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Popkultur

Marvin Gaye: Das verlorene Album „You’re The Man“ erscheint mit 47 Jahren Verspätung

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Gewiss handelt es sich bei You’re The Man, dem nun erscheinenden „verschollenen“ Album von Marvin Gaye, um einen Longplayer, der erst im Nachhinein aus vielen verschiedenen Session-Mitschnitten zu einer Einheit zusammengefügt wurde: Das Album vereint sämtliche Soloaufnahmen, die Gaye im Jahr 1972 gemacht hat (und die nicht für einen Soundtrack bestimmt waren) – ein Großteil davon bislang noch nicht oder erst Jahre später auf Compilations veröffentlicht. Nur ergibt diese Zusammenstellung ein dermaßen schlüssiges Ganzes, dass man You’re The Man als weiteren Karrieremeilenstein der Soul-Ikone bezeichnen muss. Gaye (1939-1984) hätte im Frühjahr 2019 seinen 80. Geburtstag gefeiert.

von Paul Sexton

Zurück ins Jahr 1972: Die Songs von You’re The Man entstanden in einer Phase, in der Marvin Gaye und auch sein Label Motown drastische Veränderungen durchmachten. Der damals erst 33-jährige Musiker stellte sich nach der Veröffentlichung von What’s Going On, seinem Hit-Album, genau diese Frage, und Berry Gordy, Jr. zog mit dem kompletten Label von Detroit an die Westküste, nach Los Angeles. Gaye war dabei überaus produktiv, arbeitete mit angestammten Songwritern wie Hal Davis oder den Jackson-5-Hitmakern Perren/Mizell zusammen und saß während der Sessions auch oftmals selbst als Producer hinter den Reglern. Hört man nun You’re The Man mit knapp 50 Jahren Verspätung zum ersten Mal, fungieren diese Aufnahmen als Fenster in die Vergangenheit: Sichtbar wird ein einzigartig begnadeter Musiker, der gerade am Gipfel angelangt war – und eine gequälte Seele, die immer wieder an sich selbst und der Welt zu verzweifeln drohte.


Hört hier in You’re The Man rein:

Klickt auf “Listen” für das volle Programm.


Eines der prägnantesten Werke seiner Karriere

Der politische Titelsong You’re The Man beginnt mit einer Wah-Wah-Gitarre, gepaart mit klassischen Grooves, wie man sie von ihm kennt – selbst ein Hauch von Inner City Blues liegt in der Luft. Seiner eher düsteren, pessimistischen Sicht auf die Dinge, die auf diesem Album immer wieder anklingt, gibt er mit The World Is Rated X einen treffenden Titel (der Song sollte schließlich im Jahr 1986 als Single erscheinen). Eine der prägnantesten Performances seiner ganzen Karriere liefert er mit Piece Of Clay ab: Erst 1995 veröffentlicht, als dieser Song auf der The Master-Anthologie erstmals erschien, läuft Gaye hier zusammen mit seinen Motown-Songwriter-Kolleginnen Gloria Jones und Pam Sawyer zu absoluter Höchstform auf. Besonders schmerzlich ist dabei eine Zeile wie „father, stop criticising your son“, die auf das wuchtige Rockgitarren-Intro folgt – schließlich war es 12 Jahre später sein Vater, der Marvin Gaye am 1. April 1984, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, im Streit erschießen sollte. Auch die Vorfreude, endlich wieder „dear old Dad“ zu sehen, die im Verlauf von I’m Going Home zum Ausdruck kommt, hat aus heutiger Perspektive denselben hässlich-ahnungsvollen Beigeschmack.

Auf einem Großteil der Songs von You’re The Man stellt Gaye eindrucksvoll unter Beweis, wie leicht es ihm fällt, echte Kritik, Kampfansagen und Klartext in samtene Klangwelten einzubetten – inklusive jenen Harmonien, die schon während der Doo-Wop-Ära zu seinem Repertoire gehörten: Where Are We Going wäre ein Beispiel dafür, wohingegen I’m Gonna Give You Respect und Try It, You’ll Like It eher mit den gutgelaunten, mit Bläsern gespickten R&B-Hits jener Tage verwandt ist.

