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Popkultur

Say It Loud: Wie Musik unsere Gesellschaft verändert

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Obwohl sie oft nur drei, vier Minuten lang sind, können Songs wahnsinnig viel bewegen. Sie können Trost spenden und inspirieren, bekräftigen und aufklären – und noch so viel mehr. Einer der Gründe dafür ist wohl, dass es nun einmal Menschen sind, die sie komponiert und aufgenommen haben, Menschen mit Gefühlen und Fehlern und allem, was dazugehört. Auf Papier funktionieren Songtexte daher in der Regel nicht so gut. Verpackt als Songs jedoch halten sie der Welt nicht nur den Spiegel vor, denn sie haben auch immer wieder die Dinge ins Rollen gebracht und gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst. Mehr noch als jede andere Kunstform.

von Jamie Atkins

Schaut man weit zurück in die Geschichte, so wurden Songs damals vor allem selbst gesungen, denn mit ihnen wurden Inhalte und Anekdoten weitergereicht von einer Generation zur nächsten: Mündlich überlieferte Geschichte, Oral History. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch wurde die Welt durch zahlreiche Erfindungen plötzlich in sehr kurzer Zeit sehr viel kleiner, und auch die Songs, die in dieser verkleinerten Welt entstanden, konnten sehr viel schneller von einem Ort zum anderen transportiert werden.

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Hört hier unsere Playlist mit den stärksten Protestsongs der Musikgeschichte:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.


Aufnahmetechniken, Tonbänder, schließlich die Schallplatte – Erfindungen, die alles in der Musikwelt verändern sollten. Hatte man zuvor noch in der Nähe einer Oper leben (und dazu über die nötigen Mittel verfügen) müssen, um bewegende, relevante Performances zu hören, so war plötzlich dem Austausch von Stilen und Sounds keine Grenze mehr gesetzt. Der Blues z.B.: Vorher in seiner Reinform nur in den USA zu hören, konnte er nun überall aus den Boxen kommen. Horizonte wurden erweitert, Genres und Stile im- und exportiert, existierende Ideen hinterfragt. Und meistens ging es in den Songs um Aspekte des Lebens, die in den regulären Nachrichten keinen Platz hatten.

„Startschuss für die Bürgerrechtsbewegung“

Ein perfektes Beispiel für die welt- und gesellschaftsverändernde Kraft der Musik ist Billie Holidays Version von Strange Fruit (geschrieben von Abel Meeropol) aus dem Jahr 1939: Nicht ohne Grund bezeichnete Ahmet Ertegun, der Produzent und Mitbegründer von Atlantic Records, das Stück hinterher als „Startschuss für das Civil Rights Movement“. Rassendiskriminierung und -trennung waren in der US-Musiklandschaft zuvor noch nie ein Thema gewesen. Dabei war dieser Rassismus, diese Trennung auch hier zu spüren (z.B. in Konzerthallen). Berühmte schwarze Musiker wie Louis Armstrong wurden derweil als „Uncle Toms“ bezeichnet – sie würden ja doch nur für die Weißen spielen, um mehr Geld zu bekommen.



Die erste Konzerthalle, an der die Trennung abgeschafft wurde, war der New Yorker Jazzclub Café Society. Der damalige Inhaber Barney Joseph wollte Gleichbehandlung – im Publikum und auf der Bühne. Doch als er dann Billie Holiday für einen Auftritt ins Café holte, hatte die Angst vor den Reaktionen auf Strange Fruit: Immerhin war der Song von einer Postkarte inspiriert, auf der Schwarze an Lynchseilen hingen. „Zuerst klatschte auch niemand“, erzählte sie später in ihrer Autobiografie. „Bis dann doch einer anfing – und plötzlich der ganze Saal mitklatschte.“

Holidays Version von Strange Fruit sollte sich daraufhin nicht nur millionenfach verkaufen, denn viel wichtiger war, wie viel der Song in den Köpfen der Menschen bewegt hat. Ausschlaggebend war dabei wohl auch, wie krass die besagte Lynchszene im Text geschildert wird. Die dadurch ausgelösten Gefühle brachten viele Menschen dazu, wenig später gemeinsam mit Martin Luther King, Jr. zu marschieren… genau wie deren Enkel, die in jüngster Vergangenheit bei Black Lives Matter dabei waren.

Grenzen einreißen

Immer wieder waren es Musiker, die ihr Publikum zum Nach- und Umdenken brachten: Benny Goodmans Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall im Januar 1938 ist ein weiterer wichtiger Meilenstein, denn es war das erste Jazzkonzert in der legendären Konzerthalle, bei der echter, improvisierter, „schwarzer“ Jazz gespielt wurde – und nicht die aufgeräumte „europäische“ Variante. Das Publikum rastete aus.

