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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.8.1960 wird Public-Enemy-Rapper Chuck D. geboren.

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Foto: Frank Hoensch/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.8.1960.

von Peter Hesse und Christof Leim

Mit ihren Texten machen Public Enemy auf jede Art von sozialen Problemen, Klassenkampf und Ungerechtigkeiten aufmerksam. Rap funktioniert wie ein Nachrichtenkanal für das unterprivilegierte Amerika – so erklärt der Sänger und Rap-Aktivist Chuck D die Idee des Hip-Hop-Genres. Am 1. August feiert der große Vordenker von Public Enemy Geburtstag.

Hier gibt es den Public-Enemy-Klassiker It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back zur Untermalung der Lektüre: 

Mit dem Namen Carlton Douglas Ridenhour kommt Chuck D. im New Yorker Stadtteil Queens zur Welt. Im Alter von 17 Jahren beginnt er, seine Gedanken zu einer Form von „Street Poetry“ in Reimversen aufzuschreiben. Er will dabei eine klare Haltung mit politischem Gedankengut kreuzen. „Berry Gordy ist der Gründer von Motown Records und einer meiner großen Helden“, erklärt Chuck D. „Er sagte mal, dass die Vernunft in jeder Situation wie ein Sinnstifter handeln muss. Allerdings sollte jeder der Beteiligten auch eine gleichberechtigte Stimme haben – damit es fair bleibt. Und die Rahmenbedingungen sollten für jeden klar verständlich sein.“ 

Frühe Jahre an der Universität

Chuck kommt als Heranwachsender auf die W. Tresper Clarke High School und besucht anschließend die Adelphi University auf Long Island, wo er Grafikdesign studiert und 1984 den Bachelor-Abschluss erhält. Später, im Jahr 2013, verleiht ihm seine Alma Mater eine Ehrendoktorwürde. Während des Studiums wird Chuck Co-Moderator der Hip-Hop-Radio-Sendung Super Spectrum Mix Hour, in seiner Freizeit entwirft er Flyer für lokale Hip-Hop-Veranstaltungen und zeichnet einen Cartoon namens Tales of the Skind für die Unizeitung The Delphian

Mit Flavor Flav, den Chuck D an der Universität kennenlernt, und Hank Shocklee als drittem Mann im Bunde entsteht 1985 die Formation Public Enemy. Später stoßen Professor Griff, Terminator X und ihre künstlerische Security-Gang, die Söldnertruppe S1W (“Security of the First World”) dazu. S1W ist dabei eine Tänzer-Crew in Militärkleidung, die das politische Wesen der Band mit ausgefeilten Choreografien unterstreicht. Über die frühen Tage der Band sagt Chuck D.: „Meine Aufgabe war es, musikalische Entsprechungen zu den Texten zu finden. Ein Sound, ein Image oder ein lyrischer Gedankengang musste in die gesamte Mischung passen, das war nicht immer ganz einfach.“ 

Diese wild agierende Crew speist ihre Identität aus unterschiedlichen Charakteren, eine Vielzahl an Einflüssen formt ihr Konzept, aus dem Spannungsfeld zwischen Party und politischer Attitüde spinnen sie ihre Vision. Sie nehmen soziale Verantwortung ernst und sorgen mit intellektuellen Slogans und einem spektakulären Bühnenbild für Präsenz. „In meiner Wahrnehmung“, erklärt Chuck D., „sollte Hip Hop ein intelligentes Programm sein, das Kultur, Musik und unterschiedliche soziokulturelle Stimmungen zu einer klaren Geisteshaltung vereint.“

Rick Rubin wird nach dem ersten Demo hellhörig

Mit viel Rückenwind arbeitet die Crew an ihrer Musik. Ihr erstes Demotape Public Enemy No. 1 läuft in einer Radioshow noch unter den Pseudonym Chuckie D. Es gerät kurz darauf in die Hände von Rick Rubin, dem legendären Def-Jam-Mitgründer. Er nimmt die Musiker unter Vertrag, das Debütalbum Yo! Bum Rush The Show erscheint im Jahr 1987 auf seinem Label. In der Hip-Hop-Welt erntet es bereits Lobeshymnen, doch der Durchbruch gelingt erst mit dem zweiten Album It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back, welches im Jahr 1988 mit Klassikern wie Rebel Without A Pause und She Watch Channel Zero den Sound der Band definiert und zudem mit Tracks wie Don’t Believe The Hype das Genre explodieren lässt. Denn plötzlich interessieren sich auch Metalheads, Grunge-Kids, Indie-Freaks und viele Musikfans aus anderen Lagern für die Hip-Hop-Band.