Mit You Are That Special One und We Can Make It Baby, die Titel verraten es schon, geht es ihm denn auch keineswegs um Gesellschaftskritik: Hier ist Gaye plötzlich wieder der verliebte Feelgood-Musiker, als der er sich in den ausklingenden Sechzigern so häufig präsentiert hatte. Auf My Last Chance, der Vorabsingle des neuen Albums, neu abgemischt von Salaam Remi (u.a. Amy Winehouse), klingt Gaye schließlich so romantisch wie nie zuvor in seiner Karriere.

Motown/EMI Hayes Archive

Soul-Schnappschüsse aus dem Jahr 1972

Auch den beiden Stücken Symphony, von dem eine frühe Version auf dem 1985 veröffentlichten Album Dream Of A Lifetime erschienen war, und I’d Give My Life For You verleiht Mr. Remi neuen Glanz; vor diesem neuen Remix war letzterer Song nur auf der Deluxe-Edition von Let’s Get It On zu hören gewesen. Mit Woman Of The World, das Gaye dann wieder durch und durch zuversichtlich klingen lässt, hat er genau genommen schon damals den perfekten Soundtrack zur #MeToo-Bewegung aufgenommen.

Schließlich sind auf You’re The Man auch beide Seiten der ursprünglich für Dezember 1972 geplanten Weihnachtssingle vertreten, die er dann jedoch zurückziehen sollte: I Want To Come Home For Xmas, die längere Version jenes Songs, der aus der Perspektive eines Kriegsgefangenen in Vietnam geschrieben ist, gefolgt von der Instrumental-B-Seite Xmas In The City, die bislang unveröffentlicht war. Die zusätzliche Alternativ-Version des Titelsongs You’re The Man, hier nun als Funk-Track, markiert einen grandiosen Kontrapunkt zum Original; seine Analysen und Ansichten über die USA in den frühen Siebzigern klingen dabei extrem leidenschaftlich, wenn Gaye sich fragt, ob eine Frau an der Spitze womöglich die bessere Alternative wäre: „Maybe what this country needs is a lady president.“

Den Schlusspunkt des verschollenen Albums markiert, fast schon wie bei einem Konzert, eine Aufzählung der beteiligten Top-Player, jener Musiker also, die dem Song Checking Out seinen lässigen Funk-Groove verpassen. Während sich alles in eine kontinuierliche Dance-Party auflöst – der Tanz des Abends ist der „Double Clutch“ –, tritt schließlich sein Bandleader Hamilton Bohannon ans Mikrofon und verabschiedet sich von den Zuhörer*innen. Man sieht förmlich, wie Gaye schon davor die Bühne verlässt, während die Band die Sache ohne den Meister zu Ende bringt.

1972 war ein schwieriges, ein aufreibendes Jahr im viel zu kurzen Leben von Marvin Gaye, der mit vielem, was in der Welt passierte, nicht einverstanden sein konnte. Er musste den Mund aufmachen, Stellung beziehen, seine Gefühle in Songs verpacken. You’re The Man, die nun erscheinende Zusammenstellung von Schnappschüssen aus jenen Tagen, gewährt erstmals Einblicke in diese Phase – und reiht sich perfekt ein in die Diskografie der Soul-Ikone, die dieser Tage 80 Jahre alt geworden wäre.

You’re The Man ist ab sofort erhältlich.


Titelfoto: Motown/EMI Hayes Archives


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10 Dinge, die du noch nicht über Marilyn Monroe wusstest

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Marilyn Monroe

Vor 60 Jahren stirbt Hollywoods große Diva Marilyn Monroe an einer Tablettenüberdosis. Ihr Leben ist voller gleißendem Licht und tiefer Schatten, voller denkwürdiger Momente. Hier kommen zehn, die man vielleicht noch nicht kannte.

von Björn Springorum

Der Glamour und der gähnende Abgrund: Wie niemand sonst steht Marilyn Monroe für Licht und Schatten von Hollywood. Sie ist die personifizierte Sexgöttin, die größte Filmdiva aller Zeiten; sie ist aber auch die Frau, die im August 1962 schon mit 36 Jahren an einer Überdosis stirbt. Bis heute wird Selbstmord nicht ausgeschlossen. 60 Jahre später hat sie nichts von ihrem Mythos verloren. Wenn überhaupt, dann strahlt ihr Stern heute heller denn je. Zu ihrem 60. Todestag haben wir einige Dinge zusammengetragen, die ihr über die Hollywood-Diva vielleicht noch nicht wusstet.

