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Die musikalische DNA von Tina Turner

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Manche sind gut, aber Tina Turner ist einfach die Beste – besser als all der Rest. Sagt beziehungsweise singt sie selbst, stimmt aber eben auch. Gerade weil sie sich mit „simply the best“ nicht selbst ansprach. Bescheidenheit ist schließlich auch eine Tugend. Seit 1958 ist die Sängerin im Geschäft und seitdem hat sich viel geändert, nicht nur im Musikbusiness oder der Weltgeschichte. Aus Anna Mae Bullock wurde Tina Turner, aus der Backgroundsängerin ein Weltstar, aus der Baptistin eine Buddhistin und aus der US-Amerikanerin schließlich eine Schweizerin. Eins aber ist sie geblieben, nachdem ihr dieser Titel das erste Mal verliehen wurde: die unbestrittene Queen of Rock’n’Roll und nebenbei ein grundsympathischer Mensch.

Hört hier in die Greatest Hits von Tina Turner rein:

Im Laufe ihrer Karriere sah sich Turner vielen Widrigkeiten ausgesetzt. Als schwarze Frau stand sie in den segregierten USA in der gesellschaftlichen Hackordnung ganz unten und fand mit Ike Turner einen Partner, der sich bald als herrischer Gewalttäter entpuppte. Das alles floss in ihre Musik ein und es hat sie zum Glück nur stärker gemacht. Ihrem Schicksal trat sie mit viel Talent und Willenskraft entgegen. Der Kampf sollte sich auszahlen: Kaum eine renommierte Würdigung, die ihr nicht zuteilwurde und mehr verkaufte Tonträger als die meisten anderen. Selbst ein stocksteifer konservativer Politiker wie George W. Bush lobte ihr „natürliches Können, die Energie und Sinnlichkeit“ ihrer Auftritte, konnte sich aber einen Kommentar über ihre Beine – „die berühmtesten im Show-Biz“ – nicht verkneifen.

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Doch bleiben wir beim Wesentlichen: Was macht Tina Turners Musik, die sich im Laufe von über 60 Jahren bisweilen entschieden verändert hat, so besonders? Diese Frage beantwortet uns ein Blick auf ihre musikalische DNA, die musikalische und bisweilen sogar übernatürliche Einflüsse in sich vereint.

1. Rev. Louis Overstreet – Walk With Me Lord

Tina Turner wurde im November 1939 geboren. Der Zweite Weltkrieg war auf dem europäischen Festland bereits im Gange und in den USA herrschten noch die Rassengesetze. Der schwarzen Bevölkerung war die gesellschaftliche, kulturelle und rechtliche Teilhabe an der Gesellschaft weitestgehend untersagt. Das betraf auch die Bildung. Wie viele ihrer Generation kam Anna Mae deswegen vor allem durch die Kirche an Musik heran und sang als Teil des Chors der Spring Hill Baptist Church in Nutbush, Tennessee ihre ersten Lieder.

Zu ihren Wurzeln kehrte Turner im Jahr 1974 zurück, als sie gemeinsam mit Ike das Album The Gospel According to Ike and Tina aufnahm. Darauf fanden sich viele klassische spirituelle Lieder, wie sie die Sängerin zum ersten Mal sonntags nach der Predigt zum Besten gegeben hatte, darunter auch Walk With Me (I Need You Lord to Be My Friend) beziehungsweise Walk With Me Lord, wie das Stück in anderen Adaptionen von unter anderem Reverend Louis Overstreet heißt. Die Nähe zum Blues-Sound, aus dem sich in den fünfziger Jahren der Rock’n‘Roll entwickelte, ist in seiner Version unüberhörbar.

2. Deva Premal & Miten with Manose – Nam Myoho Renge Kyo

Dass The Gospel According to Ike and Tina 1974 erschien, ist eigentlich eine Ironie der Musikgeschichte. Ein Jahr vorher nämlich noch begann sich Turner erstmals für die Lehren des Nichiren-Buddhismus zu interessieren. Denen zufolge ist die Erleuchtung übrigens schon im Diesseits und nicht wie in anderen Formen des Buddhismus oder im Falle der Erlösung im Christentum erst im Nachleben möglich. Eine kleine Abkürzung Richtung Seelenheil also? Vielleicht. Wer aber hätte es ihr verübeln können?

Mitte der siebziger Jahre verfiel Ike immer weiter dem Kokain und zeigte darüber mehr und mehr seine gewalttätige Seite. Es waren schwere Zeiten für Tina und das buddhistische Mantra Nam Myoho Renge Kyo, das typisch für den Nichiren-Buddhismus ist, half ihr beim Überstehen dieser Widrigkeiten. „Nam Myoho Renge Kyo ist wie ein Song. In der Soka Gakkai-Tradition wird uns gelehrt, wie er zu singen ist. Es ist ein Klang und ein Rhythmus, der dein Innerstes berührt. Dieser Ort, den wir zu erreichen versuchen, ist das Unbewusste. Ich denke, das ist der höchste Ort“, sagte Turner über die Bedeutung, welches das Stück für sie hat.

