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Popkultur

Die musikalische DNA von Tina Turner

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Manche sind gut, aber Tina Turner ist einfach die Beste – besser als all der Rest. Sagt beziehungsweise singt sie selbst, stimmt aber eben auch. Gerade weil sie sich mit „simply the best“ nicht selbst ansprach. Bescheidenheit ist schließlich auch eine Tugend. Seit 1958 ist die Sängerin im Geschäft und seitdem hat sich viel geändert, nicht nur im Musikbusiness oder der Weltgeschichte. Aus Anna Mae Bullock wurde Tina Turner, aus der Backgroundsängerin ein Weltstar, aus der Baptistin eine Buddhistin und aus der US-Amerikanerin schließlich eine Schweizerin. Eins aber ist sie geblieben, nachdem ihr dieser Titel das erste Mal verliehen wurde: die unbestrittene Queen of Rock’n’Roll und nebenbei ein grundsympathischer Mensch.

Hört hier in die Greatest Hits von Tina Turner rein:

Im Laufe ihrer Karriere sah sich Turner vielen Widrigkeiten ausgesetzt. Als schwarze Frau stand sie in den segregierten USA in der gesellschaftlichen Hackordnung ganz unten und fand mit Ike Turner einen Partner, der sich bald als herrischer Gewalttäter entpuppte. Das alles floss in ihre Musik ein und es hat sie zum Glück nur stärker gemacht. Ihrem Schicksal trat sie mit viel Talent und Willenskraft entgegen. Der Kampf sollte sich auszahlen: Kaum eine renommierte Würdigung, die ihr nicht zuteilwurde und mehr verkaufte Tonträger als die meisten anderen. Selbst ein stocksteifer konservativer Politiker wie George W. Bush lobte ihr „natürliches Können, die Energie und Sinnlichkeit“ ihrer Auftritte, konnte sich aber einen Kommentar über ihre Beine – „die berühmtesten im Show-Biz“ – nicht verkneifen.

Doch bleiben wir beim Wesentlichen: Was macht Tina Turners Musik, die sich im Laufe von über 60 Jahren bisweilen entschieden verändert hat, so besonders? Diese Frage beantwortet uns ein Blick auf ihre musikalische DNA, die musikalische und bisweilen sogar übernatürliche Einflüsse in sich vereint.

1. Rev. Louis Overstreet – Walk With Me Lord

Tina Turner wurde im November 1939 geboren. Der Zweite Weltkrieg war auf dem europäischen Festland bereits im Gange und in den USA herrschten noch die Rassengesetze. Der schwarzen Bevölkerung war die gesellschaftliche, kulturelle und rechtliche Teilhabe an der Gesellschaft weitestgehend untersagt. Das betraf auch die Bildung. Wie viele ihrer Generation kam Anna Mae deswegen vor allem durch die Kirche an Musik heran und sang als Teil des Chors der Spring Hill Baptist Church in Nutbush, Tennessee ihre ersten Lieder.

Zu ihren Wurzeln kehrte Turner im Jahr 1974 zurück, als sie gemeinsam mit Ike das Album The Gospel According to Ike and Tina aufnahm. Darauf fanden sich viele klassische spirituelle Lieder, wie sie die Sängerin zum ersten Mal sonntags nach der Predigt zum Besten gegeben hatte, darunter auch Walk With Me (I Need You Lord to Be My Friend) beziehungsweise Walk With Me Lord, wie das Stück in anderen Adaptionen von unter anderem Reverend Louis Overstreet heißt. Die Nähe zum Blues-Sound, aus dem sich in den fünfziger Jahren der Rock’n‘Roll entwickelte, ist in seiner Version unüberhörbar.

2. Deva Premal & Miten with Manose – Nam Myoho Renge Kyo

Dass The Gospel According to Ike and Tina 1974 erschien, ist eigentlich eine Ironie der Musikgeschichte. Ein Jahr vorher nämlich noch begann sich Turner erstmals für die Lehren des Nichiren-Buddhismus zu interessieren. Denen zufolge ist die Erleuchtung übrigens schon im Diesseits und nicht wie in anderen Formen des Buddhismus oder im Falle der Erlösung im Christentum erst im Nachleben möglich. Eine kleine Abkürzung Richtung Seelenheil also? Vielleicht. Wer aber hätte es ihr verübeln können?

