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Popkultur

Ein kaputtes Fahrrad und fünf weitere Anekdoten aus dem Leben von Ginger Baker

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Foto: Jorgen Angel/Redferns/GettyImages

Der Teufel schert sich nur um seinesgleichen: Jähzornig und stur verpasste der legendäre Schlagzeuger Ginger Baker dem Rock mit Projekten wie Cream, Blind Faith und Ginger Baker’s Airforce einen jazzigen Fußabdruck. Seine Kompromisslosigkeit und sein Genie waren dabei Quelle für unglaubliche Geschichten. Zum Anlass seines Lebensendes haben wir die sechs erstaunlichsten Anekdoten aufgeschrieben.

von Victoria Schaffrath

Hört euch hier die besten Ginger Baker-Songs mit Cream an:

Ein kaputtes Fahrrad ist schuld an Bakers Karriere

Eigentlich will der kleine Peter, Spitzname „Ginger“, Radrennfahrer werden. Geboren 1939 während des Zweiten Weltkrieges, wächst er in einfachen Verhältnissen auf und bewegt sich via Drahtesel fort, wann immer er kann. Doch als er das Rad eines Tages zerlegt, soll Ersatz her, weswegen sich Baker nach Verdienstmöglichkeiten umsieht. Und ein Bekannter, dem die Musikwelt wohl Einiges verdankt, schlägt vor, er solle Schlagzeug spielen.

Die Idee kommt nicht von ungefähr, denn der schlaksige Londoner geht ständig auf Jazz-Konzerte und trommelt die Rhythmen auf allen möglichen Oberflächen nach. Irgendwer setzt Baker schließlich hinter ein Drumkit: „Verdammte Axt, ich bin ein Drummer!“ Das Fahrrad vergisst er schnell und zimmert sich aus Geldmangel selbst das Set zusammen: „Ich kaufte ein Kinderschlagzeug, schnitt aus einer Zeltplane ein Fell für die Bassdrum und nahm statt Tom-Toms eine Keksdose. Beim Vorspielen sagte ich, ich spielte seit drei Jahren professionell, aber mein normales Schlagzeug sei kaputt.“ Baker macht das Rennen, der Rest ist Geschichte.

Jack Bruce: Was sich liebt, das schlägt sich

Mit Bassist Jack Bruce verbindet ihn Zeit seines Lebens eine leidenschaftliche Hassliebe: Erstmals treffen sie bei Alexis Korner’s Blues Incorporated aufeinander und schon da empfindet Baker das Bassspiel des Kollegen als zu laut. Bei John Mayall & The Bluesbreakers feuert der Drummer den jüngeren Bruce und verleiht der Aussage mit einem Messer Nachdruck. Auf Wunsch Eric Claptons finden die beiden für Cream zunächst wieder zusammen, doch aus verbalen Seitenhieben werden schnell Sabotageaktionen. Bruce stellt teils seine Verstärker so laut ein, dass Baker sich selbst kaum noch hören kann.

Das Projekt beendet man viel zu früh, doch in den Neunzigern versuchen es die beiden bei BBM, kurz für „Bruce Baker Moore“, erneut miteinander. Eine Cream-Reunion Mitte der Zweitausender endet erneut im Streit. Der Legende nach wählt der Schotte 2014 auf dem Sterbebett Bakers Nummer, um Baker wissen zu lassen: „Ich sterbe, Ginger, f*ck dich“, und legt auf. Im Gedenken an den unberechenbaren Schlagzeuger formuliert es Bruces Familie nun etwas milder: „Ginger war für Jack wie ein älterer Bruder, ihre Chemie war wahrhaft spektakulär.“

Ginger Baker schafft den Entzug – ganze 29 Mal

Dass Baker mit Anfang 20 Unterricht bei Jazz-Schlagzeugpionier Phil Seamen nimmt, erweist sich als Fluch und Segen zugleich. Einerseits lernt er beim Virtuosen das nötige Handwerk, andererseits übernimmt er auch dessen Heroinsucht. Während Heroin in den „Swinging Sixties“ eine Modeerscheinung darstellt, entsteht bei Baker eine starke Abhängigkeit, die er wieder und wieder hinter sich zu lassen versucht: „Ich habe da wirklich keine positiven Erinnerungen dran. Wenn du eine Sache machst, nur um dich normal zu fühlen, ist das kein guter Weg.“

In den Siebzigern taucht der Südlondoner immer wieder in Afrika unter, durchquert mit einem Range Rover die Sahara und spielt Jams mit Fela Kuti: „In Afrika habe ich jedes Mal den Absprung geschafft.“ Doch die Abstinenz dauert nie lang an: „Man kommt an einen Punkt, an dem man ‚nein‘ sagen kann. Dann sagt man es wieder. Beim dritten Mal meldet sich etwas im Kopf, ‚ich wünschte, ich hätte es gemacht‘. Und beim vierten Mal sagt man ‚ja‘ und ist wieder drauf. Ich habe das bestimmt 29 Mal mitgemacht.“ 1981 schafft er den endgültigen Entzug, indem er sich in einem kleinen italienischen Dorf dem Olivenanbau widmet: „Harte Arbeit, aber sehr gute Therapie.“