Während sich die Gesetzeslage im US-Süden erst im Jahr 1964 ändern sollte, war in Musikerkreisen schon davor oftmals Schluss mit Rassentrennung & Co.: Der Charakter eines Musikers war entscheidend, von seinem Können natürlich ganz zu schweigen. Dave Brubeck widersetzte sich in den Fünfzigern wiederholt den Vorgaben der Konzertveranstalter, die von ihm verlangten, seinen farbigen Bassisten Eugene Wright auszutauschen. Während Brubeck die Sache publik machte und sich zudem weigerte, vor segregiertem Publikum aufzutreten, bestanden die legendären MG’s (Booker T & The MG’s), die u.a. auch Otis Redding, Wilson Pickett, Sam & Dave und Carla Thomas unterstützten, genau genommen bereits aus schwarzen und weißen Mitgliedern.



Man muss sich das mal vorstellen: Beim 1957 in Memphis gegründeten Kult-Label Stax beheimatet, hatten die Musiker von Booker T & The MG’s zuvor Schulen besucht, an denen Rassentrennung ganz normal war. Und als dann 1962 ihr Song Green Onions durch die Decke ging, war es ihnen noch immer untersagt, in Memphis in einem Restaurant am selben Tisch zu sitzen! Noch ein bisschen später waren es Sly And The Family Stone, bei denen rassen- und geschlechterübergreifend Musik gemacht wurde – auch deshalb kam ihre Gleichberechtigungshymne Everyday People so unfassbar gut an.

Plötzlich sieht die Welt ganz anders aus

Der Fernseher sorgte schließlich dafür, dass Popsongs noch mehr Menschen erreichen und noch mehr in den Köpfen verändern konnten. Die Musiker auch zu sehen und nicht bloß zu hören, das faszinierte das Publikum von Anfang an. Man denke z.B. an die Sendung von Dusty Springfield in der britischen BBC: Springfield wusste genau, wie viel sie jener Musik zu verdanken hatte, die ursprünglich von Schwarzen gemacht wurde, und so bestand sie denn auch darauf, Schwarze in ihrer Sendung zu präsentieren. Ein mutiges Statement in jenen Tagen, besonders wenn man bedenkt, dass Dusty ein absolutes Mainstream-Programm war im britischen Fernsehen.

In den Staaten war derweil Motown ein weiteres Label, dessen Katalog zum Umdenken bewegte – auch im TV: Oprah Winfrey hat wiederholt davon gesprochen, was für ein einschneidendes Erlebnis der TV-Auftritt von The Supremes (in der Ed Sullivan Show) für sie war; genau genommen habe sie kaum etwas davon gesehen, weil sie die ganze Zeit am Telefon hing, um Freunden von „den Schwarzen im Fernsehen“ zu berichten. Ähnlich umwerfend muss es für viele Gleichaltrige gewesen sein, die jungen Jackson 5 schon 1969 bei Ed Sullivan zu sehen: Michael Jackson wirkt zwar noch etwas schüchtern während er I Want You Back ankündigt – aber sobald sie loslegen, ist er 100% überzeugend, damals schon durch und durch ein Popstar.



Jacksons unglaubliche Tanzschritte, sein Selbstbewusstsein, seine Stimme reichen vollkommen: Auch ohne politische Message kann der damals 10-Jährige schlagartig alles verändern mit einem derartigen Song, einer derartigen TV-Performance. Für schwarze Kids, die diesen Auftritt zu sehen bekamen, gab es nämlich doch eine versteckte Message: Alles ist möglich. Und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus.

Verschaff dir Gehör

Viele Popsongs lösen direkt ein Gefühl aus, manche regen sogar zum Nachdenken über das eigene Leben an und prägen einen Menschen nachhaltig. Oft passiert das im (nicht unbedingt) stillen Kämmerlein: Allein zu Hause, unterwegs auf Kopfhörern etc. Doch selbst dieser vermeintlich abgesonderte Musikkonsum hat etwas Gemeinschaftliches: Ein Mensch, der von den Aufnahmen eines anderen Menschen berührt wird, ist nicht wirklich allein. Genau genommen ist es ein Kontakt, ein Transfer, der täglich millionenfach stattfindet – und der genau deshalb so viel verändern kann.