Mitte der siebziger Jahre verfiel Ike immer weiter dem Kokain und zeigte darüber mehr und mehr seine gewalttätige Seite. Es waren schwere Zeiten für Tina und das buddhistische Mantra Nam Myoho Renge Kyo, das typisch für den Nichiren-Buddhismus ist, half ihr beim Überstehen dieser Widrigkeiten. „Nam Myoho Renge Kyo ist wie ein Song. In der Soka Gakkai-Tradition wird uns gelehrt, wie er zu singen ist. Es ist ein Klang und ein Rhythmus, der dein Innerstes berührt. Dieser Ort, den wir zu erreichen versuchen, ist das Unbewusste. Ich denke, das ist der höchste Ort“, sagte Turner über die Bedeutung, welches das Stück für sie hat.

3. The Trojans – As Long As I Have You

Egal, was wir vom Nichiren-Buddhismus und seinem Mantra halten: Es war gut, dass Turner darin Kraft fand. Denn ausgerechnet der Mann, der ihrem Ruhm den Weg geebnet hatte, entpuppte sich als große Bedrohung für sie. Dabei hatte doch alles ganz anders angefangen. Mit 17 sah Turner zum ersten Mal die Kings of Rhythm mit ihrem Bandleader Ike. Ihren Beschreibungen zufolge versetzte sie die treibende Musik des Kollektivs geradezu in Trance. Als ihr der Drummer während einer Pause das Mikrofon reichte, zögerte sie deshalb nicht lange und wurde glatt zur Gastsängerin des Abends.

Der Rest ist Geschichte. Zuerst heuerte sie unter dem Namen Little Ann als Backgroundsängerin bei Ike an und übernahm im Studio das Mikro, als der The Trojans-Sänger Art Lassiter partout nicht auftauchen wollte. So sang sie an seiner Stelle A Fool in Love ein. Ein schicksalhaftes Fernbleiben, denn A Fool in Love machte den Labelbetreiber Juggy Murray auf die junge Künstlerin aufmerksam. Er überzeugte Ike, ihr mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Der erfand für sie die Fantasiefigur Tina, eine Rolle, die notfalls auch andere Sängerinnen spielen konnten. Seitdem aber gab es aber nur die eine Tina Turner und eine andere wird es nie geben. Der 1994 verstorbene Lassiter verhalf so Turner auf Umwegen zu ihrer Karriere und arbeitete noch manches Mal mit ihr. Wenn er es denn ins Studio schaffte, heißt das.

4. The Ronettes – Be My Baby

Neben den Trojans versammelte Lassiter noch eine andere Vokalgruppe um sich: Robbie Montgomery, Frances Hodges und Sandra Harding waren damals als The Artettes bekannt. Sie nahmen später unter Ikes Führung den Namen The Ikettes an – eine Gruppe, der Tina vorangestellt wurde. Damals gingen sie gemeinsam mit den Kings of Rhythm auf Tour und sorgten für eine Show, die manche mit denen von James Brown verglichen! Davon zeigte sich auch der Produzent Phil Spector angetan, der Ike und Tina 1965 in Los Angeles live sah und sie ins Studio einlud.

Unter den scharfen Ohren des „wall of sound“-Erfinders Spector nahm das Duo die Single River Deep – Mountain High auf, welche Spector bis heute zu einer seiner besten Produktionen zählt. Das Miteinander von Turners charismatischer Stimme und dem sinfonischen Sound des Stücks sorgte für den maximalen Effekt. Und genau um den ging es Spector! Vorgemacht hatte er das allerdings selbst mit Songs wie Be My Baby für die Ronettes, die inoffiziellen Namensgeberinnen für die Artettes beziehungsweise Ikettes. Mehr Bombast auf einer Aufnahme war damals nicht möglich. Spector blieb den Turners übrigens weiter treu: 1991 vertrat er sie sogar während der Zeremonie zu ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame.

5. Otis Redding – I’ve Been Loving You Too Long

Während Ike sich immer weiter in den Hintergrund verziehen musste, blühte Tina ab Ende der sechziger Jahre immer weiter auf. Nicht nur ein Nerd wie Spector, sondern auch die breite Masse begann langsam aber sicher, sich für sie zu begeistern. Als 1968 das Blues-infizierte Album Outta Season erschien, glänzte sie darauf mit Coverversionen von Albert Kings titelgebendem Stück und einer Otis Redding-Ballade.