3. The Trojans – As Long As I Have You

Egal, was wir vom Nichiren-Buddhismus und seinem Mantra halten: Es war gut, dass Turner darin Kraft fand. Denn ausgerechnet der Mann, der ihrem Ruhm den Weg geebnet hatte, entpuppte sich als große Bedrohung für sie. Dabei hatte doch alles ganz anders angefangen. Mit 17 sah Turner zum ersten Mal die Kings of Rhythm mit ihrem Bandleader Ike. Ihren Beschreibungen zufolge versetzte sie die treibende Musik des Kollektivs geradezu in Trance. Als ihr der Drummer während einer Pause das Mikrofon reichte, zögerte sie deshalb nicht lange und wurde glatt zur Gastsängerin des Abends.

Der Rest ist Geschichte. Zuerst heuerte sie unter dem Namen Little Ann als Backgroundsängerin bei Ike an und übernahm im Studio das Mikro, als der The Trojans-Sänger Art Lassiter partout nicht auftauchen wollte. So sang sie an seiner Stelle A Fool in Love ein. Ein schicksalhaftes Fernbleiben, denn A Fool in Love machte den Labelbetreiber Juggy Murray auf die junge Künstlerin aufmerksam. Er überzeugte Ike, ihr mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Der erfand für sie die Fantasiefigur Tina, eine Rolle, die notfalls auch andere Sängerinnen spielen konnten. Seitdem aber gab es aber nur die eine Tina Turner und eine andere wird es nie geben. Der 1994 verstorbene Lassiter verhalf so Turner auf Umwegen zu ihrer Karriere und arbeitete noch manches Mal mit ihr. Wenn er es denn ins Studio schaffte, heißt das.

4. The Ronettes – Be My Baby

Neben den Trojans versammelte Lassiter noch eine andere Vokalgruppe um sich: Robbie Montgomery, Frances Hodges und Sandra Harding waren damals als The Artettes bekannt. Sie nahmen später unter Ikes Führung den Namen The Ikettes an – eine Gruppe, der Tina vorangestellt wurde. Damals gingen sie gemeinsam mit den Kings of Rhythm auf Tour und sorgten für eine Show, die manche mit denen von James Brown verglichen! Davon zeigte sich auch der Produzent Phil Spector angetan, der Ike und Tina 1965 in Los Angeles live sah und sie ins Studio einlud.

Unter den scharfen Ohren des „wall of sound“-Erfinders Spector nahm das Duo die Single River Deep – Mountain High auf, welche Spector bis heute zu einer seiner besten Produktionen zählt. Das Miteinander von Turners charismatischer Stimme und dem sinfonischen Sound des Stücks sorgte für den maximalen Effekt. Und genau um den ging es Spector! Vorgemacht hatte er das allerdings selbst mit Songs wie Be My Baby für die Ronettes, die inoffiziellen Namensgeberinnen für die Artettes beziehungsweise Ikettes. Mehr Bombast auf einer Aufnahme war damals nicht möglich. Spector blieb den Turners übrigens weiter treu: 1991 vertrat er sie sogar während der Zeremonie zu ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame.

5. Otis Redding – I’ve Been Loving You Too Long

Während Ike sich immer weiter in den Hintergrund verziehen musste, blühte Tina ab Ende der sechziger Jahre immer weiter auf. Nicht nur ein Nerd wie Spector, sondern auch die breite Masse begann langsam aber sicher, sich für sie zu begeistern. Als 1968 das Blues-infizierte Album Outta Season erschien, glänzte sie darauf mit Coverversionen von Albert Kings titelgebendem Stück und einer Otis Redding-Ballade.

Heute wirkt es nahezu ironisch, dass Turner damals die Worte I’ve Been Loving You Too Long in den Mund nahm. Denn das bahnbrechende Soul-Stück, das den Sound des Stax-Labels maßgeblich prägen sollte, wird aus der Perspektive eines Mannes gesungen. Dessen Geliebte ist seiner überdrüssig geworden und sehnt sich nach Freiheit. Nach ihrer Scheidung von Ike sagte Turner: „Mir gefiel meine Freiheit sehr, nachdem ich da raus war…“ She’d been loving im too long!

