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Popkultur

Das Album ist nicht tot. Lang lebe der Longplayer!

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Fast täglich versichert uns irgendjemand, dass der Longplayer nur noch ein Relikt ist. Eine Kunstform, die sich hartnäckig weigert, ihren eigenen Verfall anzuerkennen, obwohl sie auf der Leiter der Evolution schon lange von der Single überholt wurde und seit Anfang des neuen Jahrtausends dem Tode geweiht ist. Wer in dieser popfixierten, fragmentierten Zeit würde denn ernsthaft behaupten, dass das Album nicht tot ist? Dass es sogar die ideale Ausdrucksform des 21. und nicht nur des 20. Jahrhunderts ist? Das wäre doch geradezu technikfeindlich, oder nicht?

von Chris Willam

Und doch – auch wenn sie immer wieder ihre kalten Messer in seinen Körper stecken – das Biest will einfach nicht sterben. Vielleicht sollten wir statt den Eagles lieber die Pointer Sisters zitieren: ‘we want a lover – and an artist – with a slow hand’. Hört auf Anita: Nicht alles, was das Leben schön macht, ist in vier Minuten vorbei.

Ist das Album tot?

Für viele ist das Schicksal des Albums eng verknüpft mit dem des Rock’n’Roll. Wenn einer taumelt, so tut es der andere auch. Dieser Zusammenhang ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Wenn wir an die größten Alben denken, dann fällt den meisten Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles und Exile On Main St von den Rolling Stones ein; Alben die alle eine Art von rotem Faden hatten, und war er auch noch so lose geknüpft, der diese 10 bis 16 Tracks miteinander verband und damit einen fantastischen Snobbismus nach außen trug, der den meisten Fender-schwenkenden Herrschaften recht vertraut sein dürfte. Aber auf die können wir uns nicht komplett verlassen, wenn es darum geht, das Album über das Jahr 2020 hinaus gesund und munter zu erhalten. Erfunden hat das Album, so wie wir es heute kennen, ein nachdenklicher Popsänger namens Frank Sinatra, darum ist es nur angemessen, dass nachdenkliche Pop-Singer/Songwriter wie Taylor Swift es ins 21. Jahrhundert retten.

Vor ein paar Jahren, kurz nach der Veröffentlichung von 1989, fragte der Autor Taylor Swift, warum sie weiterhin so am Album festhielt, wenn viele ihrer Zeitgenossen das sicherlich als nicht zeitgemäß ansahen. “Das ist eine persönliche Entscheidung für jeden Künstler”, sagte sie mir. “Ich möchte lieber einen Roman schreiben als eine Reihe von Kurzgeschichten. An mich soll man sich lieber als eine Künstlerin erinnern, die Sammlungen von Songs veröffentlicht hat, die zusammen gehören und zusammen atmen. Das sind Kapitel meines Lebens, die immer zwei Jahre umfassen. Und ich versuche wirklich mein Bestes, damit diese Kapitel gut genug sind, um auch auf die Zweijahresabschnitte im Leben anderer Menschen übertragbar zu sein. Meine Kindheit wurde durch Alben geprägt, und auch mein Leben. Und ich hoffe wirklich, dass sie auch in Zukunft diese Wirkung auf die Menschen haben werden.”



Sam Smith äußerte sich ähnlich, als er gerade zwischen seinem Debüt und dem zweiten Album stand. Er erklärte dem Autor, dass er versuchte, Alben zu schreiben, die einen Bogen spannen und ihm trotzdem die Möglichkeit geben, tiefer in Songs einzutauchen, die einfach nur für sich sprechen sollten.

“Ein zusammenhängende Werk”

“Als ich mein [Debüt-]Album schrieb, hatte ich Angst: Vielleicht wollen sie nur Hits? Ich schickte ihnen Songs, die definitiv keine Hits waren, aber textlich einige meiner persönlichsten Songs – und letztendlich waren das die Lieblingssongs [der Labelchefs]. Sie wollten auch ein richtiges Album machen und dafür habe ich mich wirklich glücklich geschätzt, denn es gibt nicht mehr viele, die darauf Wert legen – auf zusammenhängende Alben, mit einer Geschichte.”

