafür aber war hoch und nicht selten mussten ihn andere bezahlen: seine erste Frau Cynthia und ihr gemeinsamer Sohn Julian genauso wie die Mitglieder seiner ehemaligen Band, allem voran Paul McCartney. Aber Lennon wurde einiges verziehen. Kein Wunder, drehte sich bei ihm doch alles um Vergebung, Verständnis und Güte, soll heißen: Frieden für alle! Was ihn zu einem der außergewöhnlichsten und vielleicht sogar – wie nicht wenige meinen – dem zweifelsohne besten Songwriter aller Zeiten machte, das erfahren wir mit Blick auf seine musikalische DNA.

1. Fats Domino – Ain’t That A Shame

„Das Christentum wird irgendwann nicht mehr sein. Es wird verschwinden und schrumpfen… Wir sind zurzeit bekannter als Jesus – ich weiß nicht, ob der Rock’n’Roll oder das Christentum zuerst an ihr Ende kommen.“ Diese legendäre Interviewaussage hat dem damals jungen Lennon einigen Ärger eingehandelt. Blasphemie hin oder her: In ihr offenbart sich sein Glaube an die Kraft des Rock’n’Roll, wie sie zuerst in Gestalt von Fats Domino und dem King des Genres, Elvis Presley, zu ihm kam.

Der Rock’n’Roll wurde John von seiner geliebten Mutter fast buchstäblich in die Wiege gelegt. Während seine Tante Mimi ihn mit Literatur versorgte, spielte ihm Julia Lennon die Platten des Kings vor und brachte ihm die ersten Kniffe auf dem Banjo bei. Einer der Songs, die er zuerst lernte, war Ain’t That A Shame von Fats Domino. 1975 besann er sich auf seinem sechsten Solo-Album auf seine musikalischen Wurzeln und spielte für die Platte unter anderem eine Interpretation des Domino-Stücks ein, das ihn solange begleitet hatte. Wie die LP hieß? Na klar, Rock’n’Roll!

2. George Formby – George Formby Medley Parts 1 and 2

Nicht allein die Musik, sondern auch das Kino und die zahlreichen Varieté-Shows der fünfziger Jahre faszinierten den jungen Lennon. Gemeinsam mit Cousin Stanley Parkes und Cousine Leila Harvey reiste er von der Liverpooler Vorstadt Woolton häufig in die Küstenstadt Blackpool, um dort im Tower Circus das Programm zu genießen. Besonders angetan hatte es ihm George Formby, dem vielleicht legendärsten Comedian, Sänger und Music Hall-Entertainer seiner Zeit. Dass ausgerechnet Formby dem jungen Lennon gefiel, mag wohl auch an der Wahl seines Instruments gelegen haben: „Meine Mutter kann genauso gut Banjo und Ukulele spielen wie der“, protzte der junge John angeblich, als er nach einem Formby-Film das Kino verließ.

Formby, der einen vielleicht noch größeren Fan im Beatles-Kollegen George Harrison finden sollte, wird Lennon neben seinen musikalischen Tricks und einigen Lektionen in Sachen Bühnenpräsenz auch viel über Humor beigebracht haben. Lennons Wortspielereien sind heute noch legendär. Ein Denkmal setzte der dem Jugendidol mehr oder minder unbewusst im Song Free As A Bird, den er allerdings vor seiner Ermordung nicht mehr vollenden konnte. Nicht nur ist im dazugehörigen Video ein Formby-Lookalike zu sehen, sondern die erstmals 1995 von wiedervereinten Beatles auf ihrer Anthology 1 veröffentlichte Komposition endet auch auf einem enigmatischen Sprachsample. Es sind die rückwärts eingespielten Worte „it’s turned out nice again“, einem Trademark-Ausspruch Formbys.

3. Bill Justis – Raunchy

Damit ist Free As A Bird, das Lennon 1977 als Skizze auf eine Audiokassette einspielte und welches McCartney, Starr und Harrison erst 1994 vollenden sollten, eine Art doppelte Widmung an den stilprägenden Formby einerseits und den ermordeten Beatle andererseits. Aus ihrer Bewunderung gegenüber Lennon haben seine drei Kollegen nie einen Hehl gemacht. Einfach hatten sie es allerdings nun wirklich nicht mit dem Querkopf!

Zuerst musste das George Harrison am eigenen Leib erfahren. Als McCartney den jungen Gitarristen an Lennon empfahl, war der zuerst skeptisch. Harrison schien ihm mit seinen frischen 15 Jahren schlicht zu jung für die Skiffle-Band, die sich gerade in der Formation befand. Beweisen musste sich Harrison unter erschwerten Bedingungen: Nachdem er bei einer Probe die damals noch unter dem Namen Quarrymen firmierende Band nicht überzeugen konnte, spielte er ihnen auf dem Oberdeck eines fahrenden Liverpooler Busses seine Version von Bill Justis’ Raunchy vor. Gut, dass sich Lennon davon breitschlagen ließ…

4. Buddy Holly – Peggy Sue

Dass aus den Quarrymen die Beatles wurden, ist bekannt. Die Inspiration dafür lieferte Buddy Holly, der seine Band die Crickets genannt hatte. Das clevere Wortspiel der Pilzköpfe war gleichzeitig eine Hommage an ihn, wie es ihre Musik charakterisierte. Das indes ist bei weitem nicht das Einzige, was der tragischer Weise so jung verstorbene Holly den Fab Four mit auf den Weg gab. Schließlich wurde sein Song That’ll Be The Day aus dem Jahr 1957 für das Gespann Lennon-McCartney so wegweisend, dass sie ihn als ihren ersten Song überhaupt mit ins Aufnahmestudio nahmen.


