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Popkultur

„Er konnte dort machen, was er wollte“: Freddie Mercurys München-Jahre

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Foto: Peter Röshler © Mercury Songs Ltd

Ein paar der größten Momente seines Lebens erlebte Freddie Mercury in der bayerischen Landeshauptstadt: In München sollte er sein gefeiertes Soloalbum Mr. Bad Guy aufnehmen. Und hier sollte er, nur wenige Monate nach dem triumphalen Live-Aid-Auftritt von Queen, jene berüchtigte Party zu seinem 39. Geburtstag veranstalten. Die Stadt war für ihn überhaupt ein Ort, an dem er sich lockermachen und viel Zeit mit Freunden verbringen konnte. Er spielte mit ihnen Tischtennis, besuchte die Biergärten, tauchte ein in die deutsche Feierkultur…

von Martin Chilton

„Er konnte machen, was er wollte“

Hatte er mit Queen der Stadt München schon in den späten Siebzigern einen ersten Besuch abgestattet, kam er in den Achtzigern allein zurück – um eine Weile in Bayern zu leben. Peter Freestone, besser bekannt als „Phoebe“, war von 1979 bis zum Tod des Sängers im Jahr 1991 persönlicher Assistent an der Seite von Mercury. Er kann dementsprechend viel über die München-Jahre berichten. Eine Zeit, mit der er bis heute viele tolle Erinnerungen verbindet.

„Ich glaube, es gab da ein Gefühl der Freiheit in München, das Freddie in London so einfach nicht finden konnte“, kommentiert der aus Surrey stammende Freestone, den wir telefonisch in seiner neuen Wahlheimat Tschechien erreichen.

„Freddie fühlte wohl, dass er dort machen konnte, was er wollte. Er hatte Freunde in der Stadt, die ihm sehr nahestanden und ihn gewissermaßen abschotteten, so dass er hingehen konnte, wo er wollte; auch konnte er tun, was er wollte, ohne damit gleich im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Ein weiterer Grund, weshalb er so viel Zeit in München verbrachte, war die Renovierung der Garden Lodge, seines Londoner Hauses. Er hatte es 1980 gekauft, und dann dauerte es noch mal fünf Jahre, bis alles zu seiner Zufriedenheit renoviert war. Sich außerhalb von England aufzuhalten bedeutete somit auch: diese ganze Angelegenheit nicht immer im Kopf haben zu müssen. Er bekam stattdessen Berichte über den Stand der Sanierung. Damit konnte er viel besser leben.“

„Seine ‘normale’ Kleidung war dann das Kostüm“

In der süddeutschen Metropole angekommen, ließ Mercury die ausgelassene, dem Feiern bekanntermaßen nicht abgeneigte Art der Münchner schnell auf sich wirken. Auch er war bald Stammgast der großen Biergärten, wo er sich zum Beispiel mit seinem Toningenieur Reinhold Mack traf. Ganz besonders angetan war der Queen-Sänger vom Fasching in München.

„Ja, da kam es vor, dass Freddie am Donnerstagabend loslegte… und dann erst am Dienstagmorgen in der Woche drauf wieder im Bett landete. Er hat sich richtig gut amüsiert“, weiß der heute 64-jährige Freestone zu berichten. „Für alle anderen war die Faschingszeit eine Gelegenheit, sich ein wenig zu verkleiden. Aber Freddie ging ehrlich gesagt in seinen ‘normalen’ Klamotten… und die ganzen Lederhosen und so wurden somit zu einer Verkleidung. Ganz München war auf den Beinen, alle feierten dieses eine Wochenende durch. Am Schluss dieser Feierzeit ging er dann immer auf den Alten Markt, wo es stets rammelvoll war. Die Leute feierten dort nämlich immer noch weiter, an jeder Ecke gab es diese großartigen Snacks, die man nach so einer langen Nacht brauchte.“

„…aber Freddie ging ehrlich gesagt in seinen ‘normalen’ Klamotten, und die ganzen Lederhosen und wurden somit zu einer Verkleidung.“ Foto: Queen Productions Ltd

Die lokalen Spezialitäten waren nichts für Freddie

Es gab jedoch auch lokale Spezialitäten, die Mercury, der bekanntermaßen nie mehr als ein paar Stunden Schlaf brauchte, keineswegs zusagten: „Überhaupt mochte er viele Gerichte nicht“, so Freestone.

