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Popkultur

Zeitsprung: Am 24.5.1988 erscheint „OU812“ von Van Halen.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1988."

von Christof Leim

Sängerwechsel bei großen Rockbands gehen ja gerne mal in die Hose. Van Halen allerdings konnten nach dem Einstieg von Sänger Sammy Hagar mit 5150 sogar ihr erstes Nummer-eins-Album abliefern. Der Nachfolger OU812 soll nun zeigen, dass dieser Erfolg kein Glückstreffer war. Doch diese Zweifel erübrigen sich schnell: OU812 steigt ebenfalls bis nach ganz oben, produziert sechs Hitsingles und verkauft sich mehrere Millionen Mal – obwohl manche Ohren mit dem glatteren, reiferen Sound nicht klarkommen. Trotzdem gehören Van Halen 1988 zu den größten Rockbands der Welt.

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Hier könnt ihr in OU812 reinhören:

In der zweiten Hälfte der Achtziger herrscht Sonnenschein in der Welt von Van Halen: Den Ausstieg von David Lee Roth 1985 haben sie bestens verkraftet und nur ein Jahr später mit 5150 einen Kracher veröffentlicht. (Die ganze Geschichte der Scheibe findet ihr hier.) Ihren Sound haben die vier Kalifornier weiterentwickelt, der partygeneigte Hard Rock klingt erwachsener, sortierter.

Inspiration beim Tequila

Mit dem Schwung der erfolgreichen 5150-Tour im Rücken beginnt ziemlich bald nach der Heimkehr das Songwriting für eine neue Platte. Gitarrengott Eddie Van Halen hat wie immer eine Menge Riffs im Anschlag, Hagar schleppt mehrere Notizbücher voller Textideen mit sich herum. Damit verschanzt sich die Band in einem Studio und schreibt drauflos. Die Songs kommen schnell zusammen, „schlicht magisch“ nennt Sammy Hagar das in einem Interview mit dem Journalisten Martin Popoff, das man auf der Website Van Halen News Desk nachlesen kann.

Leider kommt der Sänger mit seinen Texten nicht ganz nach und verschanzt sich deshalb in seinem Haus im mexikanischen Cabo San Lucas, um im Sonnenschein in Ruhe mit ein paar Tequila die Songs fertigzustellen. Der Ort scheint zu inspirieren: Nicht nur entsteht das Lied Cabo Wabo, Sammy macht dort 1990 ein gleichnamiges Restaurant auf und übernimmt eine Tequila-Marke, die genauso heißt. Die Cabo Wabo Cantina besitzt Sammy immer noch, hier steht er auch gerne mal auf der Bühne mit seiner Kapelle The Waboritas und/oder mit ein paar Kumpels. Wie man es halt so macht, selbst wenn unser aller Kumpels nicht sonst bei Metallica, Alice In Chains oder Nickelback spielen.

Hard Rock mit Popschimmer

Alles in allem sind Van Halen von September 1987 bis April 1988 mit der Scheibe beschäftigt. Einen Produzenten gibt es nicht, lediglich Toningenieur Donn Landee arbeitet mit. Heraus kommen neun Stücke für die reguläre Version des Albums, die die Hinwendung zu gefälligeren, wenn man so will poppigeren Sounds fortführen, die schon auf 1984 mit David Lee Roth ihren Anfang genommen hatte. Eddie spielt gerne und viel Keyboard, aber natürlich lässt der wichtigste Gitarrist der Achtziger mehr als genug Sechs-Saiten-Feuerwerk vom Stapel. Mehr noch als 5150 erweist sich OU812 als erwachsen, toll komponiert, grandios gesungen und auf allen Positionen phänomenal gespielt. Das ist perfekter Hard Rock mit gelegentlichem Pop-Schimmer. Man könnte sagen: Die Songs sind besser als früher, aber weniger gefährlich und bahnbrechend.