Baker wollte in Hollywood durchstarten

Ein Charaktergesicht kann man ihm durchaus attestieren: Als er in Italien die Aufmerksamkeit der italienischen Mafia auf sich zieht, entscheidet sich Baker kurzerhand, es in Los Angeles als Schauspieler zu versuchen. 1988 geht es über den großen Teich, eine Herausforderung für seine Abstinenz: „In L.A. zu leben war für einen ehemals Heroinsüchtigen ziemlich schwer!“

Einfach gestaltet sich auch die Jobsuche nicht. Schließlich spricht er für einen Film von „Weird Al“ Yankovic als Obdachloser vor, doch wird abgelehnt. Yankovic, wie auch schon Jack Bruce, bescheinigt ihm einen fehlenden Sinn für Humor. Etwas besser läuft es dann bei der Serie Die Ninja Cops, in der er als „Ginger“ auftritt. Nachhaltig beeindruckt er in der Traumfabrik jedoch nicht, also zieht er lieber nach Colorado und spielt dort Polo. Der coolste Eintrag in der Film-Vita bleibt Gonks Go Beat, ein Fantasy-Streifen von 1965, in dem er neben Bruce und anderen Kollegen der Graham Bond Organisation als „Drummer“ mitwirkt.

Er wollte Feuerwehrmann werden – aber nicht als Kind…

Achtung, die nun folgende Anekdote stammt von Ringo Starr, der ja bekanntlich gerne viel erzählt, wenn der Tag lang ist. Ob sie also so stattgefunden hat, lassen wir mal dahingestellt. Möchte man dem Beatle und Trommelkollegen jedoch Glauben schenken, so steht Baker in den Neunzigern einem Cream-Revival im Wege. Es liegt nicht etwa an dem Groll gegen Bruce, denn die beiden spielen wenig später bei BBM erneut zusammen. Viel mehr geht der Schlagzeuger einer neuen Berufung nach: In Colorado, wo er wegen seiner Liebe zum Polo zeitweise lebt, drückt Baker scheinbar die Fahrschulbank.

„Er war ein Feuerwehrmann in Denver und Cream konnte nicht wieder zusammenfinden, weil er dort seine Lizenz zum Fahren eines Feuerwehrautos machte!“, erinnert sich Starr. Den Zeitraum grenzt er nicht näher ein. Aber da es nach dem Eintritt in die Rock And Roll Hall Of Fame 1993 vor Reunion-Gerüchten nur so wimmelt, tippen wir schwer auf die Spanne zwischen Zeremonie und Gründung von BBM. Ob’s stimmt? „Ich bleibe dabei, das wurde mir so erzählt“, beharrt Starr gegenüber dem Rolling Stone. Passen täte es allemal.

Beim Dreh einer Doku über sein Temperament geht’s mit ihm durch

Neben seinem exzellenten und wegweisenden Schlagzeugspiel kennt man Ginger Baker vor allem für seine Stimmungsschwankungen, die im fortschreitenden Alter nicht gerade schwinden. Der amerikanische Schriftsteller und Filmemacher Jay Bulger widmet dem rothaarigen Genie und seinem Temperament 2009 einen wunderbaren Artikel für den Rolling Stone. Nie kann man sich recht entscheiden, ob man Baker nun zum Brüllen komisch oder furchteinflößend findet. Um noch mehr hinter die Fassade zu blicken, verwandelt Bulger den Artikel 2013 in eine Dokumentation.

„Wer mit mir ein Problem hat, soll mir eins auf die Nase geben!“, tönt der Brite schon im Trailer zu Beware Of Mr. Baker, zu deutsch: „Hütet euch vor Mr. Baker“. Während der Dreharbeiten kommt es zwischen Baker und dem Regisseur zu einer Auseinandersetzung, die schnell eskaliert. „Hauen Sie mir damit jetzt wirklich eine über?“, hört man vom entgeisterten Bulger. Baker, der mit erhobenem Gehstock über ihm steht, entgegnet: „Und wie ich das mache! Ich schick dich verdammt noch mal ins Krankenhaus!“ Und dann knallt’s auch schon. Zurück bleiben eine gebrochene (aber gerichtete) Nase und eine ziemlich verdutzte Filmcrew.

Der Teufel schert sich nur um seinesgleichen: Baker auf dem Cover zur erfrischend ehrlichen Doku „Beware Of Mr. Baker“.

Zeitsprung: Am 19.8.1939 kommt Ginger Baker zur Welt.

Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

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Protected: „White Christmas“, „All I Want For Christmas Is You“ und mehr: Verrückte Fakten zu den größten Weihnachtssongs

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Mariah Carey
Foto: Gilbert Carrasquillo /Getty Images

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