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Popkultur

Das Album ist nicht tot. Lang lebe der Longplayer!

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Fast täglich versichert uns irgendjemand, dass der Longplayer nur noch ein Relikt ist. Eine Kunstform, die sich hartnäckig weigert, ihren eigenen Verfall anzuerkennen, obwohl sie auf der Leiter der Evolution schon lange von der Single überholt wurde und seit Anfang des neuen Jahrtausends dem Tode geweiht ist. Wer in dieser popfixierten, fragmentierten Zeit würde denn ernsthaft behaupten, dass das Album nicht tot ist? Dass es sogar die ideale Ausdrucksform des 21. und nicht nur des 20. Jahrhunderts ist? Das wäre doch geradezu technikfeindlich, oder nicht?

von Chris Willam

Und doch – auch wenn sie immer wieder ihre kalten Messer in seinen Körper stecken – das Biest will einfach nicht sterben. Vielleicht sollten wir statt den Eagles lieber die Pointer Sisters zitieren: ‘we want a lover – and an artist – with a slow hand’. Hört auf Anita: Nicht alles, was das Leben schön macht, ist in vier Minuten vorbei.

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Ist das Album tot?

Für viele ist das Schicksal des Albums eng verknüpft mit dem des Rock’n’Roll. Wenn einer taumelt, so tut es der andere auch. Dieser Zusammenhang ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Wenn wir an die größten Alben denken, dann fällt den meisten Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles und Exile On Main St von den Rolling Stones ein; Alben die alle eine Art von rotem Faden hatten, und war er auch noch so lose geknüpft, der diese 10 bis 16 Tracks miteinander verband und damit einen fantastischen Snobbismus nach außen trug, der den meisten Fender-schwenkenden Herrschaften recht vertraut sein dürfte. Aber auf die können wir uns nicht komplett verlassen, wenn es darum geht, das Album über das Jahr 2020 hinaus gesund und munter zu erhalten. Erfunden hat das Album, so wie wir es heute kennen, ein nachdenklicher Popsänger namens Frank Sinatra, darum ist es nur angemessen, dass nachdenkliche Pop-Singer/Songwriter wie Taylor Swift es ins 21. Jahrhundert retten.

Vor ein paar Jahren, kurz nach der Veröffentlichung von 1989, fragte der Autor Taylor Swift, warum sie weiterhin so am Album festhielt, wenn viele ihrer Zeitgenossen das sicherlich als nicht zeitgemäß ansahen. “Das ist eine persönliche Entscheidung für jeden Künstler”, sagte sie mir. “Ich möchte lieber einen Roman schreiben als eine Reihe von Kurzgeschichten. An mich soll man sich lieber als eine Künstlerin erinnern, die Sammlungen von Songs veröffentlicht hat, die zusammen gehören und zusammen atmen. Das sind Kapitel meines Lebens, die immer zwei Jahre umfassen. Und ich versuche wirklich mein Bestes, damit diese Kapitel gut genug sind, um auch auf die Zweijahresabschnitte im Leben anderer Menschen übertragbar zu sein. Meine Kindheit wurde durch Alben geprägt, und auch mein Leben. Und ich hoffe wirklich, dass sie auch in Zukunft diese Wirkung auf die Menschen haben werden.”



Sam Smith äußerte sich ähnlich, als er gerade zwischen seinem Debüt und dem zweiten Album stand. Er erklärte dem Autor, dass er versuchte, Alben zu schreiben, die einen Bogen spannen und ihm trotzdem die Möglichkeit geben, tiefer in Songs einzutauchen, die einfach nur für sich sprechen sollten.

“Ein zusammenhängende Werk”

“Als ich mein [Debüt-]Album schrieb, hatte ich Angst: Vielleicht wollen sie nur Hits? Ich schickte ihnen Songs, die definitiv keine Hits waren, aber textlich einige meiner persönlichsten Songs – und letztendlich waren das die Lieblingssongs [der Labelchefs]. Sie wollten auch ein richtiges Album machen und dafür habe ich mich wirklich glücklich geschätzt, denn es gibt nicht mehr viele, die darauf Wert legen – auf zusammenhängende Alben, mit einer Geschichte.”

