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Popkultur

25 Jahre „Tragic Kingdom“: Wie No Doubt zur Ska-Punk-Sensation wurden

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No Doubt
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Rückblickend liefern No Doubt mit ihrem dritten Album 1995 eines der definierenden Alben der Neunziger. Als die Platte allerdings erscheint, kommt ihr Erfolg eher überraschend. Schauen wir uns die Faktoren an, die Tragic Kingdom zum Überraschungshit machen.

von Victoria Schaffrath

Hört hier in Tragic Kingdom rein:

Die Rock-Szene mutet ab Beginn der Neunziger eher düster an: Der Grunge übt dank Bands wie Nirvana, Soundgarden und Pearl Jam pessimistische Gesellschaftskritik, Metal und Industrial setzen sich mit der dunklen Seite der menschlichen Psyche auseinander (so gesehen bei den Nine Inch Nails). Im Mainstream gibt es also noch Raum in Richtung Spaß, und diese Lücke besetzt ab Mitte des Jahrzehnts der Ska-Punk.

Comeback des Ska

Inspiriert von Gruppen wie Madness und den Specials greifen junge Rock-Fans die ursprünglich jamaikanische Ska-Musik auf und vermischen sie mit rohen, treibenden Elementen aus dem Punk. Das gelingt nicht nur No Doubt, sondern auch Kapellen wie Sublime, Reel Big Fish, Less Than Jake und Rancid.

Der kalifornischen Formation gelingt der große Wurf allerdings nicht gleich beim ersten Versuch. Nach der Gründung 1986 sind die ersten Jahre geprägt von Lineup-Wechseln und Tragödien wie dem Freitod eines Bandmitglieds. Doch der Kern der Band beißt sich durch, und als die damalige Background-Sängerin Gwen Stefani den Leadgesang übernimmt, wendet sich das Blatt. Zunächst.

Eigensinn & Durchsetzungsvermögen

Energetische Live-Shows bescheren der Truppe einen Plattenvertrag, das Debütalbum No Doubt folgt 1992. Das Label zeigt jedoch wenig Interesse an Promo-Aktivitäten, weswegen die Band für die erste Tour selbst in Vorkasse gehen muss. Die zweite Veröffentlichung steht ebenfalls unter keinem guten Stern: Gwens Bruder Eric, der eigentlich das Songwriting übernimmt, boykottiert den neuen Produzenten, Bassist Tony Kanal trennt sich zudem nach sieben Jahren von Stefani. The Beacon Street Collection ist eine schwere Geburt, die sich aber immerhin besser verkauft als der Vorgänger.

 

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Da Eric Stefani immer mal wieder den Dienst quittiert, muss Gwen ran, was die Songs betrifft. Und was liegt näher, als die Trennung vom Bandkollegen für das nächste Projekt zu verwerten? Durch die Sichtweise und Themen der jungen Frau hält ein noch zugänglicheres Pop-Flair Einzug in den Sound von No Doubt. Die komplexe und zeitweise sicher unbequeme Situation innerhalb der Band liefert außerdem Stoff für dramatische Balladen und energetische Uptempo-Nummern.

Aus der Not eine Tugend machen

Den Albumnamen leiht man sich übrigens bei Disneyland, in dessen Nähe die Gruppe aufwächst: Der Spitzname „Magic Kingdom“, also „magisches Königreich“, wird zu Tragic Kingdom – und die Dualität und Spannung der Bandsituation zum Motiv. Diese Art des Meta-Kommentars machen sich No Doubt auch auf dem Albumcover und im Video zur Single Don’t Speak zu eigen, die vorführen, wie sehr die Medien Gwen in den Mittelpunkt und die übrigen Mitglieder in den Hintergrund drängen.

Klar, Frontfrauen faszinieren. Mit scheinbar endlosem Selbstbewusstsein tobt die Blondine über die Bühne. Mal burschikos, mal feminin, stets energiegeladen. Im Vergleich zu Courtney Loves „Kinderwhore“-Image wirkt Stefani nahbarer und ein ganzes Stück familienfreundlicher. Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs bringt man Stefani oft mit der feministischen „Riot Grrrl“-Bewegung in Verbindung, mit der sie sich damals allerdings nicht identifiziert: Zwar tritt sie bei politischen Veranstaltungen auf, die beispielsweise das Recht auf Abtreibung befürworten; Girlbands wie Hole, L7 oder Bikini Kill, die der Bewegung nahe stehen, bezeichnet sie aber als „wütend“.

Gwen Stefani: Riot Grrrl wider Willen?

„Ich bin nicht wirklich eine Feministin“, erklärt sie gegenüber dem Details-Magazin. „Ich bin eher ein altmodisches Mädchen.“ Mittlerweile weiß man: Das eine schließt das andere nicht aus. Stefani freut sich heute gar über den als feministisch gelesenen Subtext von I’m Just A Girl, das man 2019 für den Kinofilm Captain Marvel verwendet.

Mit den „Riot Grrrls“ verbindet Gwen allerdings der DIY-Gedanke, denn die meisten ihrer Bühnenoutfits stellt sie selbst zusammen. Unvergessen bleibt jedoch auch das weiß gepunktete Kleid aus dem Don’t-Speak-Video. Inspiration für spannende Details gibt es bei anderen Kulturen: Sie trägt nach der Teilnahme an Familienfesten des indischstämmigen Kanal für einige Zeit Bindis und macht diese so zum Nineties-Trend. Später sieht man bei ihren Tänzerinnen, den Harajuku Girls, und der eigenen Modekollektion L.A.M.B. japanische Einflüsse. Nicht selten muss sich Stefani daher Vorwürfe des Kulturraubs gefallen lassen. So oder so gelingt ihr jedoch der erfolgreiche Sprung ins Modedesign, den die Tragic-Kingdom-Ära mit einem unvergleichlichen Stil vorbereitet.

Durchbruch mit Tragic Kingdom

Kollegin Shirley Manson von Garbage formuliert es treffend: „Niemand kann sie kopieren, denn sie ist ein einzigartig-außergewöhnlicher Widerspruch in sich selbst.“ Auch, wenn die Band verständlicherweise nicht gern darauf reduziert wird: Die Anziehungskraft und gleichzeitige Gefälligkeit dieser eigenwilligen Frontfrau schadet No Doubt sicher nicht. Am 10. Oktober 1995 erscheint der dritte Versuch der Ska-Kapelle. Gekoppelt mit Live-Shows, die unbändige Energie mit einem märchenhaften Bühnenbild kombinieren, zeigt die Promo-Phase des Albums phänomenale Wirkung.

Neben positiver Kritik, die Vergleiche mit Blondie und den Red Hot Chili Peppers zieht, kann sich diese dritte Platte aber besonders kommerziell sehen lassen: Bis heute verkauft sich Tragic Kingdom weltweit sagenhafte 16 Millionen mal und heimst gleich in mehreren Ländern Diamant-Plaketten ab (genau, das ist das, was nach Platin kommt). Der Langspieler macht No Doubt und Ska-Punk zu ernstzunehmenden Größen der Neunziger. Wir finden das alles andere als tragisch.

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