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Popkultur

Zeitsprung: Am 4.2.1980 veröffentlichen die Ramones „End Of The Century“

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.2.1980.

von Tom Küppers und Christof Leim

Heute gelten die Ramones als Punklegenden, doch zu ihrer aktiven Zeit laufen sie nachhaltigem Erfolg stets hinterher. Das sollte sich auf dem fünften Album End Of The Century mit Hilfe des exzentrischen Pop-Produzenten Phil Spector ändern. Es folgen sonderbare Erlebnisse im Studio.

Hier könnt ihr euch End Of The Century anhören:

Drei, vielleicht vier Akkorde, rasantes Tempo, Texte mit Slogans für die Ewigkeit – mit ihren ersten vier Alben erschaffen die Ramones ab 1976 eine mächtige Blaupause für ein ganzes Genre, das bis heute zum Grundschulwissen für angehende Punk-Rock-Freaks zählt. Doch wie so oft sind Plattenfirma und Management der Ansicht, dass da unterm Strich einfach mehr hängen bleiben muss. 1979 versucht das New Yorker Quartett seine Zielgruppe zu erweitern und spielt sich als musikalische Hauptrolle in dem köstlichen Roger-Corman-Film Rock’n’Roll High School  mehr oder weniger selbst. Immerhin ein Achtungserfolg. 

Für ihr fünftes Album verzichtet die Band dann erstmals in ihrer Karriere auf die Dienste ihres Mentors Tommy Ramone. Auch wenn er den Platz hinter dem Schlagzeug schon für seinen Nachfolger Marky Ramone geräumt hat, gehört er als Produzent und Berater bislang zum engsten Kreis. Für End Of The Century wird dann Phil Spector engagiert, der mit seinen Aufnahmen von John Lennon (Instant Karma!), den Ronettes oder Ike & Tina Turner den sogenannten „Wall Of Sound“ erfindet und populär macht – Songs, die auch die vier Punkrocker aus ihrer Jugend kennen und lieben. Insbesondere Sänger Joey Ramone begeistert sich anfangs besonders für  anstehende Kollaboration. Spector setzt auf üppige Arrangements mit Streichern und Bläsern, von unterschiedlichen Instrumenten eingespielte Melodien und präzise Mehrspur-Aufnahmen. 

Perfektionismus & Punkrock

Das allerdings steht im völligen Gegensatz zum bisherigen Schaffen der Ramones, und zwar nicht nur musikalisch, wie folgende Zahlen belegen: Für Ihr Debüt hat die Band 6.400 Dollar ausgegeben, für End Of The Century verbläst Spector mal eben 200.000 Dollar. Der Grund dafür liegt – aus Sicht der Musiker – auf der Hand: „Mit Phil zu arbeiten, war sehr schwierig, weil er so ein Perfektionist ist“, erklärt Gitarrist Johnny Ramone rückblickend. „Er verbringt viel Zeit damit, Dinge zu wiederholen und sie sich immer wieder anzuhören, und das ist sehr zeitaufwendig. Rock’n’Roll sollte etwas spontaner und flotter sein.“

Für eine Neueinspielung von Rock’n’Roll High School lässt Spector Johnny dann regelrecht strammstehen: Der Gitarrist muss, so heißt es, zwölf Stunden lang ein und den selben Eröffnungsakkord immer und immer wieder spielen. „Das klang am Ende okay, aber ich weiss nicht, ob das jetzt die zwölf Stunden wert war“, kommentiert Johnny später trocken. Seymour Stein, Besitzer der Ramones-Plattenfirma Sire, meint in der 2003 veröffentlichten Dokumentation End of the Century: The Story of the Ramones sogar: „Für Johnny muss das wie chinesische Wasser-Folter gewesen sein.“

Fremdbeiträge

Spector ist es gewohnt, mit absoluten Vollprofis wie Tommy Tedesco von der legendären Wrecking Crew  zu arbeiten, und auch auf End Of The Century finden sich in den Credits weitere Musiker, die nicht auf den Nachnamen Ramone hören. In seiner Autobiografie erinnert sich Bassist Dee Dee daran: „Bis heute habe ich keine Ahnung, wie die Platte entstanden ist oder wer darauf Bass spielt.“ Es lässt sich nicht ganz ausschließen, das der 2002 verstorbene Bassist hier an Erinnerungslücken leidet, denn andere Beteiligte erinnern sich daran, dass lediglich auf Baby, I Love You Gastmusiker neben Joey zu hören seien. 

Eine andere von Dee Dees Geschichten bekommt dann mit der Zeit eine tragische Note: Irgendwann habe Spector schreiend, wild gestikulierend und mit einer Waffe in der Hand vor den vieren gestanden. „Er hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt und uns dann ins Klavierzimmer geführt. Dort hat er sich dann an sein schwarzes Piano gesetzt und uns gezwungen, ihm bis habe fünf Uhr morgens zuzuhören, wie er Baby, I Love You singt und spielt.“ Klingt nahezu unglaublich, doch als Spector über zwei Jahrzehnte später wegen Mordes an der Schauspielerin Lana Clarkson  verhaftet und verurteilt wird, scheint diese Episode doch nicht ganz so aus der Luft gegriffen. 

Immerhin: Vergleichsweise erfolgreich

Zurück zur Musik: Unterm Strich kann man End Of The Century durchaus als das erfolgreichste Album der Ramones bezeichnen. Platz 44 in den US-Billboard-Charts geht als bandinterner Rekord in die Geschichte ein, auch in anderen Ländern können die Punkrocker mit Album Nummer fünf in den Hitparaden landen. Kurt Loder schreibt anlässlich der Veröffentlichung am 4. Februar 1980 seinerzeit im Rolling Stone, dass End Of The Century vielleicht nicht das beste Werk der Band sei, aber dasjenige, dass vielleicht die meisten Gehör finden könnte. Und noch viel wichtiger: „Weil es ein Album der Ramones ist, ist es schon per Definition großartig.“ Dem wollen wir nicht widersprechen. 

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