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Auf seinem Rock’n’Roll-Album widmete Lennon dem US-amerikanischen Blues-Musiker ein weiteres Cover: Seine Version von Peggy Sue erweiterte die minimalistische Komposition um eine opulente Instrumentierung und psychedelische Stimmeffekte. Eine schöne Widmung an den Musiker, der neben anderen Helden wie Little Richard die Motivation für zwei Liverpooler Knirpse lieferte, sich an eigenen Songs zu versuchen, statt nur die Hits der Stunde zu covern. Seine Songs interpretierten die Beatles als Band wie auch Lennon solo jedoch immer wieder. Ehre, wem Ehre gebührt!

5. Chuck Berry – Sweet Little Sixteen

So vollmundig Lennon auch immer wieder sein eigenes Können anpries: Noch wärmere Worte fand er stets für seine Helden. „Wenn du Rock’n’Roll einen anderen Namen geben müsstest, dann könnte der nur ‚Chuck Berry‘ lauten“, sagte er einst. Wie weit der Einfluss der Rock-Legende reichte, lässt sich auf Come Together von den Beatles nachhören. Vergleicht den Song mal mit Berrys You Can’t Catch Me

Wir verbuchen das mal unter Jugendsünde und stellen ansonsten fest, dass Lennon dem älteren Kollegen ansonsten immer seinen verdienten Credit zugesprochen hat. Einige Berry-Stücke fanden sich in seinem Repertoire: Rock and Roll Music und Sweet Little Sixteen beispielsweise. Auch sein Sweet Little Sixteen-Cover war auf der LP zu hören, mit denen sich Lennon vor seinen frühen Helden verbeugte: Rock’n’Roll. Warum er das Album aber nicht schlicht Chuck Berry genannt hat…?

6. Bob Dylan – My Back Pages

Aber Spaß beiseite. Seine Inspiration fand John Lennon nicht nur in den Rock-Helden der fünfziger Jahre, denen er mit seiner LP ein Denkmal setzte, sondern auch in der Gegenwart. Bob Dylan wirkte aktiv an der Bewusstseinserweiterung des Beatles mit – und das meinen wir ganz wortwörtlich! Dass sich die Beatles schon zu Hamburger Zeiten einiges reingepfiffen hatten, um die anstrengenden Bühnenabende zu überstehen, ist weitreichend bekannt. Wusstet ihr aber, dass sie damals ziemlich unbeeindruckt von den grünen Räucherwaren waren, die ihnen im Rotlichtbezirk zugesteckt wurden?

Das änderte sich mit Bob Dylan, der seinen eigenen Slogan „Everybody must get stoned“ aus dem Song Rainy Day Women #12 & #35 mehr als wörtlich nahm und die Pilzköpfe zum Qualmen animierte. Den nasal gesungenen Folk-Einschlag des US-Amerikaners arbeitete Lennon schon zu Zeiten von Help! in die Musik der Fab Four ein. Der Song You’ve Got To Hide Your Love Away klingt stark nach Dylan, im Titelstück selbst zitiert Lennon den Kollegen sogar indirekt. “I was so much older then / I’m younger than that now”, heißt es Dylans My Back Pages. Klingt doch vertraut, oder?

7. John Cage – Fontana Mix

Wie viele seiner Zeitgenossen wurde Dylan als Freund der Band auch in Lennons Privatleben zu einer einflussreichen Persönlichkeit. Mehr noch lässt sich das von einer anderen Person sagen, die sein Leben von Grund auf änderte: Yoko Ono. Derweil sich alle Welt sicher zu sein scheint, dass die Japanerin am Ende der Band schuldig ist, weiß niemand so genau, wie Ono und Lennon aufeinander trafen. Eine Legende besagt, dass Lennon die Künstlerin bei einer ihrer Ausstellungen kennen lernte. Einer anderen zufolge brachte die Musik John Cages die beiden einander näher: Angeblich hatte sie ihn nach Manuskripten des Avantgarde-Komponisten gefragt.

