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Popkultur

Interview: Tom Chaplin von Keane zum neuen Album: „Eine ziemliche Achterbahnfahrt!“

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C Brandon/Redferns

Mit launigem Piano-Britrock spielen sich Keane zu Beginn der Zweitausender in die Ohren der Welt. Songs wie Somewhere Only We Know und Everybody’s Changing landen auf zahlreichen MP3-Playern und Soundtracks jener Zeit, doch ab 2012 herrscht Funkstille. Im Juni meldeten sich die Herren deutlich reifer und ziemlich energiegeladen mit The Way I Feel zurück, das Album Cause and Effect folgt am 20. September. Wir sprachen mit Sänger Tom Chaplin über Inspiration, Freundschaft und die neue Platte.

von Victoria Schaffrath

Hört euch hier einige von Keanes größten Hits an:

Keane haben als Coverband angefangen, die auch viele Songs der Beatles spielte, zurzeit erleben wir eine Wiederkehr der „Beatle-Mania“. Was ist Ihre persönliche Beatles-Story?

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Tom Chaplin: „Oh, da habe ich einige! Wir hatten zwar immer unsere eigenen Songs, aber streckten unsere Sets früher mit Covern. Die Beatles lagen da nahe, denn obwohl es absolut brillante Songs sind, kann eine junge Band sie einfach einstudieren und die Akkorde und Gitarrenparts üben. Wir haben also Songs wie Paperback Writer, Ticket To Ride oder Help gespielt und alle haben die Harmonien gesungen. Als Teenager waren wir völlig vernarrt in die Geschichte und Musik der Beatles und sie inspirierten uns wahnsinnig dazu, eine Band zu gründen. Als dann ein wenig Zeit ins Land zog, bekamen wir unseren Plattenvertrag und brachten das erste Album raus. Ich lebte in einem Städtchen namens Rye im Süden Englands, welches zufällig in der Nähe von Paul McCartneys Haus lag.

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Es war am Weihnachtsabend 2004, ich war im Ort unterwegs und kam gerade aus dem Bioladen und lief geradewegs Paul vor die Füße. Er war im Ort kein Unbekannter, daher sagte ich einfach ‚Hi, Paul! Ich spiele in dieser Band namens Keane, wir haben gerade unser erstes Album veröffentlicht.’ Und er sagte in seinem McCartney-Ton ‚Cool, Mann!‘ und ging weiter Richtung Woolworth, wo man damals auch CDs kaufen konnte. Das nächste Mal, das wir ihn sahen, stand er neben der Bühne, als wir 2005 im Hyde Park das Live 8-Konzert spielten. Er sang alle Songs mit und war mit seiner damaligen Frau Heather (Mills, Anm. d. Red.) dort. Es stellte sich heraus, dass unser Album Hopes And Fears eine der Platten war, die ihre Liebesgeschichte begleitet hatten. Das war schon ein merkwürdiger Moment, als einer unserer Helden plötzlich unsere Songs sang.“

Im Film „Yesterday“ vergisst die Menschheit mit Ausnahme eines einzigen Musikers, dass die Beatles je existiert haben. Er gibt dann die Songs der „Fab Four“ als seine eigenen aus. Hatten Sie schon Gelegenheit, den Film zu sehen?

„Hatte ich nicht! Aber wie vermutlich viele Musiker hatte ich durchaus schon diese Fantasie.“ (lacht) „Bei den Songs der Beatles schwingt so eine unbeschwerte Einfachheit mit und man denkt: ‚Es kann nicht so schwer gewesen sein, die zu schreiben‘. Aber dann setzt man sich ans Klavier oder die Gitarre und realisiert: Lieder zu schreiben, die so gut sind, aber eine solche Einfachheit mitbringen, ist wohl das Schwerste überhaupt. Dazu muss man schon ein echtes Genie sein, deswegen haben Paul McCartney, John Lennon und auch George Harrison auch solch einen bleibenden Eindruck auf der Musik dieser Welt hinterlassen. Ich habe schon oft da gesessen, wenn ich einen Song schreiben wollte, und gedacht: ‚Ach, ich wünschte, ich könnte auch ein Hey Jude schreiben‘. Und dann fragt man sich natürlich: Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte?“

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Wo wir bei den Anfängen von Keane sind: Ihr erster Gig fand 1998 im Hope and Anchor in London statt, Sie kamen gerade von einem längeren Auslandsaufenthalt zurück. Wie haben Sie diesen Abend in Erinnerung?

