------------

Popkultur

„The Dirt“: Was taugt der Mötley Crüe-Film?

Published on

"Am 22. März 2019 startet The Dirt auf Netflix. Der Film erzählt die unglaubliche Geschichte von Mötley Crüe, was bedeutet: Sex, Drogen und Rock’n’Roll, außerdem Spaß, Spannung und ein Quäntchen Selbstironie. Wie Bohemian Rhapsody mit mehr Koks und nackten Tatsachen, könnte man sagen. Wir konnten den Streifen vorab sehen, und jetzt endlich dürfen wir darüber sprechen. Hier kommt unsere Filmkritik.

von Christof Leim

Hört hier in den Soundtrack von The Dirt rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Als Mötley Crüe 2001 ihre Autobiografie The Dirt rausbringen und es damit sogar auf die Bestseller-Liste der New York Times schaffen, haben sie nicht nur Millionen an Platten verkauft. Nikki Sixx, Tommy Lee, Mick Mars und Vince Neil haben eine Dekade mitdefiniert. Die vier Musiker zählen zu den Vätern des Hard Rock der Achtziger samt all seiner Exzesse, Riesenrefrains und Giganto-Shows. Wo Mötley Crüe drauf steht, war immer Rock’n’Roll-Spaß drin, aber auch ordentlich Drama und Zerstörung: Wenn nur die Hälfte der Geschichten im Buch stimmt, dann kann man nachträglich vor lauter Überdosen, Hollywood-Ehen, Porno-Tapes und allgemeiner Dysfunktionalität schon ein bisschen Schnappatmung bekommen. Und ganz falsch wird das alles nicht sein…

Professionelle Krawallmacher: die echten Mötley Crüe 1982 – Pic: Mark Weiss

Der Film

Den ganzen Wahnsinn können wir jetzt als Film bestaunen: The Dirt heißt das Biopic, das ab 22. März 2019 auf Netflix zu sehen ist – und zwar genau hier. Der Streifen erzählt die Geschichte der Band vom ersten Treffen zwischen Nikki Sixx und Tommy Lee 1981 bis zur Wiedervereinigung des originalen Line-ups 1997 (nach zwischenzeitlichem kurzen Wechsel an der Sängerposition). Die Story läuft schnell und laut voran, der gesamte „Tonfall“ ist wild und locker, oft lustig, manchmal melodramatisch – und fast immer ordentlich plakativ und großzügig überzeichnet: “Spinal Bohemian Tapsody”, wenn man so will. Filmisch und handwerklich wirkt das einfacher als die offensichtlichen Referenzwerke, verleiht The Dirt aber durchaus comichaften Schwung. Szenehistorische Referenzen und die passende Musik finden sich dabei eine Menge; das Ding handelt nicht nur von Rock’n’Roll, es klingt auch so. Natürlich mussten die Drehbuchschreiber die Handlung straffen und können nicht jede Station der Bandgeschichte im Detail runterbeten. Es gilt wohl die alte Weisheit: Die beste Vorlage für einen Film ist eine Kurzgeschichte, es sei denn, man hat sechs Stunden Zeit.



Musikfreaks wie wir mögen sich daran stören, dass die Chronologie oder ein paar biografische Fakten nicht immer hundertprozentig stimmen und mitunter der Dramaturgie angepasst wurden. Aber schon beim Queen-Biopic Bohemian Rhapsody merkte man: Wer zu nerdig rangeht und einen gefilmten Wikipedia-Artikel erwartet, nimmt dem Regisseur die Möglichkeit, die Geschichte spannend zu erzählen, und sich selbst den Spaß am Film. Solange solche Straffungen und Simplifizierungen der Gesamtwirkung dienen, lassen sie sich verkraften, und The Dirt nimmt sich nicht zu viele Freiheiten heraus. Mit den unvermeidbaren Notwendigkeiten des Drehbuchschreibens gehen die Macher  in einer Szene angenehm ironisch um: 1983 heuerten Mötley Crüe die Manager Doc McGhee und Doug Thaler an. Letzterer beziehungsweise sein Alter Ego wird aber nur kurz gezeigt und löst sich in der gleichen Einstellung förmlich in Luft auf. (Vielleicht, weil der der echte Thaler nicht Teil des Films sein wollte.) Daraufhin blickt „Mick Mars“ in die Kamera und sagt: „Die Geschichte ohne ihn ist genauso gut.“ Fertig.

