Die musikalische DNA von Bob Seger

August 1, 2017
in Category: Platten, Popkultur



Die musikalische DNA von Bob Seger

Die musikalische DNA von Bob Seger

Bob Seger war niemals eine Hitmaschine. Er war aber immer ein meisterhafter Beobachter und eindringlicher Erzähler. Jemand, der lieber den langen Weg nach Hause nimmt anstatt die schnelle Abkürzung. Seinen Platz im Spotlight der Rock-Welt konnte er zwar nur kurz genießen, an seiner Ausdauer aber hat das nichts geändert. Seger hat immer weitergemacht, Songs geschrieben und auf Tour einen Kilometer nach dem anderen gefressen. Alles für den Rock’n’Roll!


Hört euch hier die musikalische DNA von Bob Seger in einer Playlist an und lest weiter:


Seger war anders als viele seiner Zunft nie an den großen Gesten und ausschweifenden Exzessen interessiert. Was der berühmte Musikkritiker Robert Christgau über sein Album Night Moves schrieb, das gilt auch für Segers gesamte Karriere: „Das ist Rock’n’Roll für diejenigen, die keine Teenager mehr sind.“

Seger ist die Art Musiker, die eher in Alben als in Hit-Singles denken, in großen Erzählbögen statt in Höhepunkten. Dafür schätzen ihn nicht nur Fans, sondern auch viele Bands und überhaupt die richtigen Leute: 2004 wurde in der Rock and Roll Hall Of Fame, 2012 in die Songwriters Hall Of Fame aufgenommen. Seine Musik ist nah am Leben dran, unaufgeregt und doch tiefschürfend. Was sie und also ihn inspiriert hat, finden wir mit Blick auf seine musikalische DNA heraus.


1. The Del-Vikings - Come Go With Me

Seger ist ein echtes Kind der Motor City im Herzen der USA: Detroit. Die Stadt hat bis heute viel Musik hervorgebracht, ist abwechselnd als Rock City oder Heimatstätte vom Motown-Soul bekannt, manche verbinden mit ihr pumpende Techno-Musik oder doch den Detroiter Rap von der Eight Mile. Segers schnappte aber nicht nur in seiner Umgebung, sondern auch im Elternhaus schon früh Musik auf, denn sein Vater war selbst ein talentierter Musiker. Seine erste eigene Platte war ein Stück der Doo-Wop-Gruppe The Del-Vikings, die mit Come Go With Me den jungen Musikfan für sich gewonnen konnten. Seger kaufte sich die 1956 erschienene Single im darauffolgenden Jahr, als er selbst gerade mal zwölf Jahre alt war.


 2. Little Richard - Hey-Hey-Hey-Hey

Im selben Jahr wie Come Go With Me erschien eine Single Little Richards, die Bob Seger 43 Jahre später covern und die doch erst 2011 veröffentlicht werden sollte. Hey-Hey-Hey-Hey war anders als Come Go With Me ein wildes Stück Musik, das den kleinen Bob nach der Trennung seiner Eltern und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Familie eine Zuflucht bot. „Little Richard war der Erste, der mich wirklich berührte“, sagte er über den extrovertierten Rocker. Damals machte sich die Segregation der US-amerikanischen noch deutlich in der Musikszene bemerkbar, die Trennlinie zwischen dem sogenannten Rhythm and Blues und Rock’n’Roll verlief entlang der Hautfarbe. Nicht für Seger. „Ich war Rhythm and Blues!“, sagte er 1990. „Ich war ein dirty white boy.“ Einer, der auf der Liberty Street in Ann Arbour herumlungerte und sein Taschengeld für Singles von Little Richard ausgab.


3. Elvis Presley - Hound Dog

Tatsächlich mochte Seger schon immer die kratzigen und krachigen Sänger, was auch in seinem eigenen Gesangsstil nachhallte. Little Richard, gestand er einmal, würde er dem absoluten King des Rock jederzeit vorziehen. Was wiederum nicht heißen soll, dass Seger Elvis Presely nicht zu seinen Idolen zählt – ganz im Gegenteil natürlich. Besonders ein Song tat es dem jungen Teenie damals an. „Hound Dog ist der Grund, warum wir das hier alles machen“, sagte er gegenüber dem Rolling Stone. „Der Song zeigt Elvis, wie er am jüngsten und explosivsten war.“ Hound Dog, so erzählt er, war einer der ersten Kompositionen, die er auf der Bass-Ukulele seines Vaters zu spielen lernte. So fand ein dirty white boy den anderen und das schon sehr früh. Keine Frage, nach einer solchen musikalischen Früherziehung war Bob Seger für den Rock’n’Roll-Lifestyle prädestiniert!


