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Popkultur

„Er konnte dort machen, was er wollte“: Freddie Mercurys München-Jahre

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Freddie Mercury
Foto: Peter Röshler © Mercury Songs Ltd

Ein paar der größten Momente seines Lebens erlebte Freddie Mercury in der bayerischen Landeshauptstadt: In München sollte er sein gefeiertes Soloalbum Mr. Bad Guy aufnehmen. Und hier sollte er, nur wenige Monate nach dem triumphalen Live-Aid-Auftritt von Queen, jene berüchtigte Party zu seinem 39. Geburtstag veranstalten. Die Stadt war für ihn überhaupt ein Ort, an dem er sich lockermachen und viel Zeit mit Freunden verbringen konnte. Er spielte mit ihnen Tischtennis, besuchte die Biergärten, tauchte ein in die deutsche Feierkultur…

von Martin Chilton

Hier könnt ihr Mr. Bad Guy hören:

„Er konnte machen, was er wollte“

Hatte er mit Queen der Stadt München schon in den späten Siebzigern einen ersten Besuch abgestattet, kam er in den Achtzigern allein zurück – um eine Weile in Bayern zu leben. Peter Freestone, besser bekannt als „Phoebe“, war von 1979 bis zum Tod des Sängers im Jahr 1991 persönlicher Assistent an der Seite von Mercury. Er kann dementsprechend viel über die München-Jahre berichten. Eine Zeit, mit der er bis heute viele tolle Erinnerungen verbindet.

„Ich glaube, es gab da ein Gefühl der Freiheit in München, das Freddie in London so einfach nicht finden konnte“, kommentiert der aus Surrey stammende Freestone, den wir telefonisch in seiner neuen Wahlheimat Tschechien erreichen.

„Freddie fühlte wohl, dass er dort machen konnte, was er wollte. Er hatte Freunde in der Stadt, die ihm sehr nahestanden und ihn gewissermaßen abschotteten, so dass er hingehen konnte, wo er wollte; auch konnte er tun, was er wollte, ohne damit gleich im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Ein weiterer Grund, weshalb er so viel Zeit in München verbrachte, war die Renovierung der Garden Lodge, seines Londoner Hauses. Er hatte es 1980 gekauft, und dann dauerte es noch mal fünf Jahre, bis alles zu seiner Zufriedenheit renoviert war. Sich außerhalb von England aufzuhalten bedeutete somit auch: diese ganze Angelegenheit nicht immer im Kopf haben zu müssen. Er bekam stattdessen Berichte über den Stand der Sanierung. Damit konnte er viel besser leben.“

„Seine ‘normale’ Kleidung war dann das Kostüm“

In der süddeutschen Metropole angekommen, ließ Mercury die ausgelassene, dem Feiern bekanntermaßen nicht abgeneigte Art der Münchner schnell auf sich wirken. Auch er war bald Stammgast der großen Biergärten, wo er sich zum Beispiel mit seinem Toningenieur Reinhold Mack traf. Ganz besonders angetan war der Queen-Sänger vom Fasching in München.

„Ja, da kam es vor, dass Freddie am Donnerstagabend loslegte… und dann erst am Dienstagmorgen in der Woche drauf wieder im Bett landete. Er hat sich richtig gut amüsiert“, weiß der heute 64-jährige Freestone zu berichten. „Für alle anderen war die Faschingszeit eine Gelegenheit, sich ein wenig zu verkleiden. Aber Freddie ging ehrlich gesagt in seinen ‘normalen’ Klamotten… und die ganzen Lederhosen und so wurden somit zu einer Verkleidung. Ganz München war auf den Beinen, alle feierten dieses eine Wochenende durch. Am Schluss dieser Feierzeit ging er dann immer auf den Alten Markt, wo es stets rammelvoll war. Die Leute feierten dort nämlich immer noch weiter, an jeder Ecke gab es diese großartigen Snacks, die man nach so einer langen Nacht brauchte.“

„…aber Freddie ging ehrlich gesagt in seinen ‘normalen’ Klamotten, und die ganzen Lederhosen und wurden somit zu einer Verkleidung.“ Foto: Queen Productions Ltd

Die lokalen Spezialitäten waren nichts für Freddie

Es gab jedoch auch lokale Spezialitäten, die Mercury, der bekanntermaßen nie mehr als ein paar Stunden Schlaf brauchte, keineswegs zusagten: „Überhaupt mochte er viele Gerichte nicht“, so Freestone.