„Nikki“, „Vince“, „Mick“ & „Tommy“: die Crüe der Leinwand – Pic: Netflix

Wenn also ein Shirt aus der Dr. Feelgood-Ära im Kontext einer viel früheren Platte auftaucht oder von einer Band (Skid Row) die Rede ist, die es zu dem Zeitpunkt der Handlung (1984) noch gar nicht gegeben hat, dann lässt sich darüber gut hinwegsehen. Aber immerhin gibts für uns damit Nerd-Punkte beim nächsten Rock’n’Roll-Stammtisch.

Die Schauspieler

Grundsätzlich allerdings geht The Dirt sehr originalgetreu vor, sogar Frisuren, Klamotten und Tattoos der Protagonisten entsprechen den Bildern und Videos, die Fans aus den jeweiligen Phasen kennen. Zudem fangen die vier Hauptdarsteller die grundsätzlichen Charaktere unserer Helden ein: Douglas Booth (Worried About The Boy) gibt souverän den charismatischen, halbkaputten Nikki Sixx, Iwan Rheon (Games Of Thrones) macht uns den grummelnden Mick Mars, während Machine Gun Kelly (Roadies) „seinem“ Tommy die nötige jugendlich-naive Energie verleiht. Auch Daniel Webber (The Punisher) fängt den gockelnden Frontmann und seine spätere emotionale Zerrissenheit gut ein. Dass die vier Schauspieler natürlich nicht komplett aussehen wie die echten Rocker, hat man nach einer Minute vergessen.

So sahen coole Videoclips 1983 eben aus – Pic: Netflix

Und so erleben wir, wie Tommy, Nikki, Mick und Vince in einem „Holy shit!“-Moment zusammenfinden, im „Hell House“ in Hollywood mehr wüten als wohnen und die ersten Konzerte spielen – mit großer Show, so weit es das nicht-große Budget damals zulässt. Die Band wächst (im Zeitraffer), die Fanscharen werden üppiger, die Ereignisse nehmen ihren Lauf. Wer The Dirt gelesen hat (und unsere Zeitsprung-Geschichten verfolgt), kennt die Episoden: im „Schneesturm“ auf der Tour mit Ozzy Nikkis Zwei-Minuten-Tod, der verhängnisvolle Unfall von Vince, der Hanoi Rocks-Drummer Razzle das Leben kostet, oder der Tag, an dem der Sänger ausgerechnet die Freundin ihres Plattenfirmenvertreters Tom Zutaut ferkelt. An „Damenkontakten“ mangelt es den ganzen Film über nicht, seien es leichtbekleidete Groupies oder Tommys zukünftige Ehefrau Heather Locklear. (Pam Anderson taucht übrigens nicht auf). Jugendfrei und politisch korrekt lässt sich der Hedonismus der Ära kaum darstellen.

Wenn man Spaß hat, geht auch mal was kaputt. Hotels zum Beispiel. – Pic: Netflix

Einige Rückblenden illustrieren die schwierige Kindheit Nikkis, ansonsten setzen die Kollegen Dinge in Brand und werfen Fernseher aus dem Fenster, wie man es halt so macht. Irgendwann werden die Hauptfiguren „trockengelegt“, der Entzug zieht auch Streit nach sich. Die Zeit nach Vince Neils Ausstieg/Rauswurf, in der John Corabi als Interimssänger erstklassige Arbeit ablieferte, die allerdings keiner hören wollte, wird nur kurz und nicht besonders respektvoll gestreift. Und dann naht die emotionale Wiedervereinigung, mit der der Film endet …