Er fuhr fort: “So hat es Beyoncé gemacht und so macht es Adele. Und ich glaube, was wir uns wünschen ist, dass die Leute sich [ganze] Alben anhören, ein zusammenhängendes Werk. Ich möchte, dass die Leute sich mit meinem Leben auseinandersetzen, nicht nur einer Facette davon.”



Die gängige Meinung ist, dass nur alternde Rocker an der Idee des Albums festhalten, die doch eigentlich eine Bürde ist. Aber oftmals ist das Gegenteil der Fall. Vor einigen Jahren sprach ich mit Stevie Nicks über Fleetwood Macs erste Tour seit Jahren und über die traditionelle Erwartung, dass es zu der Tour ein Album geben würde. Sie hatte sich von diesem Modell bereits verabschiedet: Die Band hatte zwei neue Songs aufgenommen, die sie digital veröffentlichen wollten und das war’s. Warum sollte man sich die Mühe machen, fand sie?

Der beste Bogenspanner

“Weißt Du, heutzutage sitzt doch niemand mehr zu Hause und wartet auf irgendein Album”, erklärte mir Nicks. “Und das ist traurig. Es ist nicht so, dass wir uns das so wünschen. Wenn wir das Gefühl gehabt hätten, dass es Sinn macht, für acht Monate ein Haus zu mieten und ein Album zu schreiben, dann hätten wir das gemacht. Wenn ich nochmal ein Soloalbum mache, dann werden da keine 14 Songs drauf sein. Wahrscheinlich werden acht Songs drauf sein, denn es sieht nicht so aus, dass die Welt im Moment 14 Songs will.”

“Es sieht sogar vielmehr danach aus, dass die Welt nur zwei oder drei Songs will. Und wir haben uns dem angepasst, was das Musikbusiness sich wünscht, nicht weil wir das so wollen. Wenn die Welt anders wäre, würden wir jetzt an einem Album arbeiten. Und wir wünschten, die Welt wäre so, das können Sie mir glauben. Ganz ehrlich. Es tut uns leid für die Menschen, die das nie erleben und verstehen und sich nie in dieser Welt verlieben werden.”

Stevie Nicks, selbsternannte Meisterin der Tracklist, hat das Konzept des Albums auf ihre Liveshows übertragen

Nicks fügt hinzu, dass sie die Hoffnung für das Ideal des “Longplayers” noch nicht aufgegeben habe. Sie habe dieses Konzept nun auf das Livekonzert übertragen. So erzählte sie stolz, dass sie mehr Wert darauf legt, den richtigen Spannungsbogen über den Abend zu spannen und dass sie auch besonders gut darin sei. “Ich mache die besten Tracklistem, auch wenn die anderen das nicht gerne zugeben”, sagte sie. Und fügte als Beleg hinzu: “Ich habe die Trackliste für Rumours festgelegt.”

Ein Anfang, eine Mitte und ein Ende

Ich verrate Euch ein Geheimnis: Wenn Ihr Euch mal mit einem richtig guten Künstler auf einer tiefgründigen und nerdigen Ebene unterhalten wollt, dann fragt sie, wie sie die Reihenfolge der Songs auf ihrem Album festgelegt haben. Da kommt selten ein brauchbarer O-Ton für die Allgemeinheit raus, aber Künstler verbringen oft viel zu viel Zeit (d.h. genau so viel Zeit wie nötig) damit, sich für einen perfekten Anfang, eine Mitte und ein Ende zu entscheiden.

Die Platzierung der Songs ist besonders spannend für alle, die gerne im Gehirn des Künstlers und seinen Mysterien auf Erkundungstour gehen wollen. Warum wählte er genau diesen Closing Track als finales Statement des Albums? War es Nachlässigkeit, zwei klangvolle Balladen direkt hintereinander zu platzieren oder vielmehr ein Geniestreich, um die Stimmung zu halten? Wenn der offensichtliche Hit mitten in der Tracklist versteckt ist – ist das Aufschneiderei? Der Versuch, eine Zäsur zu setzen? Oder lässt es darauf schließen, dass sie selbst gar nicht an den Erfolg des Songs glaubten?

