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Popkultur

Guitar Gods – Heilige an sechs Saiten

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Seit den Anfangstagen der Rock-Ära gab es immer Gitarristen, die ganze Generationen dazu inspirierten, es ihnen nachzutun. Aber unter den zahlreichen Aposteln, finden sich nur wenige Auserwählte, denen der Status eines Gitarrengottes zukommt. Wer sind sie und was macht sie so besonders?

Der Gitarre wohnt eine ganz eigene Magie inne. Sie ist mit keinem anderen Instrument vergleichbar. Das zeigt sich daran, wie wir uns mit unseren Helden verbunden fühlen und wie wir über sie reden. Da können andere virtuose Musiker meist nicht mithalten. Diese gottgleichen Figuren bringen die Gitarre zum Singen und zum Weinen, und besonders der elektrischen Gitarre entlocken sie dank einer Kombination aus bestimmten Instrumenten, Verstärkern und Signalprozessoren charakteristische Sounds… aber vor allem ist es ihr Talent, das sie von der Masse abhebt.

Zuerst gab es Chuck Berry mit seinen unverwechselbaren Licks, die Gitarristen weltweit beeinflussten. Dann kamen Eric Clapton und Jimi Hendrix – beide stark inspiriert von einer Gruppe von Bluesmusikern. Aber was ist mit den vielen anderen, die die Grenzen von dem, was eine elektrische Gitarre leisten kann, sprengten?

 

Gitarre Guns N RosesWenn man sich einen Gitarrengott backen könnte, hätte der wahrscheinlich große Ähnlichkeit mit Slash: tiefhängende Les Paul-Gitarre, Zigarette im Mundwinkel, Lederhose und sein Markenzeichen, der Zylinder – Slashs Gitarrenspiel trug maßgeblich zum Durchbruch von Guns N’ Roses bei. Zu einer Zeit, als zahllose schlechte Van Halen-Klone auf den Markt schwemmten, schwamm Slash mit seinem gleichzeitig rauhen und melodischen Stil gegen den Strom. Er orientierte sich an klassischen Rockgitarristen wie Hendrix, Keith Richards und Joe Perry von Aerosmith. Vielleicht ist aufgrund seiner englischen Herkunft auch ein wenig von Paul Kossoffs DNA in seinem Stil (der Gitarrist der Band Free, der viel zu früh verstarb und so viele nach ihm beeinflusste). Slashs Einfluss war so groß, dass Gibson ab 1987 einen Anstieg der Nachfrage nach Les Paul-Gitarren verzeichnete. Das ist ironisch, wenn man bedenkt, dass seine ursprüngliche, auf Appetite For Destruction verwendete Gitarre eine Kopie war.

Die Hits von Guns N’ Roses erzählen alles, was man über Slashs Gitarrenspiel wissen muss: das epische Intro von ‘Sweet Child Of Mine’, das Wah Wah-Solo, der unglaublich schnelle Lauf am Ende von ‘Paradise City’, die harten Riffs von ‘Welcome To The Jungle’, das Slide Guitar Solo, und nicht zu vergessen die gigantischen melodischen Bends und Sustains des ‘November Rain’-Solos. Auch auf anderen Tracks auf diversen Alben gibt es großartige Momente; das Talkbox-Solo auf ‘Anything Goes’ auf ihrem Debütalbum und die unterschiedlichen Melodien auf ‘Estranged’, insbesondere das Hauptsolo in der Mitte dieses neunminütigen Werks auf Use Your Illusion II.

Wenn Ihr Extreme nur von ihrer Akustikballade ‘More Than Words’ kennt, dann seid Ihr Euch der beeindruckenden Virtuosität von Nuno Bettencourt womöglich nicht bewusst. Er hat bei Eddie Van Halen gelernt, ist aber so unglaublich gut, dass man ihm nie vorwerfen konnte, er würde ihn nur kopieren. Nuno kann einige fast unwirkliche Dinge auf der Gitarre spielen und ist dabei immer melodisch.

Ihr erster großer Hit (in Großbritannien, nicht zu Hause in den USA) war ‘Get The Funk Out’ von ihrem zweiten Album Pornograffitti. Das Solo auf diesem Song zeigt so gut wie alles, was Nuno zu bieten hat – superschnelles Picking und die zweihändige Tappingtechnik, die durch Van Halen bekannt geworden war. Das verblüffende Timing seines Phrasings zeigt, dass er wirklich die komplette Kontrolle hat. Sogar die atemberaubend schnellen und komplexen Funkrhythmen von Extremes Musik gaben Nuno eine wunderbare Plattform, auf der er sich musikalisch austoben konnte. Wenn Ihr mal etwas Anderes hören wollt, dann versucht es mal mit dem Acoustic-Instrumental ‘Midnight Express’ von ihrem vierten Album Waiting For The Punchline.