6. The Rolling Stones – Gimme Shelter

Das Redding-Stück wurde allerdings schon vor Turners Cover-Version neu aufgenommen und zwar von einer Band, die zu dieser Zeit für gehörigen Wirbel sorgte. Kaum war das Original 1965 erschienen, lieferten die Rolling Stones ihre eigene Interpretation des Stücks nach, drei Jahre vor den Turners. Da die Stones jedoch von ihrer Spector-Produktion River Deep – Mountain High begeistert waren, luden sie die Turner-Revue 1968 auf ihre England-Tour ein. Die schaute im Gegenzug vorbei, als die Stones 1969 durch die Staaten reisten.

Im legendären Konzertfilm Gimme Shelter aus dem Jahr 1970 ist auch tatsächlich eine Einstellung zu sehen, in der Ike & Tina I’ve Been Loving You Too Long aufführen. Seit dieser Zeit näherten sich die beiden auch immer weiter dem dominierenden Rock-Sound der Ära an. Nur wenig Jahre später spielte Tina sogar in der Verfilmung von The Whos Tommy mit, als drogensüchtige Sexarbeiterin, die den Protagonisten verführen möchte und den Song The Acid Queen singt. Das im Übrigen war auch der Titel ihres zweiten Solo-Albums, das wie der Film im Jahr 1975 erschien.

7. Elton John – The Bitch Is Back

Die Rolling Stones und The Who: Tina Turner umgab sich gerne mal mit den Größten ihres Fachs. Und warum auch nicht? Sie war eine erfahrene Performerin mit einer unverwechselbaren Stimme, die viele der rüpelhaften Kerls aus dem Rock-Zirkus jederzeit in die Tasche gesteckt hätte. Denn Turner hat seit jeher etwas an sich, das kein Rocker einfach so erlernen kann: Charisma und Präsenz. Die mitreißende Theatralik ihrer Live-Auftritte allerdings hat sie auf Ochsentouren quer durch die Welt – bis zu 90 Shows spielte die Turner-Revue bisweilen pro Jahr! – und zahlreichen TV-Auftritten verfeinert. Turner ist eine dieser seltenen Ausnahmefiguren: gleichzeitig Vollblutkünstlerin und Entertainerin.

Deswegen verwundert es kaum, dass Turner nach der Trennung von Ike in Las Vegas mit einer Kabarett-Show reüssierte und später den glamourösen Disco-Sound der Ära aufnahm. Als sie zwischendurch im Jahr 1978 ein Cover von Elton Johns parodistischem Song The Bitch Is Back aufnahm, kam zusammen, was zusammen gehörte: Der exzentrische Sänger war schließlich so eine Art britisches Gegenstück zu Turner. Immer wieder standen die beiden auf der Bühne und spielten das Stück sogar gelegentlich zusammen. Als sie 1999 beide gemeinsam mit Cher den Song Proud Mary bei den Divas Live ‘99 spielten, erlaubte sie sich allerdings einen Schnitzer: „Ich habe einen Fehler begangen, als ich ihm zeigen musste, wie Proud Mary gespielt wird“, gab sie in einem Interview zu. „Der Fehler war, dass du Elton John nicht erklärst, wie er sein Klavier zu spielen hat!“

8. James Brown & The Famous Flames – Please, Please, Please

John stürmte entrüstet von der Bühne und eine geplante gemeinsame Tour war damit vereitelt. „Er ist nicht wie Jagger oder andere Leute, die professionell genug sind, um einfach weiterzumachen“, erklärte Turner. „Er ist einfach sehr sensibel. Sehr. So sensibel.“ Aber Turner wäre nicht Turner, wenn sie mit cholerischen Paradiesvögeln nicht klar käme. Nicht umsonst wurde sie häufig als weibliches Pendant zu James Brown bezeichnet. Der nämlich mag zwar ebenso hitzköpfig gewesen sein – und teilte nebenbei mit Ike den Hang zur Gewalt – galt aber nicht ohne Grund als „the hardest working man in showbiz“.

Mit dem Werk Browns und seinen Bandleader-Qualitäten war Turner bestens vertraut. Ein aus dem Jahr 1964 erhaltenes Video zeigt sie gemeinsam mit Ike mit einem Cover von Please, Please, Please glänzen. Da bleibt nicht wenigen die Spucke weg und das überwiegend weibliche Publikum schreit noch lauter, als es bei einem durchschnittlichen Brown-Konzert der Fall war. Meisterhaft ist auch, wie Turner für einen kurzen Moment die Musik unterbricht: „Ich will euch etwas bitten“, sagt sie. „Falls hier jemand unter den Anwesenden mal verletzt wurde, soll er oder sie jetzt ‚I!‘ rufen.“ Der Rest geht in brüllendem Lärm unter. Vielleicht ist sie eben nicht nur die Queen of Rock’n‘Roll, sondern zugleich die Soul Sister Number One!