Er fuhr fort: “So hat es Beyoncé gemacht und so macht es Adele. Und ich glaube, was wir uns wünschen ist, dass die Leute sich [ganze] Alben anhören, ein zusammenhängendes Werk. Ich möchte, dass die Leute sich mit meinem Leben auseinandersetzen, nicht nur einer Facette davon.”



Die gängige Meinung ist, dass nur alternde Rocker an der Idee des Albums festhalten, die doch eigentlich eine Bürde ist. Aber oftmals ist das Gegenteil der Fall. Vor einigen Jahren sprach ich mit Stevie Nicks über Fleetwood Macs erste Tour seit Jahren und über die traditionelle Erwartung, dass es zu der Tour ein Album geben würde. Sie hatte sich von diesem Modell bereits verabschiedet: Die Band hatte zwei neue Songs aufgenommen, die sie digital veröffentlichen wollten und das war’s. Warum sollte man sich die Mühe machen, fand sie?

Der beste Bogenspanner

“Weißt Du, heutzutage sitzt doch niemand mehr zu Hause und wartet auf irgendein Album”, erklärte mir Nicks. “Und das ist traurig. Es ist nicht so, dass wir uns das so wünschen. Wenn wir das Gefühl gehabt hätten, dass es Sinn macht, für acht Monate ein Haus zu mieten und ein Album zu schreiben, dann hätten wir das gemacht. Wenn ich nochmal ein Soloalbum mache, dann werden da keine 14 Songs drauf sein. Wahrscheinlich werden acht Songs drauf sein, denn es sieht nicht so aus, dass die Welt im Moment 14 Songs will.”

“Es sieht sogar vielmehr danach aus, dass die Welt nur zwei oder drei Songs will. Und wir haben uns dem angepasst, was das Musikbusiness sich wünscht, nicht weil wir das so wollen. Wenn die Welt anders wäre, würden wir jetzt an einem Album arbeiten. Und wir wünschten, die Welt wäre so, das können Sie mir glauben. Ganz ehrlich. Es tut uns leid für die Menschen, die das nie erleben und verstehen und sich nie in dieser Welt verlieben werden.”

Stevie Nicks, selbsternannte Meisterin der Tracklist, hat das Konzept des Albums auf ihre Liveshows übertragen

Nicks fügt hinzu, dass sie die Hoffnung für das Ideal des “Longplayers” noch nicht aufgegeben habe. Sie habe dieses Konzept nun auf das Livekonzert übertragen. So erzählte sie stolz, dass sie mehr Wert darauf legt, den richtigen Spannungsbogen über den Abend zu spannen und dass sie auch besonders gut darin sei. “Ich mache die besten Tracklistem, auch wenn die anderen das nicht gerne zugeben”, sagte sie. Und fügte als Beleg hinzu: “Ich habe die Trackliste für Rumours festgelegt.”

Ein Anfang, eine Mitte und ein Ende

Ich verrate Euch ein Geheimnis: Wenn Ihr Euch mal mit einem richtig guten Künstler auf einer tiefgründigen und nerdigen Ebene unterhalten wollt, dann fragt sie, wie sie die Reihenfolge der Songs auf ihrem Album festgelegt haben. Da kommt selten ein brauchbarer O-Ton für die Allgemeinheit raus, aber Künstler verbringen oft viel zu viel Zeit (d.h. genau so viel Zeit wie nötig) damit, sich für einen perfekten Anfang, eine Mitte und ein Ende zu entscheiden.

