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Popkultur

10 Thrash-Metal-Empfehlungen für den Einstieg

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Foto: Pete Cronin/Redferns/Getty Images

Wir haben uns bereits mit Blues beschäftigt, auch in Soul und Jazz sind wir eingetaucht. Heute möchten wir uns einem der aggressivsten Genres der Krachmusik widmen: dem Thrash Metal. Wer hat diese Musik geprägt, in den USA wie in Deutschland? Welche Songs sollte man kennen? Ein Überblick zum Einstieg.

von Timon Menge und Christof Leim

Hier könnt ihr euch unsere Thrash-Empfehlungen anhören:

Geschwindigkeit, Power und jede Menge Gesellschaftskritik: Während der Achtziger holt der Thrash Metal die Jugend dort ab, wo sie steht. Von 1981 bis 1989 regiert der konservative Präsident Ronald Reagan die USA; junge Menschen brauchen ein Ventil für ihre Wut. Und sie sollen es bekommen. Der größte Knotenpunkt: Kalifornien.

Exodus

Genau dort legen Exodus 1979 los. Bis zur ersten Albumveröffentlichung Bonded By Blood dauert es zwar noch weitere sechs Jahre; trotzdem leistet die Gruppe als wichtiger Teil der Bay-Area-Szene einen großen Beitrag zu allem, was ab 1980 an der Westküste passiert. Vor allem Frontmann Paul Baloff, Gitarrist Gary Holt sowie Gründungsmitglied und Trommler Tom Hunting prägen zu Beginn die Stoßrichtung der Band. Zum Line-up der ersten Stunde zählt allerdings auch Kirk Hammett, der sich seine Gitarre später für eine andere, nicht ganz unbekannte Band namens Metallica umschnallen wird. Im Gegensatz zu denen zählen Exodus nicht zu den sogenannten „Big Four“. Sollten sie aber.

Anspieltipps: Fabulous Disaster; The Toxic Waltz; Bonded By Blood; Blacklist; Salt The Wound

Metallica

Natürlich kommt kein Text über Thrash Metal ohne Metallica aus. Die Band um Lars Ulrich und James Hetfield gibt im Sommer 1983 nach einigen legendären Demos mit ihrem Debüt Kill ‘Em All den eigentlichen Startschuss für die Thrash-Welle und etabliert sich schnell als Genreprimus, dem in den Anfangsjahren so ziemlich alle folgen. Auch die Nachfolgewerke setzen Maßstäbe: Mit Ride The Lightning (1984) wird Thrash clever, Master Of Puppets (1986) markiert die Thrash-Sternstunde, spätestens ab …And Justice For All (1988) wächst das Ganze über den Metal-Untergrund hinaus. Danach schießen Metallica durch die Stratosphäre und werden dank des Black Album (1991) zur erfolgreichsten Metal-Band der Welt. Darüber darf die Besatzung von Trveheim schimpfen, so viel sie will – für Geburt und Entwicklung des Thrash gibt es keine wichtigere Band als Metallica. Zählen deshalb zu den „Big Four“.

Anspieltipps: Whiplash; Creeping Death; Battery; Master Of Puppets; One

Slayer

Metalfans werden diese Truppe auch unter dem Namen „Släääyyyaaarrr“ kennen, denn so dürfte die Lautschrift in der Realität meist aussehen. Kein Wunder, Slayer begeistern. Seit 1981 gelten die Kalifornier (völlig zu Recht) als besonders aggressive Vertreter des Thrash Metal und holzen mit einer besonderen Präzision und Bosheit alles um, was sich ihnen in den Weg stellt. Frühe Werke wie Show No Mercy (1983), Hell Awaits (1985) und vor allem Reign In Blood (1986) gehören inzwischen hoffentlich zur Grundschulbildung. Doch selbst Jahrzehnte später stellen Slayer mit Repentless (2015) noch einmal unter Beweis, wie schön sie immer noch rumpeln können. Eine Querverbindung zur Kollegschaft gibt es auch hier: Seit dem Tod von Gründungsgitarrist Jeff Hanneman im Mai 2013 spielt Exodus-Klampfer Gary Holt eine der beiden Äxte für Slayer. Im November 2019 löst sich die Band auf. Zählen ebenfalls zu den „Big Four“.

