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Popkultur

Von Magic Mushrooms und Rockstarqualitäten: Die große Transformation des Harry Styles

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Harry Styles
Foto: Rich Fury/Getty Images for Spotify

Mit Gitarre, Rüschenbluse und verschwitzter Wallemähne: 2020 gibt es kaum einen Popstar, der mehr androgynen Rockstar-Appeal versprüht als Harry Styles. Inspiriert von Musiklegenden wie Mick Jagger und David Bowie fügt er sich optisch nahtlos in die Ära seiner Helden ein. Doch auch musikalisch zeigt das Ex-Boybandmitglied Rockstarqualitäten. Wir gehen dem Phänomen Harry Styles auf den Grund.

von Sina Buchwitz

Hört hier in Harry Styles Erfolgsalbum Fine Line rein:

Am 1. Februar 1994 wird Harry Edward Styles im englischen Redditch geboren. Seine Liebe zur Musik entdeckt er schon in Kindertagen, als sein Großvater ihm eine Karaokemaschine schenkt. Seine ersten Songs? Vor allem die von Opas Liebling Elvis Presley, doch auch Harrys Eltern üben musikalischen Einfluss auf ihren Sohn aus.

In einem Radiointerview erzählt er: „Ich hatte einen guten Mix aus meiner Mutter und meinem Vater. Mein Vater mochte Fleetwood Mac, The Beatles, The Rolling Stones, Pink Floyd und Queen; während meine Mutter Norah Jones und Savage Garden präferierte.“

Per Castingshow in den Popstarhimmel

2010 wird Styles durch seine Teilnahme bei der britischen Castingshow The X Factor in den Pophimmel katapultiert. Zusammen mit Niall Horan, Liam Payne, Louis Tomlinson und Zayn Malik gründet er One Direction. Damals ist er gerade zarte 16 Jahre alt.

Ab da geht es nur noch höher, schneller, weiter: Bis 2015 verzeichnen die Jungs gleich fünf Nummer-eins-Alben, räumen unzählige Preise ab und touren um die Welt. Drei ihrer Alben (Midnight Memories, Four und Made In The A.M.) nimmt die Band sogar an freien Tagen zwischen den Konzerten auf. Dieses Tempo fordert seinen Tribut: Inmitten einer Tour zieht Zayn Malik in Hong Kong 2015 die Reißleine und verlässt die Band, ein paar Monate später geben auch die restlichen Mitglieder bekannt, One Direction mache eine Pause.

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I’ve been struggling to put into words how grateful I am for everything that’s happened over the last ten years. I’ve seen things and places that I’d only ever dreamt of when I was growing up. I’ve had the pleasure of meeting and working with some of the most incredible people, and gained friendships that I know I will treasure for the rest of my life. None of this would be possible without the support you’ve given along the way. And for that, I will be forever thankful. I just can’t believe it’s been ten years. Thank you to our crew, our team, and everyone else who helped us along the way. To all the fans, I love you, and I thank you with all my heart. You did it all, and you changed everything. And finally.. to the boys, I love you so much, and I couldn’t be prouder of everything we achieved together. Here’s to ten. H

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Doch wer jetzt denkt, Harry Styles hätte in George-Michael-Manier seine Lederjacke verbrannt, um den Übergang vom Boyband-Sänger zum Solokünstler möglichst dramatisch zu markieren, der irrt. Es gehört zu Styles Mentalität, positiv auf die Dinge zu blicken. So sagt er im Interview: „Ich weiß, das ist das, was immer passiert. Wenn jemand aus einer Band kommt, heißt es plötzlich: ‘Das war alles nicht ich. Ich wurde zurückgehalten.’ Aber das alles war ich. Ich fühle mich überhaupt nicht so, als wäre ich zurückgehalten worden. Es hat so viel Spaß gemacht. Wenn ich die Zeit nicht genossen hätte, hätte ich das alles gar nicht getan.“

Dieser tolerante und positive Blick aufs Leben ist es, den Styles-Fans schätzen. Er strahlt eine Mühelosigkeit aus, die seine Anhänger*innen dazu einlädt, ebenfalls sie selbst zu sein. Schon zu One-Direction-Zeiten macht er etwa, Boyband-untypisch, aus seiner sexuellen Ambiguität keinen Hehl.

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SATURDAY NIGHT LIVE.

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Auf die typische Interviewfrage: „Wonach suchst du bei einem Date?“ antwortet ein Bandkollege 2014 (sinngemäß) mit: „weiblich“. Harry zuckt daraufhin mit den Schultern, wirft ein simples „Find ich nicht so wichtig“ in die Runde und schockiert den Moderator damit zutiefst. Auf Konzerten schwenkt er stolz die Regenbogenflagge für die LGBTQ-Gemeinschaft.