1. Die Sache mit dem Präsidenten

1962 bringt Marilyn Monroe dem US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ein unsterbliches Geburtstagsständchen. Unsterblich ist auch das hautfarbene, kristallbesetzte Kleid, das sie dazu trug. Es war eng, so eng sogar, dass sie direkt hineingenäht werden musste und ohne Hilfe auch nicht wieder herauskam. 1999 ging der Fummel für 1,26 Millionen US-Dollar bei einer Auktion über die Theke – Rekord für ein einzelnes Kleidungsstück.

2. Das Hauchen ihrer Stimme

Wenn etwas perfekt zu ihrem sinnlichen Image passte, dann ihre gehauchte Stimme, die irgendwie zugleich verletzlich und erotisch klang. Dabei geht diese Taktik nur auf einen Sprachtherapeuten zurück, der ihr damit half, ihr Stottern aus Kindertagen zu überwinden. Tragischerweise kehrte das Stottern ausgerechnet am Set ihres letzten Films Something’s Got To Give zurück – mit der brutalen Konsequenz, dass sie sogar gefeuert wurde und den Film nicht vollendete.

3. Die Königin der Artischocken

1948 wird Marilyn Monroe die erste Artischockenkönigin von Castroville, Texas. Ist zwar noch nicht ganz dasselbe wie die größte Diva Hollywoods, aber immerhin mal ein erster Schritt in die richtige Richtung.

4. Das Frühstück bei Tiffany

Einer der größten Kultfilme aller Zeiten ist Frühstück bei Tiffany, natürlich auch unsterblich gemacht durch die Hauptdarstellerin Audrey Hepburn. Truman Capote, der Autor der Romanvorlage, wollte eigentlich Marilyn Monroe für die Verfilmung von 1961. Ihre Beraterin Paula Strasberg riet ihr davon ab, die Rolle der Holly Golightly zu übernehmen. Ihr Grund: So ein Party-Girl sei schlecht für ihr Image.

5. Die frühe Heirat

Schon mit 16 Jahren tritt Marilyn Monroe das erste Mal vor den Traualtar. Wohl aber nicht aus Liebe: Sie wuchs in verschiedenen Kinderheimen und Ersatzfamilien auf und wollte durch die Ehe verhindern, ins Waisenhaus zurückzumüssen. Fünf Jahre später, als Monroe volljährig war, ließen sie sich scheiden.

6. Der Fitzgerald-Fan

Marilyn Monroe war ein gewaltiger Fan von Ella Fitzgerald. Sie bewunderte die Jazzsängerin so sehr, dass sie den Mocambo-Nachtclub in Hollywood davon überzeugte, sie auftreten zu lassen. Das Konzert wurde zum Wendepunkt in Fitzgeralds Karriere.

7. Die Bewunderung der Stars

Marilyn Monroe ist ein größerer Star als man sich das wirklich vorstellen kann. Sie ist sogar eine Ikone der Ikonen, ein Star der Stars. Über die Jahre haben namhafte Prominente ordentliche Summen für Monroe-Memorabilia hingeblättert: 1999 kaufte Mariah Carey ein Piano, das Monroes Mutter gehörte, für 662.500 US-Dollar, Tommy Hilfiger kaufte eine ihrer Jeans für 37.000 US-Dollar. 2022 trug Kim Kardashian dann das berühmte Kleid vom Präsidentengeburtstag zur Met Gala – obwohl es nur die Leihgabe eines Museums war.

8. Die Konvertierung

Um ihre große Liebe, den Dramaturgen Arthur Miller, zu heiraten, konvertierte Marilyn Monroe 1956 zum Judentum. „Kopf heiratet Körper“ titelte die Presse damals nicht gerade charmant. Sie lassen sich noch während den Dreharbeiten zu Misfits scheiden. Ein Jahr später ist Monroe tot.