Heute wirkt es nahezu ironisch, dass Turner damals die Worte I’ve Been Loving You Too Long in den Mund nahm. Denn das bahnbrechende Soul-Stück, das den Sound des Stax-Labels maßgeblich prägen sollte, wird aus der Perspektive eines Mannes gesungen. Dessen Geliebte ist seiner überdrüssig geworden und sehnt sich nach Freiheit. Nach ihrer Scheidung von Ike sagte Turner: „Mir gefiel meine Freiheit sehr, nachdem ich da raus war…“ She’d been loving im too long!

6. The Rolling Stones – Gimme Shelter

Das Redding-Stück wurde allerdings schon vor Turners Cover-Version neu aufgenommen und zwar von einer Band, die zu dieser Zeit für gehörigen Wirbel sorgte. Kaum war das Original 1965 erschienen, lieferten die Rolling Stones ihre eigene Interpretation des Stücks nach, drei Jahre vor den Turners. Da die Stones jedoch von ihrer Spector-Produktion River Deep – Mountain High begeistert waren, luden sie die Turner-Revue 1968 auf ihre England-Tour ein. Die schaute im Gegenzug vorbei, als die Stones 1969 durch die Staaten reisten.

Im legendären Konzertfilm Gimme Shelter aus dem Jahr 1970 ist auch tatsächlich eine Einstellung zu sehen, in der Ike & Tina I’ve Been Loving You Too Long aufführen. Seit dieser Zeit näherten sich die beiden auch immer weiter dem dominierenden Rock-Sound der Ära an. Nur wenig Jahre später spielte Tina sogar in der Verfilmung von The Whos Tommy mit, als drogensüchtige Sexarbeiterin, die den Protagonisten verführen möchte und den Song The Acid Queen singt. Das im Übrigen war auch der Titel ihres zweiten Solo-Albums, das wie der Film im Jahr 1975 erschien.

7. Elton John – The Bitch Is Back

Die Rolling Stones und The Who: Tina Turner umgab sich gerne mal mit den Größten ihres Fachs. Und warum auch nicht? Sie war eine erfahrene Performerin mit einer unverwechselbaren Stimme, die viele der rüpelhaften Kerls aus dem Rock-Zirkus jederzeit in die Tasche gesteckt hätte. Denn Turner hat seit jeher etwas an sich, das kein Rocker einfach so erlernen kann: Charisma und Präsenz. Die mitreißende Theatralik ihrer Live-Auftritte allerdings hat sie auf Ochsentouren quer durch die Welt – bis zu 90 Shows spielte die Turner-Revue bisweilen pro Jahr! – und zahlreichen TV-Auftritten verfeinert. Turner ist eine dieser seltenen Ausnahmefiguren: gleichzeitig Vollblutkünstlerin und Entertainerin.

Deswegen verwundert es kaum, dass Turner nach der Trennung von Ike in Las Vegas mit einer Kabarett-Show reüssierte und später den glamourösen Disco-Sound der Ära aufnahm. Als sie zwischendurch im Jahr 1978 ein Cover von Elton Johns parodistischem Song The Bitch Is Back aufnahm, kam zusammen, was zusammen gehörte: Der exzentrische Sänger war schließlich so eine Art britisches Gegenstück zu Turner. Immer wieder standen die beiden auf der Bühne und spielten das Stück sogar gelegentlich zusammen. Als sie 1999 beide gemeinsam mit Cher den Song Proud Mary bei den Divas Live ‘99 spielten, erlaubte sie sich allerdings einen Schnitzer: „Ich habe einen Fehler begangen, als ich ihm zeigen musste, wie Proud Mary gespielt wird“, gab sie in einem Interview zu. „Der Fehler war, dass du Elton John nicht erklärst, wie er sein Klavier zu spielen hat!“

8. James Brown & The Famous Flames – Please, Please, Please

John stürmte entrüstet von der Bühne und eine geplante gemeinsame Tour war damit vereitelt. „Er ist nicht wie Jagger oder andere Leute, die professionell genug sind, um einfach weiterzumachen“, erklärte Turner. „Er ist einfach sehr sensibel. Sehr. So sensibel.“ Aber Turner wäre nicht Turner, wenn sie mit cholerischen Paradiesvögeln nicht klar käme. Nicht umsonst wurde sie häufig als weibliches Pendant zu James Brown bezeichnet. Der nämlich mag zwar ebenso hitzköpfig gewesen sein – und teilte nebenbei mit Ike den Hang zur Gewalt – galt aber nicht ohne Grund als „the hardest working man in showbiz“.