9. U2 – I Still Haven’t Found What I’m Looking For

Obwohl natürlich das Herz Turners nach wie vor für den Rock schlägt. Neben Abstechern in die Disco-Welt und einige Fettknäpfchen im Pop-Bereich – wir erinnern uns an das Duett mit Eros Ramazzoti! – suchte sie immer wieder die Nähe zu Rock-Bands. Nachdem sie am Film What’s Love Got to Do With It mitgearbeitet und auf eine längere US-Tour gegangen war, zog sich Turner ab 1993 wieder für eine Weile zurück und meldete erst zwei Jahre ihre Rückkehr auf fulminante Weise an: Sie durfte den Titelsong für den James Bond-Film GoldenEye singen, eines der ikonischsten Stücke der gesamten Bond-Geschichte.

Dafür arbeitete sie mit U2 zusammen, eine zuerst ungewöhnliche Kombination. Doch wusstet ihr, dass die irische Band schon mal Turners Private Dancer auf ihren Konzerten gecovert hat? Der Einfluss der Queen of Rock’n‘Roll lässt sich eben überall nachweisen. Umgekehrt konnte Turner einiges von Bono und seinen Kollegen mitnehmen und nicht zuletzt schrieb The Edge ihr den GoldenEye-Theme direkt auf den Leib. Doch lehnte diese zuerst ab. Erst ein handgeschriebener Brief von Bono und ein Besuch des Sängers gemeinsam mit The Edge bei ihr zuhause in der Schweiz konnten sie umstimmen. Zum Glück. Nicht nur Phil Spector, sondern auch die Iren wussten genau, wie sie Turner im Studio perfekt inszenieren konnten.

10. Beyoncé – Flawless

Eine musikalische DNA versammelt nie allein nur die reinen Einflüsse von bestimmten Bands und Artists, sondern nimmt zum Schluss auch immer in den Blick (oder: ins Ohr), wie deren Musik selbst stilprägend geworden ist. Keine leichte Aufgabe bei einer Ausnahmefigur wie Turner. Viel eher ließe sich nämlich aufzählen, wen sie mit ihrer abwechslungsreichen Musik nicht inspiriert hat. Ein wenig eingrenzen können wir es zumindest. Von Oprah Winfrey über Whitney Houston hin zu Kelis wurde sie vor allem von schwarzen Künstlerinnen als Idol genannt. Nur verständlich, hatte sie doch viel dazu beigetragen, dass schwarze Frauen im männerdominierten Rock-Zirkus mittlerweile ernst genommen werden.

Das Selbstvertrauen, mit der Turner vor allem in ihrer Anfangszeit die Bühnen regierte, ist nicht als selbstverständlich anzunehmen. Denn Turner hat hart für jedes Bisschen Respekt gekämpft und damit die Welt für sich gewonnen. Dass der vielleicht größte Pop-Star unserer Zeit sie zu ihren Vorbildern zählt, versteht sich da wie von selbst. Klar, wir reden von Beyoncé! Beide wuchsen in den Südstaaten auf, in denen Alltagsrassismus noch immer an der Tagesordnung stand, und schafften es mit viel Ellbogenfett an die Spitze der Musikwelt. Ein Song wie Flawless von Beyoncés selbstbetitelten Album, der dank seines Chimamanda Ngozi Adichie-Samples zugleich ein feministisches Manifest ist, steht eindeutig in der Tradition einer Tina Turner!

Zeitsprung: Am 26.11.1939 wird Tina Turner geboren

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Popkultur

40 Jahre „Welcome To Hell“: Wie Venom selbst Metallica und Slayer beeinflussten

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Foto: Fin Costello/Getty Images

Es war einmal eine Band, die härter, extremer und radikaler sein wollte als alle anderen. Dies ist die Geschichte von Venom und ihrem unheilvollen, rumpelnden, anstrengenden und dennoch unmessbar einflussreichen Debüt Welcome To Hell.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Welcome To Hell von Venom anhören:

In der Geschichte der unheiligen Rockmusik hat man vielen Bands einen Pakt mit dem Teufel unterstellt. Led Zeppelin, Black Sabbath, AC/DC, sie alle schienen doch irgendwie mit dem Leibhaftigen im Bunde zu sein, schienen am Scheideweg ihre Seelen für den Rock’n’Roll verkauft zu haben. Kann man alles getrost vergessen. Im Grunde gibt es eigentlich nur eine Band, die im Bund mit dem Teufel zu sein scheint und direkt aus der Hölle (oder aus einem billigen Studio, je nachdem) zu uns spricht. Und diese Band heißt Venom.