Kontext ist wichtig

Aber es gibt jemanden, der immer noch meint, dass Alben wichtig sind. Und das heißt, dass Kontext wichtig ist. Über Sgt Pepper müssen wir gar nicht reden. Dieses Album hat wahrscheinlich eine der besten Tracklists mit der besten Reihenfolge aller Zeiten. Aber The White Album steht mit seinen vielen unterschiedlichen und verstreuten Themen eigentlich in dem Ruf, das genaue Gegenteil eines Konzeptalbums zu sein. Allerdings könnte man sagen, dass Revolution 9 und Goodnight noch stärker wirken, weil sich ihre extremen Gegensätze aus Avantgarde und Wiegenlied am Ende des Albums direkt gegenüberstehen.



Die Anfänge des Albums als künstlerisches Statement gehen auf den Wunsch zurück, eine bestimmte Stimmung oder ein Thema zu halten, und man kann diese Anfänge zurückverfolgen bis zu Frances Albert Sinatra. Die neue Reissue von Frank Sinatra Sings For Only the Lonely erinnert daran, was für ein innovativer Künstler der “Chairman” in seinen Mittfünfzigern war: Das LP-Format war gerade erst geboren, da widmete er schon ganze Platten dem Thema Herzschmerz, und zwar nicht nur auf seinem sehr orchesterlastigen Klassiker, sondern auch mit dem sparsam instrumentierten In The Wee Small Hours Of The Morning.

Natürlich hat Frank Sinatra das größte musikalische Vermächtnis der 50er Jahre (neben Elvis) nicht nur darauf aufgebaut, dass er die kreischenden Mädchen mit trauriger Musik ruhigstellen wollte. Es gab auch Konzeptalben mit optimistischerer Atmosphäre: Come Fly With Me (Songs über das Reisen), Songs For Young Lovers (Songs über, nun, junge Liebe eben), Come Dance With Me (Ihr versteht schon). Und später versuchte er sich mit Watertown und Trilogy an ausgedehnten, fast progrockartigen konzeptionellen Großprojekten. Wenn jemand ein Problem damit hat, Alben als das beste künstlerische Medium der Musik anzuerkennen, würde Franks Geist das bestimmt gerne in der Gasse hinter dem Sands Casino klären.

Das Konzept des Konzeptalbums

Aber Sinatra war nicht der erste Künstler, der Songs thematisch bündelte. Viele verweisen da auf Woody Guthries Dust Bowl Ballads. Und wenn ihr denkt, dass die LP 1940 ja noch gar nicht erfunden war, dann solltet Ihr wissen, dass diese Sammlung in zwei Sets aus je drei 78rpm-Platten erschien. Das Wort “Album” ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit 12”/33 1/3-Vinyl. Künstler, die wir als Folk oder Easy Listening kategorisieren würden, haben schon lange vor Tommy Konzeptalben geschrieben, auch wenn sie nicht für Ken Russell- oder Broadway-Adaptionen geeignet waren.

Aber aus irgendeinem Grund verbindet man die Idee des Albums oft mit Überheblichkeit und ich habe gemischte Gefühle in Bezug auf den Höhepunkt der Arroganz des Konzeptalbums, der Mitte der 70er erreicht war. Manche sind bestimmt der Meinung, dass Rick Wakeman mit seiner ein komplettes Album umfassenden Adaption von Jules Vernes Journey To The Centre Of The Earth  vor allem sich selbst gefiel, aber dann müsste man es auch vielen Fans mit Gewalt aus den toten, kalten Händen reißen.

Wenn man es mal anders betrachtet, dann ist The Whos Album Quadrophenia die Apotheose von Rockarroganz, die tatsächlich rockt. Aber vielleicht war das der Anfang vom Ende der Idee, dass Konzeptalben das Non plus ultra sind, besonders seit Pink Floyd 1981 ihr damaliges Best-Of A Collection Of Great Dance Songs nannten und sich damit selbst auf den Arm nahmen.