Stadionshows im Club: die frühen Mötley im Film – Pic: Netflix

Auf Netflix

Mit der Art und Weise, wie The Dirt unter die Leute kommt, beschreiten Mötley Crüe im Genre des Musikfilms oder Biopics einen ungewöhnlichen Weg: Der Film erscheint exklusiv auf Netflix, also digital als Stream. Ob er später in herkömmlichen Kanälen und Formaten zu sehen sein wird, weiß man nicht. Dahinter steckt vermutlich eine realistische und clevere Einschätzung der Medienlandschaft, die zudem mehr junge Leute an den Start bringen könnte. Womöglich wollte auch kein traditionelles Studio den Streifen haben, des Produktion lange Jahre immer wieder zum Erliegen kam. Angesichts der ganzen Drogen, Vögelei und Zerstörung fragen, wie die Altersbeschränkung in Kinos ausfallen würde; auf Netflix wird der der Streifen “ab 18” eingestuft.



Der Soundtrack

Zwar haben sich die echten Mötley Crüe an Silvester 2015 von ihrer aktiven (Bühnen-)Karriere verabschiedet, doch die Fans dürfen sich über vier neue Songs freuen: The Dirt (Est. 1981) wurde bereits als Single veröffentlicht – ein schöner Rocker, der stilistisch zur Spätphase der Band passt. Hier steuert „Tommy“-Schauspieler Machine Gun Kelly, der eigentlich vor allem als Rapper aktiv ist, einen Sprechpart bei. Ride With The Devil und Crash And Burn schlagen in eine ähnliche Kerbe, das heißt: typische Crüe-Nummern mit neuzeitlichem Einschlag circa Saints Of Los Angeles (2008). Natürlich klingt das nicht wie in den güldenen Achtzigern, aber das kann ja auch gar nicht so richtig funktionieren. Beim vierten Track gehen dann die Augenbrauen hoch: Mötley Crüe legen Like A Virgin von Madonna neu auf. Die Rocker lassen das Pop-Ding knackig nach vorne marschieren, verpassen ihm aber einen überraschend zurückhaltenden Refrain.



Klingt lustig und amüsiert Bandboss Nikki, der seinen Sänger kürzlich als „den am wenigsten jungfräulichen Kerl, den ich kenne“ bezeichnete. Die neuen Stücke erscheinen zeitgleich mit dem Streifen auf dem Album The Dirt Soundtrack, einer karriereumspannenden Best-of mit 14 Crüe-Gassenhauern. Als Produzent fungierte Bob Rock (Dr. Feelgood, Mötley Crüe), dabei standen mindestens Tommy und Nikki tatsächlich zusammen im Studio. Laut GEMA-Datenbank haben sich beim Titelstück neben den vier Mitgliedern noch Gitarrist John 5 und Machine Gun Kelly am Songwriting beteiligt. Übrigens soll die Autobiografie von 2001 zeitgleich zum ersten Mal als Hörbuch erscheinen.



Fazit

Was ergibt das alles zusammen? Einen kurzweiligen Musikfilm, ob man die Geschichte schon kennt oder nicht. Hohe cineastische Ansprüche und Wunsch nach Feingeistigem sollte man im Zaum halten, denn The Dirt funktioniert wunderbar wie ein Drei-Minuten-Rocksong, aber nicht wie ein künstlerisch wertvolles Epos; Live Wire statt The Lamb Lies Down On Broadway. Ein Vergleichswerk liegt auf der Hand: The Dirt ist filmisch nicht so gut, aber genauso unterhaltsam wie Bohemian Rhapsody, mit weniger Tragödie und Tiefe, dafür mit mehr Action, Koks und Brüsten. Geht ja auch.

Mötley Crüe: Rock’n’Roll-Veteranen – Pic: Paul Brown


Das könnte euch auch gefallen:

Zeitsprung: Am 10.1.1984 gehen Ozzy & Mötley Crüe auf Tour. Auweia.