Anspieltipps: Raining Blood; Angel Of Death; War Ensemble; Seasons In The Abyss; Repentless

Megadeth

Zwar erscheint das Megadeth-Debüt Killing Is My Business… And Business Is Good! erst 1985 und damit vergleichsweise spät, doch Sänger/Gitarrist Dave Mustaine gehört zu den Urvätern des Thrash, denn er spielte (und komponierte) in der prägenden Phase bis 1983 bei Metallica. Seine eigene Kapelle zimmert die Riffs technisch noch anspruchsvoller und wilder, was trotz ständiger Line-up-Wechsel und Drogenproblemen Großtaten wie Peace Sells…But Who’s Buying? (1986) und Rust In Peace (1990) hervorbringt. Mit dem Beginn der Neunziger folgen Megadeth wie eigentlich alle (außer Slayer und Exodus!) dem Metallica-Vorbild, klingen eingängiger – und stoßen dank Countdown To Extinction (1992) und Youthanasia (1994) in Platin-Dimensionen vor. Es gibt übrigens Gerüchte, dass Mustaine beim Singen deshalb so angepisst klingt, weil er grundsätzlich nicht die Zähne auseinander macht. Gehören natürlich zu den „Big Four“.

Anspieltipps: Peace Sells; In My Darkest Hour; Tornado Of Souls; Hangar 18; Symphony Of Destruction

Testament

Diese Bay-Area-Helden gehören zur zweiten Welle des Thrash, mit ersten Demos 1985 und dem Debütalbum The Legacy im Jahr 1987, das instantan zum Genreklassiker wird. Das Quintett um Hauptsongschreiber Eric Peterson (Gitarre) findet immer eine gute Balance zwischen Eingängigkeit, Songwriting und Geboller, mit Chuck Billy (Gesang) und Alex Skolnick (Gitarre, ein Schüler von Joe Satriani) weist die Besetzung echte Könner auf. The New Order (1988) und Practice What You Preach (1989) zeichnen quasi den Weg der ersten Metallica-Alben nach (heißt: geschäftlich aufwärts, musikalisch vielseitiger), später versucht sich die Band an eingängigeren Tönen (The Ritual, 1992), veröffentlicht ein übersehenes Meisterwerk (Low, 1994) und taucht dann sogar in den Death Metal ab (Demonic, 1997). Nach längerer Pause heute wieder aktiv mit den drei oben genannten Gründungsmitgliedern.

Anspieltipps: Over The Wall; The New Order; Practice What You Preach; Low; D.N.R.

Overkill

Nun reisen wir an die US-Ostküste, denn auch dort entsteht zu Beginn der Achtziger eine lebendige Thrash-Szene. Overkill legen 1980 los; Gründungsmitglied und Sänger Bobby „Blitz“ Ellsworth sowie Bassist D.D. Verni sind noch heute an Bord. Über die Jahrzehnte veröffentlicht die Gruppe viele prägende Alben, von ihrem Debüt Feel The Fire (1985) über das wichtige dritte Werk Under The Influence (1988), dessen Nachfolger Years Of Decay (1989) bis hin zu moderneren Erfolgen wie White Devil Armory (2014). Stilistisch gehen Overkill etwas klassischer vor, weshalb sie auch „Motörhead des Thrash Metal“ genannt werden. Kein ganz schlechtes Kompliment, aber auch nicht verwunderlich, denn ihren Namen entleihen Overkill dem gleichnamigen Motörhead-Album. Ach ja, einen Gitarristen namens Dan Spitz gab es kurzzeitig auch. Der hatte später allerdings andere Pläne — mit Anthrax.

Anspieltipps: Elimination; Mean, Green, Killing Machine; Hello From The Gutter; I Hate; Coma

Anthrax

Ebenfalls an der Ostküste lärmen Anthrax ab 1981 in der Ursuppe des Thrash herum. Auf dem Erstlingswerk Fistful Of Metal (1984) haben sie ihre Form noch nicht erfunden, ab Spreading The Disease (1985) und Among The Living (1987) gehören sie zu den Speerspitzen des Genres und zu den sagenumwobenen „Big Four“. Mit dem immer schwierigen Übertritt in die Neunziger wechselt das Kernteam um Scott Ian, Charlie Benante und Frank Bello den Sänger (Joey Belladonna raus, John Bush von Armored Saint rein), außerdem hält jede Menge Groove Einzug in die Songs, was durchaus Einfluss auf neue Bands der Dekade hat (vergleiche Sound Of White Noise, 1992). Wegen der Rap-Metal-Kollaborationen I’m The Man und Bring The Noise gelten die Herren als Wegbereiter für den Crossover. Man könnte sagen: Anthrax haben dreimal Neuland betreten. Mittlerweile spielt die Band wieder im klassischen Line-up (mit Belladonna, minus Leadgitarrist Dan Spitz) vor allem klassischen Stoff.

