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Popkultur

„Candle In The Wind“: Elton Johns gefühlvolles Meisterwerk und die meistverkaufte Single aller Zeiten

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Elton John
Foto: Anwar Hussein/WireImage/GettyImages

Unter den vielen, vielen Songklassikern, die Elton John im Verlauf seiner langen Karriere komponiert und aufgenommen hat, ist Candle In The Wind zweifelsohne der größte: Die gefühlvolle Ballade überstrahlt alles, strahlt zu jeder Jahreszeit, strahlt auch Jahrzehnte später wie am ersten Tag. Kaum zu glauben, dass es der Titel nach der Erstveröffentlichung zunächst nicht einmal in die Top 10 der US- und UK-Charts geschafft hatte.

von Paul Sexton

Während die zeitlose Melodie aus der Feder von Elton John stammt, war wie immer Texterkollege Bernie Taupin für die Lyrics verantwortlich: Es geht um Ruhm und um den Preis, den man dafür zahlen muss. Aber auch darum, welche Faszination von all jenen ausgeht, die zu früh von uns gehen. Sein Text über die Vereinnahmung von Idolen war ursprünglich von Marilyn Monroe inspiriert, die schon 1962 im Alter von 36 Jahren starb. Obwohl Bernie Taupin damals selbst „noch ein kleiner Bengel“ von gerade mal zwölf Jahren war und Elton auch erst 15, war es ihr Tod, der gut zehn Jahre später als Inspirationsquelle für Candle In The Wind dienen sollte.

„Was für eine grandiose Art, das Leben eines Menschen zu beschreiben.“

„Ich fand diese Zeile schon immer wahnsinnig gut“, sagte Taupin später über den Songtitel. „Solschenizyn hatte ein Buch mit dem Titel Candle In The Wind geschrieben.“ Hierzulande vier Jahre später als Kerze im Wind erhältlich, handelte es sich bei dem 1973 veröffentlichten Werk um ein „semiautobiografisches Ideendrama“. „Und Clive Davis [in jenen Tagen der Präsident von Columbia Records] hatte diese Worte ebenfalls benutzt, um Janis Joplin zu beschreiben… irgendwie begegnete ich dieser Formulierung also an jeder Ecke. Ich dachte mir nur: Was für eine grandiose Art, das Leben eines Menschen zu beschreiben.“


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Getragen werden seine besinnlichen Zeilen von Eltons Stimme und seinem Klavierspiel, wobei die Gitarre von Davey Johnstone für das zeitlose Riff verantwortlich ist. Dazu holten sie, wie so oft, den Bassisten Dee Murray und Schlagzeuger Nigel Olsson dazu. „Ich würde einen Song wie Candle In The Wind immer bevorzugen“, sagte Olsson 1975 gegenüber dem Melody Maker, „weil man ja beim Rock & Roll doch immer nur denselben Beat spielen muss. Bei so einer Ballade passiert einfach viel mehr.“

 „Ich brauche eigentlich sehr viel Ruhe zum Schreiben“

Die Aufnahme fand im Frühjahr 1973 im Château D’Hérouville in Frankreich während jener Sessions statt, aus denen schließlich das epische, im Oktober des Jahres veröffentlichte Doppelalbum Goodbye Yellow Brick Road hervorgehen sollte. „Ich brauche eigentlich sehr viel Ruhe zum Schreiben, und meistens lasse ich es sogar ganz bleiben, wenn ich nicht alleine bin“, erzählte Elton den Reportern von Mojo im Jahr 1997. „Aber in diesem Fall passierte alles vor den Augen der Band. Im Château hatten sie alles im Frühstückszimmer aufgebaut. Ich saß in der anderen Ecke des Raums am E-Piano – und so nahm das Album dann nach und nach konkrete Formen an.“

Die daraus resultierende LP vereinte 17 Songs. Insgesamt war die Kollektion dermaßen hochkarätig, dass Candle In The Wind in den Staaten zunächst nicht einmal als Single erscheinen sollte. Stattdessen erschien Bennie And The Jets als dritte Auskopplung – natürlich auch ein inzwischen legendärer Hit. Im Rest der Welt jedoch war Candle In The Wind die nächste Single: Am 4. Februar 1974 veröffentlicht, kletterte der Song in Großbritannien sehr schnell von Platz 28 auf Platz 11, knackte aber nicht mal die Top 10, weil die Konkurrenz – unter anderem Rebel Rebel von David Bowie und Jet von Paul McCartney and Wings – in jenen Tagen sehr stark war.