Die Platzierung der Songs ist besonders spannend für alle, die gerne im Gehirn des Künstlers und seinen Mysterien auf Erkundungstour gehen wollen. Warum wählte er genau diesen Closing Track als finales Statement des Albums? War es Nachlässigkeit, zwei klangvolle Balladen direkt hintereinander zu platzieren oder vielmehr ein Geniestreich, um die Stimmung zu halten? Wenn der offensichtliche Hit mitten in der Tracklist versteckt ist – ist das Aufschneiderei? Der Versuch, eine Zäsur zu setzen? Oder lässt es darauf schließen, dass sie selbst gar nicht an den Erfolg des Songs glaubten?

Kontext ist wichtig

Aber es gibt jemanden, der immer noch meint, dass Alben wichtig sind. Und das heißt, dass Kontext wichtig ist. Über Sgt Pepper müssen wir gar nicht reden. Dieses Album hat wahrscheinlich eine der besten Tracklists mit der besten Reihenfolge aller Zeiten. Aber The White Album steht mit seinen vielen unterschiedlichen und verstreuten Themen eigentlich in dem Ruf, das genaue Gegenteil eines Konzeptalbums zu sein. Allerdings könnte man sagen, dass Revolution 9 und Goodnight noch stärker wirken, weil sich ihre extremen Gegensätze aus Avantgarde und Wiegenlied am Ende des Albums direkt gegenüberstehen.



Die Anfänge des Albums als künstlerisches Statement gehen auf den Wunsch zurück, eine bestimmte Stimmung oder ein Thema zu halten, und man kann diese Anfänge zurückverfolgen bis zu Frances Albert Sinatra. Die neue Reissue von Frank Sinatra Sings For Only the Lonely erinnert daran, was für ein innovativer Künstler der “Chairman” in seinen Mittfünfzigern war: Das LP-Format war gerade erst geboren, da widmete er schon ganze Platten dem Thema Herzschmerz, und zwar nicht nur auf seinem sehr orchesterlastigen Klassiker, sondern auch mit dem sparsam instrumentierten In The Wee Small Hours Of The Morning.

Natürlich hat Frank Sinatra das größte musikalische Vermächtnis der 50er Jahre (neben Elvis) nicht nur darauf aufgebaut, dass er die kreischenden Mädchen mit trauriger Musik ruhigstellen wollte. Es gab auch Konzeptalben mit optimistischerer Atmosphäre: Come Fly With Me (Songs über das Reisen), Songs For Young Lovers (Songs über, nun, junge Liebe eben), Come Dance With Me (Ihr versteht schon). Und später versuchte er sich mit Watertown und Trilogy an ausgedehnten, fast progrockartigen konzeptionellen Großprojekten. Wenn jemand ein Problem damit hat, Alben als das beste künstlerische Medium der Musik anzuerkennen, würde Franks Geist das bestimmt gerne in der Gasse hinter dem Sands Casino klären.

Das Konzept des Konzeptalbums

Aber Sinatra war nicht der erste Künstler, der Songs thematisch bündelte. Viele verweisen da auf Woody Guthries Dust Bowl Ballads. Und wenn ihr denkt, dass die LP 1940 ja noch gar nicht erfunden war, dann solltet Ihr wissen, dass diese Sammlung in zwei Sets aus je drei 78rpm-Platten erschien. Das Wort “Album” ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit 12”/33 1/3-Vinyl. Künstler, die wir als Folk oder Easy Listening kategorisieren würden, haben schon lange vor Tommy Konzeptalben geschrieben, auch wenn sie nicht für Ken Russell- oder Broadway-Adaptionen geeignet waren.

Aber aus irgendeinem Grund verbindet man die Idee des Albums oft mit Überheblichkeit und ich habe gemischte Gefühle in Bezug auf den Höhepunkt der Arroganz des Konzeptalbums, der Mitte der 70er erreicht war. Manche sind bestimmt der Meinung, dass Rick Wakeman mit seiner ein komplettes Album umfassenden Adaption von Jules Vernes Journey To The Centre Of The Earth  vor allem sich selbst gefiel, aber dann müsste man es auch vielen Fans mit Gewalt aus den toten, kalten Händen reißen.