 

Progrock-Fans feiern ihre Virtuosen. Oftmals sind das Keyboarder wie Rick Wakeman. Aber kaum einer wurde so bewundert wie der Gitarrist Alex Lifeson von der kanadischen Band Rush. Er war besonders bekannt für seinen effektreichen Sound, den er extrem effizient einsetzte und so satte Klanglandschaften und den vollen Sound für das Trio schuf. Ein anschauliches Beispiel dafür ist ‘Kid Gloves’ von Grace Under Pressure: Die Kombination spitzer rhythmischer Akkorde mit synkopierten Arpeggios (Akkorde, die in einzeln gespielte Noten aufgebrochen werden) und Chorus- und Delay-Effekte ergibt den Sound von Rush. Das Solo ist eine Erweiterung davon. Es beginnt mit einem kantigen, rhythmischen Phrasing, das den Song weiterführt, zu einem Höhepunkt aufbaut und dann nahtlos wieder in das Riff übergeht. ‘Closer To The Heart’ von A Farewell To Kings demonstriert seine melodischere Seite im Solo. Es knüpft dort an, wo der Gesang aufhört, und die Harmonie-Gitarre wirkt geplant und komponiert.

GitarreAndy Summers ist stilistisch nicht allzuweit entfernt und bewegt sich ebenfalls in dem klanglichen Rahmen eines Trios. Seinen Beitrag zu The Police kann man kaum hoch genug einschätzen. Die Songklassiker wie ‘Message In A Bottle’ und ‘Every Breath You Take’ stammten zwar von Sting, aber erst durch Summers Gitarre, wurden sie prägend für die Karriere der Band. Auch wenn man sich die Gitarren ohne den Gesang anhört, weiß man immer noch ganz genau, um welchen Song es sich handelt. Ein Gitarrengott, der nicht für seine Solos, sondern die Rhythmusgitarre bekannt ist, ist eine Seltenheit, aber Andy Summers unverwechselbarer musikalischer Fingerabdruck erklärt sich durch seine Kenntnisse im Jazzbereich und seine Fähigkeit, diese im Pop anzuwenden und einen interessanten Sound zu kreieren, der die Zuhörer nicht gleich verschreckt. Das rhythmische Wechselspiel zwischen Gitarre, Bass und Drums ist bei The Police der Schlüssel: Auf Songs wie ‘Roxanne’ und ‘Walking On The Moon’ kann man hören, wie Sting, Andy und Stuart zusammen und umeinander herum spielten und dabei Raum für Experimente ließen, wie auf dem Titeltrack von Reggatta De Blanc, aber sie zögerten auch nicht, mal richtig zu rocken (‘Synchronicity I’ und ‘II’ auf dem gleichnamigen Album).

Soviel rhythmische Vielfalt wird man auf einem U2-Album nicht finden, aber was man findet, ist die ultimative Plattform für eine weitere Art von Guitar Hero. Edge steckt hinter einigen der unverwechselbarsten Klänge, die je auf einem Album zu hören waren: gewaltige Rockriffs wie ‘Vertigo’, ‘Beautiful Day’, ‘The Fly’, wunderschöne Akkorde auf ‘One’, ‘Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of’ und natürlich die monumentalen Wall of Sounds, die mit wiederholten Delay-Effekten und Reverb entstanden, so z. B. auf ‘I Will Follow’, ‘New Years Day’, ‘Pride (in the name of love)’ und ‘I Still Haven’t Found What I’m Looking For’.

U2 GitarreEdge kreierte gewissermaßen einen neuen Gitarrenstil und viele der Songs wurden um die Sounds herum gebaut, anstatt die Effekte im Nachhinein einzufügen. Die vielschichtigen Strukturen sind weiterhin ein Markenzeichen des Sounds von U2, aber Edge hat auch keine Angst vor Experimenten. Falls Ihr Euch gefragt habt, was er in der Hand hat, wenn er ‘With Or Without’ live spielt: Das ist ein sogenannter Ebow, ein elektronisches Gerät, dass die Saiten zum Vibrieren bringt, damit diese ewig langen Töne entstehen, die wir alle kennen. Weitere tolle Beispiele für seine Vielseitigkeit sind z. B. der rauhe, kratzige Klang auf ‘Get On Your Boots’, der verzerrte Wah-Sound auf ‘Discotheque’ und der regelrecht dreckige Sound auf ‘Numb’ vom Album Zooropa – ein Track auf dem Edge auch die Leadvocals singt.

