Join us

Popkultur

Das Album ist nicht tot. Lang lebe der Longplayer!

Published on

Fast täglich versichert uns irgendjemand, dass der Longplayer nur noch ein Relikt ist. Eine Kunstform, die sich hartnäckig weigert, ihren eigenen Verfall anzuerkennen, obwohl sie auf der Leiter der Evolution schon lange von der Single überholt wurde und seit Anfang des neuen Jahrtausends dem Tode geweiht ist. Wer in dieser popfixierten, fragmentierten Zeit würde denn ernsthaft behaupten, dass das Album nicht tot ist? Dass es sogar die ideale Ausdrucksform des 21. und nicht nur des 20. Jahrhunderts ist? Das wäre doch geradezu technikfeindlich, oder nicht?

von Chris Willam

Und doch – auch wenn sie immer wieder ihre kalten Messer in seinen Körper stecken – das Biest will einfach nicht sterben. Vielleicht sollten wir statt den Eagles lieber die Pointer Sisters zitieren: ‘we want a lover – and an artist – with a slow hand’. Hört auf Anita: Nicht alles, was das Leben schön macht, ist in vier Minuten vorbei.

Ist das Album tot?

Für viele ist das Schicksal des Albums eng verknüpft mit dem des Rock’n’Roll. Wenn einer taumelt, so tut es der andere auch. Dieser Zusammenhang ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Wenn wir an die größten Alben denken, dann fällt den meisten Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band von den Beatles und Exile On Main St von den Rolling Stones ein; Alben die alle eine Art von rotem Faden hatten, und war er auch noch so lose geknüpft, der diese 10 bis 16 Tracks miteinander verband und damit einen fantastischen Snobbismus nach außen trug, der den meisten Fender-schwenkenden Herrschaften recht vertraut sein dürfte. Aber auf die können wir uns nicht komplett verlassen, wenn es darum geht, das Album über das Jahr 2020 hinaus gesund und munter zu erhalten. Erfunden hat das Album, so wie wir es heute kennen, ein nachdenklicher Popsänger namens Frank Sinatra, darum ist es nur angemessen, dass nachdenkliche Pop-Singer/Songwriter wie Taylor Swift es ins 21. Jahrhundert retten.

Vor ein paar Jahren, kurz nach der Veröffentlichung von 1989, fragte der Autor Taylor Swift, warum sie weiterhin so am Album festhielt, wenn viele ihrer Zeitgenossen das sicherlich als nicht zeitgemäß ansahen. “Das ist eine persönliche Entscheidung für jeden Künstler”, sagte sie mir. “Ich möchte lieber einen Roman schreiben als eine Reihe von Kurzgeschichten. An mich soll man sich lieber als eine Künstlerin erinnern, die Sammlungen von Songs veröffentlicht hat, die zusammen gehören und zusammen atmen. Das sind Kapitel meines Lebens, die immer zwei Jahre umfassen. Und ich versuche wirklich mein Bestes, damit diese Kapitel gut genug sind, um auch auf die Zweijahresabschnitte im Leben anderer Menschen übertragbar zu sein. Meine Kindheit wurde durch Alben geprägt, und auch mein Leben. Und ich hoffe wirklich, dass sie auch in Zukunft diese Wirkung auf die Menschen haben werden.”



Sam Smith äußerte sich ähnlich, als er gerade zwischen seinem Debüt und dem zweiten Album stand. Er erklärte dem Autor, dass er versuchte, Alben zu schreiben, die einen Bogen spannen und ihm trotzdem die Möglichkeit geben, tiefer in Songs einzutauchen, die einfach nur für sich sprechen sollten.

“Ein zusammenhängende Werk”

“Als ich mein [Debüt-]Album schrieb, hatte ich Angst: Vielleicht wollen sie nur Hits? Ich schickte ihnen Songs, die definitiv keine Hits waren, aber textlich einige meiner persönlichsten Songs – und letztendlich waren das die Lieblingssongs [der Labelchefs]. Sie wollten auch ein richtiges Album machen und dafür habe ich mich wirklich glücklich geschätzt, denn es gibt nicht mehr viele, die darauf Wert legen – auf zusammenhängende Alben, mit einer Geschichte.”

Er fuhr fort: “So hat es Beyoncé gemacht und so macht es Adele. Und ich glaube, was wir uns wünschen ist, dass die Leute sich [ganze] Alben anhören, ein zusammenhängendes Werk. Ich möchte, dass die Leute sich mit meinem Leben auseinandersetzen, nicht nur einer Facette davon.”