„Er war halt ein Mensch, der isst, um leben zu können, anstatt sein Leben dem Essen zu widmen. Er war ungeschlagener Meister darin, einen vor ihn abgestellten Teller so zu bearbeiten, die Speisen so umzugestalten und hin und her zu bewegen, bis es tatsächlich so aussah, als hätte er richtig zugeschlagen. In der bayerischen Küche spielen Schweinefleisch und gebratene Ente eine große Rolle. Und diese Mischung war natürlich viel zu schwere Kost für ihn. Die Knödel betrachtete er eher als Fußbälle, nicht als Nahrungsmittel. Er sagte dann, dass er nie im Leben ‘so einen riesigen Talgball’ essen könne. Er schaute die Knödel dann einfach an, und in seinem Blick lag fast schon so etwas wie Verachtung.“

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Laut Freestone habe Mercury zwar schon ein paar einfache Begrüßungsformeln draufgehabt, doch sonderlich viel Deutsch habe er während dieser Zeit nicht gelernt. Im Scherz bestätigte der Sänger diese Aussage einmal gegenüber einem Interviewer; er kenne „ja doch nur die Schimpfwörter – wie Arschlecker zum Beispiel.“

„Elton und Freddie waren sehr gute Freunde“

Auf seinen Streifzügen durch München sei Mercury nie allein gewesen, sondern immer in Begleitung von Freunden, wie Freestone weiter berichtet. Doch 1984 ereignete sich ein Unfall während einer Partynacht: Der Queen-Sänger zog sich dabei eine Knieverletzung zu, woraufhin das komplette Bein, vom Schenkel bis zum Knöchel, eingegipst werden musste. Krücken habe Mercury trotzdem nie gebraucht, weil er sich zu der Zeit so oder so überall hinfahren ließ, und die meiste Zeit also liegend auf der Rückbank des Wagens verbrachte.

So fuhren der verletzte Sänger und sein Assistent im Mai des Jahres auch in die Olympiahalle, um sich dort ein Konzert von Elton John anzuschauen. „Elton und Freddie waren sehr gute Freunde, aber sie konnten sich nur sehr selten sehen, weil ihre Konzertpläne das einfach nicht zuließen“, so Freestone. „Freddie nahm gerade Mr. Bad Guy auf, als Elton seinen Auftritt in der Stadt hatte. Also wurde arrangiert, dass Freddie und ich zur Show fahren. Unsere Sitze bekamen wir auf der Seite der Bühne.“

Elton Johns Kosename für Mercury lautete „Melena“ – der Queen-Sänger rief den Rocket Man „Sharon“ –, und Freestone muss lachen, wenn er an Geschehnisse jenes Münchner Konzertabends zurückdenkt. „Es war einfach wundervoll: Elton betrat die Bühne und sagte ‘Dieses Stück ist für Melena, die arme Kuh’. Und dann spielte er eine sehr schwungvolle Version von I’m Still Standing. Freddie beugte sich zu mir rüber und flüsterte nur einen Satz: ‘Ich werde sie dafür umbringen.’“

Freddie lachte für sein Leben gern

Zweifellos vermisst Freestone seinen alten Freund bis heute: „Freddie hatte diesen unglaublich trockenen, englischen Sinn für Humor“, verrät er. „Er konnte nicht besonders viel damit anfangen, wenn sich Leute hinstellten und fünf Minuten ausholen mussten, um dann zu einer 10-Sekunden-Pointe zu kommen. Das wollte er nicht hören, das war nicht sein Humor. Stattdessen konnte er aus so ziemlich jeder erdenklichen Situation etwas Witziges herausholen. Er lachte für sein Leben gern.”