Das Album ist nicht tot

Sam Smith sagte, dass seinem Gefühl nach fast jedes gute Album ein Konzeptalbum ist, sogar wenn es sich dabei um eine Sammlung großartiger Dance Songs handelt. Ob sie jetzt eine Geschichte erzählen wollen oder nicht, Musiker haben immer das Bedürfnis nach einem roten Faden, der sich durch ihre Arbeit ziehen soll. Sie sind bessere Kuratoren für ihre eigene Musik als wir, auch wenn jetzt dank Streaming jeder der beste Geschmackstester ist. Es gibt immer noch genug von uns, die gerne eine ganze Mahlzeit einnehmen und nun ist es an den Swifts, Smiths und Beyoncés dieser Welt (und vielleicht ein paar ehrgeizigen Oldschool-Rockern) den langsamen und den hastigen Essern gerecht zu werden.


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Popkultur

„I Am The Greatest“: Wie Muhammad Ali den Rap miterfand

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Foto: Len Trievnor /Getty Images

Vor wenigen Tagen hätte Muhammad Ali seinen 80. Geburtstag gefeiert. 1963, noch als Cassius Clay, veröffentlicht er das Spoken-Word-Album I Am The Greatest und nimmt darauf viel von dem vorweg, was in den Siebzigern in New York als Rap entstehen sollte.

von Björn Springorum

Im August 1963 ist Cassius Clay noch weit von der Boxlegende entfernt, die er auf ewig bleiben wird. Dennoch hat er sich einen Namen als junger Boxer mit einer Menge Talent gemacht: Zwischen seinem professionellen Debüt im Oktober 1960 und August 1963 kann er in 19 Kämpfen 19 Siege einfahren – 15 davon durch Knockout.

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Als beliebt kann man Clay damals nicht unbedingt bezeichnen. In all seinen Kämpfen macht er sich über seine Gegner lustig, bezeichnet den ehrwürdigen Madison Square Garden als „zu klein für mich“ und etabliert den Trash-Talk im Sport, der später vor allem im Wrestling zum Nonplusultra gehören wird. Die ganze Zeit über ist ihm klar: Wer eine große Klappe hat, muss auch liefern.

Das hat er vor. Im Februar 1964 steht die Weltmeisterschaft im Schwergewicht an, Cassius Clay wird gegen Sonny Liston antreten. Liston, gute zehn Jahre älter als Clay, ist ein gefürchteter Boxer mit krimineller Vergangenheit und engen Beziehungen zur Mafia. Und Clay? Hat im August 1963 keine bessere Idee als seinen Trash-Talk in Albumform zu veröffentlichen.

Rap-Pionier mit großer Klappe

I Am The Greatest ist im Grunde ein absurdes Album. Aufgenommen live vor einem 200 Kopf starken Publikum bei Columbia Records in New York, glorifiziert sich Cassius Clay nach allen Regeln der Kunst, teilt gegen seine bisherigen Gegner aus und provoziert seinen Gegner Sonny Liston. All das, so darf man durchaus bewundernd sagen, geschieht so eloquent, timingsicher und pointiert als wäre Clay kein 21-jähriger Box-Hitzkopf sondern ein versierter Stand-Up-Comedian.

Aufgeteilt in acht Runden, liefert Clay mit I Am The Greatest allerdings nicht nur eine unterhaltsame Spoken-Word-Abrechnung. Sondern einen frühen Vorläufer von Hip-Hop oder Battle-Rap. Clays Flow ist weniger Rezitation als Rap, funky Sprechgesang in einer sehr frühen Form, durchzogen von Themen, die bis heute allgegenwärtig im Hip-Hop sind: Die eigene Größe, Konkurrenz, das Dissen von allen und jedem, Selbstüberschätzung und gesellschaftlicher Kommentar.