Die Scheibe beginnt mit Mine All Mine, einer flotten Rocknummer mit treibendem Bass, die erstaunlich wenig nach Strand, Sexyhexy und Schirmchendrinks klingt. Für seinen Beitrag zum Song musste Sammy richtig kämpfen, siebenfach schreibt er den Text um: „Ich habe mich zum ersten Mal im Leben richtig fertig gemacht und fast schon Sachen aus dem Fenster geschmissen, um die Lyrics hinzubekommen“, erzählt er später.

Hitsingles macht man nebenbei

Leichter lief es da bei When It’s Love, einer Powerballade mit Keyboards am Anfang, knackigen Rockakkorden in der Mitte und einem Schmachtfetzen-Refrain wie aus dem Lehrbuch: Als die Band sich zum Songwriting trifft, holen Eddie Van Halen und sein trommelnder Bruder Alex ihren Sänger vom Flughafen ab. Im Auto erzählen sie, dass sie letzte Nacht an einer Idee gearbeitet haben und das jetzt mal vorspielen wollen. Zu hören sind zunächst nur Piano und Schlagzeug, aber sofort singt Sammy die Zeile „How do I know when it’s love“ dazu. Als die drei Kollegen im Studio ankommen, ist der Song größtenteils fertig. “Das ist die Magie, die wir damals hatten“, kommentiert Hagar auch das.

Auf A.F.U. (Naturally Wired) geht’s dann mehr zur Sache – mit dickem Drumbeat, atemloser Eddie-Gitarre und keinerlei Keyboards. Für das cool groovende, in jedem Takt sonnige Cabo Wabo mit den tollen Gesangsharmonien hat sich Sammy nicht nur von seinem neuen Lieblingsort Cabo San Lucas inspirieren lassen, sondern auch von der Nummer Make It Last, die er für seine frühere Band Montrose komponiert hat. Der Titel fiel ihm ein, als er in Cabo morgens um vier einen Mann durch die Straßen wanken sah (englisch: „to wabble“).

Sonne aus dem Popo

Source Of Infection sollte eigentlich nur ein Witz sein, weswegen der Text auch unverblümt, aber ohne deutliche Worte auf Schweinereien anspielt. Musikalisch lässt Eddie hier die Tapping-Gitarre fliegen, wie nur er es kann und verweist damit, Pop-Schimmer hin oder her, die Konkurrenz mal wieder auf die Plätze. Der Synthiebass von Feels So Good erinnert dann sehr an den Hit Why Can’t This Be Love von 5150, aber das macht nichts: Dieser gut gelaunten Radiorockpop-Nummer scheint viereinhalb Minuten lang die Sonne aus dem Popo.

Das gilt auch für Finish What You Started, den letzten Song, den Van Halen für die Platte fertigstellen. Damals sind Eddie und Sammy Nachbarn, natürlich am Strand in Malibu. Der sonnige Sound kommt halt nicht von ungefähr. Eines Nachts hört der Sänger, wie sein Kollege ihn ruft: „Sam! Sam! Ich habe hier eine coole Idee!“ Wie Sammy erzählt, setzen die beiden sich sofort zusammen, und zwar auf der Veranda unter freiem Himmel mit Blick zum Strand, weil Dauerraucher Eddie nicht in Hagars Haus darf. Sie ziehen ein paar Tequila und stellen den Song fertig. Um vier Morgens setzt sich Sammy dann an den Text. Heraus kommt ein bluesiger, augenzwinkernder Track mit cleverer Clean-Gitarre von Eddie und Sammy an der Akustischen. In den Lyrics geht es um, sagen wir, unvollendeten Sex. Hagar benutzt später den Begriff „blue balls“, auf Deutsch gibt es dafür das herrliche Wort „Kavaliersschmerzen“. Ihr könnt euch denken, was gemeint ist. Ja, Rock’n’Roll muss auch wichtige Themen aus dem Leben aufgreifen, nicht immer nur Wale retten.

Geschichten aus dem Leben

Auch der Midtempo-Stampfer Black And Blue handelt unverblümt von Sex und wird als erste Single ausgekoppelt. Sucker In A 3 Piece schließlich hat Sammy über einen älteren, wenig sympathischen Herren in einem dreiteiligen Anzug (englisch: „three-piece-suit“) verfasst, den er mit einer jungen, unfassbar attraktiven Dame am Arm in einem Restaurant erlebt.