Wenn man es mal anders betrachtet, dann ist The Whos Album Quadrophenia die Apotheose von Rockarroganz, die tatsächlich rockt. Aber vielleicht war das der Anfang vom Ende der Idee, dass Konzeptalben das Non plus ultra sind, besonders seit Pink Floyd 1981 ihr damaliges Best-Of A Collection Of Great Dance Songs nannten und sich damit selbst auf den Arm nahmen.

Das Album ist nicht tot

Sam Smith sagte, dass seinem Gefühl nach fast jedes gute Album ein Konzeptalbum ist, sogar wenn es sich dabei um eine Sammlung großartiger Dance Songs handelt. Ob sie jetzt eine Geschichte erzählen wollen oder nicht, Musiker haben immer das Bedürfnis nach einem roten Faden, der sich durch ihre Arbeit ziehen soll. Sie sind bessere Kuratoren für ihre eigene Musik als wir, auch wenn jetzt dank Streaming jeder der beste Geschmackstester ist. Es gibt immer noch genug von uns, die gerne eine ganze Mahlzeit einnehmen und nun ist es an den Swifts, Smiths und Beyoncés dieser Welt (und vielleicht ein paar ehrgeizigen Oldschool-Rockern) den langsamen und den hastigen Essern gerecht zu werden.


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Komplex, überraschend, mitreißend: „Octopus“ der Prog-Legenden Gentle Giant wird 50!

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Gentle Giant
Foto: Jorgen Angel/Getty Images

Am 1.12.1972 veröffentlichten Gentle Giant ihr Album „Octopus“ — ein grandioses Werk zwischen Komplexität, Überraschung und Eingängigkeit.

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr euch Octopus anhören:

Es gibt Alben, die schwere Geburten sind. Und es gibt Alben, bei denen von Anfang an alles rundzulaufen scheint — die Ideen, der Vibe, die Stimmung im Studio. Als Gentle Giant am 24. Juli 1972 ins Tonstudio gingen, um ihr viertes Album aufzunehmen, war zweiteres der Fall. „Ich erinnere mich, dass wir uns ziemlich sicher fühlten, als wir dieses Album aufnahmen”, erinnert sich  Gitarrist Gary Green in den Liner Notes der Neuauflage des Albums. „Wir hatten einen guten Haufen Melodien und unsere Studiotechnik (besonders die von Ray) wurde mit jeder Platte besser. Wir experimentierten weiter mit Instrumentenkombinationen, Sounds und Effekten und tauschten unsere Ideen mit dem Tontechniker Martin Rushent aus, der unsere verrückten Ideen voll und ganz unterstützte“.

Großes Selbstvertrauen, große Inspiration

Die Inspiration war so groß wie das Selbstvertrauen, die Band brauchte nicht lange, um dorthin zu kommen, wo sie hin wollte: Am 5. August 1972 waren die Aufnahmesessions schon wieder zu Ende. Herausgekommen ist in diesen wenigen, höchst kreativen Tagen dabei eines der komplexesten, vielschichtigsten und bemerkenswertesten Alben der Prog-Geschichte. Wohin die Reise auf Octopus gehen würde, macht bereits der Opener The Advent Of Purge klar. Extrem vielschichtig, vertrackt, überbordend vor Ideen und Richtungen. Octopus geht seinen eigensinnigen Weg zwischen Prog, Jazz und Klassik. Manchmal meint man auch, etwas Folk-Einflüsse durchzusehen. Es setzt auf Gesangsschichtungen, Kontrapunkte und überraschende  Wendungen, auf das Spiel mit Dissonanzen und Brüchen — nur um wenige Sekunden später wieder plötzlich völlig eingängig daherzukommen.