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Satanischer als Sabbath, lauter als Motörhead

Ziele braucht der Mensch. Ein junger Typ namens Conrad Lant macht da keine Ausnahme. Er wächst in Nordengland auf, ist sieben Jahre alt als die erste Black Sabbath erscheint. Als Schüler spielt er in diversen Bands, nennt sich bald nur noch Cronos und formt bei seiner Arbeit in den eher für Folk genutzten Impulse Studios einen ehrgeizigen Plan: Eine Band, härter, skandalöser, lauter und schockierender als alles, was es davor gab. Satanischer als Black Sabbath, lauter als Motörhead (viel Glück!), mehr Pyro und Drama als KISS und mehr Leder als Judas Priest.

Kann man machen. Wie schon gesagt: Ziele braucht der Mensch. Cronos, der Mann für Gesang und Bass, meint es aber tatsächlich ernst, hat irgendwann mit Gitarrist Mantas und Drummer Abaddon eine Truppe zusammen, die als ultimative Besetzung in die Metal-Geschichte eingehen wird. Er überredet den Studiobesitzer von Impulse, seine Band zum Schmalhalstarif ein Demo aufnehmen zu lassen, dessen Lead-Track In League With Satan durchaus auf Beachtung stößt. Im Sommer 1981 nehmen Venom deswegen alles auf, was sie haben – in nur drei Tagen. Das Resultat ist Welcome To Hell, ein sagenhaft rohes und ungeschminktes Debüt, das der einem ersten Höhepunkt entgegenpreschenden NWOBHM-Manie  das Fürchten lehrt.

Türöffner für okkulten Lärm

Im Dezember 1981 schält sich Welcome To Hell aus der diabolischen Dunkelheit. Und läutet eine neue Ära ein. Die Produktion, die Attitüde und das blasphemische Image nehmen viel von dem vorweg, was sich später als Trademark in Speed, Thrash oder Black Metal etablieren wird. Insbesondere der Song Witching Hour darf als Blaupause für den extremen Metal gelten, als Türöffner in eine unheilvolle Welt des okkulten Lärms – anstrengend, gesanglich eigentlich nicht mehr feierlich, chaotisch und dennoch historisch relevanter als vieles andere. Selbst die rigorose, scheppernde Lo-Fi-Produktion und das übergroße Pentagramm auf dem Cover gehen in die Ursuppe des Black-Metal-Genres ein.

Keine Metallica ohne Venom

Das ist ja auch das seltsam Schöne an Welcome To Hell: Die Platte ist unerträglich, unstrukturiert und unausgegoren. Aber musikgeschichtlich von derart seltener Pionierleistung, dass man vor einem Großmaul wie Cronos trotzdem nur den Hut ziehen kann. Denn irgendwie hat er seine großen Pläne ja sogar wahrgemacht. Und den Metal mit pechschwarzer Farbe, Chaos und Höllenfeuer überzogen.

Für Venom war Welcome To Hell aber natürlich nur der Anfang. Insbesondere der Nachfolger Black Metal (1982) ist bis heute ein vielzitierter Einfluss unzähliger Bands und nicht zuletzt der Namensgeber dieses notorischen Genres, das in den frühen Neunzigern in Norwegen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Mal ganz zu schweigen davon, dass es ohne Venom wahrscheinlich weder Metallica noch Slayer oder Megadeth geben würde. Und das ist ja irgendwie auch keine schöne Vorstellung.

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Popkultur

Interview mit Volbeat: „Du musst mit der Straße verheiratet sein.“

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Foto: Emma McIntyre/Getty Images

Die Pandemie hat Volbeat nicht weichgekocht. Im Gegenteil: Auf ihrem achten Album Servant Of The Mind klingen die Dänen so aggressiv und durchgreifend wie noch nie. Im Interview begibt sich Bandchef Michael Poulsen auf Ursachensuche.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Servant Of The Mind von Volbeat anhören:

Vor rund 15 Jahren war die Kreuzung aus fettem Metal und Elvis eine mittelschwere Sensation. Insbesondere mit ihrer dritten Platte Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008) brillierten Volbeat mit hohem Wiedererkennungswert und einem letztlich einzigartigen Gemisch. In den letzten Jahren wurde das, vorsichtig ausgedrückt, ein kleines bisschen redundant. Für die Band offensichtlich auch: Auf Servant Of The Mind berufen sich Volbeat so ungestüm und hemmungslos auf ihre metallischen Wurzeln wie noch nie.

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Michael, mit Servants Of The Mind dürftet ihr die meisten eurer Hörer überraschen und viele erfreuen. Woher kommt denn diese neue Lust an Heavy Metal? Steckt dahinter etwa euer 20. Geburtstag, den ihr dieses Jahr feiert?

