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Popkultur

Zeitsprung: Am 25.7.1980 setzen sich AC/DC mit „Back In Black“ ein Denkmal.

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AC/DC "Back In Black" Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 25.7.1980.

von Christof Leim

Von der Tragödie zum Triumph: Mit Back In Black setzen sich AC/DC am 25. Juli 1980 ein Denkmal und steigen zur einer der größten Rockbands der Welt auf. Nur wenige Monate zuvor hatten sie ihren Sänger Bon Scott verloren, mit seinem Nachfolger Brian Johnson erschaffen sie das meistverkaufte Hard-Rock-Werk aller Zeiten. Wir finden: Das Album sollten Kinder schon in der Schule hören. Hier gibt es die Geschichten dazu.

Hier gibt es Back In Black in voller Länge. Laut machen.

Der große Sprung steht im Frühjahr 1980 kurz bevor: Mit gnadenlos unablässigem Touren, vollem Fokus auf die reine Rock’n’Roll-Lehre und einem Knaller namens Highway To Hell haben sich AC/DC in Startposition gebracht für den großen Durchbruch. Zum ersten Mal konnten sie den wichtigen US-Markt knacken, Europa hat da schon längst angebissen. Das nächste Album soll es bringen. Doch dann schlägt das Schicksal zu: Sänger Bon Scott, charismatischer Straßenpoet und Blaupause des wilden Frontmanns, stirbt in der Nacht des 19. Februar an seinem ungesunden Lebenswandel. (Die ganze Geschichte dazu gibt es hier.)

Trauerbewältigung mit Gitarren

Der Rest der Band ist geschockt. Die vier Mittzwanziger denken ans Aufhören, doch sie treffen rasch eine Entscheidung: Es muss weitergehen. Nicht nur hätte ihr verstorbener Mitstreiter das so gewollt, auch Bons Vater gibt bei der Beerdigung Bandchef Malcolm Young seinen Segen. Doch die Trauer sitzt tief. Malcolm und sein Bruder Angus gehen damit um, wie sie es am besten können: Sie schreiben Songs, als Therapie. Schon am 3. März treffen sie sich in einem Proberaum in London, wo die Band damals residiert.

„Der Neue“ gibt Vollgas. Brian Johnson live 1980 – Foto: Fin Costello/Redferns

Schnell widmen sie sich auch der schwierigen Aufgabe, einen neuen Sänger zu finden. Die Wahl fällt auf den 32-jährigen Brian Johnson aus Newcastle. (Seine Geschichte findet ihr hier.) Man kann es schicksalhafte Fügung nennen, einen Glückstreffer vielleicht: denn das passt. Dabei hatte Brian als Ex-Vokalist von Geordie mit seiner Musikkarriere schon abgeschlossen und wollte gar nicht erst zum Vorsingen nach London fahren. Weil ihm aber noch ein lukrativer Werbejingle für einen Staubsauger (!) angeboten wird, macht er sich auf den Weg. Natürlich ist er nervös, Malcolm drückt ihm erstmal ein Bier in die Hand, dann spielen sie Nutbush City Limits von Ike & Tina Turner. Beim folgenden Whole Lotta Rosie ist die Sache dann klar. Brian Johnson wird Anfang April der neue Sänger von AC/DC. Und damit geht ein grandioses Comeback der Rock’n’Roll-Historie los…

Karibik statt England im Regen

AC/DC machen sich umgehend an die Arbeit für die nächste Platte, im vollen Bewusstsein, dass das Ding über ihre Karriere entscheiden wird. „Wir waren alle ein bisschen nervös“, sagt Angus später dem Rolling Stone. Aus den drei Wochen, die in London geprobt werden soll, wird eine, weil das Compass Point Studio auf den Bahamas freie Termine hat. Und so bekommt der eben noch völlig abgebrannte Brian Johnson, der als Automechaniker arbeitet, ein Flugticket in die Karibik überreicht.