Überlebensgroß

Wenige Hip-Hop-Größen sind frei von Clays Einfluss. Denn selbst wenn sie für seine legendärsten Kämpfe zu jung waren, kommt in den Siebzigern niemand an Clay/Ali vorbei: Wiederholungen seiner Kämpfe, Rollen in Comics, Dokumentationen – der Einfluss des Boxers ist überlebensgroß. „Ohne Muhammad Ali gäbe es kein Mama Said Knock You Out“, so sagte LL Cool J mal über sein viertes Album bei Def Jam. Man schaue sich zudem nur mal den Titel von Runde fünf des Albums an, Will The Real Sonny Liston Please Fall Down. Ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man hier eine Inspiration für Eminems Will The Real Slim Shady Please Stand Up erkennen möchte.

Nach Clays Sieg gegen Liston veröffentlicht Columbia die Single mit den Tracks I Am The Greatest und Will The Real Sonny Liston Please Fall Down. In der allgemeinen Box-Euphorie des Jahres wird die Single zum Dauerbrenner und Gesprächsthema. Man bringt ihn sogar dazu, ein solides Cover von Ben E. Kings Song Stand By Me aufzunehmen, um seine Popularität noch weiter auszuschlachten.

Zusammenarbeit mit Frank Sinatra

Klar, danach ging es mit seinem Ruf für weite Teile der USA den Bach runter, als er sich seinem Einzug nach Vietnam widersetzt und unter seinem neuen Namen Muhammad Ali zum Islam konvertiert; 1976 gibt es dennoch ein Comeback von ihm in Albumform. Unter dem bizarren Namen The Adventures Of Ali And His Gang Vs. Mr. Tooth Decay veröffentlicht Muhammad Ali ein mindestens ebenso bizarres Album über Mundhygiene, mit dem Kinder zu mehr Zahnpflege gebracht werden sollen.

Und das ist noch nicht alles: Neben vielen weiteren Persönlichkeiten aus der Welt des Sports und des Entertainment taucht auch Frank Sinatra als Sprecher eines Ladenbesitzers auf dem Album auf. Was zur Hölle da passiert war? Wissen wir auch nicht, aber das Album bekommt 1977 doch tatsächlich eine Grammy-Nominierung… das kann sonst auch kein Boxer von sich behaupten.

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Haben Led Zeppelin jemals in Wheaton gespielt?

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Titelfoto: Chris Walter/WireImage/Getty Images

„"Der Legende nach sollen Led Zeppelin am 20. Januar 1969 ein Konzert in Wheaton (Maryland) gegeben haben. Gerade einmal 55 Menschen könnten bestätigen, dass die Show wirklich stattgefunden hat, denn so klein soll das Publikum an jenem Abend gewesen sein. Ein paar Dinge bleiben allerdings bis heute mysteriös …

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch das Debüt von Led Zeppelin anhören:

Als Led Zeppelin Ende Dezember 1968 in die Vereinigten Staaten reisen, um ihre erste Tour auf amerikanischem Boden zu absolvieren, stehen den Briten große Dinge bevor. So tritt die Band im Rahmen ihrer ersten US-Tour nicht nur mehrfach im legendären Whisky A Go Go in Los Angeles auf sowie im fast genauso legendären Fillmore West in San Francisco. Nein, Led Zeppelin veröffentlichen am 12. Januar 1969 auch ihr Debütalbum in den US. Etwa eine Woche später ereignet sich in Maryland eine kuriose Geschichte. Das heißt … Ereignet sie sich wirklich?

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Eine Show ohne Beweise

Nach einem dreitägigen Aufenthalt in Detroit sollen Led Zeppelin am 20. Januar 1969 in einem Jugendzentrum in Wheaton spielen. Gerade einmal 55 Leute tauchen auf; das kleinste Publikum in der Karriere der Band. So lautet zumindest die Legende, denn physische Beweise für die Show gibt es nicht. Keine Eintrittskarten, keine Plakate, keine Fotos: Es ist, als hätte das Konzert nie stattgefunden. Die Musiker selbst sind nach weit mehr als 600 Konzerten wahrscheinlich froh, wenn sie sich an die Meilensteine erinnern. Gibt es denn gar keine Indizien? Doch, die gibt es.

