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Popkultur

Abzocke oder Fan-Service: Abschiedstourneen, die keine waren

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Foto: Ethan Miller/Getty Images for iHeartMedia

Mötley Crüe, die Scorpions, Ozzy, Deep Purple: 2020 sind die Bühnen voll von alternden Rock-Stars, die eigentlich längst den Ruhestand genießen sollten. Wieso können die alle nicht aufhören?

von Björn Springorum

Abschiedstourneen sind sichere Kassenschlager. Jede*r will seine oder ihre Lieblingsband noch mal sehen, ehe sie in den ewigen Jagdgründen verschwindet – ganz gleich, ob man noch der größte Fan ist oder nicht. Dagegen spricht rein gar nichts. Abgesehen vielleicht vom einen oder anderen bösen Erwachen beim Wiedersehen mit einem einst knackigen Jugendschwarm, der mittlerweile eher aussieht wie Tante Augusta.

Reunion-Wahnsinn: Diese Bands sollten sich wiedervereinigen

Der Haken an der Sache: So beliebt wie diese oftmals teuren und noch öfter restlos ausverkauften Farewell-Tours in den letzten Jahren zunehmend wurden, so wenige Bands hielten sich tatsächlich daran. Ernüchternd? Jein. Es wäre nämlich ein wenig voreilig, von Anfang an nacktes Kalkül oder Abzocke dahinter zu vermuten. Klar, in erster Linie ist sich jede große Band natürlich bewusst, dass so eine Abschiedstournee mehr Menschen in die Hallen strömen lässt als eine normale Rundreise; das allein macht daraus aber noch keine Abzocke. So funktioniert das Business eben.

Ruhmsüchtig?

Und wahrscheinlich meinten es viele Künstler*innen auch so, bevor sie zu jener angeblich letzten große Reise aufbrachen. Dann merkten sie aber sehr schnell, dass es eben doch sehr viel Spaß macht, von tausenden Fans in großen Arenen bejubelt, verehrt, angebetet zu werden. Dass sie ihn vielleicht doch brauchen, den Ruhm. Dass sie vielleicht gar nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit sonst anfangen können. Selbst mit den alten Kolleg*innen, über die man früher noch frei heraus lästerte, versteht man sich prächtig – und zack, hat man plötzlich wieder Bock auf ein neues Album. Und eben auch auf eine neue Tournee.

Album und Tour: Deep Purple wollen doch noch nicht aufhören!

Die Krux: Hätte man diese Tour gar nicht erst als Abschiedstour angekündigt, wären niemals so viele Leute gekommen und wäre der Funke vielleicht gar nicht unbedingt wieder so übergesprungen. Wir haben es hier also mit einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun, die man aus Shakespeares Macbeth kennt. Nicht ganz so alt, aber durchaus betagt sind auch die folgenden Acts, die sich eigentlich längst von der Bühne verabschiedet hatten, es aber offensichtlich nicht lassen können.

Mötley Crüe

An vorderster Front stehen da natürlich Mötley Crüe. Die beteuerten ja sogar, ein offizielles Dokument unterzeichnet zu haben, das sie bis in alle Ewigkeit vom Touren abhalten würde. „Es gibt keinen Geldbetrag, der mich jemals dazu bringen würde, wieder live zu spielen, weil ich zu stolz darauf bin, wie wir es zu Ende bringen“, sagte Nikki Sixx 2014. Dann kam der Netflix-Film The Dirt, dann kam eine ganz neue Generation junger Fans. Und plötzlich geht es doch wieder mit den Konzerten.

Scorpions

Bei den Scorpions gab es zwar keinen Vertrag; dafür wurde die Band mit ihren Abschiedstourneen selbst längst zum Running Gag. Schon 2010 verkündete man die Auflösung nach einer letzten Welttournee. Zehn Jahre später spielen die Scorps noch immer – und haben unlängst ein neues Album samt Tour für 2020 angekündigt.

Kiss

Kiss sind auch solche Spezialisten. Zwar scheinen sie sich so langsam aber sicher wirklich dem Ende des Weges zu nähern, doch so wirklich glaubhaft sind sie auch nicht mehr. Schon vor 20 Jahren verkündete Gene Simmons gewohnt großspurig, es gebe keine weiteren Gipfel zu erklimmen. Schon zwei Jahre später ruderte die Band zurück. Und war seither praktisch pausenlos auf der Bühne. Fairerweise wollen wir hier noch anmerken, dass Kiss 2012 mit Monster noch mal ein mehr als solides Album ablieferten.

Judas Priest

Gilt auch für Judas Priest, die sich derzeit auf einem absoluten Karrierehoch befinden. 2011 glaubte wohl niemand bei den Heavy-Metal-Legionären daran: „Wir werden keine Welttourneen mehr spielen“, sagte Gitarrist Glenn Tipton 2011. „Das ist sehr wahrscheinlich die letzte Chance, Priest live zu sehen.“ Zwei Jahre später revidierte er das dann mit einem trockenen „Wir, äh, haben gelogen“. Wenigstens ehrlich.

Ozzy Osbourne

Kommen wir zu Ozzy Osbourne. Der dürfte eigentlich seit 1992 auf keiner Bühne mehr stehen. „No More Tours“ war damals kein zufällig gewählter Name, sondern sein bewusster Entschluss, sich verdammt noch mal zur Ruhe zu setzen und das ruhige Familienleben zu genießen. Dank The Osbournes wissen wir alle längst, wie fürchterlich aufreibend das alles war, weshalb wir es in diesem Fall sehr gut verstehen können, dass er schon bald wieder auf die Bühnen zurück flüchtete – und letztlich sogar wieder mit Sabbath auftrat.

Tina Turner, The Who, Status Quo

Diese Liste lässt sich lang fortsetzen: Tina Turner verkündete 2000 ihr Karriereende und meldete sich 2008 zurück, The Who vermeldeten sogar bereits 1982 ihren Bühnenabschied. Roger Daltrey sagte damals: „In fünf Jahren werden Tourneen vollkommen außer Mode sein.“ Knapp daneben, Roger. Ähnlich lang zurück liegt die Ankündigung von Status Quo, den Bühnen für immer den Rücken zu kehren. Damals wollte vor allem Francis Rossi das Ende der Band, heute spielt er sogar ohne seinen verstorbenen Weggefährten Rick Parfitt.

Elton John

Und dann ist da noch Elton John. Auch er ist gerade auf seiner Abschiedstournee, auch er hat sie schon mehrfach verlängert. Danach, so lässt es vermuten, ist wirklich Schluss beim Rocketman. Eigentlich sollte das schon 1977 (!) der Fall sein. Damals sagte er bei einem Konzert: „Ich habe heute Nacht die Entscheidung getroffen, dass dies hier meine allerletzte Show sein wird.“ Wie sich herausstellte, war Elton John aber so high, dass er gar nicht wusste, was er da sagte. Ah, der gute alte Rock’n’Roll. Nie um eine Ausrede verlegen.

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