Gut möglich. Jeder ist ja immer von allem beeinflusst, was er selbst gerne hört. Doch nach all den Jahren und Alben können Volbeat sich mittlerweile auch selbst beeinflussen. Und nach 20 Jahren tun wir das auch. Es macht mir Spaß, unsere alten Sachen zu hören und weiterzuentwickeln. Doch als Musiker reifen wir ebenso wie als Menschen. Wir werden besser, wir entwickeln uns weiter, wir finden neue Werte, wir sehen Dinge anders. Irgendwann passten wir uns mit Volbeat musikalisch also eher den großen Arenen an, die wir zu spielen begonnen hatten. Und diesmal ließen wir eben einfach die Pferde mit uns durchgehen. Es waren ja eh keine Arenen in Sicht. Man hört den neuen Songs deswegen sehr deutlich an, dass wir Black Sabbath, The Cramps oder Entombed immer noch sehr gerne hören. (lacht)

„Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm.“

Kam das denn ganz natürlich? Oder war es am Ende doch geplant?

Ich fing in den frühen Neunzigern mit Death Metal an. Diese Musik ist seither in meinem Songwriting verankert. Natürlich kamen bei Volbeat von Anfang an mit Rock’n’Roll, Psychobilly oder Punk sehr viele andere Inspirationen hinzu, aber nach sieben Alben verspürte ich plötzlich wieder große Lust, etwas härter zu werden. Die harte Seite von Volbeat war immer da, sie kam in letzter Zeit nur nicht so prägnant zum Vorschein. Diesmal war es aber einfach an der Zeit. Es geschah ganz natürlich, als ich während des Lockdowns zuhause saß, keine Konzerte spielen konnte und viele alte Platten hörte. Ich konnte nur in den Proberaum gehen, also tat ich das.

Entstanden dann auch gleich neue Songs? Oder ging es nur darum, Dampf abzulassen?

Ich hatte es gar nicht vor, aber genau das passierte. Auf einmal hatte ich all diese Ideen und fing an, sie aufzunehmen. Es fühlte sich an, als würden wir noch mal ganz von vorn anfangen. Und genau dieses Gefühl brachte mich noch näher an unsere Wurzeln zurück. Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm. Und was soll ich sagen? Es machte riesigen Spaß! (lacht)

„Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.“

Klingt, als hätte es bei den Sessions zu Servant Of The Mind keine größeren Hindernisse oder Stolpersteine gegeben…

Nach drei Monaten hatten wir plötzlich 13 neue Songs fertig. Dann gingen wir zu Jacob Hansen, um sie aufzunehmen. Zweieinhalb Wochen später war die Platte im Kasten. Wir sahen uns an und fragten uns: Und was machen wir jetzt? (lacht) Wir waren uns erst unsicher, ob wir das Album auch gleich veröffentlichen sollen, weil ja immer noch niemand weiß, wie alles genau weitergeht. Es fühlte sich aber alles so gut, so frisch an, dass wir die Songs so schnell wie möglich veröffentlichen wollten. Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.

Untypisch ist für euch nicht nur diese neue Härte, sondern auch der Albumtitel Servant Of The Mind. Worum geht’s denn auf der Platte?

Es ist doch so: Wir wachen auf, kommen irgendwie durch den Tag und schlafen. Dabei sind wir eigentlich immer unseren Gedanken oder unserem Mindset ausgesetzt. Unsere Gedanken können uns an sehr dunkle Orte führen – oder sie sorgen dafür, dass es uns richtig gut geht. Diese beiden Extreme spielten in der Musik von Volbeat immer schon eine Rolle. Hat wohl mit der Dualität des Lebens zu tun.

„Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten.“

Kommen wir noch mal auf eure frühen Tage zurück: Wie hast du die Anfangszeit der Band erlebt?

Dazu reicht eigentlich eine einzige Anekdote: Als wir mal ins Studio gehen wollten und uns die Kohle fehlte, meinte unserer früherer Bassist, ihm werde schon etwas einfallen. Wir standen gerade erst im Studio, da klingelte das Telefon klingelt und seine Frau brüllte ihn an, was er mit ihren Möbeln gemacht hat. (lacht)

Und? Was hat er gemacht?

Na ja, er hat sie verkauft, um die Studiomiete zu bezahlen.

Ihr habt also immer alles für die Band gegeben?

Ja. Bei wem das nicht so war, der ist nicht mehr dabei. Volbeat ist meine Band, mein Arbeitsplatz, mein Leben. Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten. Das ist unfassbar! Ich wusste zwar immer, dass ich Musik machen möchte. Aber so etwas zu erleben, ist schwer zu beschreiben.

Dennoch braucht eine Band auch Hierarchien. Jemanden, der alles im Blick hat.