„Ich kann mich absolut nicht daran erinnern.“

Ruft man die offizielle Website von Led Zeppelin auf, findet man dort eine „Concert Timeline“. In dem Archiv ist auch der Auftritt im „Wheaton Youth Center“ hinterlegt, allerdings mit dem Vermerk „unbestätigtes Gerücht“. Scrollt man auf der Website ein wenig herunter, findet man die Kommentarspalte. Ein Nutzer namens Gary schreibt dort: „Ich bin hinter dem Wheaton Youth Center aufgewachsen, habe dort als Teenager rumgehangen und Billard gespielt, aber ich kann mich absolut nicht daran erinnern, dass Led Zeppelin dort gespielt hätten. Ich habe auch noch nie gehört, dass dort irgendjemand über Led Zeppelin gesprochen hätte.“

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe eine vage Erinnerung an das Konzert.“

Damit scheint die Frage geklärt. Oder? Ein anderer Nutzer namens Len Jaffe glaubt, sich an das Konzert zu erinnern: „Ich habe damals als Angestellter bei Joe Goldberg’s Variety Records in der Nähe vom Wheaton Plaza gearbeitet. Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe eine vage Erinnerung an dieses Konzert. Ich bin eines Abends nach der Arbeit im Wheaton Youth Center gewesen, um The Small Faces mit … Rod Stewart zu sehen! Vielleicht war ich auch bei der Led-Zep-Show, aber ich würde nicht darauf schwören.“

Iggy Pop und Erdnussbutter

Eine weitere Spur führt zu Sharon Ward Ellis, die das Jugendzentrum früher leitete. Laut Washington Post könne sie sich zwar daran erinnern, dass sie Iggy Pop dazu aufgefordert habe, sich während seiner Show im Wheaton Youth Centre keine Erdnussbutter auf die Brust zu schmieren. An ein Konzert von Led Zeppelin könne sie sich aber nicht erinnern.

Ruth Lynn Youngwirth, eine regelmäßige Besucherin des Jugendzentrums in Wheaton, habe laut Washington Post ein Sammelalbum hervorgekramt, in dem sie einige Konzerte zwischen 1967 und 1972 dokumentiert habe. Der Led-Zeppelin-Auftritt käme darin nicht vor. „Wenn sie hier waren, erinnere ich mich nicht daran“, so Youngwirth.

„Die meisten Geschichten ergeben Sinn.“

Zuversichtlicher ist Jeff Krulik, der Macher des Films Led Zeppelin Played Here (2013), in dem er sich der Frage widmet, ob das Konzert nun stattgefunden hat oder nicht. Für die Dokumentation sammelte er viele Erinnerungen von Anwohnern sowie Fans, die denken, dass das Konzert stattgefunden hat, und kommt laut dem US-Radiosender WAMU zu dem Schluss: „Die meisten Geschichten ergeben Sinn“, kommentiert der Regisseur seine Recherche. Einige Zuschauer:innen hätten ihm erzählt, Led Zeppelin seien wegen der Akustik und des kleinen Publikums frustriert gewesen. Das höre sich für ihn glaubhaft an, denn am Abend vorher hätte die Band in Detroit gespielt und somit 600 Kilometer Fahrt hinter sich gehabt.

Auch in Zukunft ein Rock’n’Roll-Mythos

Ob Led Zeppelin am 20. Januar 1969 wirklich in Wheaton vor nur 55 Zuschauer*innen aufgetreten sind, wird sich wohl nicht mehr abschließend klären lassen, sofern mehr als 50 Jahre später nicht doch noch ein physischer Beweis für die Show auftaucht. Bis dahin werden wir uns damit abfinden müssen, dass die Lage unklar ist — und dass die Antwort auf die Frage, ob Led Zeppelin dort gespielt haben, vor allem davon abhängt, wen man fragt.

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Zeitsprung: Am 9.1.1944 kommt Jimmy Page von Led Zeppelin zur Welt.