9. Der Playboy

Marilyn Monroe ziert das Cover des allerersten Playboy-Magazins von 1953. Doch den Magazingründer Hugh Hefner, den traf sie nie persönlich. „Sie war mit meinem Bruder im Schauspielunterricht und wir telefonierten, aber ich traf sie nie persönlich“, sagte Hefner mal. Immerhin scheint er für später geplant zu haben: 1992 kaufte er die Krypta direkt neben der von Marilyn Monroe für 75.000 US-Dollar. Hefner: „Ich werde meine Ewigkeit mit Marilyn verbringen.“ Alter Schelm.

via GIPHY

10. Das Geschenk von Frank Sinatra

Auch der große Crooner Frank Sinatra zählte natürlich zu Marilyn Monroes Bewunderern. Eines Tages schenkte er ihr einen Terrier, den sie in neckische Anlehnung an Sinatras Mob-Kontakte Mafia (kurz: Maf) nannte. Er war bis zu ihrem Tod an ihrer Seite.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.8.1969 veröffentlichen Creedence Clearwater Revival „Green River“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.8.1969.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Mit Green River veröffentlichen Creedence Clearwater Revival am 5. August 1969 das zweite von drei Alben innerhalb weniger Monate. Es enthält Bad Moon Rising, einen ihrer größten Hits und bleibt für die Bandmitglieder bis heute der Höhepunkt ihres erfolgreichsten Jahres. Zum Geburtstag der Platte schauen wir uns ihre Entstehungsgeschichte an.

Hört euch hier die besten CCR-Songs an: 

Eröffnet hatten Creedence Clearwater Revival ihr Jahr bereits im Januar mit Bayou Country, dessen Hit Proud Mary in Amerika gar Platz zwei der Billboard-Charts erreicht. Der Erfolg des Albums und der Single inspiriert den Sänger und Gitarrist John Fogerty, seine Songs noch persönlicher zu gestalten.

Bevor die Band um John Fogerty mit dessen Bruder Tom an der Rhythmusgitarre, Stu Cook am Bass und Doug Clifford an den Trommeln erneut das Studio betritt, treibt sich das Quartett noch in San Franciscos Clubszene herum, um die Stimmung zu verinnerlichen. Was sie dort von heimischen Acid-Rockern mitbekommen, enttäuscht sie maßlos: Die Musiker stehen teils so stark unter Drogen- und Alkoholeinfluss, dass sie die Töne nicht halten können, geschweige denn ihre Instrumente bedienen. 

CCR im Jahr 1969 – Pic: Jim Marshall

Clifford erinnert sich gegenüber dem Goldmine Magazine: „Wir machten einen Pakt auf dem Boden des Fillmore, dass wir weder Drogen noch Alkohol anrühren würden. Wir fällten die Entscheidung, uns entweder an der Musik zu berauschen oder das Business zu verlassen.“ Fogerty empfindet zudem die in der LSD-Szene üblichen überlangen Gitarrensoli als anstrengend: „Für meinen Geschmack sollte Musik etwas schneller auf den Punkt kommen.“

Also tun Creedence, was sonst kaum jemand macht: Sie üben wie die Irren. Als sie ins Studio kommen, sitzt jeder Ton. Laut Frontmann Fogerty nehmen sie an einem Tag Masterspuren für fünf ganze Songs auf, freilich ohne Gesang. Für die Kalifornier stellt die Tonaufnahme ein Handwerk dar, das beherrscht werden will, und Tontechniker sprechen danach in den höchsten Tönen von ihnen. Die Kosten für die ersten drei Alben der Band bleiben damit angeblich je unter 2.000 Dollar, was die Plattenfirma Fantasy Records gefreut haben dürfte. 

Diesen Anspruch an die Form spiegeln auch Fogertys Texte auf Green River wider, das schließlich am 5. August 1969 erscheint. Das Album enthält neben dem erfolgreichen Bad Moon Rising und dem Titelstück auch Klassiker wie Lodi oder Wrote A Song For Everyone. Das legendäre Bad Moon Rising schreibt der in Berkeley aufgewachsene Musiker, nachdem er den Film The Devil And Daniel Webster von 1941 sieht und von der fatalistischen Handlung inspiriert wird. Dass die Melodie eher fröhlich klingt und einen harten Bruch zum Inhalt, dem Ende aller Tage, darstellt, fällt ihm erst während der Aufnahmen auf.