Mit dem Werk Browns und seinen Bandleader-Qualitäten war Turner bestens vertraut. Ein aus dem Jahr 1964 erhaltenes Video zeigt sie gemeinsam mit Ike mit einem Cover von Please, Please, Please glänzen. Da bleibt nicht wenigen die Spucke weg und das überwiegend weibliche Publikum schreit noch lauter, als es bei einem durchschnittlichen Brown-Konzert der Fall war. Meisterhaft ist auch, wie Turner für einen kurzen Moment die Musik unterbricht: „Ich will euch etwas bitten“, sagt sie. „Falls hier jemand unter den Anwesenden mal verletzt wurde, soll er oder sie jetzt ‚I!‘ rufen.“ Der Rest geht in brüllendem Lärm unter. Vielleicht ist sie eben nicht nur die Queen of Rock’n‘Roll, sondern zugleich die Soul Sister Number One!

9. U2 – I Still Haven’t Found What I’m Looking For

Obwohl natürlich das Herz Turners nach wie vor für den Rock schlägt. Neben Abstechern in die Disco-Welt und einige Fettknäpfchen im Pop-Bereich – wir erinnern uns an das Duett mit Eros Ramazzoti! – suchte sie immer wieder die Nähe zu Rock-Bands. Nachdem sie am Film What’s Love Got to Do With It mitgearbeitet und auf eine längere US-Tour gegangen war, zog sich Turner ab 1993 wieder für eine Weile zurück und meldete erst zwei Jahre ihre Rückkehr auf fulminante Weise an: Sie durfte den Titelsong für den James Bond-Film GoldenEye singen, eines der ikonischsten Stücke der gesamten Bond-Geschichte.

Dafür arbeitete sie mit U2 zusammen, eine zuerst ungewöhnliche Kombination. Doch wusstet ihr, dass die irische Band schon mal Turners Private Dancer auf ihren Konzerten gecovert hat? Der Einfluss der Queen of Rock’n‘Roll lässt sich eben überall nachweisen. Umgekehrt konnte Turner einiges von Bono und seinen Kollegen mitnehmen und nicht zuletzt schrieb The Edge ihr den GoldenEye-Theme direkt auf den Leib. Doch lehnte diese zuerst ab. Erst ein handgeschriebener Brief von Bono und ein Besuch des Sängers gemeinsam mit The Edge bei ihr zuhause in der Schweiz konnten sie umstimmen. Zum Glück. Nicht nur Phil Spector, sondern auch die Iren wussten genau, wie sie Turner im Studio perfekt inszenieren konnten.

10. Beyoncé – Flawless

Eine musikalische DNA versammelt nie allein nur die reinen Einflüsse von bestimmten Bands und Artists, sondern nimmt zum Schluss auch immer in den Blick (oder: ins Ohr), wie deren Musik selbst stilprägend geworden ist. Keine leichte Aufgabe bei einer Ausnahmefigur wie Turner. Viel eher ließe sich nämlich aufzählen, wen sie mit ihrer abwechslungsreichen Musik nicht inspiriert hat. Ein wenig eingrenzen können wir es zumindest. Von Oprah Winfrey über Whitney Houston hin zu Kelis wurde sie vor allem von schwarzen Künstlerinnen als Idol genannt. Nur verständlich, hatte sie doch viel dazu beigetragen, dass schwarze Frauen im männerdominierten Rock-Zirkus mittlerweile ernst genommen werden.

Das Selbstvertrauen, mit der Turner vor allem in ihrer Anfangszeit die Bühnen regierte, ist nicht als selbstverständlich anzunehmen. Denn Turner hat hart für jedes Bisschen Respekt gekämpft und damit die Welt für sich gewonnen. Dass der vielleicht größte Pop-Star unserer Zeit sie zu ihren Vorbildern zählt, versteht sich da wie von selbst. Klar, wir reden von Beyoncé! Beide wuchsen in den Südstaaten auf, in denen Alltagsrassismus noch immer an der Tagesordnung stand, und schafften es mit viel Ellbogenfett an die Spitze der Musikwelt. Ein Song wie Flawless von Beyoncés selbstbetitelten Album, der dank seines Chimamanda Ngozi Adichie-Samples zugleich ein feministisches Manifest ist, steht eindeutig in der Tradition einer Tina Turner!

Zeitsprung: Am 26.11.1939 wird Tina Turner geboren

Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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