Zeitsprung: Am 11.12.1958 kommt Nikki Sixx (Mötley Crüe) zur Welt.

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

Popkultur

Eine Nacht im Bordell: Die lieblose Hochzeit von Ike und Tina Turner

Published on

Ike & Tina Turner
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Die Ehe von Ike und Tina Turner war durch zahlreiche Tiefpunkte geprägt. Aggression, körperliche Gewalt, Betrug: Von süßem Eheleben kann wohl kaum die Rede sein. Doch wie kam es eigentlich zu der Hochzeit? Und was zur Hölle dachte sich Ike, als er Tina in der Hochzeitsnacht in ein Bordell schleppte?

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Ike & Tina Turner anhören:

Mit mehr als 100 Millionen verkauften Platten gehört Tina Turner zu den erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten. Ike Turner hat im Lauf seiner jahrzehntelangen Karriere keine 100 Millionen Platten verkauft. Stattdessen war er kokainsüchtig und hat Tina verprügelt. Dass die beiden unter diesen Umständen ein Paar waren, ist kaum zu glauben. Am 26. November 1962 gaben sich Ike und Tina sogar das Ja-Wort und heirateten. Es war der unschöne Beginn einer unschönen Ehe, die trotz aller Schwierigkeiten 14 Jahre andauerte. Doch wie kam es dazu? Wie sah der Hochzeitstag aus und wie gestaltete sich die Zeit als Ehepaar? Ein Rückblick.

Ike und Tina Turners Hochzeit: Tina hat Angst, nein zu sagen

Als sich Ike und Tina kennenlernen, ist Tina gerade einmal 17 Jahre alt. Sie sieht ihn 1956 bei einem Auftritt seiner Band Kings Of Rhythm, später tritt auch sie der Gruppe bei. Schon bald geht das Duo unter dem Namen Ike And Tina Turner Revue auf Tour. Tina steht mit ihren energiegeladenen Auftritten im Zentrum der Show. Ikes Aggression und seinen Jähzorn lernt sie zu jener Zeit bereits kennen. Dennoch entwickelt sich der sieben Jahre ältere Musiker zu einer Art Mentor für Tina und die beiden landen gemeinsam ihre ersten Hits. Als Ike ihr einen Antrag macht, weiß Tina, dass eine Hochzeit nicht die beste Idee wäre — doch sie hat Angst, nein zu sagen.

Für die Hochzeit reisen Ike und Tina ins damals schon schmucklose Tijuana hinter der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze. In dem Ort, der zu jener Zeit vor allem für seine günstigen Bordelle und Express-Hochzeiten bekannt ist, unterschreiben Ike und Tina einen Wisch in einem schmuddligen Hinterzimmer und sind fortan verheiratet. Kein „Ja, ich will“, keine Glückwünsche. Nur ein Stück Papier. „Ich hatte damals nicht viel Hochzeitserfahrung“, gibt Tina im Interview mit der britischen Daily Mail zu Protokoll. „Doch ich wusste, dass Hochzeiten irgendwie emotional und glücklich sein sollten.“ Ike hat allerdings andere Pläne für den Abend — und schleppt Tina in ein Bordell.

Eine Hochzeitsnacht im Bordell

„Man kann sich nicht vorstellen, was er für ein Mensch war“, erzählt Tina im Interview. „Ein Mann, der seine Frau gleich nach der Vermählung zu einer pornografischen Live-Sex-Show mitnimmt. Ich habe dort gesessen, ihn aus dem Augenwinkel beobachtet und mich gefragt: ‚Findet er das wirklich gut? Wie kann er nur?’ Es war alles sehr hässlich. Der männliche Darsteller war unattraktiv und scheinbar impotent, und das Mädchen … Nun, sagen wir einfach, dass das Ganze eher gynäkologisch war, weniger erotisch. Ich habe mich elend gefühlt und war den Tränen nahe, aber es gab kein Entkommen. Wir sind nicht gegangen, bis Ike fertig war — und er hatte dort viel Spaß.“