Mit A Apolitical Blues hauen Van Halen dann noch ein rohes Cover von Little Feat raus, das lediglich auf der CD-Version des Albums und in digitaler Form zu finden ist. Es gibt sogar einen unveröffentlichten, vermutlich nicht fertiggestellten Track namens Numb To The Touch, den Sammy als „traditionellen, Whitesnake-mäßigen Heavy Metal-Song“ bezeichnet.

Wer hat es zuerst gegessen?

Als Titel für das Album steht zunächst Bone im Raum, aber Alex findet das scheußlich. Die Alternative sticht Hagar ins Auge, als er den Schriftzug „OU812“ auf einem Lastwagen sieht und ohne tieferen Hintergedanken lustig findet. Ausgesprochen wird das „Oh, you ate one, too!“, also „Oh, du hast auch eins gegessen.“ Es kursieren deshalb Gerüchte, Van Halen hätten sich hier eine kleine Retourkutsche zum ersten Soloalbum von David Lee Roth geleistet, denn das heißt Eat ‘Em And Smile, also „Esse sie und lächle“. Für die Trivia-Freaks: „OU812“ tauchte schon 1980 in einem Film von Cheech And Chong und von 1978 bis 1988 in der Sitcom Taxi auf. 1988 veröffentlicht die Bostoner Hardcore-Truppe Gang Green eine EP namens I81B4U, also: „Ich habe eines vor dir gegessen.“ Aha.

OU812 erscheint am 24. Mai 1988 und erreicht erneut die Spitze der US-Charts. (In der Woche vorher stand da übrigens Faith von George Michael, in der Woche danach Hysteria von Def Leppard. Gute Zeiten für gute Musik.) Als Singles werden Black And Blue, When It’s Love und Finish What You Started aufgelegt, auch Cabo Wabo, Feels So Good und Mine All Mine tauchen in diversen Charts wie Mainstream Rock Tracks oder Billboard Hot 100 auf. Unter dem Strich wirft das Album also sechs Auskopplungen ab, was bei neun Songs wahrlich keine schlechte Quote ist.

„OU812“ wirft ein halbes Dutzend Singles ab, darunter diese vier.

Damals war alles gut

Im Sommer 1988 begeben sich Van Halen dann auf die Monsters Of Rock-Tour durch die größten Stadien der USA. Vor ihnen spielen die Scorpions, Dokken, Metallica und Kingdom Come. Ohne Drama geht das nicht ab, aber das ist eine andere Geschichte (die hier zu lesen steht). Eine Konzertreise durch Europa unternimmt die Band für dieses Album nicht, dafür wird eine Show in Japan professionell gefilmt.

Fazit: Mit OU812 fegen Van Halen alles Genörgel über Sängerwechsel und Stilentwicklung vom Tisch und legen in den nächsten Jahren mit For Unlawful Carnal Knowledge (1991) und Balance (1995) auf gleichem Niveau nach. Erst als dann Streit aufkommt, bricht alles auseinander. 1988 aber steht die Band in der Welt des Hard Rock ganz, ganz vorne. Und die vier Musiker Mitte Dreißig sind tatsächlich gute Freunde, wie obiges Videointerview zeigt…

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Zeitsprung: Am 19.11.2004 endet eine katastrophale Van-Halen-Reunion.

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Popkultur

40 Jahre „Welcome To Hell“: Wie Venom selbst Metallica und Slayer beeinflussten

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Foto: Fin Costello/Getty Images

Es war einmal eine Band, die härter, extremer und radikaler sein wollte als alle anderen. Dies ist die Geschichte von Venom und ihrem unheilvollen, rumpelnden, anstrengenden und dennoch unmessbar einflussreichen Debüt Welcome To Hell.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Welcome To Hell von Venom anhören:

In der Geschichte der unheiligen Rockmusik hat man vielen Bands einen Pakt mit dem Teufel unterstellt. Led Zeppelin, Black Sabbath, AC/DC, sie alle schienen doch irgendwie mit dem Leibhaftigen im Bunde zu sein, schienen am Scheideweg ihre Seelen für den Rock’n’Roll verkauft zu haben. Kann man alles getrost vergessen. Im Grunde gibt es eigentlich nur eine Band, die im Bund mit dem Teufel zu sein scheint und direkt aus der Hölle (oder aus einem billigen Studio, je nachdem) zu uns spricht. Und diese Band heißt Venom.

