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Popkultur

Tear Down This Wall: Wie Berlin die Teilung überwand und die Musikwelt prägte

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Foto: Stephen Jaffe/Getty Images

Das Berlin des 21. Jahrhunderts hat nur wenig mit der Stadt zu tun, die einst von der Berliner Mauer in zwei Teile geteilt wurde. Heute ist die vereinte Hauptstadt eine dynamische, lebendige, offene und der Zukunft zugewandte Metropole. Aber fast 30 Jahre lang – nämlich vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 – war sie physisch und ideologisch geteilt. Eine reale Mauer aus Beton und Stahl trieb einen Keil zwischen das kapitalistische Westberlin und das kommunistische Ostberlin.

von Tim Peacock

Doch entgegen aller Erwartungen entstand in der kargen Kulisse der Entbehrungen und der sozialen Teilung des Kalten Krieges eine dynamische Undergroundszene. Im Berlin der 60er und 70er Jahre trafen sich innovative und radikale Musiker*innen (und andere Kreative). Heute sind sie in ihrer Bedeutung als Wegbereiter*innen durchaus mit so einzigartigen Berliner Künstler*innen wie Marlene Dietrich, Berthold Brecht und Kurt Weill in den 20ern und 30ern zu vergleichen.

Eine lebendige Kulturszene

So wäre die elektronische Musik, wie wir sie heute kennen, ohne die bahnbrechende Westberliner Gruppe Tangerine Dream kaum vorstellbar. Gegründet 1967 von dem unerschütterlichen Edgar Froese, spielten ihre frühen Aufnahmen, wie das monumentale Album Zeit, eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Ambient-Genres und der innovativen deutschen Experimentalmusik, die unter dem Namen „Krautrock“ bekannt wurde. Auf ihren Alben Phaedra und Rubycon, die sie in den 70ern für Virgin Records aufnahmen, brachten Tangerine Dream Sequenzer zum Einsatz, lange bevor diese sich bei anderen Musiker*innen durchsetzten. Damit zementierte die Band ihren Legendenstatus.

Im Katalog von Tangerine Dream ist die Stadt Berlin sehr präsent. Das 1986 erschienene Livealbum Pergamon hält sogar den historischen Tag fest, an dem sie als erste „Rockband“ aller Zeiten in der kommunistischen DDR auftraten. Das Konzert fand am 31. Januar 1980 im Palast der Republik in Ostberlin statt. Und schon 1979 erschien ihr Meilenstein Force Majeure – Ergebnis einiger Sessions in den berühmten Hansa Tonstudios.

Hansa by the Wall

Die Anfänge dieses renommierten Studiokomplexes lassen sich bis ins Jahr 1962 zurückverfolgen. Damals haben die Brüder Peter und Thomas Meisel im Bezirk Wilmersdorf das Label Hansa Records gründeten (wo später die Europa-Releases von Boney M, Iggy Pop und vielen weiteren erschienen). Die Brüder wollten ein eigenes Studio aufbauen und mieteten dafür 1965 die ehemaligen Produktionsräume von Ariola Records in der Köthener Straße in Westberlin. 1974 war schließlich der Ausbau zum Hansa Tonstudio (auch bekannt als „Hansa by the Wall“) abgeschlossen.

Mit seiner hervorragenden Akustik etablierte sich Hansa in den 70ern als eines der führenden Studios: Damals vergruben sich David Bowie und Brian Eno in seinen Räumlichkeiten, um einen großen Teil von Bowies gefeierter Berlin-Trilogie, bestehend aus den Alben Low, Heroes und Lodger zu schreiben und einzuspielen. Berlin trug viel zu Bowies radikalem Wandel bei, als er 1976 dem Druck des Ruhms in den USA zu entfliehen versuchte und stattdessen ein einfacheres Leben im Westberliner Bezirk Schöneberg begann. Er teilte seine Wohnung in der Hauptstraße mit seinem guten Freund Iggy Pop und spielte eine wichtige Rolle als Co-Autor und Co-Produzent von dessen gefeierten Soloalben The Idiot und Lust For Life (beide 1977).