Literarische und philosophische Inspirationen

Natürlich musste das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Anspruch und einen roten Faden haben. So ließ man sich von literarischen und philosophischen Werken inspirieren — unter anderem von den französischen Schriftsteller François Rabelais und Albert Camus. Die Band selbst war zufrieden mit dem Ergebnis. „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht“, erklärte Gründungsmitglied und Multiinstrumentalist Ray Shulman einmal.

Zur Genese des Albums erzählt er: „Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“ Dass die Platte Octopus heißt, soll der Ehefrau von Shulmans Bruder und Bandkollegen Phil Shulman geschuldet sein. Die brachte Octopus als Anspielung auf die Zahl acht (die Anzahl der Tracks) und das Wort Opus ins Spiel.

Ein geniales gut gealtertes Werk

Oft ist es bei Alben, die zu jener Zeit als avantgardistisch gelten ja so, dass man Jahrzehnte später bemerkt, dass sie irgendwie schlechter gealtert sind oder anachronistisch klingen. Bei Octopus ist dies nicht der Fall — das kreative Wagnis von Garry Green, Kerry Minnear, Derek, Ray und Phil Shulman sowie John Weathers klingt heute sogar noch überraschend frisch. Octopus quillt nur so über voller musikalischer Abenteuerlust — und klingt bei aller Raffinesse und allem Intellekt nie verkopft. Im Gegenteil: Manchmal, wie in „Dog’s Life“ geht es textlich geradezu leichtfüßig zur Sache.

2015 hat sich Prog-Superstar Steven Wilson der Platte angenommen und den Mix überarbeitet — so erstrahlte Octopus in Wilsons Remix/Remaster noch besserer Soundqualität. Aber in welcher Version auch immer: Octopus ist ein mitreißendes Abenteuer, das im Plattenregal jedes Prog-Fans stehen sollte. Octopus zeigt auch den besonderen Status, den Gentle Giant in der Proggeschichte haben. Sie wurden keine Superstars wie andere ihrer Kollegen und Kolleginnen — leider! — aber gelten als wichtiger Einfluss für viele Bands, die danach kamen.

Eine großartige Platte und eine unbedingte Empfehlung!

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Popkultur

„Happy Xmas (War Is Over)“: Wie der Protestsong zu einem Weihnachtsklassiker wurde

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John Lennon und Yoko Ono

„And so this is Christmas“: Man könnte mit dem Zitieren des Textes hier aufhören und hätte seinem Gegenüber bereits einen Ohrwurm verpasst. Längst ist der Song aus der Feder von John Lennon und Yoko Ono ein Klassiker in Sachen Weihnachts- und Protestsong – normalerweise nicht unbedingt miteinander verwandte Genres.

von Markus Brandstetter

Dabei sah es zumindest bei der Erstveröffentlichung in den USA zunächst nicht danach aus, als hätte man es hier mit einem zukünftigen Klassiker zu tun. Denn als Happy Xmas (War Is Over) am 1. Dezember 1971 in den Vereinigten Staaten erschien, schaffte der Song zunächst nur mäßige Chartplatzierungen. Gut, der Platz drei bei den Billboard Christmas Singles Chart mal ausgenommen. Das hatte einerseits damit zu tun, dass man Weihnachtssongs, zumindest damals, für gewöhnlich mit etwas mehr zeitlichem Vorlauf veröffentlichen sollte, andererseits schien auch die PR-Abteilung nur wenig motiviert.

Erfolg in Großbritannien

In Lennons Heimat Großbritannien sah das schon besser aus. Allerdings dauerte es bis zum Release dort eine ganze Weile. Aufgrund von einem Streit um Publishing-Rechte mit Northern Songs erschien der Song dort erst am 24. November 1972. Happy Xmas (War Is Over)  schaffte es bis auf Platz vier der Single-Charts, die Platte musste bald nachgepresst werden. Zunächst erschien der Song nur als Single, auf einem Album landete er erst 1975 – auf der Compilation Shaved Fish.