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Satanischer als Sabbath, lauter als Motörhead

Ziele braucht der Mensch. Ein junger Typ namens Conrad Lant macht da keine Ausnahme. Er wächst in Nordengland auf, ist sieben Jahre alt als die erste Black Sabbath erscheint. Als Schüler spielt er in diversen Bands, nennt sich bald nur noch Cronos und formt bei seiner Arbeit in den eher für Folk genutzten Impulse Studios einen ehrgeizigen Plan: Eine Band, härter, skandalöser, lauter und schockierender als alles, was es davor gab. Satanischer als Black Sabbath, lauter als Motörhead (viel Glück!), mehr Pyro und Drama als KISS und mehr Leder als Judas Priest.

Kann man machen. Wie schon gesagt: Ziele braucht der Mensch. Cronos, der Mann für Gesang und Bass, meint es aber tatsächlich ernst, hat irgendwann mit Gitarrist Mantas und Drummer Abaddon eine Truppe zusammen, die als ultimative Besetzung in die Metal-Geschichte eingehen wird. Er überredet den Studiobesitzer von Impulse, seine Band zum Schmalhalstarif ein Demo aufnehmen zu lassen, dessen Lead-Track In League With Satan durchaus auf Beachtung stößt. Im Sommer 1981 nehmen Venom deswegen alles auf, was sie haben – in nur drei Tagen. Das Resultat ist Welcome To Hell, ein sagenhaft rohes und ungeschminktes Debüt, das der einem ersten Höhepunkt entgegenpreschenden NWOBHM-Manie  das Fürchten lehrt.

Türöffner für okkulten Lärm

Im Dezember 1981 schält sich Welcome To Hell aus der diabolischen Dunkelheit. Und läutet eine neue Ära ein. Die Produktion, die Attitüde und das blasphemische Image nehmen viel von dem vorweg, was sich später als Trademark in Speed, Thrash oder Black Metal etablieren wird. Insbesondere der Song Witching Hour darf als Blaupause für den extremen Metal gelten, als Türöffner in eine unheilvolle Welt des okkulten Lärms – anstrengend, gesanglich eigentlich nicht mehr feierlich, chaotisch und dennoch historisch relevanter als vieles andere. Selbst die rigorose, scheppernde Lo-Fi-Produktion und das übergroße Pentagramm auf dem Cover gehen in die Ursuppe des Black-Metal-Genres ein.

Keine Metallica ohne Venom

Das ist ja auch das seltsam Schöne an Welcome To Hell: Die Platte ist unerträglich, unstrukturiert und unausgegoren. Aber musikgeschichtlich von derart seltener Pionierleistung, dass man vor einem Großmaul wie Cronos trotzdem nur den Hut ziehen kann. Denn irgendwie hat er seine großen Pläne ja sogar wahrgemacht. Und den Metal mit pechschwarzer Farbe, Chaos und Höllenfeuer überzogen.

Für Venom war Welcome To Hell aber natürlich nur der Anfang. Insbesondere der Nachfolger Black Metal (1982) ist bis heute ein vielzitierter Einfluss unzähliger Bands und nicht zuletzt der Namensgeber dieses notorischen Genres, das in den frühen Neunzigern in Norwegen zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Mal ganz zu schweigen davon, dass es ohne Venom wahrscheinlich weder Metallica noch Slayer oder Megadeth geben würde. Und das ist ja irgendwie auch keine schöne Vorstellung.