Bei Volbeat war ich von Tag eins der, der sich um alles gekümmert hat. Booking, Merchandise, ich machte sogar die Steuer für meine Bandkollegen. (lacht) So einen braucht es in jeder Band. Doch auch alle anderen müssen 150 Prozent hinter der Band stehen. Sie müssen bereit sein, eine Menge aufzugeben. Und das sind nicht viele. Manche wollen nicht monatelang auf Tour sein, manche wollen mehr Regelmäßigkeit in ihrem Leben. Aber dann funktioniert es nicht. Du musst alles opfern, deine Sicherheit, deine Freunde, deine Partner, deine Kohle. Du musst mit der Straße verheiratet sein. Anders geht es nicht.

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Zeitsprung: Am 6.12.1988 erliegt Roy Orbison einem Herzinfarkt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1988.

von Timon Menge und Christof Leim

Denkt man an Roy Orbison, sieht man vor allem eines: schwarz. Mit seinen getönten Haaren, der stets dunklen Sonnenbrille, seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Gitarre gibt der Texaner der Melancholie eine vier Oktaven starke Stimme. Songs wie Only The Lonely, Oh, Pretty Woman oder You Got It verzaubern Hunderttausende. Doch sein Weg verläuft alles andere als geradlinig…

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Hört hier in Roy Orbisons beste Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.  

Orbisons Karriere beginnt, als er 1945 im Alter von neun Jahren einen Talentwettbewerb bei einem lokalen Radiosender zu Hause in Texas gewinnt und eine wöchentliche Show im Samstagabend-Programm bekommt. Sein erster öffentlicher Auftritt mit Band lässt deutlich länger auf sich warten: 1953, also acht Jahre später, treten er und The Wink Westerners in einer High School auf. Die Schule befindet sich in seiner langjährigen Heimatstadt Wink in Texas, einem Ort, der vor allem von der Ölindustrie lebt. Die Gruppe hatte Orbison bereits im Alter von 13 Jahren gegründet. Ein Jahr nach dem Konzert schließt Orbison die Schule ab und wechselt zum North Texas State College, um Geologie zu studieren.

Der nächste Schritt ins Musikerdasein folgt 1955: Der Gitarrist und Sänger reist mit seiner Band nach Dallas, um Columbia Records den Song Ooby Dooby vorzuspielen, geschrieben von seinen Studienkollegen Wade Lee Moore und Dick Penner. Das Stück gefällt der Plattenfirma zwar, Orbison selbst stößt allerdings auf weniger Gegenliebe. Stattdessen spielen Sid King And The Five Strings den Titel ein.



Die Musiker lassen sich durch den Rückschlag nicht entmutigen, treten in zahlreichen Radiosendungen auf und benennen sich in The Teen Kings um. Am 4. März 1956 nehmen sie Ooby Dooby doch noch auf, und zwar im Studio von Norman Petty, einem der wichtigsten Rock’n’Roll-Produzenten der Zeit. Am 19. März erscheint der Song über Weldon Rogers’ Plattenfirma Je-Wel Records, doch der Vertrag muss kurz nach Erscheinen der Single annulliert werden: Orbison ist noch minderjährig und hätte ihn gar nicht unterzeichnen dürfen.



Sam Phillips, Inhaber der legendären Vinylschmiede Sun Records, interessiert das nicht. Er bietet dem jungen Musiker einen neuen Vertrag, den dieser annimmt. Phillips gilt als Schlüsselfigur der Fünfziger und entdeckt nicht nur Elvis Presley, sondern auch Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Die Gruppe nimmt Ooby Dooby ein weiteres Mal auf, am 1. Mai 1956 erscheint die Single mit der B-Seite Go Go Go. Der Titel erreicht Platz 59 der nationalen Hitparade und verkauft sich mehr als 350.000 Mal. Um das Momentum zu nutzen, geht Orbison auf eine große Tournee mit Johnny Cash, Carl Perkins, Warren Smith, Sonny Burgess und Faron Young. Die Reise führt den Tross bis nach Kanada.


Im September folgt die zweite Single: You’re My Baby, ein Stück von Johnny Cash. Auf der B-Seite findet sich Rockhouse von Orbison und Harold Jenkins alias Conway Twitty. Der Erfolg mit Sun Records bleibt hinter den Erwartungen zurück, und Orbison wechselt zu RCA Records, wo inzwischen auch Elvis Presley unter Vertrag steht. Auch dort bleibt der Durchbruch aus. Orbison veröffentlicht zwei erfolglose Singles, der Vertrag wird nicht verlängert.

Der Nachwuchskünstler betätigt sich stattdessen als Songwriter für andere Leute. So spielt er den Everly Brothers während einer Konzertpause ein Lied vor, das er für seine Frau Claudette geschrieben hat. Die Brüder mögen das Stück, das einfach Claudette heißt, und nehmen es auf. Später schreibt er den Song Down The Line, interpretiert von Jerry Lee Lewis. Auch Buddy Holly und Rick Nelson greifen auf Orbisons Material zurück.