Nach der Hochzeit redet sich Tina die Ehe schön. „Am nächsten Tag habe ich vor den Leuten geprahlt“, berichtet die Sängerin. „Ich habe gesagt: ‚Ratet mal, was passiert ist! Oh, Ike hat mich mit nach Tijuana genommen, wir haben gestern geheiratet!‘ Ich habe mir eingeredet, dass ich glücklich war, und für kurze Zeit war ich es auch. Für mich hatte der Gedanke, verheiratet zu sein, eine Bedeutung. Für Ike war es eine weitere Transaktion.“ Die Ehe des Paares ist von Ikes Gewaltausbrüchen und seiner Drogensucht überschattet. Ganze 14 Jahre geht es so, bevor Tina im Jahr 1976 die Scheidung einreicht. Seit 2013 ist sie mit Musikmanager Erwin Bach verheiratet und lebt in der Schweiz.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

AC/DC, Tina Turner, Aerosmith: Die erfolgreichsten Comebacks der Musikgeschichte

Continue Reading

Popkultur

15 Jahre Kapitulation: Tocotronics „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“

Published on

Tocotronic
Foto: Jakubaszek/Getty Images

Mehr Musiktheater als Musik: Mit Kapitulation legen Tocotronic 2007 den zweiten Teil ihrer Berlin-Trilogie vor. Und zementieren ihren Ruf als magische Gitarrenvisionäre der Gesellschaftstheorie.

von Björn Springorum

hier könnt ihr euch Kapitulation anhören:

Nach dem Klassiker Pure Vernunft darf niemals siegen gönnen sich Tocotronic 2006 eine Pause von sich selbst. Seit dem Debüt Digital ist besser 1995 haben sie sieben Platten veröffentlicht, ein hohes Tempo, dazu Konzerte, Festivals in halb Europa und den USA. Urlaub steht dennoch nicht Agenda für die Propheten der Hamburger Schule: Sänger und Prediger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und der recht neue Gitarrist Rick McPhail vollenden Soloplatten, verwirklichen sich abseits der mittlerweile gefestigten Pfade von Deutschlands wichtigster Rockband.

Der ahnungsvolle Geist der Rockmusik

Diesen Ruf hat man sich mit viel harter Arbeit und unglaublicher Musik erarbeitet. Spätestens seit K.O.O.K. (1999) sind die Diskursrocker von der lauten, verzerrten Schrammelband zum ahnungsvollen Geist geworden, zu beschwörenden Gitarrenalchemisten, deren Musik eine tiefe Magie entströmt und deren Texte eher vergeistigte Mantren im Geiste eines Michel Focault sind, durchzogen von griffigen Slogans, die die Band auf zahlreiche Tattoos oder Jutebeutel gebracht hat.

2007 setzen sie im Studio Chez Chèrie in Berlin-Neukölln ihre mit Pure Vernunft darf niemals siegen begonnene Berlin-Trilogie fort – eine Hommage an David Bowie freilich, eine Verbeugung vor den ganz großen Denkern der Rockmusik. Zu denen zählen Tocotronic auch. Aus der einstigen Studi-Band mit Cordhose, Trainingsjacke und Seitenscheitel ist ein Phänomen geworden, ein gesellschaftliches Ereignis. Einige Jahrzehnte nach Ton, Steine, Scherben gibt es wieder eine deutsche Band, die weiß, wo die Wunden der Gesellschaft liegen, und zielgenau den Finger hineinlegt.