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Popkultur

Interview mit Volbeat: „Du musst mit der Straße verheiratet sein.“

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Foto: Emma McIntyre/Getty Images

Die Pandemie hat Volbeat nicht weichgekocht. Im Gegenteil: Auf ihrem achten Album Servant Of The Mind klingen die Dänen so aggressiv und durchgreifend wie noch nie. Im Interview begibt sich Bandchef Michael Poulsen auf Ursachensuche.

 von Björn Springorum

Hier könnt ihr Servant Of The Mind von Volbeat anhören:

Vor rund 15 Jahren war die Kreuzung aus fettem Metal und Elvis eine mittelschwere Sensation. Insbesondere mit ihrer dritten Platte Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008) brillierten Volbeat mit hohem Wiedererkennungswert und einem letztlich einzigartigen Gemisch. In den letzten Jahren wurde das, vorsichtig ausgedrückt, ein kleines bisschen redundant. Für die Band offensichtlich auch: Auf Servant Of The Mind berufen sich Volbeat so ungestüm und hemmungslos auf ihre metallischen Wurzeln wie noch nie.

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Michael, mit Servants Of The Mind dürftet ihr die meisten eurer Hörer überraschen und viele erfreuen. Woher kommt denn diese neue Lust an Heavy Metal? Steckt dahinter etwa euer 20. Geburtstag, den ihr dieses Jahr feiert?

Gut möglich. Jeder ist ja immer von allem beeinflusst, was er selbst gerne hört. Doch nach all den Jahren und Alben können Volbeat sich mittlerweile auch selbst beeinflussen. Und nach 20 Jahren tun wir das auch. Es macht mir Spaß, unsere alten Sachen zu hören und weiterzuentwickeln. Doch als Musiker reifen wir ebenso wie als Menschen. Wir werden besser, wir entwickeln uns weiter, wir finden neue Werte, wir sehen Dinge anders. Irgendwann passten wir uns mit Volbeat musikalisch also eher den großen Arenen an, die wir zu spielen begonnen hatten. Und diesmal ließen wir eben einfach die Pferde mit uns durchgehen. Es waren ja eh keine Arenen in Sicht. Man hört den neuen Songs deswegen sehr deutlich an, dass wir Black Sabbath, The Cramps oder Entombed immer noch sehr gerne hören. (lacht)

„Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm.“

Kam das denn ganz natürlich? Oder war es am Ende doch geplant?

Ich fing in den frühen Neunzigern mit Death Metal an. Diese Musik ist seither in meinem Songwriting verankert. Natürlich kamen bei Volbeat von Anfang an mit Rock’n’Roll, Psychobilly oder Punk sehr viele andere Inspirationen hinzu, aber nach sieben Alben verspürte ich plötzlich wieder große Lust, etwas härter zu werden. Die harte Seite von Volbeat war immer da, sie kam in letzter Zeit nur nicht so prägnant zum Vorschein. Diesmal war es aber einfach an der Zeit. Es geschah ganz natürlich, als ich während des Lockdowns zuhause saß, keine Konzerte spielen konnte und viele alte Platten hörte. Ich konnte nur in den Proberaum gehen, also tat ich das.

Entstanden dann auch gleich neue Songs? Oder ging es nur darum, Dampf abzulassen?

Ich hatte es gar nicht vor, aber genau das passierte. Auf einmal hatte ich all diese Ideen und fing an, sie aufzunehmen. Es fühlte sich an, als würden wir noch mal ganz von vorn anfangen. Und genau dieses Gefühl brachte mich noch näher an unsere Wurzeln zurück. Ich spielte automatisch hart und aggressiv, wenn ich eine Gitarre in die Hand nahm. Und was soll ich sagen? Es machte riesigen Spaß! (lacht)

„Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.“

Klingt, als hätte es bei den Sessions zu Servant Of The Mind keine größeren Hindernisse oder Stolpersteine gegeben…

Nach drei Monaten hatten wir plötzlich 13 neue Songs fertig. Dann gingen wir zu Jacob Hansen, um sie aufzunehmen. Zweieinhalb Wochen später war die Platte im Kasten. Wir sahen uns an und fragten uns: Und was machen wir jetzt? (lacht) Wir waren uns erst unsicher, ob wir das Album auch gleich veröffentlichen sollen, weil ja immer noch niemand weiß, wie alles genau weitergeht. Es fühlte sich aber alles so gut, so frisch an, dass wir die Songs so schnell wie möglich veröffentlichen wollten. Es kam uns so vor, als wären wir wieder 17 Jahre alt und zum ersten Mal gemeinsam im Studio.

