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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.1.1972 landen die Stones ohne Keith Richards in den Top 40.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.1.1972.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Warum Keith Richards 1969 aus dem Aufnahmestudio abhaut, bleibt unklar. So oder so müssen die übrigen Stones improvisieren und machen das Beste draus. Drei Jahre später, am 7. Januar 1972, erscheint das Ergebnis dieser Jamsession und knackt in Amerika gar die Top 40. Aber wer schraubt an der ungewöhnlichen Kompilation, und wer zum Henker ist eigentlich dieser Edward?

Hier könnt ihr Jamming With Edward! anhören: 

Liegt’s an einem Anruf von Lebensgefährtin Anita Pallenberg oder nagt es Keith zu sehr am Ego, dass Produzent Glyn Johns als Unterstützung am Sechssaiter Ry Cooder dazuholt? Eigentlich egal. Der Kalender steht jedenfalls auf Frühling 1969, und die Rolling Stones nehmen in London gerade Let It Bleed auf, als Richards das Studio verlässt. Keiner weiß so recht, wann er gedenkt, wiederzukommen; also tun die geladenen Künstler das, was sie am besten können: Musizieren.

Hochkarätige Jamsession

Ry Cooder kennen da erst wenige. Heute zählt er zu den besten Gitarristen des Genres, arbeitete mit John Lee Hooker und Eric Clapton und produzierte in den Neunzigern das legendäre Album Buena Vista Social Club. Außerdem anwesend: Gelegenheits-Stone Nicky Hopkins. Der Pianist nimmt sonst mit den Kinks und The Who auf und gastiert auf den Soloalben der Beatles. Gemeinsam mit Mick Jagger, Charlie Watts und Bill Wyman lassen Cooder und Hopkins in Abwesenheit von Richards also die musikalischen Säfte fließen.

Heraus kommt eine Reihe Songs, von denen eigentlich keiner je an die Öffentlichkeit sollte. Produzent Johns erklärt die lapidare Herangehensweise: „Das war eigentlich eher ein Witz, was zum Lachen. Ich drückte auf ‚Aufnahme‘, und sie spielten los.“ Ins gleiche Horn stößt Mick Jagger in einem Hinweis, der dem Album beiliegt: „Ein schönes Stück Schwachsinn, das wir innerhalb einer Nacht in London aufgenommen haben. Wir vergaßen es gleich wieder, und dabei wäre es wohl besser geblieben.“

Halb Unfall, halb Geniestreich

Bleibt es aber nicht. Jemand gräbt die Tapes aus, als das Label Rolling Stones Records die Pause zwischen Sticky Fingers und Exile On Main St. füllen möchte. Johns mixt die Stücke ab, und am 7. Januar 1972 bekommen die Stones-süchtigen Massen Jamming With Edward! in die klebrigen Fingerchen. Laut dem Chef-Mischer lohnt sich eine Veröffentlichung kaum, „aber sie spielen teils wirklich gut.“ Hopkins steht zwar endlich mal im Mittelpunkt, zeigt sich aber nur bedingt begeistert: „Es ist lange kein ernstzunehmendes Album, und ich fänd’s schade, wenn sich die Leute fragen, ob das das Beste ist, was Nicky Hopkins abliefern kann.“

Damit stellt der Klavierspieler jedoch sein Licht unter den Scheffel, immerhin verdankt ihm die Platte ihren Namen. Der ominöse „Edward“ ist nichts anderes als ein Spitzname für Hopkins, der durch Verständigungsschwierigkeiten mit Brian Jones entsteht, der da schon kaum noch ins Studio kommt: „Er spielte aus irgendeinem Grund Bass, und ich spielte am anderen Ende des Studios Piano. Er rief ‚Gib mit ein E, Nicky‘, aber ich hörte ihn nicht. Dann schrie er ‚Gib mir ein E wie Edward‘, und das Ganze entwickelte sich von da aus.“ 

Ungeahnter Erfolg ohne Keith

Der Spaß-Charakter der Aufnahmen tut der Chartplatzierung von Jamming With Edward! letztlich keinen Abbruch; die Compilation schafft es in den USA bis auf Platz 33 in den Albumcharts. Als beeindruckender Blick hinter die Kulissen einer Aufnahme erweitert sie die Standardsammlung von Stones-Gourmets, und mal ehrlich: Wer kann bei Titeln wie The Boudoir Stomp und Blow With Ry schon widerstehen?

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