Ab 1959 kommt allmählich Land in Sicht. Orbison unterzeichnet einen Vertrag bei Fred Fosters Plattenfirma Monument Records. Foster erkennt das Potential des jungen Musikers und liegt goldrichtig: Mit Uptown landet gleich der zweite neue Song des Texaners in den Charts, wenn auch nur auf Platz 72. Orbison nutzt die schützenden Arme des neuen Labels, um seinen balladesken Stil weiterzuentwickeln. Am 9. Mai 1960 gelingt mit Only The Lonely (Know The Way I Feel) der nationale und internationale Durchbruch. Orbisons Falsetto beeindruckt Elvis Presley so sehr, dass er die Single gleich kistenweise kauft und an Freunde verteilt. Vier Jahre lang erreicht jeder Song von Orbison die Top 40.



Eines seiner größten Markenzeichen entsteht zufällig, als Orbison 1963 mit den Beatles durch Großbritannien tourt. Der stark weitsichtige Musiker vergisst seine Brille im Flugzeug und muss aus der Not heraus mit seiner Sonnenbrille auftreten, die ebenfalls seiner Sehstärke angepasst ist. Der Look kommt gut an, so dass man ihn im weiteren Verlauf seiner Karriere nur selten ohne Sonnenbrille sieht. (Während derselben Tour erhält er übrigens auch seinen Spitznamen „The Big O“.) Seine stets dunkle Kleidung vervollständigt das Bild des schüchternen, auf Anonymität bedachten Superstars.



Am 1. August 1964 nimmt Orbison dann die erfolgreichste Single seiner Karriere auf. Oh, Pretty Woman erreicht in unzähligen Ländern der Welt Platz 1 der Charts und verkauft sich noch im ersten Jahr mehr als sieben Millionen Mal. Als Orbison 1965 mit den Rolling Stones durch Australien tourt, inspiriert der Song Mick Jagger und Keith Richards sogar dazu, ein ähnliches Intro für (I Can’t Get No) Satisfaction zu schreiben.

Roy Orbison ohne Sonnenbrille, dafür mit seiner zweiten Frau Barbara Anne Marie Wellhöner

Nach dem späten aber erfolgreichen Start seines Musikerdaseins suchen ihn ab Mitte der Sechziger mehrere Schicksalsschläge heim. 1966 stirbt seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, 1968 kommen zwei seiner drei Söhne bei einem Hausbrand ums Leben. Am 25. Mai 1969 heiratet Orbison seine zweite Frau Barbara Anne Marie Wellhöner, geboren in Bielefeld. Sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um 23 Jahre.

Auch seine Karriere gerät ins Wanken: Beatbands dominieren die Charts, Orbison unterschreibt einen neuen Plattenvertrag über eine Million US-Dollar mit MGM. Die Klangqualität von Monument Records wird nicht mehr erreicht, und auch die kompositorische Klasse leidet, weil Orbison sich vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig neue Songs abzuliefern. Er spielt weiter Konzerte, doch es wird ruhiger um ihn.



Ein furioses Comeback gelingt ihm Ende der Achtziger Jahre mit Mystery Girl und der Single-Auskopplung You Got It. Im November 1988 tritt er beim Diamond Awards Festival in Belgien auf und präsentiert den brandneuen Song vor laufenden Kameras. Ein Raunen geht um die Welt: Roy Orbison ist zurück, besser denn je. Auch abseits seiner Solokarriere bewegt sich etwas: Er schließt sich mit Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Jeff Lynne zu den Traveling Wilburys zusammen, einer Supergroup, deren Debüt Traveling Wilburys Vol. 1 millionenfach über die Ladentheken geht.

Leider bekommt Orbison den Erfolg seines Comebacks nicht mehr vollständig mit: Bereits seit seiner Kindheit leidet er an Herzproblemen und muss sich während der Siebziger einer Bypass-Operation unterziehen. Am 6. Dezember 1988 erliegt er kurz vor Mitternacht einem Herzinfarkt. Er wird in Los Angeles beigesetzt, Mystery Girl erscheint posthum.

Bis heute zweifelt niemand am Einfluss, den Orbison auf die Musikwelt genommen hat. Dreht sich der Rock’n’Roll üblicherweise um treibende Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und rebellische Texte, findet all das in der melancholischen Musik des Texaners kaum statt. Stattdessen vergleicht man ihn mit klassisch ausgebildeten Musikern, sogar mit Opernsängern. Kein Wunder: Dank seiner Stimmgewalt füllt er jeden noch so großen Saal aus.

Orbison wird nur 52 Jahre alt. „I still have some love to give“, singt er in Handle With Care von den Traveling Wilburys. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch tolle Songs er sicher noch geschrieben hätte.

Zeitsprung: Am 29.10.1990 erscheint „Traveling Wilburys Vol. 3“.

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