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Popkultur

„Letter To You“: Springsteen als Last Man Standing der mythischen amerikanischen Rockmusik

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Bruce Springsteen
Foto: Danny Clinch

Last Man Standing: Bruce Springsteen trommelt die E Street Band wieder zusammen, besingt verstorbene Weggefährten und schenkt uns kräftigende Rock-Songs, die vor amerikanischem Mythos nur so strotzen.

von Björn Springorum

Hört hier das neue Springsteen-Album Letter To You:

One minute you’re here, next minute you’re gone“ singt Springsteen mit sanfter Stimme zu bittersüßer Akustikgitarre und schwelender Orgel. Vergänglichkeit, sie ist eines der ganz großen Themen von Letter To You. Ein Album, das man im Wahljahr, im Pandemiejahr 2020 beinahe politisch verstehen muss. Doch der Boss winkt ab. Nein, dies hier sei keine Brandrede, kein offener Brief an Trump. Sondern ein mythisches amerikanisches Rock-Album, auf dem er sich auf seine Kernkompetenz konzentriert. Und die ist nun mal, der nach Dylan zweitwichtigste amerikanische Geschichtenerzähler zu sein. Einer, der längst selbst zum Mythos geworden ist.

Nostalgie und Wehmut

Nach Western Stars, auf dem Springsteen letztes Jahr seine Folk-Liebe überzeugend (wenn auch nicht so überzeugend wie einst auf Nebraska) auslotete, kehrt er in den Schoß des satten, summenden, fabulierenden Band-Sounds zurück. Aufgenommen im November 2019 in fünf intensiven Tagen, zeigen die Bilder der begleitenden Doku eine E Street Band, die in trauter Nähe in Springsteens Studio spielt, singt, klatscht. So viel Nähe ist man dieser Tage nicht gewöhnt, umso heilsamer wirkt sie jetzt im heraufziehenden Corona-Herbst auf uns.

Letter To You will nicht mehr sein als eine Liebeserklärung an diese Musik, ein mustergültiger Eintrag im großen Songbook der USA, in dem manches Kapitel ihm und seiner musikalischen Kraft gewidmet ist. Warum sich Bruce Springsteen auf seinem 20. Studioalbum dezidiert mehr im Rückwärtsgang bewegt als nach Horizonten schielt, kann viele Gründe haben. Seine 71 Jahre sind gewiss einer davon. Nostalgie und Wehmut schwingen in den Stücken mit, besonders natürlich in Last Man Standing, gewidmet seiner ersten Band The Castiles aus den Sechzigern, von denen inzwischen niemand mehr lebt außer ihm. Seine Nostalgie ist aber nie mit Trauer oder Selbstmitleid zu verwechseln. Vielmehr ist sie eine Reminiszenz an eine untergegangene Zeit.

Überbleibsel aus den Siebzigern

Sein Sound letzten Endes auch. Die Siebziger und Achtziger klingen in den Stücken mehr durch denn je, die großen Hymnen, allesamt getragen von jenem vollen, satten, intimen Sound, wie ihn nur die E Street Band entfachen kann. Stevie Van Zandt und Nils Lofgren akzentuieren den Gesang mit ihrem cleveren, kondensierten Spiel, die Hammond von Charlie Giordano grundiert im Hintergrund mit blubbernder Textur, Roy Biddan schleust sein Piano immer wieder ein, am Saxofon schwingt sich Jake Clemons zu jubilierender Höhe auf. Und Springsteens Frau Patti Scialfa übernimmt den Background-Gesang.

Es ist kein Zufall, dass vieles an Letter To You an die ersten zehn Jahre des Musikers aus New Jersey erinnert: Gleich drei Stücke sind bislang unveröffentlichte Überbleibsel aus den Siebzigern. Das Beste davon, Song For Orphans, ist ein Sechsminüter voller Symbolkraft, in dem Springsteen sein Vorbild Dylan mit überbordender US-Mythologie referenziert. Mit schleppendem Beat und getragener Schwere erzählt das Stück knapp 50 Jahre später von einem untergegangenen Land, das seinen Traum gleich mit sich begraben hat. Auch Janey Needs A Shooter und If I Was The Priest fallen nicht durch Überlänge auf, sondern durch getragene, kraftvolle Beweise für das frühe Genie Springsteens. All die Jahrzehnte später diese Stücke zu singen und aufzunehmen, lässt sie nicht nur in ganz neuem Licht erstrahlen; es erklärt auch die nostalgische Grundstimmung in Stimme und Sound.

Davon lebt Letter To You. Einerseits röhrt die Band so juvenil, unbeschwert und entfesselt los wie seinerzeit auf Born To Run, andererseits haben die Jahrzehnte ihre Spuren in Stimmbänder, Finger und Ansichten gegraben. Nicht aber in Springsteens Qualität, große, nahbare Lieder aus dem echten, dem einfachen Leben zu singen und dabei eine Band im Rücken haben, die für diesen Job besser geeignet ist als alle anderen. Bruce Springsteen – der last man standing der mythischen amerikanischen Rockmusik.

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