Untypisch ist für euch nicht nur diese neue Härte, sondern auch der Albumtitel Servant Of The Mind. Worum geht’s denn auf der Platte?

Es ist doch so: Wir wachen auf, kommen irgendwie durch den Tag und schlafen. Dabei sind wir eigentlich immer unseren Gedanken oder unserem Mindset ausgesetzt. Unsere Gedanken können uns an sehr dunkle Orte führen – oder sie sorgen dafür, dass es uns richtig gut geht. Diese beiden Extreme spielten in der Musik von Volbeat immer schon eine Rolle. Hat wohl mit der Dualität des Lebens zu tun.

„Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten.“

Kommen wir noch mal auf eure frühen Tage zurück: Wie hast du die Anfangszeit der Band erlebt?

Dazu reicht eigentlich eine einzige Anekdote: Als wir mal ins Studio gehen wollten und uns die Kohle fehlte, meinte unserer früherer Bassist, ihm werde schon etwas einfallen. Wir standen gerade erst im Studio, da klingelte das Telefon klingelt und seine Frau brüllte ihn an, was er mit ihren Möbeln gemacht hat. (lacht)

Und? Was hat er gemacht?

Na ja, er hat sie verkauft, um die Studiomiete zu bezahlen.

Ihr habt also immer alles für die Band gegeben?

Ja. Bei wem das nicht so war, der ist nicht mehr dabei. Volbeat ist meine Band, mein Arbeitsplatz, mein Leben. Früher fuhren wir mit Volbeat mit einem klapprigen Van durch die Gegend. Heute sehe ich bei unseren Shows 60 Leute mit Volbeat-Shirts, die für uns arbeiten. Das ist unfassbar! Ich wusste zwar immer, dass ich Musik machen möchte. Aber so etwas zu erleben, ist schwer zu beschreiben.

Dennoch braucht eine Band auch Hierarchien. Jemanden, der alles im Blick hat.

Bei Volbeat war ich von Tag eins der, der sich um alles gekümmert hat. Booking, Merchandise, ich machte sogar die Steuer für meine Bandkollegen. (lacht) So einen braucht es in jeder Band. Doch auch alle anderen müssen 150 Prozent hinter der Band stehen. Sie müssen bereit sein, eine Menge aufzugeben. Und das sind nicht viele. Manche wollen nicht monatelang auf Tour sein, manche wollen mehr Regelmäßigkeit in ihrem Leben. Aber dann funktioniert es nicht. Du musst alles opfern, deine Sicherheit, deine Freunde, deine Partner, deine Kohle. Du musst mit der Straße verheiratet sein. Anders geht es nicht.

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Zeitsprung: Am 6.12.1988 erliegt Roy Orbison einem Herzinfarkt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1988.

von Timon Menge und Christof Leim

Denkt man an Roy Orbison, sieht man vor allem eines: schwarz. Mit seinen getönten Haaren, der stets dunklen Sonnenbrille, seinem schwarzen Anzug und der schwarzen Gitarre gibt der Texaner der Melancholie eine vier Oktaven starke Stimme. Songs wie Only The Lonely, Oh, Pretty Woman oder You Got It verzaubern Hunderttausende. Doch sein Weg verläuft alles andere als geradlinig…

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Hört hier in Roy Orbisons beste Songs rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.  

Orbisons Karriere beginnt, als er 1945 im Alter von neun Jahren einen Talentwettbewerb bei einem lokalen Radiosender zu Hause in Texas gewinnt und eine wöchentliche Show im Samstagabend-Programm bekommt. Sein erster öffentlicher Auftritt mit Band lässt deutlich länger auf sich warten: 1953, also acht Jahre später, treten er und The Wink Westerners in einer High School auf. Die Schule befindet sich in seiner langjährigen Heimatstadt Wink in Texas, einem Ort, der vor allem von der Ölindustrie lebt. Die Gruppe hatte Orbison bereits im Alter von 13 Jahren gegründet. Ein Jahr nach dem Konzert schließt Orbison die Schule ab und wechselt zum North Texas State College, um Geologie zu studieren.