Styles Style: Eine Ode an die Rockgeschichte

Wie einst Jagger und Bowie lässt auch Styles die Geschlechtergrenzen verschwimmen. Für Saturday Night Live wird er im rosa Tutu abgelichtet, zur Met Gala erscheint er mit Ohrringen, dunklem Nagellack und durchsichtiger Spitzenbluse. Auf der Bühne lässt er den Sex Appeal früherer Rockstars mit gewagten Bühnenoutfits wiederauferstehen.

2017 ist dann auch musikalisch klar, in welche Richtung es geht: Seine erste Solo-Single Sign Of The Times, offensichtlich eine Hommage an Prince, klingt wie eine Rockballade aus vergangener Zeit, die auch Pink Floyd oder Oasis gut gestanden hätten. Das sechsminütige Stück mutet in den ersten Sekunden an wie Robbie Williams’ Angels, um dann Space-Oddity-ähnlich von der Erde abzuheben.

Styles Helden: Stevie Nicks, Van Morrison und Mick Jagger

Die musikalische Neuorientierung kommt nicht von ungefähr. Harrys Liste an Inspirationen ist voller Rockhelden der Siebziger. So nennt er in einem Interview zum Beispiel Van Morrisons Album Astral Weeks als sein „Lieblingsalbum aller Zeiten“, schwärmt von Paul McCartney als Songschreiber und heimst von Mick Jagger sogar selbst Komplimente ein. Der sagt über Styles: „Ja, ich kann meinen Einfluss auf ihn erkennen. Aber ich gebe ihm keine Ratschläge, ich sage ihm nur, dass er gut aussieht. Ich mag ihn. Er ist sehr anständig.“

Mit Rock’n’Roll-Legende Stevie Nicks pflegt Styles eine besondere Beziehung: Sie nennt ihn ihre „kleine Muse“, 2019 geht er auf die Knie, um seiner Heldin während der Hall-Of-Fame-Zeremonie ihren Award zu überreichen. Den Fleetwood-Mac-Song Landslide performten sie in den letzten Jahren mehrfach miteinander.

Im selben Jahr baut er seine Rockqualitäten mit dem Album Fine Line weiter aus. Das Album schlägt ein wie der Blitz: Es verkauft sich in der ersten Woche doppelt so häufig wie Styles Debütalbum und verweilt auch sieben Monate nach der Veröffentlichung noch immer in den Top 10 der Billboard 200 Album Charts. Die Singles Adore You und Watermelon Sugar schaffen es ebenfalls in die Top 10.

Obwohl beide Titel eindeutig dem Pop zuzuordnen sind, ist der Entstehungsprozess dem eines Rockstars durchaus würdig. Styles nimmt während der Aufnahmen Psychedelika ein und erzählt im Interview: „Wir nahmen Magic Mushrooms, legten uns ins Gras und hörten Paul McCartneys Ram in der Sonne.“ Dann zeigt er unvermittelt auf eine Ecke im Raum und sagt: „Hier stand ich, als wir Pilze nahmen und ich mir die Zungenspitze abbiss. Also versuchte ich zu singen, während mir all dieses Blut aus dem Mund sprudelte.“

So entstehen auch Titel wie She, auf dem Gitarrist Mitch Rowland mit einem Gitarrensolo glänzt. „Mitch hatte Pilze genommen, als er hier die Gitarre spielte. Wir alle waren high. Später hatte er keine Ahnung mehr, was er in dieser Nacht gespielt hatte, also musste er alles vom Track neu lernen“, erinnert sich Styles. Das Ergebnis: ein abgedreht-episches Stück, das an Pink Floyds Shine On You Crazy Diamond erinnert.

Für andere Songs wie Canyon Moon nennt Styles Joni Mitchell als Inspiration. Es gelingt ihm sogar, Joellen Lapidus ausfindig zu machen, die Frau, die Joni Mitchell einst ihren Mountain Dulcimer angefertigt hatte. Lapidus höchstpersönlich gibt Styles daraufhin seine ersten Unterrichtsstunden für das Instrument.

Styles holt den Classic Rock in die Gegenwart

So mühelos wie Styles mit seinem Look Geschlechtergrenzen verschwimmen lässt, so verschmilzt er auch Pop und Rock miteinander. Seine liebevolle Hommage an den Rock der Siebziger ist respektvoll und durchdacht, ohne dass er dabei den Blick auf die musikalische Gegenwart verliert. Zusammen mit einer gehörigen Portion Selbstironie und Sex Appeal könnte Harry Styles so die Zukunft des Rock mitbestimmen.

Ist Rockmusik tot? Nicht wenn ihr richtig hinhört!

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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