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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.8.1988 endet ein Monsters-Of-Rock-Wochenende nach doppeltem Knall.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.8.1988.

von Matthias Breusch und Christof Leim

Im Sommer 1988 machen die Monsters Of Rock zweimal Station in Deutschland – am 27. August in Schweinfurt, am 28. August in Bochum. Beim ersten Termin kommt es zu Randale in der unterfränkischen Stadt, was einige Medien bestätigt: Metal-Fans sind Monster oder schlimmer. Dabei war alles halb so wild. Am zweiten Festivalabend knallt es auf andere Art.

Hier könnt ihr Iron Maiden live im Jahr 1988 hören:

28. August 1988, morgens um halb neun. Die Sonne scheint, die Glocken läuten, die Vöglein zwitschern. Wir zockeln mit der S-Bahn nach Bochum zu den Monsters Of Rock, dem legendären Festival für harte Riffs. Der Zug ist voll, die Stimmung vibriert. Die Gespräche drehen sich allerdings kaum um die bevorstehenden Auftritte von Iron Maiden, Kiss, David Lee Roth mit Gitarrenhexer Steve Vai, Great White, Testament, Anthrax oder Treat. Es gibt nur ein Thema: Die Ausschreitungen am Vorabend des Schwesterfestivals in Schweinfurt. 

40.000 böse Metal-Fans

Die Bild am Sonntag wird herumgereicht. Eine balkendicke Schlagzeile füllt die gesamte Titelseite: „40.000 Rocker belagern Schweinfurt“. Im dazugehörigen Text gibt sich das Zentralorgan für gesundes Volksempfinden größte Mühe mit der geschichtlichen Einordnung: „Um 1300 überfiel der Bischof von Würzburg die Stadt, 1554 zerstörten Soldaten des Markgrafen von Brandenburg das schöne Schweinfurt. Gestern schließlich belagerten 40.000 Rocker die 50.000 Einwohner große Stadt.“

Nicht alle diese Bands spielten auch in Deutschland; Helloween und Guns N’ Roses waren nur in England zu sehen, Testament ersetzten Megadeth in Schweinfurt und Bochum.

Auch andere Medien widmen sich der wüsten Story. Dass es am 20. August beim Mutterfestival im britischen Castle Donington zwei Tote gegeben hat, wird in denselben Topf geworfen. Manche Meldungen behaupten frech, in Schweinfurt seien zwei Todesfälle zu beklagen. Die sagenhafte Recherche zieht ihre Kreise …  

Viele Festnahmen: ein Metal-Rekord

Die Ausschreitungen in Schweinfurt haben spezielle Ursachen, denn mit Hard-Rock- und Metal-Fans gibt es im Umfeld von Großveranstaltungen im Normalfall kaum Probleme. Das Traditionsfestival Bang Your Head im schwäbischen Balingen mit rund 20.000 Fans notiert maximal ein bis zwei Verhaftungen – pro Jahrzehnt. Die Polizeistatistiken des fast viermal so großen Wacken Open Air sehen Jahr für Jahr ähnlich harmlos aus.

Die Festnahmen von Schweinfurt (je nach Quelle 35 oder 78) wegen Sachbeschädigung, Waffen- oder Drogenbesitzes bilden daher eine absolute Ausnahme für hiesige Verhältnisse, zumal die Polizeiführung betont, es habe keinerlei Angriffe auf Beamte und Beamtinnen gegeben. In erster Linie gehen Fensterscheiben zu Bruch, es werden Autos beschädigt und mit abgerissenen Gartenzaunlatten diverse kleinere Brände gelegt, um Würstchen zu grillen. Das ist natürlich überhaupt nicht in Ordnung – aber keine Belagerung und auch nicht der Untergang des Abendlands oder der gesellschaftlichen Ordnung

Politiker schüren die Angst

Die Verantwortlichen der Stadt Schweinfurt scheinen ein wenig unerfahren in der Ausrichtung eines solchen Events. An eine ausreichende Zahl von Unterkünften für Tausende von Fans, die bereits am Freitag anreisen, wurde nicht gedacht. Viele schlagen ihre Zelte einfach in Vorgärten oder auf Verkehrsinseln auf. Manche Ortsansässige fühlen sich alleine vom Anblick der Scharen in ihrer Idylle belästigt und werden laut.

Hinzu kommt erbitterte politische Gegnerschaft: Ein Schweinfurter SPD-Stadtrat macht die CSU-Fraktion in der Zeitung Mainpost mitverantwortlich für die gereizte Stimmung. Wochenlang hätten die Konservativen böse Stimmung gegen das Konzert gemacht und die Angst vor den „Teufelsanbetern des Heavy Metal“ geschürt. 