Der nächste Schritt ins Musikerdasein folgt 1955: Der Gitarrist und Sänger reist mit seiner Band nach Dallas, um Columbia Records den Song Ooby Dooby vorzuspielen, geschrieben von seinen Studienkollegen Wade Lee Moore und Dick Penner. Das Stück gefällt der Plattenfirma zwar, Orbison selbst stößt allerdings auf weniger Gegenliebe. Stattdessen spielen Sid King And The Five Strings den Titel ein.



Die Musiker lassen sich durch den Rückschlag nicht entmutigen, treten in zahlreichen Radiosendungen auf und benennen sich in The Teen Kings um. Am 4. März 1956 nehmen sie Ooby Dooby doch noch auf, und zwar im Studio von Norman Petty, einem der wichtigsten Rock’n’Roll-Produzenten der Zeit. Am 19. März erscheint der Song über Weldon Rogers’ Plattenfirma Je-Wel Records, doch der Vertrag muss kurz nach Erscheinen der Single annulliert werden: Orbison ist noch minderjährig und hätte ihn gar nicht unterzeichnen dürfen.



Sam Phillips, Inhaber der legendären Vinylschmiede Sun Records, interessiert das nicht. Er bietet dem jungen Musiker einen neuen Vertrag, den dieser annimmt. Phillips gilt als Schlüsselfigur der Fünfziger und entdeckt nicht nur Elvis Presley, sondern auch Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Die Gruppe nimmt Ooby Dooby ein weiteres Mal auf, am 1. Mai 1956 erscheint die Single mit der B-Seite Go Go Go. Der Titel erreicht Platz 59 der nationalen Hitparade und verkauft sich mehr als 350.000 Mal. Um das Momentum zu nutzen, geht Orbison auf eine große Tournee mit Johnny Cash, Carl Perkins, Warren Smith, Sonny Burgess und Faron Young. Die Reise führt den Tross bis nach Kanada.


Im September folgt die zweite Single: You’re My Baby, ein Stück von Johnny Cash. Auf der B-Seite findet sich Rockhouse von Orbison und Harold Jenkins alias Conway Twitty. Der Erfolg mit Sun Records bleibt hinter den Erwartungen zurück, und Orbison wechselt zu RCA Records, wo inzwischen auch Elvis Presley unter Vertrag steht. Auch dort bleibt der Durchbruch aus. Orbison veröffentlicht zwei erfolglose Singles, der Vertrag wird nicht verlängert.

Der Nachwuchskünstler betätigt sich stattdessen als Songwriter für andere Leute. So spielt er den Everly Brothers während einer Konzertpause ein Lied vor, das er für seine Frau Claudette geschrieben hat. Die Brüder mögen das Stück, das einfach Claudette heißt, und nehmen es auf. Später schreibt er den Song Down The Line, interpretiert von Jerry Lee Lewis. Auch Buddy Holly und Rick Nelson greifen auf Orbisons Material zurück.



Ab 1959 kommt allmählich Land in Sicht. Orbison unterzeichnet einen Vertrag bei Fred Fosters Plattenfirma Monument Records. Foster erkennt das Potential des jungen Musikers und liegt goldrichtig: Mit Uptown landet gleich der zweite neue Song des Texaners in den Charts, wenn auch nur auf Platz 72. Orbison nutzt die schützenden Arme des neuen Labels, um seinen balladesken Stil weiterzuentwickeln. Am 9. Mai 1960 gelingt mit Only The Lonely (Know The Way I Feel) der nationale und internationale Durchbruch. Orbisons Falsetto beeindruckt Elvis Presley so sehr, dass er die Single gleich kistenweise kauft und an Freunde verteilt. Vier Jahre lang erreicht jeder Song von Orbison die Top 40.