„Ich erinnere mich vermutlich aus den falschen Gründen.“ (lacht) „Stimmt, ich hatte gerade ein halbes Jahr in Südafrika verbracht und als ich in London landete, holte mich Richard (Hughes, Schlagzeug bei Keane, Anm. d. Red.) ab und sagte nur: ‚Wir haben ziemlich hart gearbeitet, während du weg warst. In drei Tagen haben wir einen Auftritt.’ Ich dachte mir: Verdammt, das ist bald! Wenn man so jung ist, ist der Gedanke daran, auf der Bühne zu stehen und die eigenen Songs zu spielen, schon etwas angsteinflössend. Man fürchtet sich vor dem Unbekannten. Aber wir wussten auch, dass wir diese erste Show irgendwie hinter uns bringen mussten, wenn wir uns als Band weiterentwickeln wollten. Wir waren echt nervös, denn das Hope and Anchor ist eine kleine, aber wichtige Spielstätte, in der sich schon viele Bands ihre Sporen verdient haben; U2 hatten schon auf dieser Bühne gestanden und waren zu dem Zeitpunkt unsere Idole.

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Wir wollten also unbedingt eine gute Performance abliefern, aber alle machten sich ziemlich Sorgen, ob ich die Texte alle behalten würde. Damals war ich etwas faul, was das Auswendiglernen angeht …“ (lacht) „Diesbezüglich lief der Gig eigentlich ganz gut, aber sonst gab es natürlich hier und da Unstimmigkeiten. Ich weiß noch, dass Tim (Rice-Oxley, Klavier und Bass bei Keane, Anm. d. Red.) den ersten Song in der falschen Tonart anstimmte. Dominik, der damals bei uns noch Gitarre spielte, vergaß sämtliche Songs, die er geschrieben hatte. Aber auch, wenn nur ein paar unserer Freunde und etwas Laufkundschaft da war, waren wir mit den Nerven völlig runter. Einer der wenigen Freunde, die tatsächlich Wort hielten und vorbeikamen, war Chris Martin von Coldplay. Wir waren mit Coldplay befreundet, da Tim damals mit Chris zur Uni ging. Das war natürlich, bevor sie ihren Plattenvertrag bekamen. Er saß also mitten im Publikumsraum auf einer Bierkiste, lächelte und war sein übliches, positives Ich. Er fand die Show wohl gut. Und auch wir waren letztlich natürlich glücklich darüber, diese Hürde überwunden zu haben. Ab da konnten wir nur dazulernen und uns als Band verbessern.“

Sie haben seit dem letzten Album mit Keane zwei Soloplatten aufgenommen. Auf Ihrem Weihnachtsalbum befinden sich vier Cover und Keane spielten anfangs viele Stücke anderer Künstler. Inwieweit werden Sie durch andere Künstler inspiriert?

„Das geschieht auf viele verschiedene Arten, manchmal ist es sehr subtil. Beim neuen Album Cause and Effect ist das ständig passiert, gerade in der Produktionsphase. Da sahen wir uns häufig an und merkten ‚Ja, das klingt nach Joy Division!‘ Das Pianoriff im Song Strange Room klingt beinahe etwas nach Mozart oder Brahms, es hat eine klassische Note. Solche Feinheiten schleichen sich einfach ein und es ist ein unterbewusster Prozess. Manchmal passiert es jedoch auch, dass man einen Song schreibt oder produziert und schon vorher eine Ahnung hat, was ihn inspirieren wird. Für das Weihnachtsalbum habe ich beispielsweise versucht, einen Song zu schreiben, der nach The Blue Nile klingt, denn sie sind eine meiner Lieblingsbands. Das beeinflusste dann den Schreibprozess, aber im Studio kam dabei etwas ganz anderes heraus. Bei The Way I Feel haben viele Leute zum Beispiel einen Einfluss von The Killers rausgehört. Manchmal nimmt man sich das also vor und manchmal passiert es einfach.“

 

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Had a brilliant time in The Netherlands tonight at @hellofestivalnl. Thanks to everyone who came out – it felt great to be back!

Ein Beitrag geteilt von Keane (@keaneofficial) am

Sie gehen sehr offen mit Ihrer Abstinenz um, in der Zeit ohne Keane haben Sie den Entzug geschafft. Sie haben erwähnt, dass es Ihre Stimme und die Art, wie Sie singen, verändert hat. War das etwas, woran Sie gearbeitet haben, oder einfach ein schöner Nebeneffekt?