Ewiger Klassiker

Aber was macht Happy Xmas (War Is Over) so bemerkenswert und erinnerungswürdig? Den Slogan ansich hatten Lennon und Ono nicht erfunden, der tauchte bereits in anderen Stücken auf – bei The Doors und John Ochs. Lennon und Ono waren zu dem Zeitpunkt bereits bekannte Aktivist*innen, hatten mit den Bed-Ins, bei denen sie im Bett vor Medienvertreter*innen für den Weltfrieden demonstrierten, bereits für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Lennon und Ono ließen in zwölf großen Städten Plakate mit den Worten „WAR IS OVER! If You Want It – Happy Christmas from John & Yoko“ errichten.

Bei dem Stück trifft eine eingängige, durchaus weihnachtstaugliche Melodie auf Sozialkritik. Diese kommt aber nicht von oben herab, sondern eher mit besorgt-freundlichem, sanft optimistischen Ton. Lennon wollte Kitsch vermeiden, aber die soziale Message in etwas Eingängiges packen. Es war Lennons und Onos Statement gegen den Vietnamkrieg, der noch bis 1975 wütete und viele Opfer fordern sollte. Man könnte sagen, der Song setzte dort an, wo Give Peace A Chance 1969 aufgehört hatte. „And so happy Christmas / For black and for white / For yellow and red ones / Let’s stop all the fights / A very merry Christmas / And a happy New Year / Let’s hope it’s a good one / Without any fears“ heißt es darin. Unterstützt werden Lennon und Ono gesanglich vom Harlem Community Choir, den Lennon für die Aufnahmen leitete.

Eigenleben

Happy Xmas (War Is Over), produziert von Phil Spector, nahm über die Jahre ein Eigenleben an. Es kam immer wieder in die Charts – die höchste Platzierung erfuhr es nach der Ermordung Lennons 1980 mit Platz zwei der britischen Single-Charts (Platz eins ging damals an Imagine). Er wurde tausende Male gecovert – von Celine Dion und Neil Diamond, von Carly Simon und REO Speedwagon, von Laura Pausini und Miley Cyrus, von Jimmy Buffett, John Legend und Jessica Simpson.

Längst gehört Happy Xmas (War Is Over) in den Kanon der Weihnachtsklassiker – und jener der Protestsongs. Man kann den Fokus beim Hören legen wie man möchte. Happy Xmas (War Is Over) funktioniert als nachdenklicher, altruistischer Weihnachtssong, als Statement gegen Krieg – und als ewig gültige und stets nötige Hoffnung, dass sich die Welt vielleicht doch ein Stück bessert.

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„Imagine“: Wie der kontroverse Song von John und Yoko zur Friedenshymne wurde

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.12.1944 erblickt The-Doors-Drummer John Densmore das Licht der Welt.

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Foto: Chris Walter/WireImage/GettyImages

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 01.12.1944.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Dezember 1944 wird John Densmore geboren, Drummer von The Doors. Der Kalifornier zeichnet sich nicht nur als Jazz-geschulter Rhythmiker und präziser Psychedelic-Percussionist aus, sondern später auch als idealistisches Gewissen der Band.

Hier könnt ihr euch die größten Hits der Doors anhören:

Der junge John trommelt schon zu High-School-Zeiten, in der Marschkapelle nämlich. Er besucht zunächst das Santa Monica City College, um später auf der California State University in Northridge dann doch bei einem Studium der ethnischen Musik unter der Ägide von Jazz-Cellist Fred Katz zu landen. Erste eigene musikalische Gehversuche unternimmt er Mitte der Sechziger zusammen mit Gitarrist Robby Krieger in einer Band namens The Psychedelic Rangers. 