Das machte sich auch in kommerziellen Belangen bemerkbar, denn It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back gilt ein paar Monate nach Veröffentlichung als meistverkaufte Hip-Hop-Platte der Welt und erreicht innerhalb von wenigen Wochen in den USA Goldstatus für 500.000 verkaufte Einheiten. Das Album wird zudem in der Liste des Rolling Stone über die 500 besten Alben aller Zeiten auf Platz 48 geführt, sogar Kurt Cobain, der ehemalige Hauptsongwriter von Nirvana, nennt It Takes a Nation of Millions To Hold Us Back als eine seiner Lieblingsscheiben. Den Song Bring The Noise werden Public Enemy 1991 nochmal gemeinsam mit der Metal-Band Anthrax einspielen, was dann auf dem Album Apocalypse 91… The Enemy Strikes Black veröffentlicht wird – und sich so zu einem wichtigen Meilenstein für das Crossover-Genre Anfang der Neunziger entwickelt. Anthrax veröffentlichen die Nummer auf Attack Of The Killer B’s, die Bands gehen sogar gemeinsam auf Tour.

Starke Veröffentlichungen

Auch mit den Platten Fear Of A Black Planet (1990) und Apocalypse 91…The Enemy Strikes Black (1991) nutzt die Rap-Crew ihre Musik, um die Öffentlichkeit mit der Realität der Ghettos sowie dem dazugehörenden Rassismus, der Armut und der Ausbeutung der afroamerikanischen US-Bevölkerung zu konfrontieren. „Es ist Musik. Es ist eine Kultur. Es nährt die Seele“, erklärt Chuck D. prophetisch zur musikalischen Ausrichtung seines Kollektivs. Und mit einem Track wie By the Time I Get To Arizona unterstreichen die Musiker ihre Haltung.

Der Boom der frühen Jahre versandet

Im Lauf der Jahre setzen jedoch Abnutzungserscheinungen ein. Das 1994 erschienene Album Muse Sick-n-Hour Mess Age kann in den USA noch eine Goldauszeichnung einfahren und landet nicht mehr in den Top-Ten der Charts. Erstmals gibt es schlechte Kritiken für ein Werk von Public Enemy. Zwar kommt die Single Give It Up mit soulbetontem Groove bei der Allgemeinheit noch ganz gut weg, doch nach langen Tourneen wirkt die Band ziemlich kreativ ausgebrannt. Wenig Hits und zu viel durchschnittliches Material überwiegen auf dieser Platte. „Wir mussten uns neu definieren, aber keiner von uns hatte einen Plan, wie das gehen soll“, zieht Chuck D. ein Resümee. „Wir steckten in einer Einbahnstraße fest.“

Spätes Comeback

In den nächsten Jahren wird es musikalisch immer stiller um die Rap-Crew, gleichzeitig nehmen die Probleme zu. 1999 trennen sich Public Enemy von Def Jam, und die Band veröffentlicht künftig ihre Alben auf einem eigenen Label Slamjamz. Zudem verlässt Terminator X, der DJ der Gruppe, das Mutterschiff und eröffnet eine Straußenfarm in South Carolina. Doch nach vielen Jahren der musikalischen Mittelmäßigkeit gelingt noch mal ein großer Wurf. Im Mai 2016 entwickelt Chuck D. zusammen mit Tom Morello und Tim Commerford von Rage Against the Machine, sowie Wilk B-Real von Cypress Hill die Allstar-Crew Prophets Of Rage. Mit Songs wie Living On The 110 oder Unfuck The World schreibt Chuck D. noch einmal Texte, die den Status der USA zwischen Alltagsrassismus und Armut pointiert zusammenfassen.  

Im Jahr 2020 sind auch die Uhren von Public Enemy auch wieder auf scharf geschaltet. Das unverzeihliche Agieren von Donald Trump innerhalb der Coronavirus-Pandemie und die Proteste nach der Ermordung von George Floyd sorgt für wütende Proteste auf der Straße. Gegenüber dem NME sagt Chuck D. zur aktuellen politischen Lage in seinem Heimatland: „Die Verantwortlichen können mittlerweile alles tun, was sie wollen – niemand überprüft sie. Für mich ist Donald Trump ein weltfremdes Alien. Ein gesellschaftlicher Wendepunkt ist erreicht, die Leute sind damit fertig, dass die staatliche Autorität durch irgendwelche machtsüchtigen Arschlöcher repräsentiert wird – wir müssen einen neuen Weg für mehr Demokratie finden.“ Chuck D. hat daher zusammen mit DJ Premier von Gang Starr im Frühsommer 2020 den Song State Of The Union (STFU) aufgenommen, um dem großen machtpolitischen Chaos der USA ein musikalisches Gesicht zu geben.    

Möge der große Mann des Hip Hop zukünftig noch viel Kraft und Kreativität haben, um der Realität ein pointiertes und musikalisch wertvolles Spiegelbild zu verpassen. Heute wünschen wir Chuck D. zu seinem Geburtstag nur das Allerbeste! 

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