„Er war halt ein Mensch, der isst, um leben zu können, anstatt sein Leben dem Essen zu widmen. Er war ungeschlagener Meister darin, einen vor ihn abgestellten Teller so zu bearbeiten, die Speisen so umzugestalten und hin und her zu bewegen, bis es tatsächlich so aussah, als hätte er richtig zugeschlagen. In der bayerischen Küche spielen Schweinefleisch und gebratene Ente eine große Rolle. Und diese Mischung war natürlich viel zu schwere Kost für ihn. Die Knödel betrachtete er eher als Fußbälle, nicht als Nahrungsmittel. Er sagte dann, dass er nie im Leben ‘so einen riesigen Talgball’ essen könne. Er schaute die Knödel dann einfach an, und in seinem Blick lag fast schon so etwas wie Verachtung.“

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Laut Freestone habe Mercury zwar schon ein paar einfache Begrüßungsformeln draufgehabt, doch sonderlich viel Deutsch habe er während dieser Zeit nicht gelernt. Im Scherz bestätigte der Sänger diese Aussage einmal gegenüber einem Interviewer; er kenne „ja doch nur die Schimpfwörter – wie Arschlecker zum Beispiel.“

„Elton und Freddie waren sehr gute Freunde“

Auf seinen Streifzügen durch München sei Mercury nie allein gewesen, sondern immer in Begleitung von Freunden, wie Freestone weiter berichtet. Doch 1984 ereignete sich ein Unfall während einer Partynacht: Der Queen-Sänger zog sich dabei eine Knieverletzung zu, woraufhin das komplette Bein, vom Schenkel bis zum Knöchel, eingegipst werden musste. Krücken habe Mercury trotzdem nie gebraucht, weil er sich zu der Zeit so oder so überall hinfahren ließ, und die meiste Zeit also liegend auf der Rückbank des Wagens verbrachte.

So fuhren der verletzte Sänger und sein Assistent im Mai des Jahres auch in die Olympiahalle, um sich dort ein Konzert von Elton John anzuschauen. „Elton und Freddie waren sehr gute Freunde, aber sie konnten sich nur sehr selten sehen, weil ihre Konzertpläne das einfach nicht zuließen“, so Freestone. „Freddie nahm gerade Mr. Bad Guy auf, als Elton seinen Auftritt in der Stadt hatte. Also wurde arrangiert, dass Freddie und ich zur Show fahren. Unsere Sitze bekamen wir auf der Seite der Bühne.“

Elton Johns Kosename für Mercury lautete „Melena“ – der Queen-Sänger rief den Rocket Man „Sharon“ –, und Freestone muss lachen, wenn er an Geschehnisse jenes Münchner Konzertabends zurückdenkt. „Es war einfach wundervoll: Elton betrat die Bühne und sagte ‘Dieses Stück ist für Melena, die arme Kuh’. Und dann spielte er eine sehr schwungvolle Version von I’m Still Standing. Freddie beugte sich zu mir rüber und flüsterte nur einen Satz: ‘Ich werde sie dafür umbringen.’“

Freddie lachte für sein Leben gern

Zweifellos vermisst Freestone seinen alten Freund bis heute: „Freddie hatte diesen unglaublich trockenen, englischen Sinn für Humor“, verrät er. „Er konnte nicht besonders viel damit anfangen, wenn sich Leute hinstellten und fünf Minuten ausholen mussten, um dann zu einer 10-Sekunden-Pointe zu kommen. Das wollte er nicht hören, das war nicht sein Humor. Stattdessen konnte er aus so ziemlich jeder erdenklichen Situation etwas Witziges herausholen. Er lachte für sein Leben gern.”

