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Popkultur

Zeitsprung: Am 24.5.1988 erscheint „OU812“ von Van Halen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1988.

von Christof Leim

Sängerwechsel bei großen Rockbands gehen ja gerne mal in die Hose. Van Halen allerdings konnten nach dem Einstieg von Sänger Sammy Hagar mit 5150 sogar ihr erstes Nummer-eins-Album abliefern. Der Nachfolger OU812 soll nun zeigen, dass dieser Erfolg kein Glückstreffer war. Doch diese Zweifel erübrigen sich schnell: OU812 steigt ebenfalls bis nach ganz oben, produziert sechs Hitsingles und verkauft sich mehrere Millionen Mal – obwohl manche Ohren mit dem glatteren, reiferen Sound nicht klarkommen. Trotzdem gehören Van Halen 1988 zu den größten Rockbands der Welt.


Hier könnt ihr in OU812 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

In der zweiten Hälfte der Achtziger herrscht Sonnenschein in der Welt von Van Halen: Den Ausstieg von David Lee Roth 1985 haben sie bestens verkraftet und nur ein Jahr später mit 5150 einen Kracher veröffentlicht. (Die ganze Geschichte der Scheibe findet ihr hier.) Ihren Sound haben die vier Kalifornier weiterentwickelt, der partygeneigte Hard Rock klingt erwachsener, sortierter.

Mit dem Schwung der erfolgreichen 5150-Tour im Rücken beginnt ziemlich bald nach der Heimkehr das Songwriting für eine neue Platte. Gitarrengott Eddie Van Halen hat wie immer eine Menge Riffs im Anschlag, Hagar schleppt mehrere Notizbücher voller Textideen mit sich herum. Damit verschanzt sich die Band in einem Studio und schreibt drauflos. Die Songs kommen schnell zusammen, „schlicht magisch“ nennt Sammy Hagar das in einem Interview mit dem Journalisten Martin Popoff, das man auf der Website Van Halen News Desk nachlesen kann.



Leider kommt der Sänger mit seinen Texten nicht ganz nach und verschanzt sich deshalb in seinem Haus im mexikanischen Cabo San Lucas, um im Sonnenschein in Ruhe mit ein paar Tequila die Songs fertigzustellen. Der Ort scheint zu inspirieren: Nicht nur entsteht das Lied Cabo Wabo, Sammy macht dort 1990 ein gleichnamiges Restaurant auf und übernimmt eine Tequila-Marke, die genauso heißt. Die Cabo Wabo Cantina besitzt Sammy immer noch, hier steht er auch gerne mal auf der Bühne mit seiner Kapelle The Waboritas und/oder mit ein paar Kumpels. Wie man es halt so macht, selbst wenn unser aller Kumpels nicht sonst bei Metallica, Alice In Chains oder Nickelback spielen.



Alles in allem sind Van Halen von September 1987 bis April 1988 mit der Scheibe beschäftigt. Einen Produzenten gibt es nicht, lediglich Toningenieur Donn Landee arbeitet mit. Heraus kommen neun Stücke für die reguläre Version des Albums, die die Hinwendung zu gefälligeren, wenn man so will poppigeren Sounds fortführen, die schon auf 1984 mit David Lee Roth ihren Anfang genommen hatte. Eddie spielt gerne und viel Keyboard, aber natürlich lässt der wichtigste Gitarrist der Achtziger mehr als genug Sechs-Saiten-Feuerwerk vom Stapel. Mehr noch als 5150 erweist sich OU812 als erwachsen, toll komponiert, grandios gesungen und auf allen Positionen phänomenal gespielt. Das ist perfekter Hard Rock mit gelegentlichem Pop-Schimmer. Man könnte sagen: Die Songs sind besser als früher, aber weniger gefährlich und bahnbrechend.

Die Scheibe beginnt mit Mine All Mine, einer flotten Rocknummer mit treibendem Bass, die erstaunlich wenig nach Strand, Sexyhexy und Schirmchendrinks klingt. Für seinen Beitrag zum Song musste Sammy richtig kämpfen, siebenfach schreibt er den Text um: „Ich habe mich zum ersten Mal im Leben richtig fertig gemacht und fast schon Sachen aus dem Fenster geschmissen, um die Lyrics hinzubekommen“, erzählt er später.



Leichter lief es da bei When It’s Love, einer Powerballade mit Keyboards am Anfang, knackigen Rockakkorden in der Mitte und einem Schmachtfetzen-Refrain wie aus dem Lehrbuch: Als die Band sich zum Songwriting trifft, holen Eddie Van Halen und sein trommelnder Bruder Alex ihren Sänger vom Flughafen ab. Im Auto erzählen sie, dass sie letzte Nacht an einer Idee gearbeitet haben und das jetzt mal vorspielen wollen. Zu hören sind zunächst nur Piano und Schlagzeug, aber sofort singt Sammy die Zeile „How do I know when it’s love“ dazu. Als die drei Kollegen im Studio ankommen, ist der Song größtenteils fertig. “Das ist die Magie, die wir damals hatten“, kommentiert Hagar auch das.



