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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.6.2010 verklagt der Folk-Musiker Jake Holmes Led Zeppelin.

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Led Zeppelin
Foto: Laurance Ratner/WireImage/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.6.2010.

von Bolle Selke und Christof Leim

Den Song Dazed And Confused kennen wir als das Kernstück vieler Led-Zeppelin-Konzerte. Nicht viele wissen allerdings, dass das Lied 1967 von dem Singer-Songwriter Jake Holmes geschrieben wurde. Holmes gönnte Led Zeppelin ihren Erfolg – bis zum 28. Juni 2010, als er die Band und Songwriter Jimmy Page verklagt.

Hier könnt ihr The Above Ground Sound Of Jake Holmes anhören:

Der Song Dazed And Confused ist den meisten ein Begriff. Der Musiker Jake Holmes ist es nicht. Dabei gehörte Holmes zu einem Comedy-Team mit Joan Rivers, schrieb ein Konzeptalbum für Frank Sinatra, hing mit Nelson Mandela rum – und ließ sich (unfreiwillig) ein Lied von Led Zeppelin klauen

Eines von diesen Liebesliedern

Die Geschichte von Dazed And Confused beginnt im Jahr 1967. Der US-amerikanische Singer-Songwriter Jake Holmes schreibt das Stück für sein Debütalbum The Above Ground Sound Of Jake Holmes, das im Juni des Jahres herauskommt. Wie auch die anderen Titel der Scheibe enthält der Song kein Schlagzeug. Holmes übernimmt Gitarre, Keyboard und Gesang, Ted Irwin und Rick Randle begleiten ihn an Gitarre und Bass.

Die Erzählung, dass das Stück von einem schlimmen LSD-Trip handelt, widerlegt Holmes 2001 in einem Interview: „Ich habe niemals LSD genommen. Vom Grasrauchen kam ich auf Trips, aber LSD gab es nie. Ich hatte Angst davor. Nein, der Song handelt von einem Mädchen, das sich nicht entscheiden konnte, ob sie bei mir bleiben will oder nicht – eines von diesen Liebesliedern.“

Jimmy Pages „liebevolle Arme“ 

Am 25. August 1967 tritt Jake Holmes als Vorband für die britische Rockband The Yardbirds im Village Theater in Greenwich Village auf. An der Gitarre: Jimmy Page. Am nächsten Tag gehen die Briten in einen Plattenladen, um Holmes’ Album zu kaufen, und entscheiden sich dafür, Dazed And Confused zu covern. Page steuert ein neues Gitarrenriff in der Mitte bei, und Sänger Keith Relf nimmt geringfügige Änderungen des Textes vor. Die Yardbirds-Version enthält bereits eine lange instrumentale Passage, in der Jimmy Page – inspiriert vom Violinisten David McCallum – die Gitarre mit einem Violinbogen spielt. Über den Auftritt im August 1967 sagt Holmes im Interview: „Das war der berühmt-berüchtigte Moment in meinem Leben, als Dazed And Confused in die liebevollen Arme und Hände von Jimmy Page gefallen ist.“

Dazed And Confused entwickelt sich schnell zu einem Kernstück der Yardbirds-Auftritte im letzten Jahr ihres Bestehens. Der Song wird niemals offiziell von der Band aufgenommen, allerdings existiert eine Liveversion vom 30. März 1968. Diese gehört zum Album Live Yardbirds: Featuring Jimmy Page. Der Song erscheint dort unter dem Namen I’m Confused – und als einziger Titel ohne Hinweis darauf, wer ihn geschrieben hat. Auf Cumular Limit von 2000 wird Jake Holmes als Autor angegeben mit dem Zusatz „arranged by The Yardbirds“.