„In Interviews konnte man häufig beobachten, wie er versuchte, seine Zähne mit der Oberlippe zu verstecken,” so Freestone. „Und wenn er richtig lachen musste, nahm er die Hand davor und verdeckte den ganzen Mund. Zu Hause jedoch gab es keinen Grund, sich Gedanken über seine Zähne zu machen: Hier warf er einfach den Kopf in den Nacken und lachte und lachte und lachte. Jedes Mal, wenn jemand den Namen Freddie Mercury in meiner Gegenwart erwähnt, sehe ich dieses Bild: Freddie, wie er zu Hause lacht. Ich hatte wahnsinniges Glück.“

Peter „Phoebe“ Freestone im Backstage-Bereich. Foto: Neal Preston © Queen Productions Ltd

„Das war eine der krassesten Partys, die ich je mitgemacht habe“

Einer der wohl extravagantesten Höhepunkte der München-Jahre war die legendäre Geburtstagsparty, die Mercury am Donnerstag, den 5. September 1985 in der Travestiebar Old Mrs. Henderson feierte. Auf der Einladung hatten die Gäste klare Anweisungen bekommen: „Bitte in schwarz-weißem Drag-Outfit erscheinen“, hieß es da. Tatsächlich gab es reichlich schwarz-weißen Fummel, viele Drogen und sogar Pferdekutschen zu bewundern an diesem Abend der ultimativen Ausschweifungen.

„Ja, manch einer behauptet, ich sei damals auch dabei gewesen“, lacht Freestone. „Alles war schwarz-weiß… und auf der Einladung stand ja zudem, dass man als Transvestit kommen sollte. Freddie kleidete sich als Mann; er trug dasselbe Outfit wie beim Fashion-Aid-Konzert. Er war also kostümiert. Das war ganz klar eine der wildesten und krassesten Partys, die ich je besuchen durfte. Ich glaube auch nicht, dass es danach noch eine vergleichbar exzessive Party gab.“

Obwohl er mit jenem rauschenden Geburtstagsfest postwendend für Schlagzeilen sorgen sollte, wäre es doch falsch, Mercury als reinen Hedonisten zu bezeichnen: „Freddie war das exakte Gegenteil von dem, was man sich unter einem ‘verrückten Rockstar’ vorstellt“, gibt sein Assistent zu bedenken. „Man denke mal an seine Sammlungen, die ganze Kunst, die Antiquitäten. Eine seiner größten Leidenschaften war sein Haus, Garden Lodge in London, und er liebte es, neue Schätze in dieses Haus zu stellen – ganz egal, ob’s nun ein weiteres Kunstwerk oder ein betagtes Möbelstück war. Er liebte die schönen Dinge.“

„In München gab es viel mehr Ablenkungen“

Zwar bestand die Zeit in München nicht bloß aus Partys und nächtlichen Exzessen, doch räumt auch Freestone ein, dass der Gedanke, sich eventuell doch noch ein weiteres Mal mit den Freunden zu amüsieren, manchmal einfach zu verlockend war. „Bis sein Soloalbum Mr. Bad Guy dann endlich im Kasten war, vergingen zwei ganze Jahre… eine der längsten Aufnahmephasen, die ich miterlebt habe“, erinnert er sich.

„So ein Studiotag begann für Freddie um zwei Uhr nachmittags. Einen Sänger vorher ins Studio zu bestellen, ist so oder so sinnlos, weil die Stimmbänder morgens noch nicht richtig warm sind. Bei den Aufnahmen von Queen saß Freddie viel am Klavier und feilte da an den Songideen. Aber in München, wo er so viele Freunde hatte, kamen wir im Studio an und schon um vier ging dann womöglich das Telefon. Irgendein Freund: ‘Oh, Freddie, mir ist so langweilig. Komm schon, lass uns ausgehen.’ Also beendeten wir die Arbeit schnell und zogen wieder los. In München gab es viel mehr Ablenkungen. Dazu kam, dass es bei Queen ja vier Leute zu verantworten hatten, dass die Arbeit erledigt wird… München hingegen war nur Freddie: Er konnte es einfach machen, wenn es gerade reinpasste. Mit dem fertigen Album war er aber absolut happy.“

Keine Lederhosen für den Fashion-Vordenker

Mercurys absoluter Lieblingsort in der Stadt sei laut Freestone „die wunderbare Suite und Wohnung, die er im ‘Stollberg Plaza’ hatte“, gewesen, „die ja genau im Zentrum von München lag. Er hat seine Zeit in Deutschland sehr genossen.“

Ob der Fashion-Vordenker jemals traditionelle Lederhosen anhatte? „Oh nein, Freddie hat sich über genügend Leute lustig gemacht, die damit herumliefen. Aber selbst getragen hat er sie ganz sicher nicht“, sagt Freestone zum Abschluss. „Dabei hat er wohl auch das eine oder andere Bein eines Trägers bewundert.“

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