Nun sieht es auf der Insel schon ein wenig anders aus als in England. Das liegt nicht nur an Sonne statt Regen, Pina Colada statt Brown Ale: Die Musiker werden von Tropenstürmen begrüßt, die zudem Probleme mit der Elektrik verursachen, aber immerhin später für eine wichtige Inspiration sorgen. Außerdem hängt das Equipment im Zoll fest. Dass ab und zu mal Krabben über den Studioboden kriechen, fällt da kaum noch ins Gewicht. „Wir wohnten in kleinen Zimmern, durchaus gemütlich, mit einem Bett und einem Stuhl“, erinnert sich Brian später. „Eine alte Dame hat den Laden mit eiserner Hand geführt – und uns eingeschärft, nachts abzuschließen, damit wir nicht ausgeraubt werden. Sie hat uns sogar lange Fischerspeere gegeben, die sollten wir an der Tür bereitstellen. Das war schon was anderes als Newcastle, das kann ich euch sagen…“

Donnernde Inspiration

Sieben Wochen arbeitet das Quintett mit Produzent Robert John „Mutt“ Lange, der bereits auf Highway To Hell das Kunststück fertig gebracht hatte, den AC/DC-Sound aufzuräumen, zu sortieren und noch unwiderstehlicher zu machen, ohne die Durchschlagskraft zu schmälern oder den Charakter der Band zu verändern. Später sollte er das noch äußerst erfolgreich mit unter anderem Foreigner, Def Leppard und Shania Twain schaffen.

Die Lieder entstehen, wie sie bei AC/DC immer entstehen: Malcolm und Angus schmeißen die Riffs zusammen, Cliff Williams und Phil Rudd steuern den Groove bei, danach kommen Melodie und Text. Deshalb fühlt der Neue während der Produktion einen nicht unbeträchtlichem Druck: Er muss die Worte zu den Songs schreiben, oft nur mit einem Titel als Anhaltspunkt. Hier helfen die anfänglichen Wetterbedingungen: Als Brian zu einer Titelidee von Angus namens Hells Bells nach der richtigen Eingebung sucht, donnert es am Himmel, und es schüttet wie aus Eimern. So entsteht die erste Zeile „I’m rolling thunder, pouring rain“, der Rest fließt dann wie von selbst auf das Papier.

Trauern ohne zu trauern

Offiziell enthält Back In Black keine Verse oder Melodien von Bon Scott, denn so weit war das Songwriting zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht. Der Verstorbene hatte lediglich auf zwei Nummern im Proberaum getrommelt. Die Notizbücher, in denen Bon ständig Ideen und kurze lyrische Fragmente festhielt, gingen zurück an seine Familie. Natürlich kursieren Theorien: die Notizen seien verschwunden, heißt es, manche Zeilen habe Bon schon vorher Freunden gezeigt, außerdem sei die Lyrik in ihrer anzüglichen Lausbubenhaftigkeit typisch für Bon Scott und so weiter. Das Geheimnis bleibt.

Von seinen neuen Kollegen erhält Brian den Marschbefehl: Eine gute Rockplatte in Angedenken an Bon soll es werden, aber auf gar keinen Fall mit Drama und Geheule, nicht morbide, sondern eine Feier des Lebens. „Kein Druck also“, lacht Johnson später. Der Produzent nimmt den Neuen hart ran; ständig muss der Sänger seine Takes wiederholen, bis wirklich jedes Detail bis hin zu den Atempausen stimmt. „Manche der Noten zu treffen, war eine echte Herausforderung“, kommentiert Toningenieur Tony Platt in den Folgejahren. „Er und Bon singen sehr unterschiedlich. Bons Stimme war sehr eigen und verschroben, die von Brian pure Kraft.“

Musik für nachts an der Bar

Mutt Lange verpasst der Platte einen natürlichen, runden, warmen und kräftigen Sound, der auch heute noch kein Stück alt, sondern zeitlos-klassisch klingt. Den Mix übernehmen Malcolm, Mutt und Tony in den Electric Lady Studios in New York City. Zehn Stücke finden sich auf Back In Black, mindestens drei zählen zum höchsten Kanon der Monumentalklassiker der Rockgeschichte. Und alle zehn sind sie großartig. Wie sprechgesangte Kid Rock schon, als er noch cool war: „Put AC/DC on, from Hells Bells to the next nine songs“.

So sieht eine AC/DC-Hitsingle in Japan aus.

Inhaltlich hält sich Johnson an die klassische Rock’n’Roll-Schule, liefert also kleine und große Wahrheiten zu Sex, Feierei und Lotterleben, mit glasklaren Doppeldeutigkeiten, aber ohne unnötige Belastung durch intellektuellen Feingeist. Das Billboard-Magazin fasst das hervorragend zusammen: „Die Hälfte der Songtitel auf Back In Black würde großartige Tattoo-Slogans abgeben, die andere Hälfte besteht aus Dingen, die man nachts um zwei irgendwem in einer Bar sagt.“