„Das hat wohl in zweierlei Hinsicht Einfluss genommen. Die Erfahrungen, die man in einer wirklich schlechten Phase macht, die Trauer, der Herzschmerz und alles, was einem da so passiert – das gibt der Stimme eine bestimmte Farbe. Jeder Song, den man danach singt, wird von diesen Erfahrungen beeinflusst. Die Stimme bleibt schon irgendwie eine magische Sache, denn es ist mehr, als nur ein Geräusch zu erzeugen. Du beschwörst damit auch die Seele der Person. Meine ganzen Erfahrungen haben definitiv meine Art zu singen und auch die Emotionen, die ich in meine Stimme legen kann, geändert. Andererseits gibt es natürlich Gebrauchsspuren …“ (lacht) „Mein Lebensstil hat meine Stimme belastet und sie vielleicht eine Spur rauer gemacht. Gerade erlebe ich wohl den längsten Lebensabschnitt, seit ich Kind war, in dem ich keinen Alkohol und keine Drogen zu mir nehme. Ich behandle also meine Stimme endlich mit dem Respekt, den sie auch verdient. Sie belohnt mich dafür, mein Register ist größer geworden. Sicher bei den tiefen Tönen, aber auch in den Höhen. Ich höre das, wenn ich jetzt ältere Keane-Aufnahmen auflege. Beispielsweise habe ich während Strangelands 2012 definitiv eine schwierige Zeit durchlebt. Ich höre, dass ich da nicht so gut singe, wie ich eigentlich könnte. Auf Cause and Effect findet sich wohl der beste Gesang, den ich mit Keane bisher gebracht habe. Das liegt zu einem nicht geringen Anteil an der Abstinenz.“

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Keane haben eine siebenjährige Pause eingelegt und noch vor kurzem sagten Sie, dass Sie eigentlich keine neue Musik planen. Was ist passiert?

„Das ging alles sehr schnell! Eine Keane-Platte war so gar nicht auf meinem Radar. Ich war durch meine Solo-Karriere eigentlich sehr zufrieden und erfüllt. Aber gerade meine Freundschaft mit Tim hatte ziemlich gelitten und ich sah ihn eine ganze Weile nicht. Zunächst gab es da also den Wunsch, ihn wiederzusehen und zu schauen, wie er so klarkommt. Ich wusste, dass sein Leben ein wenig aus den Fugen geraten war, und rief ihn dann vorletztes Weihnachten an, um ihn zum Quatschen einzuladen. Natürlich sprachen wir dann irgendwann über Musik, er erzählte mir von einigen Songs, die er geschrieben hatte, und ich bat ihn, sie mir zu schicken. Nach meinem Weihnachtsalbum war ich ich nicht gerade von der größten kreativen Energie erfüllt. Ich hört dann aber Tims Songs und mir wurde mir klar, wo sich diese Energie versteckte. Als wir dann alle zusammen saßen und realisierten, dass das vermutlich eine gute Idee sei, ging der Rest sehr schnell. Innerhalb von 18 Monaten wurde also ‚Wir machen kein Keane-Album mehr‘ zu Cause and Effect; nun sitzen wir hier und sprechen darüber. Eine ziemliche Achterbahnfahrt.“

Die Band hat The Way I Feel als erste Single ausgewählt. Wie kam es dazu und was können wir vom restlichen Album erwarten?

„Wenn man eine Single auswählt, nachdem es eine ganze Zeit ruhig war, dann sollte sie irgendwie einschlagen. Da hilft es natürlich, wenn der Song ein wenig Geschwindigkeit mitbringt. Aber es ist auch die Nachricht des Songs: Für mich beinhaltet er eine Reihe Fragen, ohne sie wirklich zu beantworten. Er setzt sich damit auseinander, warum sich viele von uns so verloren fühlen, wenn wir doch solch tolle Möglichkeiten und liebende Freunde und Familie um uns haben. Warum sabotieren wir unser Leben und verunsichern uns selbst? Es geht um die seelische Verfassung und darum, warum in dieser modernen Welt so viele Menschen traurig sind und keinen Ausweg sehen. Das Lied hat also eine wirkliche Aussage in Bezug auf diese Zeit und reiht sich gut in die Handlung des Albums ein. Die Songs, die Tim für das Album geschrieben hat, drehen sich um das Ende seiner Ehe, seine Rolle darin und wie es sein Leben als Ganzes beeinflusst hat, dass er seine Kinder nicht mehr so oft sieht und ganz alleine im Haus sitzt. Diese Trennung hat sein Leben massiv verändert und The Way I Feel erzählt einen Teil dieser Geschichte.“

Dann ist Cause and Effect ja ein passender Titel. Haben Sie eine Lieblingszeile auf dem Album?