„In Interviews konnte man häufig beobachten, wie er versuchte, seine Zähne mit der Oberlippe zu verstecken,” so Freestone. „Und wenn er richtig lachen musste, nahm er die Hand davor und verdeckte den ganzen Mund. Zu Hause jedoch gab es keinen Grund, sich Gedanken über seine Zähne zu machen: Hier warf er einfach den Kopf in den Nacken und lachte und lachte und lachte. Jedes Mal, wenn jemand den Namen Freddie Mercury in meiner Gegenwart erwähnt, sehe ich dieses Bild: Freddie, wie er zu Hause lacht. Ich hatte wahnsinniges Glück.“

Peter „Phoebe“ Freestone im Backstage-Bereich. Foto: Neal Preston © Queen Productions Ltd

„Das war eine der krassesten Partys, die ich je mitgemacht habe“

Einer der wohl extravagantesten Höhepunkte der München-Jahre war die legendäre Geburtstagsparty, die Mercury am Donnerstag, den 5. September 1985 in der Travestiebar Old Mrs. Henderson feierte. Auf der Einladung hatten die Gäste klare Anweisungen bekommen: „Bitte in schwarz-weißem Drag-Outfit erscheinen“, hieß es da. Tatsächlich gab es reichlich schwarz-weißen Fummel, viele Drogen und sogar Pferdekutschen zu bewundern an diesem Abend der ultimativen Ausschweifungen.

„Ja, manch einer behauptet, ich sei damals auch dabei gewesen“, lacht Freestone. „Alles war schwarz-weiß… und auf der Einladung stand ja zudem, dass man als Transvestit kommen sollte. Freddie kleidete sich als Mann; er trug dasselbe Outfit wie beim Fashion-Aid-Konzert. Er war also kostümiert. Das war ganz klar eine der wildesten und krassesten Partys, die ich je besuchen durfte. Ich glaube auch nicht, dass es danach noch eine vergleichbar exzessive Party gab.“

Obwohl er mit jenem rauschenden Geburtstagsfest postwendend für Schlagzeilen sorgen sollte, wäre es doch falsch, Mercury als reinen Hedonisten zu bezeichnen: „Freddie war das exakte Gegenteil von dem, was man sich unter einem ‘verrückten Rockstar’ vorstellt“, gibt sein Assistent zu bedenken. „Man denke mal an seine Sammlungen, die ganze Kunst, die Antiquitäten. Eine seiner größten Leidenschaften war sein Haus, Garden Lodge in London, und er liebte es, neue Schätze in dieses Haus zu stellen – ganz egal, ob’s nun ein weiteres Kunstwerk oder ein betagtes Möbelstück war. Er liebte die schönen Dinge.“

„In München gab es viel mehr Ablenkungen“

Zwar bestand die Zeit in München nicht bloß aus Partys und nächtlichen Exzessen, doch räumt auch Freestone ein, dass der Gedanke, sich eventuell doch noch ein weiteres Mal mit den Freunden zu amüsieren, manchmal einfach zu verlockend war. „Bis sein Soloalbum Mr. Bad Guy dann endlich im Kasten war, vergingen zwei ganze Jahre… eine der längsten Aufnahmephasen, die ich miterlebt habe“, erinnert er sich.

„So ein Studiotag begann für Freddie um zwei Uhr nachmittags. Einen Sänger vorher ins Studio zu bestellen, ist so oder so sinnlos, weil die Stimmbänder morgens noch nicht richtig warm sind. Bei den Aufnahmen von Queen saß Freddie viel am Klavier und feilte da an den Songideen. Aber in München, wo er so viele Freunde hatte, kamen wir im Studio an und schon um vier ging dann womöglich das Telefon. Irgendein Freund: ‘Oh, Freddie, mir ist so langweilig. Komm schon, lass uns ausgehen.’ Also beendeten wir die Arbeit schnell und zogen wieder los. In München gab es viel mehr Ablenkungen. Dazu kam, dass es bei Queen ja vier Leute zu verantworten hatten, dass die Arbeit erledigt wird… München hingegen war nur Freddie: Er konnte es einfach machen, wenn es gerade reinpasste. Mit dem fertigen Album war er aber absolut happy.“

Keine Lederhosen für den Fashion-Vordenker

Mercurys absoluter Lieblingsort in der Stadt sei laut Freestone „die wunderbare Suite und Wohnung, die er im ‘Stollberg Plaza’ hatte“, gewesen, „die ja genau im Zentrum von München lag. Er hat seine Zeit in Deutschland sehr genossen.“

Ob der Fashion-Vordenker jemals traditionelle Lederhosen anhatte? „Oh nein, Freddie hat sich über genügend Leute lustig gemacht, die damit herumliefen. Aber selbst getragen hat er sie ganz sicher nicht“, sagt Freestone zum Abschluss. „Dabei hat er wohl auch das eine oder andere Bein eines Trägers bewundert.“

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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