Achtung, Baby

Während ihrer Zeit in Berlin besuchten Bowie und Iggy regelmäßig das SO36 in Kreuzberg, einen der aufregendsten Nachtclubs der Stadt. Er wird oft als Deutschlands Äquivalent zum New Yorker CBGB beschrieben und öffnete seine Türen erstmals im Jahr 1978. Bis heute gastieren hier einige der bedeutendsten Punk- und Alternative-Rock-Acts der Welt. Der Club wurde schnell zu einer der beliebtesten Adressen der Kunstszene und selbst die Londoner Postpunk-Band Killing Joke widmete dem Laden einen Track auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum im Jahr 1980.

Berlin hinterließ bei Killing Joke einen tiefen Eindruck und so kehrten sie 1984 in die Hansa Studios zurück. Damals nahmen sie mit dem Rolling-Stones-Produzenten Chris Kimsey ihr Album Night Time auf, das ihnen den Durchbruch brachte. Tatsächlich war das Studio sowohl vor als auch nach dem Fall der Berliner Mauer sehr gut gebucht. Während der 80er entstanden hier musikalische Meilensteine wie David Sylvians Brilliant Trees (1984) und Tinderbox von Siouxsie & The Banshees (1986). Und seitdem bereichert das Studio ohne Unterbrechung Musikkarrieren. Auch U2s erste Session im Hansa Ton 1991 sollte ihrer kreativen Neuerfindung mit Achtung Baby auf die Sprünge helfen. Und ebenso Snow Patrols A Hundred Million Suns und R.E.M.’s Abschiedssong Collapse Into Now (2011) stehen auf der langen Liste der denkwürdigen Titel, die seit Beginn des 21. Jahrhunderts unter dem Dach der Hansa Studios das Licht der Welt erblickten.

Neue Deutsche Welle

Die Hansa Tonstudios befanden sich in verlockend kurzer Entfernung zur Berliner Mauer und brachten Platten hervor, die eine ganze Ära prägten. Auf der anderen Seite der Mauer war Kunst beim kommunistischen Regime verpönt und die Künstler*innen stark eingeschränkt. So mussten die Texte von staatlicher Stelle abgesegnet werden. Auch Konzerte wurden regelmäßig von der Stasi beobachtet. Trotzdem gelang es in den 70er und 80er Jahren einigen „Ostrockbands“ wie den Puhdys, Karat und City auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, ihr Publikum zu erreichen.

Ostberlin hat sogar einige internationale Stars hervorgebracht: Als ihrem Stiefvater, dem Liedermacher Wolf Biermann, 1976 seine Staatsbürgerschaft entzogen wurde, folgte ihm die aufsteigende Punksängerin Nina Hagen in die Bundesrepublik Deutschland. 1978 schafft sie es in Hamburg mit ihrem bei CBS erschienenen Debütalbum Nina Hagen Band zu kommerziellem Erfolg zu kommen und wurde auch von der Kritik dafür gefeiert. Hagen beeinflusste viele Künstler*innen der gerade im Entstehen begriffenen „Neuen Deutschen Welle“ der 80er Jahre, wie zum Beispiel DAF, Trio und Neonbabies. Aber sie war nicht die einzige Vertreterin von Ostberlins kleiner, aber sehr lebendiger Punk-Szene, die sich einer langen Musikkarriere erfreuen sollte. Auch die zukünftigen Rammstein-Mitglieder Paul Landers und Christian „Flake“ Lorenz erlernten ihr Handwerk Mitte der 80er in der „Ostpunk“-Gruppe Feeling B.

„Einer der emotionalsten Auftritte meines Lebens“

Ende der 80er Jahre trugen auch einige Musikveranstaltungen zu den radikalen Veränderungen bei, die der Stadt Berlin bevorstanden. 1987 kehrte David Bowie für ein Konzert am Berliner Reichstag zurück. Die Bühne stand so nah an der Grenze, dass sich viele Ostberliner auf der anderen Seite versammelten, um der verbotenen, westlichen Musik zu lauschen, die über die Mauer wehte. So war es möglich, dass beide Teile Berlins dieses Konzert erleben konnten – geteilt und doch beinahe vereint.

Als Bowie die Bühne betrat, sprach er auf deutsch zum Publikum: „Unsere besten Wünsche an unsere Freunde auf der anderen Seite der Mauer!“ Später sang er den Song Heroes, den er zehn Jahre zuvor in Berlin aufgenommen hatte. Damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde die Stadt von Angst und Gewalt beherrscht.