„Ich mag Strange Room besonders gern, er war auch einer der Auslöser für den Wunsch, das neue Album zu machen. Es ist ein wahnsinnig trauriger Song darüber, wie du aufwachst und realisierst, dass sich dein ganzes Leben verändert hat. Alles, wovon du dachtest, es sei sicher, ist nicht mehr da. Im zweiten Vers schreibt Tim darüber, wie er dabei erwischt wurde, betrunken Auto zu fahren. Genau als er dachte, es geht nicht schlimmer, ist das passiert. Er schreibt darüber aber mit einer Art Galgenhumor, deswegen gefällt mir diese Stelle besonders gut. In Love Too Much gibt es außerdem eine Zeile, in der es heißt ‚When you’re falling down is when you feel most alive‘ (‚Während man fällt, fühlt man sich besonders lebendig‘, Anm. d. Red.), das hat mich wirklich angesprochen. Ich denke, wir fühlen uns den Menschen um uns besonders nahe, wenn es mal nicht so gut läuft, wenn man sich auf Freunde und Familie verlassen muss, damit sie einem helfen. Glück und Freude sind klasse, aber sie sind für mich sehr flüchtige und selbstbezogene Emotionen. Bei Schmerz und Trauer rücken wir Menschen näher zusammen und haben tiefergehende Erfahrungen, daher finde ich diese Zeile sehr aussagekräftig. Und es macht auch klar, warum wir wieder zueinander gefunden und diese Platte gemacht haben: Wir wollten es Tim als langjährige Freunde ermöglichen, diese Gefühle und Songs zu verarbeiten.“

Ursache und Wirkung: Das Cover zum neuen Album „Cause and Effect“.

Apropos „zusammenrücken“: Sie haben diesen Sommer schon viele Live-Shows gespielt, zum Beispiel BST Hydepark und ein Clubkonzert im Berliner Lido. Es fällt auf, wie viel Spaß Sie dabei haben, ob mit den alten oder neuen Songs. Fühlt sich das wie eine Heimkehr an oder mussten Sie sich das durch Proben erst wieder erarbeiten?

„Es war schon ein gutes Stück Arbeit, sich wieder mit den alten Songs vertraut zu machen. Ich habe zwar ein paar davon auf meinen Solo-Touren gesungen, aber im Grunde hatten wir diese Songs eine ganze Weile überhaupt nicht gespielt. Wir mussten uns also zunächst erinnern und die einzelnen Parts wieder geradebiegen. Aber auch die Technik hat sich ja weiterentwickelt, deswegen gab es eine Generalüberholung für unser Setup. All das war ein großer Batzen Arbeit, also probten wir natürlich viel. Das regte uns aber tatsächlich eher an, denn wenn man alte Songs eine Weile nicht mehr spielt, bekommen sie ihre Frische wieder. Sie wirken plötzlich belebend, davon hatten wir vor sieben Jahren etwas verloren. Damals fühlte es sich an wie ein Job und war eher ermüdend. Bei den Proben zu Cause and Effect zeigte sich also eine ganz neue Energie und Lust, die Songs zu bringen. Eine Menge Leute haben diese Songs ewig nicht gehört und dachten vielleicht auch, dass sie nie wieder die Chance dazu bekommen. Da geht es ihnen also wie uns; wir sind alle gespannt, unsere Songs neu zu entdecken. Wenn man dann das neue Album hinzufügt, hat man einen ziemlich magischen Cocktail.“ (lacht) „Ich glaube, man sieht es an der Reaktion der Fans und auch daran, wie die Shows nach außen hin wirken. Für mich sind die Konzerte bisher jedenfalls das Beste daran, wieder zurück zu sein.“

Während der Aufnahmen zu Perfect Symmetry haben Sie einige Zeit in Berlin verbracht, dieses Jahr haben Keane dort bereits ein Konzert gegeben. Ihr Terminkalender sieht dieses Jahr jedoch recht voll aus, gibt es Pläne, auch wieder nach Deutschland zu kommen?