Auf der Bühne – und als Coversong

Sobald Elton dann die Tour zu Goodbye Yellow Brick Road antrat, gehörte Candle In The Wind zu seinem Live-Repertoire. Viele hundert Mal hat er den Song seither live gespielt, und auch bei der im September 2018 eröffneten und groß angelegten Farewell Yellow Brick Road-Tour durfte dieser Klassiker natürlich nicht fehlen. In den USA wurde das Stück denn auch erst als Live-Version zur Single: Die minimalistische Version vom 1987 veröffentlichten Album Live In Australia schlug ein wie eine Bombe – Platz 6 in den US-Hot-100 und Top 5 in UK: Für Elton der erste Top-10-Titel seit Nikita (1985)!

Zwar ist die Zahl der Coverversionen kaum noch zu überblicken, doch es gibt zwei besonders erwähnenswerte Interpretationen: Zunächst wäre da die Aufnahme von Sandy Denny, zuvor Sängerin von Fairport Convention, die Candle In The Wind für ihr im Mai 1977 erschienenes Soloalbum Rendezvous aufnahm. Und als Kate Bush im Jahr 1991 den Song Rocket Man für das Tribute-Album Two Rooms: Celebrating The Songs Of Elton John And Bernie Taupin einsang, fertigte sie obendrein noch eine Version von Candle In The Wind an, die jedoch nicht auf das Album kam, sondern bloß als B-Seite fungierte.

Candle In The Wind 1997: „Goodbye England’s rose

Die Umstände, die noch eine weitere Neuinterpretation von Candle In The Wind zur meistverkauften Single überhaupt machen sollten, hätten tragischer nicht sein können: Am 31. August 1997 kam Eltons gute Freundin Prinzessin Diana ums Leben. Als die ganze Welt kollektiv unter Schock stand und versuchte, diese Nachricht zu verarbeiten, setzten er und Taupin ein wichtiges Zeichen: Sie schrieben das Stück um und widmeten es ihr…

Goodbye England’s rose…“, hieß es im überarbeiteten Text der Single, für deren Produktion sich Sir George Martin verantwortlich zeichnete. In den Londoner Townhouse Studios mit einem Streicherquartett und Holzbläsern aufgenommen, kam der Titel am 13. September 1997 unter dem Titel Candle In The Wind 1997 in den Handel – zwei Wochen nach dem Tod von Lady Di. Live sang Elton diese Version nur ein einziges Mal: Zu ihrer Beerdigung, die schon am 6. September stattgefunden hatte.

„Mir wäre es viel lieber, den Leuten als Autor von Candle In The Wind in Erinnerung zu bleiben.“

„Es war eine wahnsinnig tragische Zeit. Die gesamte Welt war betroffen, und England am stärksten“, sagte der Producer gegenüber dem Autor diese Zeilen schon im Jahr danach. „Ich hatte das Glück, dass Elton auf mich zukam für diese Aufnahme. Es sollte meine letzte Nummer-1-Single sein – wahrscheinlich war’s überhaupt meine letzte Single. Kein schlechter Schlusspunkt, wie ich finde.“

Die Reaktionen, die Eltons Neuaufnahme von Candle In The Wind auslöste, waren genauso umwerfend wie die Zahlen: In der ersten Verkaufswoche ging die Single allein in den USA 3,5 Millionen Mal über den Tresen, in Großbritannien 1,5 Millionen Mal. Auch in Deutschland ein mehrfacher Millionen-Seller, war sie hinterher offiziell die meistverkaufte CD aller Zeiten. Während sie in Großbritannien fünf Wochen die Top-Position belegte, hielt sich die Single in Kanada ganze 45 Wochen an der Spitze. Insgesamt hat sie sich Schätzungen zufolge mehr als 35 Millionen Mal verkauft. Dabei gingen sämtliche Erlöse an den Diana Princess of Wales Memorial Fund.

„Ich möchte auch gar nicht, dass man meinen Namen primär mit Songs wie Crocodile Rock verbindet“, sagte Taupin 1989. „Mir wäre es viel lieber, den Leuten als Autor von Candle In The Wind oder Empty Garden in Erinnerung zu bleiben – Songs, die eine Botschaft transportieren. Nun ja, eigentlich müssen sie noch nicht mal eine konkrete Botschaft transportieren, solange sie ein Gefühl zum Ausdruck bringen.“

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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