Musik gegen den Optimierungswahn

Tocotronic tun das auf Kapitulation indes keineswegs laut, markig oder aufbrausend. Konträr zur militärischen Symbolik in Albumtitel und vielen Texten nehmen die Musiker in wenigen Tagen ein Album gegen den Optimierungswahn unserer Zeit auf – live und in fiebrigen Sessions. Kapitulation als Ultima Ratio gegen Pragmatismus und Effizienz. „Kapitulation ist eine Verführung zur Geistesabwesenheit“, wird die Zeit dazu sagen. Von Lowtzow konkretisiert das 2007 in einem Interview mit der taz: „Es ist in Vergessenheit geraten, dass es einmal eine künstlerische Strategie gab, nichts zu tun. Und die möchten wir formulieren als Antithese zu diesem Leistungsimperativ, der neuerdings in dieser Gesellschaft herrscht. Das Unproduktive wird unterschätzt.“

Wie Herman Melvilles Bartleby sind auch Tocotronic im Müßiggang zuhause – bei aller gefühlten Effizienz ihrer vielen Alben und Touren mache man als Band anscheinend „nur ein Fünftel von dem, was andere machen.“ Das Mantra „Ich möchte lieber nicht“ geistert auch durch dieses Album, eine kurze griffige Geste der Entsagung. Musikalisch indes möchten sie. Und wie: Tocotronic verwandeln sich auf Kapitulation weiter in diese entrückte Rock-Band, der ein schwer fassbarer, beschwörender, kafkaesker Zauber innewohnt. Zwölf Songs, zwölf Indie-Schmuckkästchen, denen man sich auch heute nur schwer entziehen kann. Zeitlos im besten Sinne ist das, was Tocotronic hier machen, längst in einer ganz eigenen Liga und nicht nur in Deutschland einzigartig. Das hypnotische Mein Ruin, der Befehl Verschwör dich gegen dich, die zarte Antithese zu glücklichen Pärchen-Eskapismus-Balladen, Harmonie ist eine Strategie oder der wüste Ausbruch Sag alles ab, der dann natürlich mit einer Extraportion Trotz als Single ausgekoppelt wird: Hier kann man einer der schlausten Bands Deutschlands in den Kopf schauen. Musik als Unterricht.

Immer noch Punk

Da ist der Wechsel vom dichtgemachten Hamburger Indie-Label L’Age D’Or zum Major Vertigo nur konsequent: Diese Band ist längst viel zu wichtig, um sie nicht größtmöglich zu inszenieren. Punks bleiben Tocotronic im Herzen dennoch. Sie zielen gegen das System, klinken sich aus aus den Erwartungshaltungen, die man an das Individuum stellt. Zudem möchte Vordenker und Texter von Lowtzow Kapitulation auch als „Statement gegen diese schreckliche Emo-Kultur“ verstanden wissen. Gejammer gibt es bei den Hamburgern nicht. Punk ist das schon eher. Wenn auch 2007 längst nicht mehr mit Tempo, Geschwindigkeit und Schrammeleien.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

10 Songs, die jeder Hamburger kennen muss

Continue Reading

Popkultur

45 Jahre „Slowhand“: Eric Claptons furioses Comeback nach Heldensturz und Heroin

Published on

Eric Clapton
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wer ein Album mit einem Hattrick aus Cocaine, Wonderful Tonight und Lay Down Sally eröffnet, hat ein Comeback verdient: Vor 50 Jahren feuert Eric Clapton seine Karriere neu an und liefert mit Slowhand den definierenden Moment seiner Laufbahn als Solitär.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Slowhand anhören:

Das Blöde an Gitarrenhelden und musikalischen Heiligen ist ja: Sie weilen derart hoch oben in himmlischen Sphären, dass so ein Fall ganz schön tief sein kann. In den Siebzigern passiert genau das Eric Clapton. Nachdem er ab 1963 erst durch die Yardbirds, dann durch die Bluesbreakers, Cream, Blind Faith und Derek And The Dominoes zu einem der fleißigsten, besten und berühmtesten Gitarristen der Sechziger wurde, versucht er es 1970 solo. Muss ja so kommen, viel mehr kann Clapton im Bandkorsett nicht erreichen.