„Das war einer der emotionalsten Auftritte meines Lebens. Ich kämpfte mit den Tränen“, erinnert sich Bowie später im Magazin Performing Songwriter. „Man hatte uns gesagt, dass einige Ostberliner eventuell etwas hören könnten, aber dann waren da Tausende an der Mauer und so war es wie ein Doppelkonzert, das nur die Mauer trennte. Wir konnten hören, wie sie auf der anderen Seite jubelten und mitsangen. Man, ich kriege immer noch einen Kloß im Hals. Es hat mir das Herz gebrochen. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt und ich schätze, das werde ich wohl auch nie wieder.“

„Tear down this wall“

Nur eine Woche nach Bowies Auftritt kam US-Präsident Ronald Reagan nach Westberlin. Er sprach vor dem berühmten Brandenburger Tor und wandte sich an Michail Gorbatschow, den Staatspräsidenten der Sowjetunion, mit den Worten: „Tear down this wall!“ Reagans Rede und Bowies Konzert trugen dazu bei, die über mehr als eine Generation vorherrschende Stimmung rund um die Mauer zu verändern.

Im folgenden Jahr, am 19. Juli 1988, gingen Bruce Springsteen und The E Street Band noch einen Schritt weiter. Sie traten in Ostberlin bei Rocking The Wall vor 300.000 Leuten auf. Das Konzert wurde sogar im Fernsehen ausgestrahlt. Auf deutsch erklärte Springsteen den Zuschauer*innen: „Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock ’n’ Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“

Anfang 1989 verkündete Erich Honecker noch, dass die Berliner Mauer auch in 50 oder 100 Jahren noch stehen würde. Doch nach dem Ende des Kommunismus in Polen und Ungarn brach die DDR innerhalb weniger Monate zusammen. Erich Honecker trat zurück und sein Machtapparat war nur noch ein Scherbenhaufen. Als am 9. November 1989 die Mauer schließlich fiel, wurde das Unvorstellbare Realität.

Die inoffizielle Hymne der Wiedervereinigung

Natürlich dokumentiert die Musik die dann folgenden Veränderungen in Berlin, die schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands im Sommer 1990 führten. Marius Müller-Westernhagens Song Freiheit war zwar schon einige Jahre alt, wurde aber zur inoffiziellen Hymne der Wiedervereinigung. Auch die Powerballade Wind Of Change von den Scorpions entstand vor dem Fall der Mauer und schaffte es dennoch im Zuge der Ereignisse in Deutschland und europaweit an die Spitze der Charts. Sogar in den USA erreichte der Song Platz 4. Am 21. Juli 1990 performte Pink-Floyd-Gründungsmitglied Roger Waters auf der Freifläche zwischen dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor, die zum Mauerstreifen gehört hatte. Dort spielte er das Album The Wall von 1979.

Wenn man allerdings einen Soundtrack zum Mauerfall zusammenstellen müsste, dann würden wohl Techno und House Music überwiegen. Die sagenumwobene Club-Szene der Stadt regte sich schon vor dem Fall der Mauer, als Dr Motte, Westbam und Kid Paul 1988 im Untergrundclub UFO an der Köpenicker Straße in Kreuzberg nächtelange Acid-House-Raves veranstalteten.

Ein neuer, kreativer Schub

Dann kam Motte die Idee, die Party sowohl mit einem Truck, lauten Beats als auch mit einer Gruppe von Raver*innen auf die Straße zu bringen. 1989 wurde die Loveparade geboren und fand bis 2003 jedes Jahr statt. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1999 mit circa 1,5 Millionen Feiernden auf den Straßen Berlins.

Aber auch das ist nur ein Teil der Geschichte. Berlins Punk-, Indie-, und Alternative-Rock-Bands – alte (Einstürzende Neubauten) genauso wie neue (Beatsteaks, Wir Sind Helden) – haben es zu internationalem Ruhm gebracht. Die unterschiedlichsten Genres, von Downtempo bis hin zu Dancehall und Berliner Hip-Hop, haben im 21. Jahrhundert der Stadt ihren Stempel aufgedrückt.

30 Jahre nach dem Fall der berüchtigten Mauer wird Berlins Appetit auf Kreativität von einer unbändigen Lust auf Vielfalt und Abwechslung getrieben. Sie wird der Stadt auf ewig eine Sonderstellung in der (Musik-)Welt garantieren.