Lausbübischer Schweinkram

In Hells Bells kokettiert Brian nach unheilverkündenden Glockengeläut mit dem Leibhaftigen, hinter Shoot To Thrill steckt angeblich ein Zeitungsbericht über eine Welle des Beruhigungsmittelkonsums unter Hausfrauen in Londoner Vororten, in What Do You Do For Money Honey beschreibt er einen „gold digger“, eine freizügige Dame mit starkem Verdienstwunsch. Bei Given The Dog A Bone geht es ganz sicher nicht um die richtige Pflege und Fütterung vierbeiniger Haustiere; die Zeile „she’s using her head again“ soll hier als Hinweis reichen. Mit Let Me Put My Love Into You schaffen es AC/DC sogar auf die Liste der „schmutzigen Fünfzehn“, also der Songs, die die Vereinigung PMRC Mitte der Achtziger gerne indizieren lassen möchte. Nein, schöngeistig ist hier nichts. Satanseidank.

Die härteste Nuss hat Brian mit dem Titelstück zu knacken: Back In Black gedenkt Bon Scott ohne Trauer und Melancholie, sondern zelebriert dessen wilde Persönlichkeit und das Leben an und für sich. Schade nur, dass Bon seine „nine lives, cat’s eyes“ zu schnell aufgebraucht hat. Mit You Shook Me All Night Long liefern AC/DC einen der größten, besten, tollsten Gute-Laune-Rocksongs aller Zeiten mit einem klassischen Thema: Schweinkram die ganze Nacht. Wer hier nicht grinsen und kopfnicken muss, ist bei dieser Musik falsch. Have A Drink On Me hingegen verwundert, schließlich wurde (mindestens) die Sauferei Bon zum Verhängnis. Doch man sollte das eher so sehen: Auf ihre Art prosten AC/DC dem ehemaligen Fronthelden zu. Der hätte gut den Charakter in Shake A Leg verkörpern können: es gibt Ärger, anpassen ist nicht, und Party will gemacht werden. Die letzte Nummer Rock And Roll Ain’t Noise Pollution, die Angus und Malcolm der Sage nach in nur einer Viertelstunde zusammentackern, weil noch Material fehlt, fasst das Credo unserer Helden zusammen: „Rock’n’Roll will never die“, heißt es da, die letzte Zeile lautet „Rock’n’Roll… is just Rock’n’Roll“. Irgendwie auch wieder wahr.

Die deutsche Single zu „Rock And Roll Ain’t Noise Pollution“.

Superlative

Mit dem komplett schwarzen Cover, erneut ein indirekter Tribut an Bon, zeigt sich die Plattenfirma so gar nicht einverstanden, aber die Chefs bleiben wie üblich stur und lassen sich nur zu einer dünnen grauen Linie um das Bandlogo überreden. Sechs Videos werden im niederländischen Breda gedreht, aber die meisten erscheinen erst 2005 auf der DVD Family Jewels. Am 25. Juli 1980 erscheint Back In Black schließlich in Nordamerika, Europa folgt am 31. Juli. Nur fünf Monate nach Bon Scotts unglücklichem Ableben sind AC/DC zurück. Back In Black geht sofort weg wie nix Gutes und rauscht ohne Umschweife auf Platz eins der britischen Charts, in Deutschland steht die Platte schließlich auf Rang drei, in den USA auf Nummer vier. Dort bleibt sie über fünf Monate konstant in den Top Ten und verlässt erst nach 131 Wochen die Hitparade. Das veranlasst die US-Plattenfirma absurderweise, das dort bisher unveröffentlichte Dirty Deeds Done Dirt Cheap von 1976 rauszubringen – mit Bon am Gesang.

Back In Black entwickelt sich zu einem unfassbaren Erfolg: In der Liste der meistverkauften Alben aller Zeiten weltweit kommt lediglich (!) Thriller von Michael Jackson davor. In den USA können ansonsten nur noch die Eagles dagegen anstinken. Back In Black steht in mehr Plattensammlungen als Led Zeppelin IV, Dark Side Of The Moon, das White Album, Hysteria, Slippery When Wet, Bat Out Of Hell, Rumours, Hybrid Theory oder die schwarze Metallica. Das Werk ist damit das erfolgreichste Hard-Rock-Album des Planeten mit geschätzten 50 Millionen Einheiten auf dem Zähler. Kurz gesagt: Back In Black ist ein Monster. Aus der Tragödie wird ein gewaltiger Triumph, und AC/DC haben nicht nur ihre Band gerettet und den Durchbruch geschafft – sie sind auf dem Rock-Olymp angekommen.

Zeitsprung: Am 29.6.1980 singt Brian Johnson seine erste Show mit AC/DC.

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