 

Wenn der Gitarrist auch der Sänger der Band ist, gibt es keine Kämpfe um das Spotlight. Diese beiden Funktionen miteinander zu verbinden, verdient allerhöchsten Respekt. Nur Musiker können wirklich verstehen, wie schwierig das sein kann – es geht definitiv über das gleichzeitige Reiben des Bauches und Klopfen auf den Kopf hinaus. Mark Knopfler ist einer der Musiker, bei dem es für das ungeübte Auge total einfach aussieht, wenn er zwischen Gesang und scharfen Gitarrenparts wechselt. Am augenscheinlichsten ist das Zusammenspiel in Dire Straits-Tracks wie ‘Your Latest Trick’ und ‘Brothers In Arms’, wo die Lücke zwischen den Textzeilen fast wie bei einem Call-and-Response Spiel mit einem kurzen Notenwirbel gefüllt wird.

Knopfler hat einen ganz anderen Stil, stark beeinflusst von Rock’n’Roll- und Countrymusikern wie James Burton, Scotty Moore und Chet Atkins. Mit Letzterem hat er auf dem Album Neck And Neck kollaboriert. Nicht nur, dass er mit den Fingern statt Plektrum spielt; er ist außerdem Linkshänder, spielt aber rechtshändig, worauf viele den einzigartigen Sound zumindest zum Teil zurückführten. Den Country-Einfluss hört man ganz deutlich auf Dire Straits-Hits wie ‘Sultans Of Swing’, ‘Calling Elvis’, sowie während seiner kompletten Solokarriere; ‘No Can Do’ von Golden Heart und ‘Do America’ von Sailing To Philadelphia sind gute Beispiele für die Kombination aus Country-Rhythmen und –Strukturen mit einem rauhen, verzerrten Gitarrensound.

Er ist ein äußerst gefühlvoller Gitarrist und so ist es nicht überraschend, dass seine Musik in der Filmwelt sehr gefragt ist. So entstanden erinnerungswürdige Stücke wie die spätere Hymne des Newcastle FC ‘Going Home: Theme Of The Local Hero’. Nicht alle seine Beiträge zu Filmen sind Gitarrentracks, aber auf dem Soundtrack zu Wag The Dog und auf dem weniger bekannten A Shot At Glory sind ein paar besonders geschmackvolle Stücke.

4 Gary Moore Guitar GodsAuch Gary Moore war ein Linkshänder, der mit rechtshändiger Technik spielte, und auch er war zusätzlich Sänger; obwohl seine Karriere ganz anders begann. Zunächst zog er von Dublin nach Belfast, um sich der Band Skid Row als Sessionmusiker mit außerordentlichen Fähigkeiten anzuschließen. Die Zusammenarbeit hielt nicht lange und 1973 hören wir ihn auf seinem ersten Soloalbum Grinding Stone zum ersten Mal Blues singen. Danach spielte er dreimal für einige Zeit in Thin Lizzy – hauptsächlich als Tourgitarrist, aber mit einigen Performancesschaffte er es auch auf Platte: die Ballade ‘Still In Love With You’ vom Album Nightlife (1974) und ‘Roisin Dubh (Black Rose): A Rock Legend’ auf Black Rose (an diesem Song hatte Moore auch mitgeschrieben). Letztere zeigt auch die keltischen Wurzeln, die immer wieder ihren Weg in sein Gitarrenspiel fanden und besonders deutlich auf dem Album Wild Frontier von 1987 zu hören sind: Das Instrumental ‘The Loner’, geschrieben von Jeff Becks früherem Keyboarder Max Middleton, ist herausragend.

1978 wandte er sich mit Back On The Streets wieder seiner Solokarriere zu. Es ist eine Mischung unterschiedlicher Stile: ‘Flight Of The Snow Moose’ spiegelt seine Zeit in der Jazz Fusion Band Colosseum II wieder und ‘Don’t Believe A Word’ ist ein Indikator dafür, dass er schließlich den direkten Weg Richtung Blues einschlagen würde. Der bekannteste Track ist ‘Parisienne Walkways’ mit Garys gefühlvollem Vibrato, exquisitem Phrasing und der Fähigkeit, sein Gitarrenspiel zu einem integralen Element des Songs zu machen. Geschrieben hat er den Track zusammen mit Phil Lynott, seinem Kumpel von Skid Row und Thin Lizzy, und später taten sich die beiden für das Album Run For Cover (1985) wieder zusammen. Aus dieser Kollaboration entstand die Hitsingle ‘Out In The Fields’, aber auch eine Version von ‘Military Man’ – ein weiteres Beispiel für die puren Emotionen, die Gary Moore beim Zuhörer hervorrufen konnte. ‘Empty Rooms’ ist ein so großartiger Song, dass er ihn schon mal für das Album Victims Of The Future aufgenommen hatte, bevor er schließlich einen weiteren Hit mit fantastischen Gitarrenmoment wurde – zunächst ein klassischer Gitarrenpart, der dann in einem kreischenden und sehr melodischen Crescendo ausbricht.

