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Popkultur

Zeitsprung: Am 27.1.1970 entsteht John Lennons „Instant Karma!“ – an einem Tag.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.1.1970.

von Tobi Wienke und Christof Leim

Die Entstehung von Instant Karma! fällt selbst für einen grandiosen Songwriter wie John Lennon aus dem Rahmen: Das Lied wird an nur einem Tag geschrieben, aufgenommen und abgemischt – am 27. Januar 1970. Oder wie Lennon selbst sagte: “I wrote it for breakfast, recorded it for lunch and we’re putting it out for dinner.“  Das stimmt nicht ganz, denn 1970 muss ein Musikstück erst auf Vinyl gepresst werden. So erscheint die Single tatsächlich zehn Tage später. Aber ansonsten hat der Meister alles an einem Tag erledigt. Und damit endet die Geschichte nicht mal…

Hier könnt ihr euch die Lennon-Hit-Sammlung Gimme Some Truth anhören:

Anfang 1970 befindet sich Lennon in einer nicht ganz einfachen Lebensphase. Die Beatles als Band existieren zwar offiziell noch, die vier Protagonisten haben sich aber zusehends voneinander entfernt. Geschäftliche und private Differenzen lassen bereits erahnen, dass die Band kurz vor ihrem Ende steht. Ein letztes Album Let It Be soll im Mai erscheinen, die Aufnahmen sind bereits komplett fertig, zufrieden stellen sie aber keinen der Beteiligten.

 

Die Beatles zerstreuen sich

Zudem nehmen die einzelnen Soloprojekte der Beatles Fahrt auf. George Harrison hat bereits zwei Alben veröffentlicht, die von Paul McCartney und Ringo Starr entstehen gerade. Lennon ist zu dem Zeitpunkt der Produktivste: Mit der Plastic Ono Band veröffentlichte er bereits zwei Singles, darunter Give Peace A Chance; gemeinsam mit seiner Frau Yoko Ono sind bereits drei Alben erschienen. Instant Karma! sollte die erste Veröffentlichung werden, auf deren Hülle ausschließlich sein Name steht.

Lennon komponiert den Song am 27. Januar 1970 zu Hause an seinem Klavier und bucht anschließend die Abbey Road Studios für 19 Uhr am selben Abend. Seine Mitmusiker rekrutiert er aus Mitgliedern der Plastic Ono Supergroup. Am Schlagzeug für die spontane Session sitzt Alan White (später bei Yes), den Bass spielt der Hamburger Beatles-Kumpel Klaus Voormann, und als Gitarrist macht George Harrison mit.

Zufälliger Produzent

Harrison ist es auch, der Phil Spector als Produzenten vorschlägt. Berühmt wurde dieser mit seiner „Wall of Sound“ genannten Aufnahmetechnik, bei der durch eine hohe Klangdichte und viele Effekten eine besonders satte Gesamtwirkung entsteht. Dadurch wurden Be My Baby von den Ronettes und Unchained Melody von den Righteous Brothers bereits so erfolgreich, dass Spector sich zu dem Zeitpunkt im Alter von nur 30 Jahren bereits selbst in Rente geschickt hatte. Da er aber sowieso an diesem Tag mit Harrison in London unterwegs ist, sitzt er am Abend auch im Studio an den Reglern.  

Auf Spectors Frage, wie Lennon sich den Sound denn vorstelle, erklärt dieser schlicht: „Wie 1950, nur heute!“ Und der Produzent setzt es um. Nach zehn Takes ist der Song im Kasten, wird am gleichen Abend abgemischt, geht umgehend ins Presswerk – und wird zehn Tage später veröffentlicht. Auf der B-Seite findet sich Yokos Song Who Has Seen The Wind? Damit gilt Instant Karma! bis heute als eines der am schnellsten erschienenen Stücke der Popmusik, gemessen an der Zeit von Komposition bis Veröffentlichung. Ein Auftritt bei Top Of The Pops hilft bei der Promo, die Single wird zum Hit: Platz drei in den USA, Platz fünf in Großbritannien, in Deutschland landet die Nummer auf Platz elf – vorerst.

Die Neuerfindung des Karma

Bei dem in Lennons neuem Stück besungenen Karma handelt es sich um ein zentrales Element der indischen Religionen, die die Beatles spätestens seit ihrer Reise nach Indien im Februar 1968 beeinflussen. Nach diesem spirituellen Konzept hat jede Handlung eines Menschen, sei sie physisch oder geistig, eine Folge, die sich womöglich erst in einem späteren Leben manifestiert – quasi eine ausgleichende Gerechtigkeit, die sich aus der Summe aller Aktionen ergibt und im übertragenen Sinne auf ein „Karma-Konto“ eingezahlt wird. Dessen Stand entscheidet nach dem eigenen Tod schließlich darüber, ob und als was man wiedergeboren wird.

Lennon gefällt weiterführend die Idee eines „Instant Karma“, bei dem die Wirkung unmittelbar und direkt, zumindest noch im aktuellen Leben, eintritt. In einem Interview kurz vor seinem Tod vergleicht der Sänger sein „Instant Karma“ mit Instantkaffee und erklärt außerdem, dass er es als Fan von Werbung liebe, wenn altbekannte Dinge neu erfunden werden. Nur leider sollte er es in Bezug auf sein Ein-Tages-Lied nicht mehr erleben…

Reinkarnation durch Werbung, quasi

Ein weiteres Kapitel erhält die Geschichte von Instant Karma nämlich im Jahr 1992: Damals startet die Sportartikelfirma Nike eine neue Kampagne, für die Regisseur David Fincher einen epischen Werbespot dreht – der mit Lennons Song unterlegt wird. Damit macht sich Lennons Witwe Ono erneut bei vielen Fans äußerst unbeliebt. Man wirft ihr den Ausverkauf von Lennons Erbe vor – übrigens nicht zum ersten Mal, denn bereits in den Achtzigern verwendet Nike den Beatles-Klassiker Revolution für ein Werbefilmchen. Yoko lässt die Kritik jedoch an sich abperlen und kontert damit, dass schließlich die 800.000 Dollar für die Rechte an den United Negro College Fund fließen, eine Stiftung, die Stipendien an schwarze Studierende und an historisch afroamerikanische Hochschulen vergibt.

Außerdem erklärt Frau Ono, durch den Nike-Clip könne eine neue Generation das Lied entdecken – womit sie tatsächlich Recht hat. Denn Instant Karma! erlebt einen zweiten Frühling und wird von „nachgewachsenen“ Musikfans weltweit zum ersten Mal gehört, besonders hierzulande. 1992 schafft es Lennon mit Instant Karma! in Deutschland auf Platz sieben – und wird somit erfolgreicher als bei seiner ursprünglichen Veröffentlichung.

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