Kommen wir noch einmal zu Motown zurück, denn dieses Label aus Detroit war in vielerlei Hinsicht Vorreiter: Gegründet von Berry Gordy vor ziemlich genau 60 Jahren (das Jubiläum steht im Januar 2019 an), war Motown die erste Plattenfirma, die von einem Afroamerikaner geleitet wurde. Das allein wäre schon einen Eintrag in den Geschichtsbüchern wert, doch Motown sollte bekanntlich über Jahrzehnte hinweg die Popmusik prägen wie kein anderes Label – es war wirklich „The Sound Of Young America“, um schließlich auch der Sound der ganzen Welt zu sein. Wenige Jahre zuvor hätten die Leute wahrscheinlich nur mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen davon erzählt hätte…

Ausschlaggebend für den massiven Erfolg von Motown waren natürlich die Künstler und ihr Verständnis von Soul und Pop: Stevie Wonder, The Supremes, Marvin Gaye, Smokey Robinson, Jackson 5, Gladys Knight & The Pips, The Temptations etc. – die Liste ist lang, die Hits heute noch immer so ansteckend wie vor 50, 60 Jahren. Die zwei Minuten und 36 Sekunden, die Baby Love von The Supremes dauert, sind nicht viel Zeit, aber was so ein Song im Laufe der Jahre losgetreten und bewegt hat, ist kaum zu beziffern. Vielleicht war der Impact sogar größer als der von vielen Bürgerrechtskampagnen, die parallel dazu liefen.



Auch die Grenzen des Pop überschritten die Motown-Künstler immer wieder: Marvin Gayes Album What’s Going On, Stevie Wonders Innervisions, der Song Papa Was A Rolling Stone von The Temptations – das waren ganz klare Statements für mehr soziales Bewusstsein, Songs, die genauso von Black Pride inspiriert waren wie die Arbeiten von Curtis Mayfield, James Brown, Sly Stone und Isaac Hayes. Deren Aufnahmen wiederum bildeten das Fundament für Musiker wie Gil Scott-Heron und Funkadelic/Parliament, worauf bekanntlich der Siegeszug von Rap und Hip-Hop folgte. Bis hin zur Black Lives Matter-Bewegung, die genauso von aktuellen R&B- und Hip-Hop-Künstlern unterstützt wird wie umgekehrt, wenn die Musiker sich von den jüngsten Entwicklungen inspirieren lassen.

Auch in der aktuellen US-Musiklandschaft spielen Themen wie Rassismus und Diskriminierung häufig eine zentrale Rolle: Künstler und Künstlerinnen wie Kendrick Lamar und Solange, D’Angelo, Beyoncé, Blood Orange und Common, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, bringen über zeitgenössischen Pop-, Hip-Hop- und R&B-Produktionen ganz klar ihre Sichtweise zum Ausdruck. Mal klingt das wie Kendricks The Blacker The Berry, dann wieder wie bei Solanges Don’t Touch My Hair. Kendricks Alright wurde sogar zur Hymne der Black Lives Matter-Bewegung:



Die Macht der Bilder spielt in Zeiten von YouTube & Co. natürlich eine immense Rolle: So war Beyoncés Lemonade-LP nicht nur eine Abhandlung (in Albumlänge) über das Leben einer schwarzen Frau in den USA, sondern auch die dazugehörigen Clips waren gespickt mit unmissverständlichen politischen Anspielungen. Im Clip zu Forward waren die Mütter von Trayvon Martin, Eric Garner und Michael Brown zu sehen, die Fotos von ihren verstorbenen Söhnen hochhalten; Formation hingegen rechnet knallhart mit Polizeigewalt ab und teilt dazu auch gegen die Verantwortlichen aus, die nach dem Hurricane Katrina nicht den Opfern (zumeist Farbige) geholfen haben.

Noch viel krasser ist dabei das relativ junge Video zu This Is America von Childish Gambino, in dem der Rapper nicht nur Waffengewalt thematisiert (und mit unzähligen Referenzen illustriert), sondern auch die Tendenz, wie Black Culture immer wieder vom Mainstream vereinnahmt wird. Entscheidend ist bei den Clips von Gambino, Beyoncé & Co. vor allem eine Sache: Es sind allesamt globale Hits. Millionenfach angeschaute Clips. Songs, die eine politische Message beinhalten – und damit ein riesiges Publikum erreichen. Auch die Videos machen die Musik zu einem Medium, das den Status quo beeinflussen und verändern kann wie kaum ein anderes.