 

Als Gary Moore die Entscheidung fällte, sich auf den Blues zu konzentrieren, wechselte er fast komplett zu Les Paul-Gitarren. Eine davon hatte zuvor Peter Green von Fleetwood Mac gehört und die Inspiration hinterließ ihre Spuren. Auf dem Album Still Got The Blues und den beiden Nachfolgern After Hours und Blues For Greeny sind so viele großartige Beispiele für seinen Stil. Er spielt den Blues in all seinen Formen, aber für sein Gitarrenspiel bieten Balladen immer noch den besten Kontrast. ‘Jumping At Shadows’, ‘Separate Ways’, ‘Still Got The Blues’, ‘As The Years Go Passing By’, ‘Need Your Love So Bad’ und ‘Nothing’s the Same’ sind alle fantastische Einblicke in die Arbeit dieses virtuosen Musikers, der nach seinem Herzinfarkt 2011 leider nicht mehr unter uns weilt.

Richard Thompson ist eine ganz andere Art von Gitarrengott. Am bekanntesten ist seine Arbeit als Mitglied der britischen Folklegende Fairport Convention, aber er leistete auch einen maßgeblichen Beitrag zum Sound der gesamten Bewegung, tauchte auf Alben von Sandy Denny und Nick Drake auf, und veröffentlichte Soloalben, sowie Kollaborationen mit seiner Frau Linda. Er fühlte sich mit der akustischen Gitarre genauso wohl wie mit der elektrischen und spielt mit einer Hybridtechnik, sowohl mit Fingerpicking und Plektrum.

Nicht jeder Gitarrengott musste mit Pyrotechnik protzen. Sie beeindrucken einfach mit ihrer vollendeten Virtuosität. Thompsons langes Solo in dem Song ‘Can’t Win’ vom Album Watching the Dark findet fast überhaupt kein Ende und es ist so gut, dass man auch gar nicht möchte, dass es aufhört. Auf ‘Hard on Me’ von Mock Tudor (1999) bricht er wirklich aus, aber er hat immer die Kontrolle, und genau das ist eine der Facetten, die sein Gitarrenspiel so attraktiv machen. Aus seiner Zeit mit Fairport Convention sticht besonders seine Arbeit auf ‘Mr Lacey’ auf Fairport Convention at the BBC heraus und auf dem neunminütigen Werk ‘Sloth’ auf Full House zeigt er seine komplette Bandbreite.

GitarreDie ultimative Auszeichnung ist es, wenn andere Künstler die Talente eines Guitar Heros für ihre Platten haben wollen – der letzte Schliff, wenn nur der unverwechselbare Sound eines bestimmten Musikers gut genug ist. Beispiele dafür kann man an ganz unvermuteten Orten finden. Die meisten werden wissen, dass Slash auf den Spuren von Van Halen wandelte, als er auf Michael Jacksons ‘Black Or White’ spielte, aber er spielte auch auf Lenny Kravitzs Album ‘Always On The Run’ (daher auch die Erwähnung kurz vor dem Solo). Stevie Wonder ruft Jeff Becks Namen bei seinem Solo auf ‘Lookin’ For Another Pure Love’ von Talking Book, aber bei Jon Bon Jovis ‘Blaze of Glory’ wird er nicht groß angekündigt. Und wenn Ihr etwas wirklich Geniales hören wollt, dann empfiehlt sich sein Gastauftritt auf Trombone Shortys Track ‘Do To Me’. Auf Lionel Richies ‘Running With The Night’ sind sogar zwei großartige Solos von Steve Lukather von Toto (unbedingt die Albumversion anhören, da auf der Singleversion das Solo beschnitten ist). Richard Thompsons einzigartiger Stil passt auch perfekt zu ‘Sister Madly’ von Crowded House und mit seiner Performance auf dem Gaucho Albumtrack ‘Time Out Of Mind’ ist Mark Knopfler einer von vielen großen Musikern, die auf den Platten von Steely Dan mitwirkten. Slash hat einen weiteren Gastauftritt auf Rihannas Track ‘Rockstar 101’, und Rihanna hat außerdem das große Glück, Nuno Bettencourt in ihrer Liveband zu haben – Grund genug, sich ihre Show anzusehen.

So sieht es also aus. Ein Gitarrengott kann sehr viel ausmachen…

Finde die anderen Gitarrengötter:

Chuck Berry
Bo Diddley
Muddy Waters


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Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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