Eines seiner größten Markenzeichen entsteht zufällig, als Orbison 1963 mit den Beatles durch Großbritannien tourt. Der stark weitsichtige Musiker vergisst seine Brille im Flugzeug und muss aus der Not heraus mit seiner Sonnenbrille auftreten, die ebenfalls seiner Sehstärke angepasst ist. Der Look kommt gut an, so dass man ihn im weiteren Verlauf seiner Karriere nur selten ohne Sonnenbrille sieht. (Während derselben Tour erhält er übrigens auch seinen Spitznamen „The Big O“.) Seine stets dunkle Kleidung vervollständigt das Bild des schüchternen, auf Anonymität bedachten Superstars.



Am 1. August 1964 nimmt Orbison dann die erfolgreichste Single seiner Karriere auf. Oh, Pretty Woman erreicht in unzähligen Ländern der Welt Platz 1 der Charts und verkauft sich noch im ersten Jahr mehr als sieben Millionen Mal. Als Orbison 1965 mit den Rolling Stones durch Australien tourt, inspiriert der Song Mick Jagger und Keith Richards sogar dazu, ein ähnliches Intro für (I Can’t Get No) Satisfaction zu schreiben.

Roy Orbison ohne Sonnenbrille, dafür mit seiner zweiten Frau Barbara Anne Marie Wellhöner

Nach dem späten aber erfolgreichen Start seines Musikerdaseins suchen ihn ab Mitte der Sechziger mehrere Schicksalsschläge heim. 1966 stirbt seine Frau Claudette bei einem Motorradunfall, 1968 kommen zwei seiner drei Söhne bei einem Hausbrand ums Leben. Am 25. Mai 1969 heiratet Orbison seine zweite Frau Barbara Anne Marie Wellhöner, geboren in Bielefeld. Sie überlebt ihren Mann auf den Tag genau um 23 Jahre.

Auch seine Karriere gerät ins Wanken: Beatbands dominieren die Charts, Orbison unterschreibt einen neuen Plattenvertrag über eine Million US-Dollar mit MGM. Die Klangqualität von Monument Records wird nicht mehr erreicht, und auch die kompositorische Klasse leidet, weil Orbison sich vertraglich dazu verpflichtet, regelmäßig neue Songs abzuliefern. Er spielt weiter Konzerte, doch es wird ruhiger um ihn.



Ein furioses Comeback gelingt ihm Ende der Achtziger Jahre mit Mystery Girl und der Single-Auskopplung You Got It. Im November 1988 tritt er beim Diamond Awards Festival in Belgien auf und präsentiert den brandneuen Song vor laufenden Kameras. Ein Raunen geht um die Welt: Roy Orbison ist zurück, besser denn je. Auch abseits seiner Solokarriere bewegt sich etwas: Er schließt sich mit Bob Dylan, Tom Petty, George Harrison und Jeff Lynne zu den Traveling Wilburys zusammen, einer Supergroup, deren Debüt Traveling Wilburys Vol. 1 millionenfach über die Ladentheken geht.

Leider bekommt Orbison den Erfolg seines Comebacks nicht mehr vollständig mit: Bereits seit seiner Kindheit leidet er an Herzproblemen und muss sich während der Siebziger einer Bypass-Operation unterziehen. Am 6. Dezember 1988 erliegt er kurz vor Mitternacht einem Herzinfarkt. Er wird in Los Angeles beigesetzt, Mystery Girl erscheint posthum.

Bis heute zweifelt niemand am Einfluss, den Orbison auf die Musikwelt genommen hat. Dreht sich der Rock’n’Roll üblicherweise um treibende Schlagzeugbeats, verzerrte Gitarren und rebellische Texte, findet all das in der melancholischen Musik des Texaners kaum statt. Stattdessen vergleicht man ihn mit klassisch ausgebildeten Musikern, sogar mit Opernsängern. Kein Wunder: Dank seiner Stimmgewalt füllt er jeden noch so großen Saal aus.

Orbison wird nur 52 Jahre alt. „I still have some love to give“, singt er in Handle With Care von den Traveling Wilburys. Man darf gar nicht darüber nachdenken, welch tolle Songs er sicher noch geschrieben hätte.

Zeitsprung: Am 29.10.1990 erscheint „Traveling Wilburys Vol. 3“.

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