Anspieltipps: Madhouse; Caught In A Mosh; I Am The Law; Bring The Noise; Only

Sodom

Auch in Deutschland schlägt die Thrash-Bombe zu Beginn der Achtziger ein. Zu den bekanntesten Vertretern des „Teutonic Thrash Metal“ zählen Sodom aus Gelsenkirchen, die 1983 ihr erstes offizielles Demo Witching Metal veröffentlichen. Die klangvollen Namen der Musiker zur Veröffentlichungspremiere: „Aggressor“ singt und spielt Gitarre, „Witchhunter“ trommelt und „Angelripper“ singt und spielt Bass. Im weiteren Verlauf ihrer Krachmusikkarriere nehmen Sodom Klassiker wie Obsessed By Cruelty (1986), Persecution Mania (1987) und Agent Orange (1989) auf und spielen sich tief in die Herzen der Thrash-Gemeinde — nicht nur in Deutschland, wo Agent Orange das erste Thrash-Album in den Charts markiert, sondern weltweit. Besonders filigran gehen die Gelsenkirchener nie zu Werke, leisten durch ihre unprätentiöse Herangehensweise aber einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Black Metal. Auf der Bühne stehen sie noch heute; und Tom „Angelripper“ ist immer noch dabei.

Anspieltipps: Nuclear Winter; Agent Orange; Remember The Fallen; Code Red; Ausgebombt

Kreator

Ein paar Meter weiter geht es zwar erst etwas später los, dafür aber nicht minder erfolgreich: Kreator aus Essen sind nach wie vor der deutsche Thrash-Export. Seit beinahe 40 Jahren steht Frontmann Miland „Mille“ Petrozza ununterbrochen auf der Bühne, 1984 geht es so richtig los. Ein Jahr später veröffentlichen die Ruhrpottmetaller ihr Debüt Endless Pain; ab 1986 folgen mit Pleasure To Kill (1986), Extreme Aggression (1989) und Coma Of Souls (1990) Klassiker, die nun wirklich in jedes Regal gehören. Doch auch neuere Platten der Gruppe können die Gefolgschaft begeistern. Mit Gods Of Violence gelingt Kreator 2017 sogar der Sprung auf Platz eins der deutschen Charts.

Anspieltipps: Pleasure To Kill; Extreme Aggression; Enemy Of God; People Of The Lie; Satan Is Real

Annihilator

Diese Band um Sechs-Saiten-Gott Jeff Waters gehört zur zweiten Welle des Thrash und kommt zur Abwechslung mal aus Kanada. 1984 geht es los, die erste Platte erscheint erst fünf Jahre später, gehört aber zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Alice In Hell ballert wie nichts Gutes, besitzt Melodien, Epik, Millionen Ideen und tolle, tolle Gitarrenarbeit. Nach diesem verheißungsvollen Start bringt Waters das Kunststück fertig, für jede der drei folgenden Platten den Sänger zu wechseln – und es funktioniert sogar. Never, Neverland (1990) ist noch besser als das Debüt, Set The World On Fire (1993) markiert das obligatorische Analogon zum Black Album, auf King Of The Kill (1994) singt der Chef sogar selber. Danach schwimmt Waters mit ständig wechselnden Kollegen kreativ im eigenen Saft, konnte sich zuletzt aber wieder fangen.

Anspieltipps: Alison Hell; The Fun Palace; Never, Neverland; Set The World On Fire; King Of The Kill

10 Southern-Rock-Empfehlungen für den Einstieg

Popkultur

„Strangeways, Here We Come“: Wie The Smiths vor 35 Jahren an sich selbst zerbrachen

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The Smiths
Foto: Pete Still/Getty Images

Sie sind eine der wichtigsten englischen Rock-Bands der Achtziger und haben mit nur vier Platten Musikgeschichte geschrieben: Vor 35 Jahren erscheint ihr letztes Album Strangeways, Here We Come. Die Band gibt es da schon gar nicht mehr…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Strangeways, Here We Come anhören:

Ach, die Achtziger. Autotune war noch nicht erfunden, Kurt Cobain noch am Leben und Morrissey kein verblendeter Rechter. Good times. England findet sich mit dem Wechsel der Jahrzehnte und den heraufziehenden Achtzigern immer fester in der Umarmung des Synth Pop wieder: The Human League, OMD, Ultravox geben den Ton an, bestimmen die Mode und das popkulturelle Tagesgeschehen.