Mit Cage verstanden sich die beiden prächtig, wie beispielsweise ein Videoausschnitt aus der Dokumentation John Cage: Journeys In Sound beweist. Nicht nur diskutieren die drei lebhaft über die Eigenarten der menschlichen Stimme und wie sie sich in sozialen Kontexten verändern, nein, Cage singt den beiden sogar ein ganz besonderes Ständchen. Lennons Interesse an den experimentellen Kompositionen und Produktionstechniken des verschrobenen Genies lebte er noch zu Beatles-Zeiten im Studio aus: Revolution 9 beispielsweise war direkt von Cage und dessen deutschem Kollegen Karlheinz Stockhausen inspiriert. Und was Lennon und Ono selbst auf den drei LPs Unfinished Music No. 1: Two Virgins, Unfinished Music No. 2: Life with the Lions und dem Wedding Album anstellten, entstand auch unter dem Eindruck von Cages elektronischen Klangcollagen.

8. Paul and Linda McCartney – Too Many People

Im Laufe seiner Karriere, so sagte Lennon einmal, habe er nur mit zwei Menschen gezielt zusammengearbeitet: Yoko Ono und Paul McCartney. „Keine schlechte Wahl“, meinte er ebenso großspurig wie wahrheitsgetreu. Mit beiden stand es aber nicht immer zum Besten. Denn Ono und Lennon lebten eine Zeit lang getrennt voneinander. Und den Beatles-Kollegen bezeichnete Lennon mal als „zerstrittenen Verlobten“. Nach dem Ende der Beatles nämlich sah es zwischen den beiden Genies alles andere als rosig aus.

Der Song How Do You Sleep? von Johns Imagine-LP antwortete mit bitterbösen Worten auf die Sticheleien von Too Many People auf Pauls Album RAM, welches er gemeinsam mit seiner Frau Linda aufgenommen hatte: „That was your first mistake / You took your lucky break and broke it in two / Now what can be done for you? / You broke it in two“. McCartney erinnerte sich viel später in einem Interview an den Song: „Ich schrieb ‚Too many people preaching practices‘, glaube ich. Ich nehme mal an, dass das ein kleiner Hieb in Richtung John und Yoko war.“ Das sahen die beiden offenkundig genauso! Im Laufe der Jahre aber besserte sich das Verhältnis zwischen John und Paul zum Glück, wenngleich sie aber ihre musikalische Partnerschaft nie wieder aufnahmen.

9. Elton John – Lucy In The Sky With Diamonds

Übrigens: Nicht allein mit Ono und McCartney ging Lennon eine produktive Zusammenarbeit ein! Nicht immer wurden Johns Solo-Alben von der Kritik gut aufgenommen und auch der kommerzielle Erfolg blieb im stellenweise verwehrt. Erfolgreicher war in den siebziger Jahren Elton John, den sich Lennon für die Aufnahme von Whatever Gets You thru the Night ins Studio holte – seiner einzigen Nummer-Eins-Single in den USA! Neben Gastauftritten bei Ringo Starr und sogar David Bowie war die Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Rocket Man-Sänger seine wohl erfolgreichste.

Zeitsprung: Am 28.9.2009 stirbt die echte „Lucy In The Sky With Diamonds“ viel zu früh.

Als John den Kollegen Lennon nach einer verlorenen Wette im November 1974 auf die Bühne des Madison Square Gardens bewegen konnte, winkte der gegenüber den wartenden Journalisten mit den Worten „Das hat echt Spaß gemacht, ich würde damit ungern meinen Lebensunterhalt bestreiten wollen“ ab. Eine prophetische Aussage, denn es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt bleiben. 1975 noch half er selbst an der Gitarre im Studio aus, als Elton John ein Cover des Beatles-Klassikers Lucy In The Sky With Diamonds einspielte. Auch die Nummer sollte ein voller Erfolg werden und die Charts stürmen. Eine traurige Ironie des Schicksals.

10. Soulfly – Son Song (feat. Sean Lennon)

John Lennon hinterließ der Welt nicht nur einfühlsame Balladen, spritzige Rock-Songs und denkwürdige musikalische Experimente, sondern auch zwei talentierte Kinder. Sein Sohn aus erster Ehe, Julian, hatte den Songwriter mit einer Zeichnung zum Stück Lucy In The Sky With Diamonds inspiriert. McCartney gab zudem an, Hey Jude zuerst unter dem Namen Hey Jules für den jungen Knirps verfasst zu haben. Auf einer Lennon-Platte ist Julian sogar zu hören: Im Alter von elf spielte er auf dem Album Walls and Bridges Schlagzeug auf dem Lee Dorsey-Cover Ya Ya.

Auch mit Yoko Ono hatte Lennon einen Sohn, Sean. Während er Julian zu Zeiten der Beatlemania mehr oder minder vernachlässigt hatte, bekam Sean von seinem Vater alle nur erdenkliche Aufmerksamkeit. Wie Julian trat er ebenfalls eine musikalische Karriere an und arbeitete mit einer Vielzahl von Artists zusammen. Gemeinsam mit der brasilianischen Metal-Band Soulfly nahm er 2000 ein Stück namens Son Song auf. „Look at the sun, / look at the sky / Another day, another sign / And every moment is precious / And everything will turn to dust”, singt er im Refrain. Bewegende Abschiedsworte an einen Vater, der viel zu früh aus dieser Welt schied.

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