4. James Brown - Please Please Please / You’ve Got The Power / I Found Someone (I Know It’s True)...

Segers Musik war aber immer auch mehr als nur Rock’n’Roll, seine Einflüsse erstrecken sich über viele Genres. Als 1963 James Browns Album Live At The Apollo erschien, stellt das die Welt des damals 18-jährigen gehörig auf den Kopf. „Die Lieblingsplatte von meinen Freunden und mir war Live At The Apollo“, erinnerte er sich. „Ich lernte davon, hundertprozentig hart zu singen.“ Das aber war noch nicht das einzige, was Seger von der „Sex Machine“ mitnahm. „James Brown war vermutlich mein größter Einfluss, was die Show anging. Ich habe ihn zu High-School-Zeiten bestimmt drei oder vier Mal live gesehen“, gab er zu. Kein Wunder, dass er selbst für seine Live-Auftritte und Konzertmitschnitte wie Live Bullett bekannt wurde! Unvergesslich ist vor allem das sechseinhalbminütige Medley, in welchem sich Brown durch ganze zehn Songs spielt. Besonders die Losung You’ve Got The Power scheint sich Seger damals als Motto erwählt zu haben.


5. Ike & Tina Turner - Nutbush City Limits

Der harte Funk von James Brown war nicht das einzige, was Seger außerhalb von Rock’n’Roll prägte. Als Kind Detroits muss er doch bestimmt mit Motown-Soul aufgewachsen sein. Oder? In Wirklichkeit gab Seger zu, eher auf Platten vom Label Stax oder Südstaaten-Soul gestanden zu haben. Immerhin für die Motown-Supergroup The Miracles aber fand er stets sehr warme Worte. Letztlich zog es ihn aber doch immer zu kratzigeren Sängerinnen wie etwa Tina Turner. Ihren gemeinsam mit Ike Turner aufgenommenen Song Nutbush City Limits coverte er auf dem Album Beautiful Loser, seine Comeback-LP beim Plattenlabel Capitol Records. À propos Label: Auch Motown hatte ursprünglich Interesse und bot Seger mehr Geld als die Konkurrenz. Der aber lehnte ab und entschied sich für Capitol, wo er sich stilistisch eher vertreten fühlte. Vielleicht nicht die beste Entscheidung, denn wirklich überragenden Erfolg konnte er darauf nicht für sich verzeichnen. Zumindest aber brachte ihn seine Rückkehr mit der Silver Bullett Band zusammen, die zusammen mit Seger das Turner-Cover einspielte und dafür ihren Credit erhielt, derweil alle anderen Songs des Albums Seger zugeschrieben sind.


6. Van Morrison - Brown Eyed Girl

Obwohl Seger zeit seines Lebens vor allem den schwarzen Traditionen der Rock- und Pop-Musik verpflichtet war, so begeisterte er sich doch auch für weiße Artists, die respektvoll mit deren Erbe umgingen. „Ich hörte sechs seiner Alben in Folge und sie waren nicht immer komplett gleich, aber gingen in eine bestimmte Richtung, weißer Rhythm and Blues“, sagte er über den Kollegen Van Morrison. „Vielleicht war hier ein wenig Country, dort ein bisschen Jazz dabei, aber alles schlug eine gemeinsame Richtung ein.“ Auch in Hinsicht auf den ebenfalls von Seger verehrten Bruce Springsteen gab Seger zu Protokoll, dass er „sehr von Van Morrison beeinflusst war, genauso wie ich.“ Sein eigenes Songwriting, ja, seine ganze Karriere habe er nach dem Werk des nordirischen Sängers gemodelt. Das soll der Brown Eyed Girl-Sänger aber nicht unbedingt als Kompliment verstanden haben. Angeblich beschwerte er sich darüber, dass Seger ihn nachäffen würde. Schon blöd, solche Worte aus dem Mund eines persönlichen Helden zu hören!


7. The Beatles - I Want To Hold Your Hand

Morrison war natürlich nicht der einzige europäische Künstler, der das Interesse des Detroiters weckte. Spätestens als 1964 die sogenannte „British Invasion“ ihren Lauf nahm und die Beatles das erste Mal in den USA spielten, waren die vier aus Liverpool auch in seinem Leben präsent. „Das erste Mal, als ich I Want To Hold Your Hand hörte, sagte ich: ‚Wow, das ist gut!‘ Wegen des Hypes um den Song schaute ich mir dann die Sullivan Show an.“ Dort traten die Fab Four bekanntlich am 9. Februar 1964 mit ihrer Hitsingle auf und schrieben Pop-Geschichte. Seger aber? Wiegelte nach dem Einfluss der Band auf ihn gefragt ab. „Es veränderte die Typen in meiner Band mehr als mich, denke ich“, sagte er. „Sie wurden verrückt, wollten all diese Songs lernen.“ Und warum? Nennen wir es mal niedere Beweggründe: „Sie hörten alle diese Mädchen kreischen und sagten mir: ‚Hey Boss, wir müssen das auch machen!‘“ Dabei zeigte sich Seger durchaus kompromissbereit: Sein erklärtes Ziel war es in diesen Tagen doch, mit seiner Musik im Radio zu laufen. Was gäbe es da Besseres, als sich von den Beatles eine Scheibe abzuschneiden?