Hereinspaziert ins Hippieleben

Wenig später musiziert er bereits mit Keyboarder Ray Manzarek, dessen zwei Brüdern und einem gewissen Jim Morrison in einer Combo namens Rick & The Ravens. Nach dem Ausstieg der unbekannteren Manzareks-Brüder rekrutiert Densmore schließlich seinen alten Gitarrenkumpel Krieger. Und so sind The Doors geboren, eine der einflussreichsten Psychedelic-Blues-Rock-Bands über die Hippie-Ära hinaus.

Ladies & gentlemen, The Doors! Ganz links: John Densmore.

Mit seinem reduziert-ökonomischen und stets taktvollem Spiel ist Densmore der perfekte Mann im Hintergrund, der dem vielgliedrigen Tasten- und Saitenspiel von Manzarek und Krieger sowie dem mit der Zeit immer eruptiver werdenden Frontmann Morrison die nötige Rückendeckung gibt. Dabei lässt sich nicht überhören, dass Densmores Drum-Verständnis eher an Jazzgrößen wie Elvin Jones aus der Band von John Coltrane geschult ist als an den Rhythmus-Rampensäuen des Rock.

Rhythmisches Rückgrat

Dass der Drummer darüber hinaus auch so etwas wie das moralische Rückgrat der Band darstellt, beweist er zunehmend nach dem Tod von Sänger Jim Morrison im Jahre 1971. Dessen bekannte ablehnende Haltung gegenüber kommerzieller Ausschlachtung und Weiterverwertung des Doors-schen Schaffens übernimmt Densmore stellvertretend: Als 2003 der Autohersteller Cadillac den verbliebenen Bandmitgliedern das stolze Sümmchen von 15 Millionen US-Dollar für die Werbenutzungsrechte ihres Hits Break On Through (To The Other Side) anbietet, macht Densmore von seinem Vetorecht Gebrauch. Das geschieht ganz in Anlehnung an Morrisons einstiges Aufbrausen, als die restlichen Doors es im Oktober 1968 tatsächlich in Erwägung gezogen hatten, vom Automobilkonzern Buick für die potentielle Verfremdung ihres Riesenhits Light My Fire für einen Werbejingle mit den unschönen Zeilen „Come on, Buick, light my fire“ 75.000 Dollar kassieren zu können.

Seiner antikommerziellen Attitüde entsprechend ist Densmore auch derjenige, der juristisch vorgeht, als Krieger und Manzarek zusammen mit The-Cult-Sänger Ian Astbury im Jahre 2002 beschließen, unter dem Bandnamen Doors Of The 21st Century zu touren. Das Gericht kommt mit Zeugenaussagen zugunsten Densmores von solch prominenten Musikerkollegen wie Bonnie Raitt, Randy Newman, Neil Young, Tom Petty, Eddie Vedder und Tom Waits der Klage des Drummers im Sommer 2005 schließlich nach und urteilt zu dessen Gunsten. In seinem 2013 veröffentlichtem Buch The Doors: Unhinged blickt der Schlagzeuger auf ebendiese juristischen Streitigkeiten zurück. 

Frühe Großtaten

Dagegen wird es in Sachen Solokarriere oder neuen Bands nach dem Ende der Doors eher still um Densmore. Nach seinem Bühnendebüt als Schauspieler in einem selbstverfassten Einakter 1984 schreibt er in den Achtzigern vermehrt Musik fürs Theater und tritt gelegentlich noch in Filmen wie Get Crazy oder der Teenie-TV-Serie Beverly Hills 90210 auf. Die Musikfilm-Doku Re:Generation von 2012 zeigt den Trommler indes, wie er noch einmal im Studio mit dem angesagten Dubstep-DJ und Musikproduzent Skrillex kollaboriert. 

Dass Densmore in der kurzen, aber höchst einflussreichen, nur vier Jahre währenden(!) Hauptwirkungszeit der Doors mit Morrison (die immerhin sechs originäre Studioalben abwirft) Musikgeschichte geschrieben hat, steht außer Frage. Anlass genug also für einen Trommelwirbel zu seinem Ehrentag – aber bitte mit Jazzbesen!

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

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