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Zeitsprung: Ab 25.1.2000 erklärt uns Britney Spears die Halbleiterphysik. Quasi.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.1.2000.

von Christof Leim

Britney Spears taucht hier bei uDiscover ja eher selten auf. Richtig so, wie der abgeneigte Rocker sicher gerne bestätigt. Wir würden auch nie öffentlich zugeben, dass es von der Dame vielleicht sogar ein oder zwei ganz nette Liedchen gibt. Die hat übrigens oft ein schwedischer Hard Rocker namens Max Martin geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte. (Und das mit den „netten Liedchen“ muss unter uns bleiben.) Frau Spears jedenfalls taugt für die meisten Freunde der geschmackssicheren Klassiker höchstens als schlechtes Beispiel. Oder eben als Erklärhilfe für die Wunder der Halbleiterphysik. Bitte was?

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Hört hier die besten Songs von Britney Spears. Wenn ihr euch traut.

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Ja, richtig gelesen: Halbleiterphysik. Wie wir alle wissen, sind Halbleiter Festkörper, deren Leitfähigkeit zwischen der von elektrischen Leitern und Nichtleitern liegt. Damit kann man dann Computerchips und CD-Player bauen, vermutlich sogar einen Flux-Kompensator oder den Todesstern. Allerdings muss man dazu erstmal verstehen, wie sich diese lustigen kleinen Dinger gefügig machen lassen. Um das zu erklären, hat der Doktorand Carl Hepburn von der Universität Essex am 25. Januar 2000 eine spezielle Website registriert: Britney’s Guide To Semi-Conductor Physics.

Neben Bildchen und Songtexten der Sängerin findet sich hier eine Enthüllung: „Nicht viele Leute wissen, dass Britney Spears eine Expertin im Gebiet der Halbleiterphysik ist. Weil sie mehr tun will als nur zu singen und zu schauspielern, wird sie euch auf den nächsten Seiten durch die Grundlagen führen, die es möglich gemacht haben, ihre tolle Musik in digitalem Format zu hören.“

Die Physik der Halbleiter: Jetzt ist plötzlich alles klar! – Quelle: www.britneyspears.ac

Es folgen Erklärungen zu Quantentöpfen, Zustandsdichten und der Schrödinger-Gleichung. (Ja, das ist der mit der toten Katze. Oder doch nicht tot. Weiß man ja nicht.) All das wird garniert mit Fotos der Sängerin. Und manchmal kombiniert Hepburn die beiden Welten sogar für seine Erklärungen: Einmal folgt der Kragen von Britneys Oberteil einer Parabel, die das Leitungsband von Elektronen in einem Halbleiter beschreibt (fragt nicht), ein andermal beschreiben ihre Beine Energieniveau einer Quantenbarriere (ernsthaft, fragt nicht, zumindest nicht uns). Es gibt sogar ein “Lip-Glossar der Halbleiterphysik”. Insgesamt geht es wissenschaftlich richtig derbe zur Sache, wobei immerhin der schöne Satz fällt: “Diamonds might be a girl’s best friend, but their crystalline structure is closely related to the zincblende structure“. Wie poetisch… zumindest für Sheldon Cooper.

Irgendwas mit Energieniveaus – Quelle: www.britneyspears.ac

Kein Wunder also, dass die versteckten Qualitäten von Miss Spears durch die Nachrichten gehen. So greifen MTV und die BBC die Sache auf, das Fachmagazin Scientific American schreibt: „Hier findet einer der sonderbarsten Ansätze der letzten Zeit, Wissenschaft zu vermitteln, statt. Und es handelt sich ganz sicher um die einzige Website, die Promofotos und haarige Gleichungen verbindet, und zwar in einer einzigartigen Mischung aus Physik und ‚Physique‘“.

Carl Hepburn selbst schreibt auf der Seite seiner Universität: „Ich habe Britney Spears genutzt, um zu zeigen, dass Physik auch Spaß macht. Die meisten der benutzten Bilder von Britney haben irgendwie mit Physik zu tun.“

Ein Stellungnahme von Frau Prof. Spears liegt nicht vor.


Zeitsprung: Am 16.8.1958 kommt die „Queen Of Pop“ Madonna zur Welt.

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