Auf A.F.U. (Naturally Wired) geht’s dann mehr zur Sache – mit dickem Drumbeat, atemloser Eddie-Gitarre und keinerlei Keyboards. Für das cool groovende, in jedem Takt sonnige Cabo Wabo mit den tollen Gesangsharmonien hat sich Sammy nicht nur von seinem neuen Lieblingsort Cabo San Lucas inspirieren lassen, sondern auch von der Nummer Make It Last, die er für seine frühere Band Montrose komponiert hat. Der Titel fiel ihm ein, als er in Cabo morgens um vier einen Mann durch die Straßen wanken sah (englisch: „to wabble“). Source Of Infection sollte eigentlich nur ein Witz sein, weswegen der Text auch unverblümt, aber ohne deutliche Worte auf Schweinereien anspielt. Musikalisch lässt Eddie hier die Tapping-Gitarre fliegen, wie nur er es kann und verweist damit, Pop-Schimmer hin oder her, die Mitbewerber mal wieder auf die Plätze. Der Synthiebass von Feels So Good erinnert dann sehr an den Hit Why Can’t This Be Love von 5150, aber das macht nichts: Dieser gut gelaunten Radiorockpop-Nummer scheint viereinhalb Minuten lang die Sonne aus dem Popo.



Das gilt auch für Finish What You Started, den letzten Song, den Van Halen für die Platte fertigstellen. Damals sind Eddie und Sammy Nachbarn, natürlich am Strand in Malibu. Der sonnige Sound kommt halt nicht von ungefähr. Eines Nachts hört der Sänger, wie sein Kollege ihn ruft: „Sam! Sam! Ich habe hier eine coole Idee!“ Wie Sammy erzählt, setzen die beiden sich sofort zusammen, und zwar auf der Veranda unter freiem Himmel mit Blick zum Strand, weil Dauerraucher Eddie nicht in Hagars Haus darf. Sie ziehen ein paar Tequila und stellen den Song fertig. Um vier Morgens setzt sich Sammy dann an den Text. Heraus kommt ein bluesiger, augenzwinkernder Track mit cleverer Clean-Gitarre von Eddie und Sammy an der Akustischen. In den Lyrics geht es um, sagen wir, unvollendeten Sex. Hagar benutzt später den Begriff „blue balls“, auf Deutsch gibt es dafür das herrliche Wort „Kavaliersschmerzen“. Ihr könnt euch denken, was gemeint ist. Ja, Rock’n’Roll muss auch wichtige Themen aus dem Leben aufgreifen, nicht immer nur Wale retten.



Auch der Midtempo-Stampfer Black And Blue handelt unverblümt von Sex und wird als erste Single ausgekoppelt. Sucker In A 3 Piece schließlich hat Sammy über einen älteren, wenig sympathischen Herren in einem dreiteiligen Anzug (englisch: „three-piece-suit“) verfasst, den er mit einer jungen, unfassbar attraktiven Dame am Arm in einem Restaurant erlebt.



Mit A Apolitical Blues hauen Van Halen dann noch ein rohes Cover von Little Feat raus, das lediglich auf der CD-Version des Albums und in digitaler Form zu finden ist. Es gibt sogar einen unveröffentlichten, vermutlich nicht fertiggestellten Track namens Numb To The Touch, den Sammy als „traditionellen, Whitesnake-mäßigen Heavy Metal-Song“ bezeichnet.

Als Titel für das Album steht zunächst Bone im Raum, aber Alex findet das scheußlich. Die Alternative sticht Hagar ins Auge, als er den Schriftzug „OU812“ auf einem Lastwagen sieht und ohne tieferen Hintergedanken lustig findet. Ausgesprochen wird das „Oh, you ate one, too!“, also „Oh, du hast auch eins gegessen.“ Es kursieren deshalb Gerüchte, Van Halen hätten sich hier eine kleine Retourkutsche zum ersten Soloalbum von David Lee Roth geleistet, denn das heißt Eat ‘Em And Smile, also „Esse sie und lächle“. Für die Trivia-Freaks: „OU812“ tauchte schon 1980 in einem Film von Cheech And Chong und von 1978 bis 1988 in der Sitcom Taxi auf. 1988 veröffentlicht die Bostoner Hardcore-Truppe Gang Green eine EP namens I81B4U, also: „Ich habe eines vor dir gegessen.“ Aha.



OU812 erscheint am 24. Mai 1988 und erreicht erneut die Spitze der US-Charts. (In der Woche vorher stand da übrigens Faith von George Michael, in der Woche danach Hysteria von Def Leppard. Gute Zeiten für gute Musik.) Als Singles werden Black And Blue, When It’s Love und Finish What You Started aufgelegt, auch Cabo Wabo, Feels So Good und Mine All Mine tauchen in diversen Charts wie Mainstream Rock Tracks oder Billboard Hot 100 auf. Unter dem Strich wirft das Album also sechs Auskopplungen ab, was bei neun Songs wahrlich keine schlechte Quote ist.

„OU812“ wirft ein halbes Dutzend Singles ab, darunter diese vier.

Im Sommer 1988 begeben sich Van Halen dann auf die Monsters Of Rock-Tour durch die größten Stadien der USA. Vor ihnen spielen die Scorpions, Dokken, Metallica und Kingdom Come. Ohne Drama geht das nicht ab, aber das ist eine andere Geschichte. Eine Konzertreise durch Europa unternimmt die Band für dieses Album nicht, dafür wird eine Show in Japan professionell gefilmt.



Fazit: Mit OU812 fegen Van Halen alles Genörgel über Sängerwechsel und Stilentwicklung vom Tisch und legen in den nächsten Jahren mit For Unlawful Carnal Knowledge (1991) und Balance (1995) auf gleichem Niveau nach. Erst als dann Streit aufkommt, bricht alles auseinander. 1988 aber steht die Band in der Welt des Hard Rock ganz, ganz vorne. Und die vier Musiker Mitte Dreißig sind tatsächlich gute Freunde, wie dieses Interview zeigt:



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