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Popkultur

Die musikalische DNA von Tina Turner

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Manche sind gut, aber Tina Turner ist einfach die Beste – besser als all der Rest. Sagt beziehungsweise singt sie selbst, stimmt aber eben auch. Gerade weil sie sich mit „simply the best“ nicht selbst ansprach. Bescheidenheit ist schließlich auch eine Tugend. Seit 1958 ist die Sängerin im Geschäft und seitdem hat sich viel geändert, nicht nur im Musikbusiness oder der Weltgeschichte. Aus Anna Mae Bullock wurde Tina Turner, aus der Backgroundsängerin ein Weltstar, aus der Baptistin eine Buddhistin und aus der US-Amerikanerin schließlich eine Schweizerin. Eins aber ist sie geblieben, nachdem ihr dieser Titel das erste Mal verliehen wurde: die unbestrittene Queen of Rock’n’Roll und nebenbei ein grundsympathischer Mensch.


Hört hier in die musikalische DNA von Tina Turner rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Im Laufe ihrer Karriere sah sich Turner vielen Widrigkeiten ausgesetzt. Als schwarze Frau stand sie in den segregierten USA in der gesellschaftlichen Hackordnung ganz unten und fand mit Ike Turner einen Partner, der sich bald als herrischer Gewalttäter entpuppte. Das alles floss in ihre Musik ein und es hat sie zum Glück nur stärker gemacht. Ihrem Schicksal trat sie mit viel Talent und Willenskraft entgegen. Der Kampf sollte sich auszahlen: Kaum eine renommierte Würdigung, die ihr nicht zuteilwurde und mehr verkaufte Tonträger als die meisten anderen. Selbst ein stocksteifer konservativer Politiker wie George W. Bush lobte ihr „natürliches Können, die Energie und Sinnlichkeit“ ihrer Auftritte, konnte sich aber einen Kommentar über ihre Beine – „die berühmtesten im Show-Biz“ – nicht verkneifen.

Doch bleiben wir beim Wesentlichen: Was macht Tina Turners Musik, die sich im Laufe von über 60 Jahren bisweilen entschieden verändert hat, so besonders? Diese Frage beantwortet uns ein Blick auf ihre musikalische DNA, die musikalische und bisweilen sogar übernatürliche Einflüsse in sich vereint.


1. Rev. Louis Overstreet – Walk With Me Lord

Tina Turner wurde im November 1939 geboren. Der Zweite Weltkrieg war auf dem europäischen Festland bereits im Gange und in den USA herrschten noch die Rassengesetze. Der schwarzen Bevölkerung war die gesellschaftliche, kulturelle und rechtliche Teilhabe an der Gesellschaft weitestgehend untersagt. Das betraf auch die Bildung. Wie viele ihrer Generation kam Anna Mae deswegen vor allem durch die Kirche an Musik heran und sang als Teil des Chors der Spring Hill Baptist Church in Nutbush, Tennessee ihre ersten Lieder.

Zu ihren Wurzeln kehrte Turner im Jahr 1974 zurück, als sie gemeinsam mit Ike das Album The Gospel According to Ike and Tina aufnahm. Darauf fanden sich viele klassische spirituelle Lieder, wie sie die Sängerin zum ersten Mal sonntags nach der Predigt zum Besten gegeben hatte, darunter auch Walk With Me (I Need You Lord to Be My Friend) beziehungsweise Walk With Me Lord, wie das Stück in anderen Adaptionen von unter anderem Reverend Louis Overstreet heißt. Die Nähe zum Blues-Sound, aus dem sich in den fünfziger Jahren der Rock’n‘Roll entwickelte, ist in seiner Version unüberhörbar.


2. Deva Premal & Miten with Manose – Nam Myoho Renge Kyo

Dass The Gospel According to Ike and Tina 1974 erschien, ist eigentlich eine Ironie der Musikgeschichte. Ein Jahr vorher nämlich noch begann sich Turner erstmals für die Lehren des Nichiren-Buddhismus zu interessieren. Denen zufolge ist die Erleuchtung übrigens schon im Diesseits und nicht wie in anderen Formen des Buddhismus oder im Falle der Erlösung im Christentum erst im Nachleben möglich. Eine kleine Abkürzung Richtung Seelenheil also? Vielleicht. Wer aber hätte es ihr verübeln können?

Mitte der siebziger Jahre verfiel Ike immer weiter dem Kokain und zeigte darüber mehr und mehr seine gewalttätige Seite. Es waren schwere Zeiten für Tina und das buddhistische Mantra Nam Myoho Renge Kyo, das typisch für den Nichiren-Buddhismus ist, half ihr beim Überstehen dieser Widrigkeiten. „Nam Myoho Renge Kyo ist wie ein Song. In der Soka Gakkai-Tradition wird uns gelehrt, wie er zu singen ist. Es ist ein Klang und ein Rhythmus, der dein Innerstes berührt. Dieser Ort, den wir zu erreichen versuchen, ist das Unbewusste. Ich denke, das ist der höchste Ort“, sagte Turner über die Bedeutung, welches das Stück für sie hat.


3. The Trojans – As Long As I Have You

Egal, was wir vom Nichiren-Buddhismus und seinem Mantra halten: Es war gut, dass Turner darin Kraft fand. Denn ausgerechnet der Mann, der ihrem Ruhm den Weg geebnet hatte, entpuppte sich als große Bedrohung für sie. Dabei hatte doch alles ganz anders angefangen. Mit 17 sah Turner zum ersten Mal die Kings of Rhythm mit ihrem Bandleader Ike. Ihren Beschreibungen zufolge versetzte sie die treibende Musik des Kollektivs geradezu in Trance. Als ihr der Drummer während einer Pause das Mikrofon reichte, zögerte sie deshalb nicht lange und wurde glatt zur Gastsängerin des Abends.

Der Rest ist Geschichte. Zuerst heuerte sie unter dem Namen Little Ann als Backgroundsängerin bei Ike an und übernahm im Studio das Mikro, als der The Trojans-Sänger Art Lassiter partout nicht auftauchen wollte. So sang sie an seiner Stelle A Fool in Love ein. Ein schicksalhaftes Fernbleiben, denn A Fool in Love machte den Labelbetreiber Juggy Murray auf die junge Künstlerin aufmerksam. Er überzeugte Ike, ihr mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Der erfand für sie die Fantasiefigur Tina, eine Rolle, die notfalls auch andere Sängerinnen spielen konnten. Seitdem aber gab es aber nur die eine Tina Turner und eine andere wird es nie geben. Der 1994 verstorbene Lassiter verhalf so Turner auf Umwegen zu ihrer Karriere und arbeitete noch manches Mal mit ihr. Wenn er es denn ins Studio schaffte, heißt das.


4. The Ronettes – Be My Baby

Neben den Trojans versammelte Lassiter noch eine andere Vokalgruppe um sich: Robbie Montgomery, Frances Hodges und Sandra Harding waren damals als The Artettes bekannt und nahmen später unter Ikes Führung den Namen The Ikettes an – eine Gruppe, der Tina vorangestellt wurde. Sie gingen gemeinsam mit den Kings of Rhythm auf Tour und sorgten für eine Show, die manche mit denen von James Brown verglichen! Davon zeigte sich auch der Produzent Phil Spector angetan, der Ike und Tina 1965 in Los Angeles live sah und sie ins Studio einlud.

Unter den scharfen Ohren des „wall of sound“-Erfinders Spector nahm das Duo die Single River Deep – Mountain High auf, welche Spector bis heute zu einer seiner besten Produktionen zählt. Das Miteinander von Turners charismatischer Stimme und dem sinfonischen Sound des Stücks sorgte für den maximalen Effekt. Und genau um den ging es Spector! Vorgemacht hatte er das allerdings selbst mit Songs wie Be My Baby für die Ronettes, die inoffiziellen Namensgeberinnen für die Artettes beziehungsweise Ikettes. Mehr Bombast auf einer Aufnahme war damals nicht möglich. Spector blieb den Turners übrigens weiter treu: 1991 vertrat er sie sogar während der Zeremonie zu ihrer Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame.


5. Otis Redding – I’ve Been Loving You Too Long

Während Ike sich immer weiter in den Hintergrund verziehen musste, blühte Tina ab Ende der sechziger Jahre immer weiter auf. Nicht nur ein Nerd wie Spector, sondern auch die breite Masse begann langsam aber sicher, sich für sie zu begeistern. Als 1968 das Blues-infizierte Album Outta Season erschien, glänzte sie darauf mit Coverversionen von Albert Kings titelgebendem Stück und einer Otis Redding-Ballade.

Heute wirkt es nahezu ironisch, dass Turner damals die Worte I’ve Been Loving You Too Long in den Mund nahm. Das bahnbrechende Soul-Stück, das den Sound des Stax-Labels maßgeblich prägen sollte, wird aus der Perspektive eines Mannes gesungen, dessen Geliebte seiner überdrüssig geworden ist und sich nach Freiheit sehnt. Nach ihrer Scheidung von Ike sagte Turner: „Mir gefiel meine Freiheit sehr, nachdem ich da raus war…“ She’d been loving im too long!


6. The Rolling Stones – Gimme Shelter

Das Redding-Stück wurde allerdings schon vor Turners Cover-Version neu aufgenommen und zwar von einer Band, die zu dieser Zeit für gehörigen Wirbel sorgte. Kaum war das Original 1965 erschienen, lieferten die Rolling Stones ihre eigene Interpretation des Stücks nach, drei Jahre vor den Turners. Da die Stones jedoch von ihrer Spector-Produktion River Deep – Mountain High begeistert waren, luden sie die Turner-Revue 1968 auf ihre England-Tour ein. Die schaute im Gegenzug vorbei, als die Stones 1969 durch die Staaten reisten.

Im legendären Konzertfilm Gimme Shelter aus dem Jahr 1970 ist auch tatsächlich eine Einstellung zu sehen, in der Ike & Tina I’ve Been Loving You Too Long aufführen. Seit dieser Zeit näherten sich die beiden auch immer weiter dem dominierenden Rock-Sound der Ära an. Nur wenig Jahre später spielte Tina sogar in der Verfilmung von The Whos Tommy mit, als drogensüchtige Sexarbeiterin, die den Protagonisten verführen möchte und den Song The Acid Queen singt. Das im Übrigen war auch der Titel ihres zweiten Solo-Albums, das wie der Film im Jahr 1975 erschien.


7. Elton John – The Bitch Is Back

Die Rolling Stones und The Who: Tina Turner umgab sich gerne mal mit den Größten ihres Fachs. Und warum auch nicht? Sie war eine erfahrene Performerin mit einer unverwechselbaren Stimme, die viele der rüpelhaften Kerls aus dem Rock-Zirkus jederzeit in die Tasche gesteckt hätte. Denn Turner hat seit jeher etwas an sich, das kein Rocker einfach so erlernen kann: Charisma und Präsenz. Die mitreißende Theatralik ihrer Live-Auftritte allerdings hat sie auf Ochsentouren quer durch die Welt – bis zu 90 Shows spielte die Turner-Revue bisweilen pro Jahr! – und zahlreichen TV-Auftritten verfeinert. Turner ist eine dieser seltenen Ausnahmefiguren: gleichzeitig Vollblutkünstlerin und Entertainerin.

Deswegen verwundert es kaum, dass Turner nach der Trennung von Ike in Las Vegas mit einer Kabarett-Show reüssierte und später den glamourösen Disco-Sound der Ära aufnahm. Als sie zwischendurch im Jahr 1978 ein Cover von Elton Johns parodistischem Song The Bitch Is Back aufnahm, kam zusammen, was zusammen gehörte: Der exzentrische Sänger war schließlich so eine Art britisches Gegenstück zu Turner. Immer wieder standen die beiden auf der Bühne und spielten das Stück sogar gelegentlich zusammen. Als sie 1999 beide gemeinsam mit Cher den Song Proud Mary bei den Divas Live ‘99 spielten, erlaubte sie sich allerdings einen Schnitzer: „Ich habe einen Fehler begangen, als ich ihm zeigen musste, wie Proud Mary gespielt wird“, gab sie in einem Interview zu. „Der Fehler war, dass du Elton John nicht erklärst, wie er sein Klavier zu spielen hat!“


8. James Brown & The Famous Flames – Please, Please, Please

John stürmte entrüstet von der Bühne und eine geplante gemeinsame Tour war damit vereitelt. „Er ist nicht wie Jagger oder andere Leute, die professionell genug sind, um einfach weiterzumachen“, erklärte Turner. „Er ist einfach sehr sensibel. Sehr. So sensibel.“ Aber Turner wäre nicht Turner, wenn sie mit cholerischen Paradiesvögeln nicht klar käme. Nicht umsonst wurde sie häufig als weibliches Pendant zu James Brown bezeichnet. Der nämlich mag zwar ebenso hitzköpfig gewesen sein – und teilte nebenbei mit Ike den Hang zur Gewalt – galt aber nicht ohne Grund als „the hardest working man in showbiz“.

Mit dem Werk Browns und seinen Bandleader-Qualitäten war Turner bestens vertraut. Ein aus dem Jahr 1964 erhaltenes Video zeigt sie gemeinsam mit Ike mit einem Cover von Please, Please, Please glänzen. Da bleibt nicht wenigen die Spucke weg – das überwiegend weibliche Publikum schreit noch lauter, als es bei einem durchschnittlichen Brown-Konzert der Fall war. Meisterhaft ist auch, wie Turner für einen kurzen Moment die Musik unterbricht: „Ich will euch etwas bitten“, sagt sie. „Falls hier jemand unter den Anwesenden mal verletzt wurde, soll er oder sie jetzt ‚I!‘ rufen.“ Der Rest geht in brüllendem Lärm unter. Vielleicht ist sie eben nicht nur die Queen of Rock’n‘Roll, sondern zugleich die Soul Sister Number One!


9. U2 – I Still Haven’t Found What I’m Looking For

Obwohl natürlich das Herz Turners nach wie vor für den Rock schlägt. Neben Abstechern in die Disco-Welt und einige Fettknäpfchen im Pop-Bereich – wir erinnern uns an das Duett mit Eros Ramazzoti! – suchte sie immer wieder die Nähe zu Rock-Bands. Nachdem sie am Film What’s Love Got to Do With It mitgearbeitet und auf eine längere US-Tour gegangen war, zog sich Turner ab 1993 wieder für eine Weile zurück und meldete erst zwei Jahre ihre Rückkehr auf fulminante Weise an: Sie durfte den Titelsong für den James Bond-Film GoldenEye singen, eines der ikonischsten Stücke der gesamten Bond-Geschichte.

Dafür arbeitete sie mit U2 zusammen, eine zuerst ungewöhnliche Kombination. Doch wusstet ihr, dass die irische Band schon mal Turners Private Dancer auf ihren Konzerten gecovert hat? Der Einfluss der Queen of Rock’n‘Roll lässt sich eben überall nachweisen. Umgekehrt konnte Turner einiges von Bono und seinen Kollegen mitnehmen und nicht zuletzt schrieb The Edge ihr den GoldenEye-Theme direkt auf den Leib. Doch lehnte diese zuerst ab. Erst ein handgeschriebener Brief von Bono und ein Besuch des Sängers gemeinsam mit The Edge bei ihr zuhause in der Schweiz konnten sie umstimmen. Zum Glück. Nicht nur Phil Spector, sondern auch die Iren wussten genau, wie sie Turner im Studio perfekt inszenieren konnten.


10. Beyoncé – Flawless

Eine musikalische DNA versammelt nie allein nur die reinen Einflüsse von bestimmten Bands und Artists, sondern nimmt zum Schluss auch immer in den Blick (oder: ins Ohr), wie deren Musik selbst stilprägend geworden ist. Keine leichte Aufgabe bei einer Ausnahmefigur wie Turner. Viel eher ließe sich nämlich aufzählen, wen sie mit ihrer abwechslungsreichen Musik nicht inspiriert hat. Ein wenig eingrenzen können wir es zumindest. Von Oprah Winfrey über Whitney Houston hin zu Kelis wurde sie vor allem von schwarzen Künstlerinnen als Idol genannt. Nur verständlich, hatte sie doch viel dazu beigetragen, dass schwarze Frauen im männerdominierten Rock-Zirkus mittlerweile ernst genommen werden.

Das Selbstvertrauen, mit der Turner vor allem in ihrer Anfangszeit die Bühnen regierte, ist nicht als selbstverständlich anzunehmen. Turner hat hart für jedes Bisschen Respekt gekämpft und damit die Welt für sich gewonnen. Dass der vielleicht größte Pop-Star unserer Zeit sie zu ihren Vorbildern zählt, versteht sich da wie von selbst. Klar, wir reden von Beyoncé! Beide wuchsen in den Südstaaten auf, in denen Alltagsrassismus noch immer an der Tagesordnung stand, und schafften es mit viel Ellbogenfett an die Spitze der Musikwelt. Ein Song wie Flawless von Beyoncés selbstbetitelten Album, der dank seines Chimamanda Ngozi Adichie-Samples zugleich ein feministisches Manifest ist, steht eindeutig in der Tradition einer Tina Turner!


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