Statt Vorfreude-Partys mitzunehmen, vernageln viele Gastronomen daraufhin ihre Türen oder verweigern Langhaarigen mit Lederjacken den Zutritt. Die Ausgesperrten feiern also auf der Straße in den Festivalsamstag hinein. Dort kommt es mitunter auch zu Reibereien mit trinkfreudigen Mitgliedern der US-Armee, die üblicherweise in großer Zahl bei süddeutschen Rockkonzerten anzutreffen sind. Einer von ihnen wird durch einen Messerstich schwer verletzt.

TILBURG, NETHERLANDS – 4th SEPTEMBER: American rock group Anthrax perform live on stage at the Monsters Of rock festival in Tilburg, Netherlands on 4th September 1988. Left to right: lead singer Joey Belladonna, guitarist Dan Spitz and rhythm guitarist Scott Ian. (Photo by Paul Bergen/Redferns)

Friedliche Feste der Musik

Das Festival selbst mit 40.000 Menschen auf den Schweinfurter Mainwiesen findet im Laufe des Samstags vollkommen störungsfrei statt. Woodstock lässt grüßen. Dasselbe gilt für den Sonntag in Bochum. Nach der Lektüre des Bild-Artikels rechnen wir schon damit, am Bochumer Hauptbahnhof von Anti-Terror-Einheiten empfangen zu werden. Aber Helme und Schilde sind nicht zu sehen. Die Bereitschaftspolizei bleibt ebenso entspannt wie die 30.000 Fans. In der Stadt und im Stadion an der Castroper Straße bleibt alles friedlich.  

Nach einem schier endlos schwülen Spätsommertag zieht von Westen her eine mächtige schwarze Wolke auf und bleibt genau über dem Stadion hängen. Es wird zappenduster. Die Crew huscht mit Taschenlampen durch die Dekoration und checkt letzte Strippen. Jeden Moment werden die ersten Töne des Intros „Seven deadly sins, seven ways to win …“ vom Maiden-Meisterwerk Seventh Son Of A Seventh Son aus der Anlage erwartet. 

Der Teufelspakt von Bochum

Die Ouvertüre startet jedoch woanders. Aus der Wolke zuckt ein ehrfurchtgebietender Blitz und schlägt keine hundert Meter nebenan in einen Obstgarten ein. Der dazugehörige Donnerschlag passt ins Bild, als hätte Steve Harris einen Special-Effects-Pakt mit dem Fürsten der Finsternis ausgehandelt. 30.000 verschwitzte Gestalten reißen die Arme hoch und brüllen sich die Seele aus dem Leib. Im selben Moment lässt die Wolke ihre komplette Ladung fallen.  

Acht Minuten später ist der Monsunregen vorbei und macht einem sternklaren Abendhimmel aus dem Bilderbuch Platz. Iron Maiden spielen vor ihren frisch geduschten Anhängern erneut einen makellosen Gig. Perfekter hätten sie die goldenen Jahre ihrer steilen Karriere kaum krönen können. Acht Jahre zuvor hatten sie noch als Vorgruppe von Kiss ihre erste Europatour absolviert, nun ist die Aufstellung umgekehrt. Gene Simmons und Paul Stanley hatten solch einen Fall in Interviews stets ausgeschlossen. Für die selbsternannt „größte Band der Welt“ galt es lange Zeit als undenkbar, vor einer Gruppe aufzutreten, die sie selbst einmal als Anheizer beschäftigt hatten. Doch an Iron Maiden führt Ende der Achtziger kein Weg vorbei.

Angst im Bürgermeisteramt

Die unschönen Randnotizen und die beiden Todesfälle beim Gig von Guns N’ Roses in Donington (wegen massiven Gedrängels auf matschigem Boden) haben dennoch Folgen: In Schweinfurt selbst findet nie mehr ein kulturelles Ereignis ähnlicher Größenordnung statt. Und kaum eine deutsche Stadtregierung möchte es noch wagen, ein Monsters of Rock zu dulden. 1989 gibt es gar kein Open Air dieser Art, 1990 und 1992 weichen die Veranstalter auf den Begriff Superrock aus. Nur 1991 steigt damals noch ein Monsters in Deutschland.

Obwohl man es mehr als zwei Dekaden später nochmal unter dem Banner Monsters Of Rock versucht, stellt sich die Magie der Eintages-Festivals der Achtziger nicht mehr ein. Auch die Alternative-Rock-Wellen der frühen Neunziger hinterlassen ihre Spuren. Die Spielregeln haben sich verändert. Streng genommen ist also 1988 das letzte klassische Jahr des Monsters Of Rock. Und vor allem an Schweinfurt wird man sich erinnern … 

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