„Ja, es gibt diese Pläne! Wir haben noch nichts verkündet. Allein wegen der Tatsache, dass die Nachfrage für diese kleine Show in Berlin so hoch war; die Karten waren innerhalb von Minuten ausverkauft, glaube ich! Wenn wir wiederkommen, können wir dann hoffentlich eine größere Show spielen und mehr Leute beglücken.“

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Popkultur

Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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Zeitsprung: Am 15.1.1969 kehrt George Harrison zu den Beatles zurück.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.1.1969.

von Timon Menge und Christof Leim

Getrennte Wege gehen die Beatles erst zu Beginn der Siebziger, doch dicke Luft herrscht schon vorher. Die Musiker fühlen sich ausgelaugt, gemeinsamer Tatendrang bleibt die Ausnahme. Am 10. Januar 1969 verlässt George Harrison sogar die Band. Fünf Tage später kehrt er zurück — allerdings mit Forderungen…

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Hört hier in Let It Be rein:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Im Januar 1969 befinden sich die Beatles im Twickenham Studio in London und arbeiten an ihrer Platte Let It Be. Das White Album (1968) hallt noch nach, das Erscheinen von Yellow Submarine (1969) steht kurz bevor. Als die Band am Morgen des 10. Januar mit wenig Erfolg an den Songs Get Back und Two Of Us arbeitet, hat George Harrison die Nase voll. Er verlässt das Studio und lässt die anderen drei Musiker im Regen stehen. Nachdem sich McCartney, Lennon und Starr die erste Wut von der Seele gespielt haben, sagt Lennon trocken: “Ist er am Dienstag nicht zurück, holen wir Clapton.” Am 12. Januar treffen sich die Beatles bei Harrison zuhause, doch die Zusammenkunft verläuft alles andere als gut und endet von Harrisons Seite mit einem: “Man sieht sich.”

Einer der Gründe für Harrisons Abgang: Immer wieder geraten er und Paul McCartney aneinander. Harrison emanzipiert sich zu jener Zeit als Songschreiber und empfindet McCartney als zu dominant. In einem Interview mit dem Rolling Stone erzählt er: „Es ist mir immer sehr schwergefallen, beim Songwriting mitzumischen, weil Paul diesbezüglich sehr aufdringlich war. Wenn er meine Songs gespielt hat, lief das immer gut. Ich musste allerdings 59 seiner Ideen ausprobieren, bevor er sich meine überhaupt anhören wollte.“



Auch John Lennon und Harrison sind sich zu jener Zeit nicht grün. So stellt der britische Musikjournalist David Stubbs in einem Artikel für das Magazin Uncut die These auf, Harrison sei sogar noch genervter von Lennon als von McCartney, weil Lennon Probleme mit Harrisons wachsendem Einfluss auf das Songwriting gehabt habe. Nicht nur das: Lennons Beziehung zu Yoko Ono treibt einen Keil zwischen die beiden Beatles, die sich gerade erst richtig angefreundet hatten — vermutlich auch über ihre gemeinsame Vorliebe für LSD.

Außerdem stört Harrison sich daran, dass im Studio ein Film gedreht werden soll, obwohl die Beatles nur streiten. „Es kam vor der Kamera nie zum Eklat“, räumt er später ein. „Aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was das eigentlich soll.“ Er beschließt, die Band zu verlassen — ein Prozess, den auch Schlagzeuger Ringo Starr durchläuft, und zwar nur wenige Monate zuvor während der Sessions zum White Album.



Einige Tage nach Harrisons Abgang merken McCartney, Lennon und Starr endgültig, dass die Band nicht ohne den Gitarristen funktioniert. Die Musiker setzen ein Treffen für den 15. Januar an, und der verlorene Sohn taucht wieder auf — allerdings mit Forderungen. Harrison möchte im Gegensatz zu McCartney nach unfassbar vielen Konzerten nicht mehr live auftreten. Außerdem bittet er darum, das Studio zu wechseln. Die übrigen Bandmitglieder schlagen ein, die Beatles ziehen in die Apple Studios um und setzen den Aufnahmeprozess fort.


Die Symptome lassen sich durch die Veränderungen kurzzeitig bekämpfen, doch die Ursachen liegen tiefer. Trotz vorübergehender Wiedervereinigung kommt es langfristig zur Auflösung der Band. Vorher schließen die Briten die Aufnahmen des Albums Abbey Road ab, das durch diverse Umstände sogar noch vor Let It Be erscheint. Zur endgültigen Trennung kommt es im Frühjahr 1970, etwa einen Monat vor der Veröffentlichung der letzten Platte.

Zeitsprung: Am 21.1.1966 heiratet George Harrison. Eric Clapton grätscht rein.

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