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Persönlicher wird es hingegen bei Liedern wie Lodi, das einen abgehalfterten Musiker beschreibt, wie er eines Abends nicht mehr aus dem gleichnamigen Städtchen in Kalifornien wegkommt, oder Green River, der einen Urlaubsort und das dortige Lieblingsgetränk Fogertys aufgreift. Regelrecht intim kommt allerdings Wrote A Song For Everyone daher, den er nach einem Streit mit seiner Frau schreibt. Fogerty sei zu abwesend im Leben seiner Kinder, wirft sie ihm vor. Der Bruch zwischen dem öffentlichen und privaten Mann wird deutlich: „Wrote a song for everyone, and I couldn’t even talk to you.“

Der Frontmann beschreibt auch heute noch Green River als sein Lieblingsalbum. Die persönliche Note jedenfalls zahlt sich aus, die Platte klettert nach Veröffentlichung am 5. August 1969 auf Platz eins der amerikanischen Billboard Charts, in Großbritannien schafft sie es immerhin auf die 20.

Die Singles Bad Moon Rising und Green River erreichen in den USA beide den zweiten Rang der Hitparade, im UK schafft erstere sogar den Sprung auf die Spitzenposition. Kritiker und Fans zeigen sich gleichermaßen begeistert, teils ob des knackigen, handwerklich einwandfreien Sounds, teils ob der Texte mit hohem Identifikationspotenzial. 

Viele Amerikaner, die zu diesem Zeitpunkt in Vietnam stationiert sind, zitieren Green River nach der Heimkehr als willkommene Abwechslung im Kriegsalltag. Bad Moon Rising mutiert mehr und mehr zur Anti-Kriegs-Hymne, dabei veröffentlichen Creedence mit Fortunate Son eigentlich erst später im Jahr einen offen politischen Song.

Das Rolling Stone Magazine erhebt Vergleiche zu The Band und setzt Green River 2003 schließlich auf Platz 95 der 500 besten Alben aller Zeiten. Die Veröffentlichung und den Erfolg des Langspielers feiern Creedence Clearwater Revival wenige Tage später auf einem wenig bekannten Festival names Woodstock. Im November veröffentlichen sie dann bereits das nächste Album Willy And The Poor Boys und treten in der Ed Sullivan Show auf. Ohne Frage hält das Jahr 1969 für „CCR“ eine Menge Erfolge bereit; nicht zuletzt mit Green River erschaffen sie einen überdauernden Glanzmoment. 

Das Albumcover von „Green River“.

Zeitsprung: Am 28.5.1945 kommt John Fogerty von Creedence Clearwater Revival zur Welt.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 4.8.1964 veröffentlichen The Kinks „You Really Got Me“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.8.1964.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Wer kann schon von sich behaupten, aus Versehen den Heavy Metal erfunden zu haben? The Kinks, natürlich. You Really Got Me erscheint am 4. August 1964 und beeinflusst bis heute so viele Genres wie kaum ein anderer Song. Wie es dazu kam und was die Beatles damit zu tun haben, schauen wir uns im heutigen Zeitsprung an.

Hört euch hier das ganze Album mit You Really Got Me an: 

Der Auftrag der Plattenfirma Pye Records an Kinks-Sänger Ray Davies lautet, Beatles-nahe Songs schreiben, um den Höhepunkt der „British Invasion“ voll auszunutzen. Als er sich im März 1964 ans heimische Klavier setzt, passiert jedoch etwas, dass weitaus mehr an Rhythm & Blues als an Twist and Shout erinnert. You Really Got Me gehört zu den ersten fünf Songs, die der Londoner je schreibt, doch als Bruder und Gitarrist Dave Davies die Pianoidee spontan auf seinen Sechssaiter versetzt, beginnt der Sound seine Entwicklung. Der ursprüngliche Tribut an Blues-Größen wie Lead Belly, Big Bill Broonzy und Jazzkomponist Gerry Mulligan inspiriert später Genres wie Heavy Metal, Punk und Garage Rock.

Inhaltlich weist You Really Got Me durchaus parallelen zu Themen der „Fab 4“ auf: Die Davies-Brüder pochen darauf, ein „Liebeslied für Straßenkids“ geschrieben zu haben, in dem sie eine Begegnung mit einem weiblichen Fan beschreiben. Klartext: Hier geht’s um Sex, und der gehört spätestens seit den Beatles zum guten Ton für jede Rock ’n’ Roll-Truppe.