8. George Jackson - Old Time Rock and Roll

Segers Ehrlichkeit über den tatsächlichen Einfluss der Beatles auf sein Schaffen überrascht nicht weiter. Bei nicht wenigen seiner Hits handelt es sich schließlich Cover-Versionen anderer Songs, denen er seinen unverkennbaren Seger-Stempel aufdrücken und noch ein ganzes Stück berühmter machen konnte. So auch Old Time Rock and Roll, das von George Jackson aufgenommen und Seger als Demo zugeschickt wurde. Zwar veränderte Seger die Lyrics maßgeblich und ließ nur den Refrain stehen, trotzdem aber schrieb er sich selbst keine Credits dafür zu. „Das war das Dümmste, was ich je gemacht habe“, gestand er verknirscht über einen seinen größten Hits, dessen Erfolg er nicht hatte kommen sehen. Wie denn auch, denn ohne den Film Risky Business wäre es wohl nie dazu gekommen. Nach einem Glas Whiskey mit Cola tanzt der damals noch junge Tom Cruise in Unterhose durchs Haus und singt dabei Segers Version des Stücks mit. Es war ein kleines Highlight des Achtziger-Jahre-Kinos und ließ den Song fünf Jahre nach Veröffentlichung in die Charts einsteigen. Bis heute ist es hinter Patsy Clines Crazy die zweitmeistgespielte Jukebox-Nummer aller Zeiten. Und Seger? Ärgert sich spätestens seit 1983 über die verpasste Chance wohl jedes Mal, wenn er den Song bei Konzerten anstimmen muss.


9. Glenn Frey - The Heat Is On

Überhaupt die Filmwelt: Vier Jahre nach dem Überraschungserfolg von Old Time Rock And Roll dank Risky Business landete Seger seine erste Nummer eins in den Pop-Charts mit einem sehr ungewöhnlichen Stück. Shakedown war auf dem Soundtrack von Beverly Hills Cop II vertreten und zeichnete sich durch den motorischen Synth-Pop-Sound der Film-Franchise aus. Wie kam es wohl dazu, dass Seger sich zu so einer Nummer breitschlagen ließ? Ganz einfach: Eigentlich hatte Glenn Frey das Stück einsingen sollen, nachdem er für den ersten Teil schon Songs wie The Heat Is On beigesteuert hatte, doch kurz vor den Aufnahmen verlor das Eagles-Mitglied seine Stimme und musste an den Freund übergeben. Seger änderte – mal wieder! – ein paar Zeilen und vertrat Frey am Mikrofon. Diesmal gab es immerhin einen Credit als Ko-Autor und eine Oscar-Nominierung zu verbuchen. Nicht das erste Mal, dass Seger dem 2016 verstorbenen Freund unter die Arme griff: Er verhalf den Eagles zu ihrem ersten Plattenvertrag und produzierte die erste Single der Band, so wie er auch den Hit Heartache Tonight schrieb er mit ihnen zusammen schrieb und die gesamte Truppe häufiger im Studio begrüßte, etwa für die Aufnahme des Song Fire Lake.


10. Kid Rock - American Bad Ass

„Immerhin bleibt das Geld in Michigan“, soll Seger am Telefon gescherzt haben, als ihn Glenn anrief, um ihn zum Erfolg von Shakedown zu gratulieren. Sein Heimatstaat und insbesondere die traditionsreiche Stadt Detroit liegen ihm immer noch am Herzen. Das erstreckt sich auch auf die jungen Talente, die von dort kamen. Lobende Worte fand er etwa für das in jüngster Zeit erfolgreichste Kind der Stadt, Eminem. Aber auch mit einem anderen Musiker aus Detroit verbindet Seger überraschend viel. Kid Rock ist als Rüpel verschrien, der mit White Trash-Attitüde die Rockszene von hinten aufrollen wollte und dabei Hard Rock mit Rap und Redneck-Mentalität vermischte. Seitdem Kid Rock aber 2004 die Laudatio für Segers Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame übernahm, standen der Ramblin’ Gamblin’ Man und das American Bad Ass regelmäßig auf der Bühne. „Er hatte seine Spuren in diesem Business hinterlassen und ist mit seinem Erfolg zufrieden“, sagte Kid Rock im Rolling Stone-Interview auf die Frage, was er an dem Kollegen bewunderte. „Du siehst diese ganzen alternden Rocker und sie wollen ständig ins Rampenlicht.“ Anders Seger, der nun in aller Bescheidenheit die Früchte dessen genießt, was er damals in seinem Signature-Tune Turn The Page mit denkbar nüchternen Worten beschrieb.


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