Das passt nicht allen. Im Mai 1982 taucht Johnny Marr einfach vor Steven Morrisseys Wohnung in Stretford bei Manchester auf, um eine Band mit ihm zu gründen. Die beiden verstehen sich sofort prächtig, mögen dieselben Bands und Schriftsteller*innen und legen los. Sie nennen sich The Smiths, um endlich „ganz gewöhnliche Menschen ins Rampenlicht zu stellen“, wie Morrissey mal sagte.

Ihr Sound ist die Antithese zum wuchernden Synthie-Boom, eine Assemblage aus der harmoniesatten Musik der Sechziger und den desolaten Farben des Post Punk. Sie veröffentlichen drei äußerst erfolgreiche Alben und sind 1986 die wichtigste Rock-Bands Englands. Die erfolgreichste aber eben nicht – sehr zum Verdruss von Morrissey, der sich seinen Frust über die fehlende Mainstream-Anerkennung immer direkter von der Seele schreibt.

Ab in den Knast!

Für ihr viertes Album Strangeways, Here We Come, benannt nach einem notorischen Höllenknast aus viktorianischer Zeit, wollen sie was anderes versuchen. Sie hauen kurz noch die provokante, marxistische Non-Album-Single Shoplifters Of The World Unite und verabschieden sich von ihrem Trademark-Sound. Weniger Jingle-Jangle, weniger klassisches Rock’n’Roll-Besteck. Stattdessen kommen Drum-Maschinen zum Einsatz, synthestisiertes Saxofon und jede Menge Keyboard. Der Opener des Albums, das verwunschene, nostalgische A Rush And The Push And The Land Is Ours, kommt sogar ohne Gitarren aus.

Der eine liest, der andere trinkt

Als Vorbilder zitiert Johnny Marr das weiße Album der Beatles und einige Sachen der Walker Brothers. Die Band steht vor einem Wendepunkt, das ist schon bei den Aufnahmen zu Strangeways, Here We Come klar. In den Wool Hall Studios von Tears For Fears im Süden Englands entsteht unwissentlich der Schwanengesang einer Band. Während sich Morrissey abends nach den Aufnahmen mit Lektüre ins Bett zurückzieht trinkt und feiert der Rest der Band und des Teams regelmäßig bis tief in die Nacht. Die Stimmung ist gut, die Partys im Studio sind in der gesamten Umgebung bekannt und legendär.

Im April 1987 ist das Album im Kasten. Und die Band sehr zufrieden: Marr und Morrissey sind überzeugt davon, das mit Abstand beste The-Smiths-Album aufgenommen zu haben. Sie lassen sich von Oscar Wilde und der US-Girl-Group Reparata And The Delrons beeinflussen, von David Bowier und Nina Simone. Erscheinen soll das Album am 28. September 1987 – und für seine besondere Aura überschwänglich gelobt werden. Doch da gibt es die Band schon gar nicht mehr.

Das Fass läuft über

Die Spannungen zwischen Marr und Morrissey werden stärker und stärker. Es geht um Einfluss und Kontrolle, um verschiedene Visionen und künstlerische Egotrips. Im Juni 1987 verkündet Marr, eine Pause von der Band einzulegen, weil er sich vom Rest der Band zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt fühlt. Ein Artikel im NME erweist sich im Juli dann als Funke im Pulverfass: Marr zufolge steckte Morrissey dem Magazin, dass sich The Smiths auflösen würden, weil sich Morrissey und Marr irreparabel zerstritten hätten. Stimmt zwar nicht, doch zu diesem Zeitpunkt war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Johnny Marr steigt endgültig aus, noch vor Veröffentlichung des finalen Albums Strangeways, Here We Come ist eine der wichtigsten und einflussreichsten englischen Bands Geschichte. Für immer: Bis heute haben Johnny Marr und Morrissesy jedes Reunion-Angebot abgelehnt.

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Die besten letzten Platten aller Zeiten

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Popkultur

35 Jahre „Music For The Masses“: Der Moment, in dem Depeche Mode Weltstars wurden

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Depeche Mode
Titelfoto: Paul Natkin/Getty Images

In Europa sind Depeche Mode 1987 längst Stars. Dann veröffentlichen sie ihr ahnungsvolles, düsteres Epos Music For The Masses. Der Titel mag bewusst ironisch gewählt sein. Doch das Album schießt die Briten endgültig in die Stratosphäre.

von Björn Springorum

Die Schatten werden länger: Mit ihrem fünften Black Celebration wenden sich Depeche Mode 1986 merklich von ihrem sterilen, kühlen Electro Pop ab. Ihr Sound wird düsterer, ahnungsvoller, melancholischer, Martin Gores Texte merklich pessimistischer und zweifelnder. Die neue atmosphärische Qualität spiegelt sich auch in Anton Corbijns Zusammenarbeit mit der Band wider, die ebenfalls 1986 ihren Anfang nimmt.

Daniel Miller nimmt Abstand

Bald vier Monate ist man mit der schwarzen Feier auf Welttournee – ein Kraftakt, der nicht ohne Risse im Bandgefüge bleibt. Schon bei den Aufnahmen zu Black Celebration stört sich Produzent Daniel Miller an den Spannungen innerhalb der Band und entscheidet für sich, den Nachfolger nicht mehr zu betreuen. „Wir hatten keine freien Tage“, erinnerte sich Miller mal. „Vielleicht war das ein Fehler. Jeder wache Moment wurde in dieses Album gesteckt, mehr gab es für uns nicht.“

Verständlich, dass Depeche Mode beim Nachfolger etwas ändern wollen. Inzwischen sehr erfolgreich, gönnen sich Depeche Mode nach Rücksprache mit ihrem Mentor Miller den Produzenten Dave Bascombe und setzen mit ihm nach Paris über, um an neuen Songs zu arbeiten. Es ist Februar 1987, die Sonne scheint über der Seine und alles riecht nach Neuanfang. Die Motivation innerhalb der Band ist so hoch, dass Alan Wilder im Studio nach und nach die Kontrolle übernimmt. Irgendwie logisch: Je mehr Depeche Mode in Richtung Sampling und moderne Synthesizer gehen, desto mehr ist sein technisches Verständnis gefragt.

Der Aufstieg des Alan Wilder

In den nächsten Monaten wird Bascombe, durchaus eine veritable Koryphäe auf seinem Gebiet, fast schon zum Studiotechniker degradiert, während Alan Wilder mehr und mehr die Kontrolle übernimmt. „Music For The Masses ist der Aufstieg von Alan Wilder“, so sagte Daniel Miller mal. Wilder vergräbt sich mehr denn je in der Technik und in den Details, während die anderen schon durch die Straßen von Paris ziehen. Er hinterlässt deutliche Spuren in Songs wie Little 15 mit ihren fast schon sakral anmutenden Synthesizern, neoklassischen Elementen und Flächen.

Music For The Masses ist das erste Album, das Depeche Mode ohne ihren Entdecker Daniel Miller produzieren. Sie entschieden sich bewusst für mehr Progression und Experimente, vergessen aber natürlich die Hits nicht. Bis heute sind das monumentale, lüsterne, dezent homoerotische Never Let Me Down Again, das hämmernde Behind The Wheel oder das melodramatisch wallende Strangelove Ankerpunkte in ihrem Kanon. Der Rest des Albums ist aber eben genau der Gegenteil seines ironischen Titels: Ziemlich, ziemlich unkommerziell, voller obskurer Samples, sexueller Referenzen und dunkler Abgründe. Zum Titel sagte Andrew Fletcher mal: „Jeder riet uns, kommerziellere Musik zu machen, daher der Titel.“ Gore ergänzte das um: „Das Album ist alles außer Musik für die Massen!“

Triumph in Kalifornien

In England sieht man das vor 35 Jahren ganz ähnlich: Die Platte schafft es gerade so auf Platz zehn in die Charts, die erste Single Strangelove gar nur auf Rang 16. In den USA scheint die Ironie des Titels nicht zu ziehen: Music For The Masses macht Depeche Mode auf der anderen Seite des Atlantiks endgültig zu Superstars, dokumentiert mit dem Konzertfilm 101, der den Weg der Band zur letzten Show der Tour im gigantischen Rose Bowl Stadium in Pasadena, Kalifornien nachzeichnet. Es ist der Juni 1988 und die 101. Show der Music For The Masses-Welttour. 60.000 Fans sind dabei, als die Band das Ende eines weiteren Kapitels feiert.

Wenn sie sich im März 1990 mit Violator zurückmelden, werden sie endgültig zur größten Synth-Pop-Band aller Zeiten. Mit allen Exzessen, Abstürzen und Problemen, die dazugehören.