Spaßvögel: The Kinks 1965 in Schweden, ein Jahr nach ihrem monumentalen Erfolg.

Dass die Akkorde, auf denen das Lied basiert, bis heute unverkennbar bleiben, hat laut Musikwissenschaftlern einen einfachen Grund: Es ist der erste große Hit, der mit Power-Chords aufwartet, also Gitarrenakkorden nur aus Grundton und Quinte, die damit weder Dur- noch Moll-Charakter aufweisen. Ohne solche Akkorde gehen Headbanger nicht aus dem Haus, so ziemlich jeder Metal-Song basiert darauf. Den Einfluss auf den Heavy Metal sieht Dave Davies anders: „Ich mochte diesen Begriff nie, ‚Heavy Metal‘. Bei aller Bescheidenheit denke ich, dass es der erste Rock-Song mit einem heavy Gitarrenriff war.“

Dieser innovative Stil will jedoch auch technisch umgesetzt werden. Bassist Pete Quaife darf auf die Aufnahme, Schlagzeuger Mick Avory verbannt man jedoch ans Tamburin. Stattdessen übernimmt Studiomusiker Bobby Graham die Drums, Arthur Greenslade übernimmt am Piano.

Produzent Shel Talmy hält die Band nicht zurück, was die Härte des Sounds und des Inhalts angeht. Zunächst entsteht dadurch eine Version, die sogar die Band selbst als zu unflätig und wenig kommerziell bezeichnet, und das will etwas heißen. Version II kommt immer noch provokant, aber verträglicher daher und schafft es schließlich in die Vinyl-Pressen. Das Ergebnis ist eine explosive Single, auf der man der Band den Spaß deutlich anhört. 

Kritiker, die You Really Got Me vor Veröffentlichung zu hören bekommen, attestieren dem Song großes Hit-Potenzial und sollen Recht behalten. Die dritte Single der Band geht am 4. August 1964 an die Öffentlichkeit und erklimmt schon Tage später die Charts, schafft im Vereinigten Königreich als erster Kinks-Tonträger den Sprung auf Platz eins. Pye Records kommt mit dem Pressen der Vinyls kaum hinterher, dank der hohen Nachfrage zieht die Plattenfirma gar den USA-Release vor. Dort belegt die Scheibe im September 1964 Platz sieben der Billboard-Charts.

Ähnlich der Beatles sollen die Kinks den Song zwecks der damals üblichen Lokalisierung in weiteren Sprachen aufnehmen, beispielsweise auf Spanisch, Japanisch und natürlich Deutsch. Dazu kommt es zwar nie, doch das tut der internationalen Beliebtheit von You Really Got Me keinen Abbruch.

Für den Rolling Stone rangiert You Really Got Me auf #82 der 500 besten Songs aller Zeiten, 1999 wird er in die Grammy Hall Of Fame aufgenommen und taucht auch sonst in unzähligen Listings auf. Für die Gebrüder Davies begründet er eine Karriere, die mittlerweile über ein halbes Jahrhundert andauert.

Gerade unter Musikerkollegen jedoch erlangen die zweieinhalb Minuten Kultstatus: Tom Petty und Johnny Rotten beziehen sich später auf den Track, für Jimi Hendrix bleibt er ein Meilenstein. Van Halen verdanken den Kinks gar ihren Karrierestart, gehen sie 1978 doch mit einem Cover von You Really Got Me als Single ihres bahnbrechenden Debüts an den Start, das ihnen eine ansehnliche 36 in den US-Charts einbringt. Die Davies-Brüder haben dafür allerdings nur weniger feine Sprüche übrig. 

Vor allem aber beeinflusst der Song laut Pete Townshend die frühen Werke von The Who, die zufällig auch von Talmy produziert werden. Deren Härte wiederum provoziert die Beatles dazu, Helter Skelter zu schreiben. So schließt sich der Kreis, und die Kinks müssen sich wohl oder übel damit zurechtfinden, den Heavy Metal ins Rollen gebracht zu haben.

Zeitsprung: Am 10.7.1979 knacken die Kinks mit „Low Budget“ den US-Markt.

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