Heldensturz und Heroin

Die Karriere läuft einigermaßen an, wird aber von Drogen und gebrochenen Herzen torpediert. Er verfällt zu gleichen Teilen George Harrisons Frau Pattie Boyd und dem Heroin, zieht sich zurück, macht einen desolaten Auftrott bei Harrisons Concert For Bangladesh. Einer der strahlenden, mythischen Helden der Sechziger, so scheint es, wurde gestürzt. 1974 kämpft er sich aus der Dunkelheit zurück und veröffentlicht, jetzt mit Boyd an seiner Seite, sein Comeback 461 Ocean Boulevard. Der Trick: Mehr Songs, weniger Experimente.

Der Plan geht auf, doch die Nachfolgewerke There’s One in Every Crowd (1975) und No Reason To Cry (1976) sind wieder vergleichsweise ziellos und aufgebläht. Merkt er selbst und verschanzt sich mit seiner fast durchgehend US-amerikanisch besetzten Liveband im Mai 1977 in den Londoner Olympic Studios, wo sein fünftes Soloalbum Slowhand entsteht. Es soll sein definierendes Kapitel als Solitär werden. Und das hat direkt mit seinen Mitmusiker*innen zu tun: Sie bringen den originär amerikanischen Blues und Soul, dem Clapton seit Tag eins nacheifert, auf sein Album – mühelos, authentisch und mit unkompliziertem Groove. „Ich als Engländer kann mich diesem Sound nur annähern“, sagt Clapton mal dazu. „Doch die Band ist eine Tulsa-Band. Die kann gar nicht anders.“

Clapton und der Anti-Drogen-Song

Slowhand, benannt nach dem Spitznamen, den er 1964 vom Yardbird-Manager Giorgio Gormelsky bekam, beherzigt die Lektionen von 461 Ocean Boulevard, gibt sich eingängig, radiofreundlich und bleibt mit Ausnahme des Neunminüters The Core in allen Songs unter der Fünf-Minuten-Marke. Außerdem wagt Clapton deutlich mehr Eigeninitiative und packt viel weniger Cover-Songs als sonst auf die Platte. Einer wird dann aber gleich zu seinem infamen Signature-Song: Seine Interpretation von J.J. Cales Cocaine wird in Argentinien zensiert und in Folge vieler negativer Stimmen in den nächsten Jahren sehr selten live gespielt. Irgendwie konnte Eric Clapton niemanden davon überzeugen, dass wir es hier mit einem Antidrogensong zu tun haben. Na ja… „If your day is gone, and you want to ride on, cocaine – don’t forget this fact, you can’t get it back, cocaine“ klingt jetzt nicht gerade sehr kritisch.

Unaufdringlich virtuos

Was Slowhand auszeichnet, ist diese unaufdringliche Virtuosität. Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und macht einfach das, was er kann: Die Gitarre zum Strahlen bringen. Mit Wonderful Tonight spendiert er dem Album zudem einen seiner bekanntesten Songs – eine Ode an Pattie Boyd, inspiriert von ihrem gemeinsamen Besuch eines Paul-McCartney-Konzerts 1976. Sweet. Die dritte große Nummer nach Cocaine und Wonderful Tonight ist natürlich der Country-Kracher Lay Down Sally, den Clapton gemeinsam mit Backgroundsängerin Macy Levy und Gitarrist George Terry schreibt. Gemeinsam formen sie das Triptychon, das Slowhand eröffnet und fast eigenmächtig zum Erfolg führt.

Slowhand inszeniert eine Band, die ganz genau weiß, was sie tut. Die ganz genau weiß, dass sie starkes Material in einigen hellen Momenten im Studio eingespielt hat. Der lockeren Klasse der Songs schadet nicht mal, dass Clapton laut Produzent Glyn Johns fast durchgehend alkoholisiert war. Aufrecht erhalten kann Slowhand dieses gute Blatt jedoch nicht: Die nächsten Platten sind allesamt halbherzige Versuche. Erst mit dem von Phil Collins produzierten August (1986) geht es langsam wieder bergauf, gekrönt von MTV Unplugged (1992), das ihn endgültig konsolidierte.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

30 Jahre „MTV Unplugged“: Eric Claptons intimster Moment

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss