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Popkultur

„Moxie“: Der „Riot Grrrl“-Soundtrack zum Netflix-Hit

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Bikini Kill
Foto: Lindsay Brice/Getty Images

Wer momentan beim Streaming-Giganten Netflix vorbeischaut, dürfte in den Top Ten zwangsweise über den Titel Moxie. Zeit, zurückzuschlagen stolpern. Die Coming-of-Age-Komödie erzählt von der jungen Vivian, die sich von Mutterns „Riot Grrrl“-Tagen inspirieren lässt und fortan an ihrer Schule mächtig am Status Quo sägt. Aber was hat es eigentlich mit der Bewegung auf sich, und wieso klingt dieser Soundtrack so verdammt gut?

von Victoria Schaffrath

Seattle und Umgebung, Ende der Achtziger. Alternative Musik gehört zum Alltag wie der Kaffee zum Frühstück, und Grunge, Punkrock und Hardcore bestimmen die rege Musikszene des amerikanischen Nordwesten. Wer nicht selbst in einer Band spielt, bringt einfach Fan-Zines heraus, fügt also Zeitungsausschnitte mithilfe eines Kopierers Collagen-artig zusammen. Besonders für weibliche Mitglieder der Szene entwickelt sich das Zine zum wichtigen Sprachrohr, denn in Bands fühlen sie sich nur bedingt willkommen und Konzerte gelten dank der brutalen Moshpits eher selten als Oase des gepflegten Musikgenusses.

Aus den Zines und den Zusammenschlüssen musikbegeisterter Mädchen entwickelt sich schließlich der Wunsch, noch aktiver zu werden und vor allem Räume für ihresgleichen zu schaffen. Die Nase gestrichen voll von Jungsmusik gründen sie eigene Bands und formieren sich zur „Riot Grrrl“-Bewegung inklusive Manifest: „WEIL wir wütend sind auf eine Gesellschaft, die uns signalisiert, Mädchen seien dumm oder schwach.“ Als integraler Teil läuten die jungen Frauen damit die dritte Welle des Feminismus ein. Doch schon 1994 beginnt die Initiative zu zersplittern; findet sich seitdem immerhin bruchstückhaft in Musik und Kultur. Nun erzählt Moxie anhand der Lieder der Mitbegründerinnen und Nachfolgerinnen, warum der Gedanke auch heute noch Bestand hat.

1. Bikini Kill – Rebel Girl

Wohl der bezeichnende Song des Genres. Als Vorreiterinnen der „Grrrls“ (die Schreibweise soll übrigens ein Knurren imitieren) überzeugen Bikini Kill mit klugen Texten und Frontrau Kathleen Hanna. Meist ruft diese bei Shows das Publikum dazu auf, in den vorderen Reihen Platz für Frauen zu lassen („Girls to the front!“) und schafft so einen sicheren Raum für weibliche Fans und Band zugleich. Mit Rebel Girl erklärt die Gruppe ausgelutschten Tropen wie Slutshaming und Konkurrenzkampf den Krieg: „That girl thinks she’s the queen of the neighborhood / I got news for you, she is!“

Dabei definiert sich das Quartett, bei dem mit Billy Karren auch ein Mann mitwirkt, nicht als Führungsriege der losen Organisation. „Riot Grrrl“ soll vielmehr als Anstoß für weibliche Musikfans auf der ganzen Welt dienen, sich Gehör zu verschaffen. Es geht nicht primär um die Ästhetik, sondern darum, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und umzusetzen. Dieser DIY-Gedanke findet sich auch in der Ablehnung des Kapitalismus in all seinen Formen. Als Kritikpunkt der Bewegung bleibt bis heute ihre mangelnde Intersektionalität und Inklusion nicht-weißer Frauen bestehen.

2. Gossip – Fire With Fire

Moment mal, Gossip? Klar, Stücke wie Heavy Cross oder Standing In The Way Of Control vergisst man nicht so schnell, aber durch ihre Gründung 1999 fällt die Band doch eigentlich aus dem „Riot Grrrl“-Raster, oder? Da gibt es jedoch Touren mit Sleater-Kinney, der wohl am längsten aktiven Riot-Band, und Le Tigre, einem der späteren Projekte von Kathleen Hanna. Als Vorbild gelten dem Trio außerdem The Raincoats aus UK, mit denen sich bereits Kathi Wilcox und der Rest von „BK“ identifizieren konnten. Unter Vertrag geraten sie dann auch noch bei Kill Star Records, die mit Bikini, Bratmobile und Huggy Bear die großen Nummern des Genres sowie andere Indie-Artists wie Elliott Smith auf Vinyl pressen. Ganz deutlich macht es schließlich Sängerin Beth Ditto selbst, indem sie für die Szene-Enzyklopädie Riot Grrrl: Revolution Girl Style Now! das Vorwort verfasst.

3. Bikini Kill – Double Dare Ya

Ganz bewusst bleibt die Reichweite von „Riot Grrrl“ weit hinter der des Grunge zurück, auch wenn Messias Kurt Cobain gute Kontakte zu den Aufständischen pflegt und gar verkündet: „Frauen sind die einzige Zukunft des Rock’n’Roll.“ Der Mann weiß, wovon er spricht, unterhält Cobain doch eine kurze, aber heftige Beziehung zu Tobi Vail, der Schlagzeugerin von Bikini Kill. Dave Grohl ist wiederum Sängerin Kathleen verfallen, und so kommt es auch zwischen Hanna und Cobain zur Freundschaft. Deren Resultat: Die Frontfrau sprüht eines Tages „Kurt riecht wie Teen Spirit“ in Anlehnung an eine Deo-Marke an dessen Schlafzimmerwand. Die so entstandene Grunge-Hymne kann sich jedoch warm anziehen, wenn Hanna im Intro zu Double Dare Ya inbrünstig brüllt: „We’re Bikini Kill, and we want revolution, girl-style, now!“

4. The Julie Ruin – Just My Kind

Als Bikini Kill 1997 dank zweifelhaftem Medienrummel vorerst das Handtuch werfen, weiß Kathleen Hanna, dass da weiterhin Musik aus ihr heraus will. Unter dem Namen Julie Ruin nimmt sie zunächst eine Solo-Platte auf und macht daraufhin mit Le Tigre New Wave-artigen Pop, der zwar immer noch politisch, aber deutlich tanzbarer klingt. Ab 2005 wird es eher still um die Punk-Übermutter – Diagnose: Lyme-Borreliose. Ehemann Adam Horovitz von den Beastie Boys unterstützt bei der Genesung, sodass Hanna ihr Soloprojekt 2010 mit Kathi Wilcox und anderen zur Band The Julie Ruin macht.

5. The Linda Lindas – Big Mouth

Gerade mal im Teenageralter und schon ein beachtliches Portfolio: Die Linda Lindas aus Los Angeles spielen Shows mit Mitgliedern von Karen O. und Best Coast oder mimen mal eben den Opener für Reunion-Shows von Bikini Kill. Dabei zählt das jüngste Mitglied gerade einmal zehn Sommer! In wahrer Riot-Manier lassen sich die vier Mädels jedoch nicht von zweifelnden Stimmen aufhalten und präsentieren in Moxie Coverversionen von Rebel Girl sowie Big Mouth von den Muffs. Frühreif und stolz drauf!

6. CSS – Alala

Auch wenn die „Riot Grrrls“ sich andernorts nicht ganz so sehr etablieren wie in Amerika, so reicht ihr Einfluss doch weit. In Brasilien gründet sich 2003 nämlich die Band CSS, was als Abkürzung für Cansei de Ser Sexy steht und so viel bedeutet wie „Keinen Bock mehr, sexy zu sein“. Falls der Name tatsächlich von einem Beyoncé-Zitat stammt, wie es ein Gerücht besagt, macht das die Sache nur noch cooler. Das Stück Music Is My Hot Hot Sex kennt man übrigens noch aus einer iPod-Werbung Anno 2007. Genre-technisch kann man CSS beinahe bei Le Tigre einordnen, die Gründungsmitglied Johanna Fateman in der Musikdoku The Punk Singer als „feministische Partyband“ bezeichnet; wir lassen aber auch Dance-Punk gelten.

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