Die gängige Meinung ist, dass nur alternde Rocker an der Idee des Albums festhalten, die doch eigentlich eine Bürde ist. Aber oftmals ist das Gegenteil der Fall. Vor einigen Jahren sprach ich mit Stevie Nicks über Fleetwood Macs erste Tour seit Jahren und über die traditionelle Erwartung, dass es zu der Tour ein Album geben würde. Sie hatte sich von diesem Modell bereits verabschiedet: Die Band hatte zwei neue Songs aufgenommen, die sie digital veröffentlichen wollten und das war’s. Warum sollte man sich die Mühe machen, fand sie?

Der beste Bogenspanner

“Weißt Du, heutzutage sitzt doch niemand mehr zu Hause und wartet auf irgendein Album”, erklärte mir Nicks. “Und das ist traurig. Es ist nicht so, dass wir uns das so wünschen. Wenn wir das Gefühl gehabt hätten, dass es Sinn macht, für acht Monate ein Haus zu mieten und ein Album zu schreiben, dann hätten wir das gemacht. Wenn ich nochmal ein Soloalbum mache, dann werden da keine 14 Songs drauf sein. Wahrscheinlich werden acht Songs drauf sein, denn es sieht nicht so aus, dass die Welt im Moment 14 Songs will.”

“Es sieht sogar vielmehr danach aus, dass die Welt nur zwei oder drei Songs will. Und wir haben uns dem angepasst, was das Musikbusiness sich wünscht, nicht weil wir das so wollen. Wenn die Welt anders wäre, würden wir jetzt an einem Album arbeiten. Und wir wünschten, die Welt wäre so, das können Sie mir glauben. Ganz ehrlich. Es tut uns leid für die Menschen, die das nie erleben und verstehen und sich nie in dieser Welt verlieben werden.”

Stevie Nicks, selbsternannte Meisterin der Tracklist, hat das Konzept des Albums auf ihre Liveshows übertragen

Nicks fügt hinzu, dass sie die Hoffnung für das Ideal des “Longplayers” noch nicht aufgegeben habe. Sie habe dieses Konzept nun auf das Livekonzert übertragen. So erzählte sie stolz, dass sie mehr Wert darauf legt, den richtigen Spannungsbogen über den Abend zu spannen und dass sie auch besonders gut darin sei. “Ich mache die besten Tracklistem, auch wenn die anderen das nicht gerne zugeben”, sagte sie. Und fügte als Beleg hinzu: “Ich habe die Trackliste für Rumours festgelegt.”

Ein Anfang, eine Mitte und ein Ende

Ich verrate Euch ein Geheimnis: Wenn Ihr Euch mal mit einem richtig guten Künstler auf einer tiefgründigen und nerdigen Ebene unterhalten wollt, dann fragt sie, wie sie die Reihenfolge der Songs auf ihrem Album festgelegt haben. Da kommt selten ein brauchbarer O-Ton für die Allgemeinheit raus, aber Künstler verbringen oft viel zu viel Zeit (d.h. genau so viel Zeit wie nötig) damit, sich für einen perfekten Anfang, eine Mitte und ein Ende zu entscheiden.

Die Platzierung der Songs ist besonders spannend für alle, die gerne im Gehirn des Künstlers und seinen Mysterien auf Erkundungstour gehen wollen. Warum wählte er genau diesen Closing Track als finales Statement des Albums? War es Nachlässigkeit, zwei klangvolle Balladen direkt hintereinander zu platzieren oder vielmehr ein Geniestreich, um die Stimmung zu halten? Wenn der offensichtliche Hit mitten in der Tracklist versteckt ist – ist das Aufschneiderei? Der Versuch, eine Zäsur zu setzen? Oder lässt es darauf schließen, dass sie selbst gar nicht an den Erfolg des Songs glaubten?

Kontext ist wichtig

Aber es gibt jemanden, der immer noch meint, dass Alben wichtig sind. Und das heißt, dass Kontext wichtig ist. Über Sgt Pepper müssen wir gar nicht reden. Dieses Album hat wahrscheinlich eine der besten Tracklists mit der besten Reihenfolge aller Zeiten. Aber The White Album steht mit seinen vielen unterschiedlichen und verstreuten Themen eigentlich in dem Ruf, das genaue Gegenteil eines Konzeptalbums zu sein. Allerdings könnte man sagen, dass Revolution 9 und Goodnight noch stärker wirken, weil sich ihre extremen Gegensätze aus Avantgarde und Wiegenlied am Ende des Albums direkt gegenüberstehen.



Die Anfänge des Albums als künstlerisches Statement gehen auf den Wunsch zurück, eine bestimmte Stimmung oder ein Thema zu halten, und man kann diese Anfänge zurückverfolgen bis zu Frances Albert Sinatra. Die neue Reissue von Frank Sinatra Sings For Only the Lonely erinnert daran, was für ein innovativer Künstler der “Chairman” in seinen Mittfünfzigern war: Das LP-Format war gerade erst geboren, da widmete er schon ganze Platten dem Thema Herzschmerz, und zwar nicht nur auf seinem sehr orchesterlastigen Klassiker, sondern auch mit dem sparsam instrumentierten In The Wee Small Hours Of The Morning.

Natürlich hat Frank Sinatra das größte musikalische Vermächtnis der 50er Jahre (neben Elvis) nicht nur darauf aufgebaut, dass er die kreischenden Mädchen mit trauriger Musik ruhigstellen wollte. Es gab auch Konzeptalben mit optimistischerer Atmosphäre: Come Fly With Me (Songs über das Reisen), Songs For Young Lovers (Songs über, nun, junge Liebe eben), Come Dance With Me (Ihr versteht schon). Und später versuchte er sich mit Watertown und Trilogy an ausgedehnten, fast progrockartigen konzeptionellen Großprojekten. Wenn jemand ein Problem damit hat, Alben als das beste künstlerische Medium der Musik anzuerkennen, würde Franks Geist das bestimmt gerne in der Gasse hinter dem Sands Casino klären.

Das Konzept des Konzeptalbums

Aber Sinatra war nicht der erste Künstler, der Songs thematisch bündelte. Viele verweisen da auf Woody Guthries Dust Bowl Ballads. Und wenn ihr denkt, dass die LP 1940 ja noch gar nicht erfunden war, dann solltet Ihr wissen, dass diese Sammlung in zwei Sets aus je drei 78rpm-Platten erschien. Das Wort “Album” ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit 12”/33 1/3-Vinyl. Künstler, die wir als Folk oder Easy Listening kategorisieren würden, haben schon lange vor Tommy Konzeptalben geschrieben, auch wenn sie nicht für Ken Russell- oder Broadway-Adaptionen geeignet waren.

Aber aus irgendeinem Grund verbindet man die Idee des Albums oft mit Überheblichkeit und ich habe gemischte Gefühle in Bezug auf den Höhepunkt der Arroganz des Konzeptalbums, der Mitte der 70er erreicht war. Manche sind bestimmt der Meinung, dass Rick Wakeman mit seiner ein komplettes Album umfassenden Adaption von Jules Vernes Journey To The Centre Of The Earth  vor allem sich selbst gefiel, aber dann müsste man es auch vielen Fans mit Gewalt aus den toten, kalten Händen reißen.

Wenn man es mal anders betrachtet, dann ist The Whos Album Quadrophenia die Apotheose von Rockarroganz, die tatsächlich rockt. Aber vielleicht war das der Anfang vom Ende der Idee, dass Konzeptalben das Non plus ultra sind, besonders seit Pink Floyd 1981 ihr damaliges Best-Of A Collection Of Great Dance Songs nannten und sich damit selbst auf den Arm nahmen.

Das Album ist nicht tot

Sam Smith sagte, dass seinem Gefühl nach fast jedes gute Album ein Konzeptalbum ist, sogar wenn es sich dabei um eine Sammlung großartiger Dance Songs handelt. Ob sie jetzt eine Geschichte erzählen wollen oder nicht, Musiker haben immer das Bedürfnis nach einem roten Faden, der sich durch ihre Arbeit ziehen soll. Sie sind bessere Kuratoren für ihre eigene Musik als wir, auch wenn jetzt dank Streaming jeder der beste Geschmackstester ist. Es gibt immer noch genug von uns, die gerne eine ganze Mahlzeit einnehmen und nun ist es an den Swifts, Smiths und Beyoncés dieser Welt (und vielleicht ein paar ehrgeizigen Oldschool-Rockern) den langsamen und den hastigen Essern gerecht zu werden.


Das könnte euch auch gefallen:

“Frank”: Das mutige, bittersüße und unerschrockene Debütalbum von Amy Winehouse

Ist Rockmusik tot? Nicht wenn ihr richtig hinhört!

The Show Must Go On: Freddie Mercurys Lieblingsfilme

Latest Music News

Don't Miss