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40 Jahre Depeche Mode: Wie aus The-Cure-Fans Weltstars wurden

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Popkultur

Im Auftrag des Herrn: Als Bob Dylan vor Papst Johannes Paul II. auftrat

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Bob Dylan
Foto: POOL/AFP/Getty Images

Gläubig war Bob Dylan irgendwie schon immer — mal in der einen, mal in der anderen Religion. Doch darum geht es nicht, als er am 27. September 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftritt

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Echoes, Silence, Patience & Grace von den Foo Fighters anhören:

Mit seinem Gig vor Papst Johannes Paul II. löst Bob Dylan im September 1997 einen ganz schönen Trubel aus. „Darf der das?“, lautet die allgegenwärtige Frage. „Nein“, finden zahlreiche Mitglieder der katholischen Kirche. Kardinal Joseph Ratzinger (später: Papst Benedikt XVI.) möchte den Auftritt sogar verhindern. Doch Dylan bahnt sich seinen Weg zum Häuptling und gibt in Anwesenheit von mehr als 300.000 jungen Katholiken Songs wie Knockin’ On Heaven’s Door, A Hard Rain’s A-Gonna Fall und Forever Young zum Besten. Der Papst hält anschließend ein flammendes Plädoyer für die katholische Kirche — und zitiert darin auch Dylans Songtexte.

„Du sagst, dass ‚blowin‘ in the wind’ die Antwort ist, mein Freund“, proklamiert das Kirchenoberhaupt in Dylans Richtung. „So ist es. Es ist aber nicht der Wind, der Dinge davonträgt, sondern der Atem und das Leben des Heiligen Geistes. Die Stimme die ruft und sagt: ‚Komm!‘. Du fragst, wie viele Wege ein Mann gehen muss, bevor er zum Mann wird. Ich antworte: Es gibt für einen Mann nur einen Weg und das ist der Weg von Jesus Christus, der gesagt hat: ‚Ich bin der Weg und das Leben.‘“ Ob der Papst Dylans Fragen damit beantworten konnte, wissen wir auch nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass Dylans Auftritt beinahe nicht stattgefunden hätte.

Johannes’ Nachfolger Benedikt XVI. hat Einwände

„Es gab Gründe, skeptisch zu sein und das war ich“, schreibt Papst Benedikt XVI. in seinem Buch Johannes Paul II: Mein geliebter Vorgänger. 1997 heißt Benedikt noch Joseph Ratzinger und ist Kardinal. „In gewisser Weise bin ich auch heute [2007] noch skeptisch.“ So äußert der Rockmusikhasser in dem Buch seine Zweifel darüber, ob es richtig gewesen sei, den „sogenannten Propheten“ Dylan auf die Bühne zu lassen. 1997 möchte Kardinal Ratzinger das Konzert sogar aktiv verhindern und spricht sich gegen Dylans Auftritt aus. Zum Glück hat er damals noch nicht allzu viel zu sagen — und zum Glück sieht der amtierende Papst das Ganze ein wenig anders.

Dylan selbst erklärt in einem Newsweek-Interview, wie es um seine Religiosität bestellt ist: „Die Sache mit mir und der Religion ist die … Das ist die reine Wahrheit: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Immer wieder war es zu Verwirrung um Dylans Glauben gekommen, der zwar jüdisch aufwuchs, Ende der Siebziger aber unter großem Tamtam zum Christentum konvertierte. Später wendete er sich wieder davon ab. „Ich halte mich nicht an Rabbiner, Prediger, Evangelisten und all sowas“, versichert er. „Ich habe mehr durch die Lieder gelernt, als durch irgendeine Einrichtung. Die Lieder sind mein Lexikon und ich glaube ihnen.“

Dylan beim Papst: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe.“

Warum Dylan 1997 dennoch seine Chance ergreift und vor dem Papst auftritt, können wir nur erahnen. Die mediale Aufmerksamkeit wird sicher dazu beigetragen haben, denn nur wenige Tage später erscheint sein 30. Album Time Out Of My Mind. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz: „Das war eine der besten Shows, die ich je gespielt habe“, verrät er später in einem Interview mit dem Irish Sunday Mirror. Außerdem erklärt er: „Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich nur auf der Bühne glücklich sein.“ Touren falle ihm nicht schwer. „Viele Leute halten das Touren nicht aus, aber für mich ist das wie Atmen.“ Hoffentlich kommt er dabei nicht dem Atem des Heiligen Geistes in die Quere.

Aufnahmefehler und schlechte Verkaufszahlen: Die holprige Geschichte von Bob Dylans Debütalbum

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