„You Don’t Own Me“

Auch in Sachen Gleichberechtigung von Männern und Frauen hat die Musik vieles ins Rollen gebracht, obwohl manche Menschen es im Jahr 2018 noch immer beachtenswert finden, wenn Mädels eine Band gründen – und dann auch noch richtig gut spielen können… Die Liste der Songs, die sich für mehr Frauenrechte stark machen, ist ausgesprochen lang: Lesley Gores You Don’t Own Me aus dem Jahr 1963 ist ein frühes Beispiel, gefolgt von Arethas Respect, bis hin zu den Aufnahmen von Bands wie The Slits, Bikini Kill, Sleater-Kinney und Le Tigre oder auch den Popentwürfen von den Spice Girls und Destiny’s Child.

Wiederum waren es gar nicht mal erhobene Zeigefinger, sondern vielmehr Dinge wie die Purzelbäume der Spice Girls im Clip zu Wannabe, die etwas in den Köpfen verändern sollten: Das war eine greifbare Hymne über Freundschaft und Zusammenhalt unter Frauen, über Selbstbestimmung und gelebte Gleichberechtigung. Heute, gut 20 Jahre später, tun Künstlerinnen wie Lorde, Taylor Swift, Grimes und St. Vincent letztlich genau das: Sie treten selbstbewusst auf, nehmen kein Blatt vor den Kopf, überzeugen, indem sie es vormachen und Exempel statuieren.



Andere Länder, andere Baustellen

Gerade außerhalb der USA muss man natürlich auch den Einfluss von einer Band wie The Beatles erwähnen – und das nicht nur mit Blick auf die damaligen Frisurentrends und den Fan-Kult ganz allgemein. Lucy In The Sky With Diamonds veränderte das Verhältnis zu Drogen, andere Songs brachten esoterische Themen auf die Agenda, und überhaupt waren die Sechziger eine Ära, in der Traditionen mindestens hinterfragt, wenn nicht gleich über den Haufen geworfen wurden.

Dasselbe wollten etwas später auch die Vertreter der Punk-Bewegung, schlugen dabei aber bekanntlich einen ganz anderen Ton an. Auch wenn die Mainstream-Presse hart daran arbeitete, die Sache abzutun, war gerade der Do-It-Yourself-Spirit der Bewegung prägend für die gesamte Musikwelt: Man brauchte kein Label, ja, im Punk nicht mal besonders viel Talent, um selbst Stellung zu beziehen. Hauptsache, man machte überhaupt den Mund auf. Die Tatsache, dass Buzzcocks ihre erste EP Spiral Scratch in Eigenregie veröffentlichten, war so gesehen ein vielleicht wichtigeres Statement als die Musik selbst…

Rau und echt statt glatt poliert: Gitarrist Steve Diggle (links) und Schlagzeuger John Maher von den Buzzcocks, backstage im Marquee Club London 1977. Foto von Kevin Cummins/Getty Images

Grenzen ausradieren

Ungefähr zeitgleich tauchten auch immer mehr Songs auf, die sich für die Rechte von Schwulen und Lesben stark machten: Glad To Be Gay lautete der deutliche Titel eines 1978 veröffentlichten Songs von der Tom Robinson Band. Davor hatte es zwar schon Songs wie Tutti Frutti (von Little Richard) oder You’re The Top (von Cole Porter) gegeben – aber da war das Thema noch sehr viel verschleierter präsentiert worden. Deutlich provokantere Töne kamen in den Achtzigern schließlich auch im Mainstream an, als u.a. Prince und Madonna die Charts dominierten.

Bevor Frank Ocean zu einem der einflussreichsten Künstler unserer Zeit aufsteigen sollte, gehörte der R&B-Erneuerer als Mitglied von Odd Future in Rapper-Kreise – traditionell eher für homophobe Tendenzen bekannt. Doch parallel zur Veröffentlichung von Channel Orange schrieb er auf dem eigenen Tumblr über seine Bisexualität (und auch auf Blonde ging es inhaltlich immer wieder darum) – und beides stieß auf viel Akzeptanz rund um den Globus. Auch im Gender-Diskurs übernimmt die Musik wieder eine Vorreiterrolle, weil sie den Menschen in aller Welt die Gedanken und Gefühle anderer aufzeigt, alternative Sicht- und Denkweisen vermittelt. Mal klingt das wie bei Ahohni oder wie bei Christine & The Queens; dann wieder sind es Mainstream-Künstlerinnen wie Lady Gaga, die sich für mehr Toleranz, mehr Offenheit und Akzeptanz, für ein fluideres Selbst- und Weltbild starkmachen.

Auch sie wollen starre Denkmuster in den Köpfen aufbrechen und setzen dafür auf die Kraft der Musik: Denn genau dafür eignet sich das so griffige, so prägnante Songformat besser als jede andere Kunstform.


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Popkultur

„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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Die Alben von Pink Floyd im Ranking — die besten Platten der Prog-Legenden

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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