Der Meister weiß von nichts

Page selbst behauptet stets, nicht gewusst zu haben, dass es sich um Holmes’ Lied handelt, und das obwohl Titel, Struktur, Noten und Text (bis auf die Stellen, die Keith Relf umgeschrieben hatte) zweifelsohne gleich sind. 1990 fragte das Magazin Musician Page nach den Ursprüngen des Songs und wollte explizit wissen, ob Holmes der ursprüngliche Komponist sei. „Davon weiß ich nichts“, antwortete der Led-Zeppelin-Veteran mit einem Achselzucken. „Ich möchte darauf lieber nicht eingehen, weil ich nicht alle Umstände kenne. Was hat er geschrieben – das Riff oder was? Ich habe Jake Holmes noch nie gehört, daher weiß ich sowieso nicht, worum es geht. Normalerweise sind meine Riffs verdammt original.“

Doch die scheint dem Maestro zu gefallen: Nachdem der Auflösung der Yardbirds nimmt Page im Oktober 1968 in den Olympic Studios in London eine neue Version mit seiner frischgegründeten Band Led Zeppelin auf. Sie erscheint im Januar 1969 als Teil ihres legendären Debüts Led Zeppelin. Page verwendet den Titel, verfasst einen neuen Text und modifiziert die Melodie. Das Arrangement hingegen bleibt ausgesprochen ähnlich zur Version der Yardbirds vom vorherigen Jahr, als Urheber wird nicht Jake Holmes angegeben. Der bekommt zwar mit, dass sein Lied von Led Zeppelin veröffentlicht wird, lehnt es aber überraschenderweise lange Jahre ab, die Band zu verklagen. Stattdessen sagt er sich: „Ach zur Hölle, lass Page das Lied haben.“

Geschrieben von Page, inspiriert von Holmes

Dazed And Confused wird von Led Zeppelin weltweit bekannt gemacht und stark mit ihnen identifiziert. Es entwickelt sich zum Kernstück der Led-Zeppelin-Konzerte, später flankiert von Whole Lotta Love auf ihrem zweiten Album. Durch einen langen Mittelteil mit vielen Improvisationen, meistens von Jimmy Page und seinem Bogen, wird die Liveversion 1975 etwa bis auf 45 Minuten ausgedehnt.

In den frühen Achtzigern versucht Jake Holmes dann, per Brief Kontakt mit Page aufzunehmen, und bittet um Anerkennung seiner Autorenschaft und Entlohnung. Eine Antwort bekommt er nicht. Dabei bittet Holmes nur um einen „fairen Deal“, wie er erklärt: „Ich möchte nicht, dass Page mir die volle Autorenschaft für das Lied gibt. Er hat es genommen und in eine Richtung gebracht, in die ich es niemals gebracht hätte. Damit wurde er sehr erfolgreich. Warum sollte ich mich also beschweren? Aber gib mir wenigstens die Hälfte des Verdiensts!“

Man kommt ja zu nix

Warum Holmes dann mit der Klage bis 2010 wartet, wird nicht ganz klar. Wir haben ja alle ständig irgendwas zu tun und lassen Dinge schleifen (Steuererklärung, Text-Deadlines, Weihnachtsgeschenke kaufen. ihr kennt das), aber angesichts der Relevanz für die Rock’n’Roll-Welt, nicht zu vergessen die monetären Möglichkeiten verwundert das doch. Auf Nachfrage erwähnt Holmes den ähnlichen Fall der Procol-Harum- Hitsingle A Whiter Shade of Pale. Dieser Fall wird 2009 zugunsten des Organisten Matthew Fisher nach Rechtsstreitigkeiten mit komplizierter Aufteilung des Urheberrechts beigelegt.

Vielleicht hat der damals knapp siebzigjährige Holmes auch an seine Rente gedacht. Im Juni 2010 jedenfalls reicht er am United States District Court eine Klage wegen Copyright-Verletzung ein und benennt Jimmy Page als Mitangeklagten. Der Fall wird 2012 abgewiesen, nachdem sich die Parteien außergerichtlich geeinigt haben. Auf dem Led-Zeppelin-Livealbum und -Konzertfilm Celebration Day (von der Reunionshow 2007) lauten die Credits von Dazed And Confused schließlich: „Page, inspiriert von Holmes“. Fragt man Holmes heute, antwortet er, er dürfe nicht über Dazed And Confused sprechen. Grund dafür sind die Bedingungen, die er unterzeichnen musste, um zu dem Vergleich mit Led Zeppelin zu kommen. Die Briten verdanken dem unbekannten Singer-Songwriter aus Kalifornien jedoch einiges.

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