Zeitsprung: Am 9.11.1989 spielen Faith No More in Berlin, als die Mauer fällt.

Popkultur

Zeitsprung: Am 6.12.1994 erscheint „Vitalogy“ von Pearl Jam auf CD und Kassette.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.12.1994.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

1994 markiert den Wendepunkt für den Grunge: Nach Kurt Cobains Tod wenden sich die Medien gegen die Rock-Bewegung, während sich Pearl Jam im kalten Krieg mit Ticketmaster befinden. Die Jungs aus Seattle wagen mit Vitalogy den Befreiungsschlag und ebnen den Weg für Meisterwerke wie Yield. Am 6. Dezember 1994 erscheint das Album regulär auf CD…

Hört hier in Vitalogy rein: 

„Lives opened and trashed / Look, Ma, watch me crash“ intoniert Eddie Vedder im Opener Last Exit und fasst damit schon ziemlich gut zusammen, was da so in der Welt von Pearl Jam vor sich geht. Als Teil der Grunge-Szene von Seattle kommen sie mit ihrem Debüt Ten trotz kommerziellem Durchbruch nicht wirklich gut an, die Folgeplatte Vs. (1993) zementiert dafür ihren Platz zwischen Nirvana, Soundgarden und Alice In Chains. So sehr, dass der daraus resultierende Erfolg die Gruppe in eine schwere Sinnkrise stürzt. Dazu noch der Medienrummel um Kurt Cobains Suizid sowie eine Extraportion Streitigkeiten um Konzertpreise((LINK)) mit Ticketmaster. Kurzum: Der Boden unter den Bandgrundmauern wackelt.

Vorsicht, rissig

Die Aufnahmen für das dritte Album entstehen während der Tour zu Vs., die Sänger (und nun auch Gitarrist) Vedder, Bassist Jeff Ament, den Gitarristen Stone Gossard und Mike McCready und Schlagzeuger Dave Abbruzzese einiges abverlangt. Abbruzzese darf gegen Ende der Aufnahmen den Abflug machen, denn seine Kritik am Ticketmaster-Konflikt stößt auf. McCready wiederum merkt, dass sein Kokain- und Alkoholproblem die Gruppe gefährdet: „Nach dem die Band durchgestartet war, befand ich mich in meiner eigenen kleinen Welt.“ Er checkt zwischen Aufnahmen und Veröffentlichung in die Entzugsklinik ein.

An den Drums übernimmt Vedder-Vertrauter und ehemaliger Red Hot Chili Pepper Jack Irons, der positive Energie in den Laden bringt. Die braucht es dringend, denn der Sänger, der hier verstärkt die kreativen Zügel in die Hand nimmt, gerät nun mit Gossard aneinander. Für ersteren stellt der Führungswechsel eine natürliche Konsequenz dar: „Das war keine feindliche Übernahme. Ich fand, dass alle unsere Veröffentlichungen stellvertretend für mich standen. Da ich sowas wie das Gesicht der Band wurde, musste ich auch musikalisch mehr repräsentiert werden“, erzählt er später in der Dokumentation Pearl Jam Twenty

Lebenszeichen

Diese Kehrtwende äußert sich auch in, sagen wir mal, etwas wundersameren Werken wie Hey Foxymophandlemama, That’s Me, einer Soundcollage mit Äußerungen von Insassen einer Nervenklinik. Dagegen stehen aber Stücke wie das unangepasste Spin The Black Circle, Immortality und das wunderbare Better Man, die das umstrittene Album zu einem wichtigen Punkt der Bandgeschichte machen.

Ganz bewusst veröffentlichen Pearl Jam das Ding zunächst am 22. November 1994 auf Vinyl und für die damals gängigen Formate CD und Kassette gibt’s ein zweiwöchiges Embargo. Das zahlt sich aus, denn Vitalogy hält bis zur Veröffentlichung von Jack Whites Lazaretto 2014 den Rekord für die meisten Vinylverkäufe innerhalb einer Woche. Ab dem Nikolaustag 1994 stehen dann auch CDs und Kassetten zum Verkauf. Wie Kollege Chris Cornell in der Doku treffend bemerkt: „Amerikanische Rockbands lösen sich auf. Pearl Jam schafften es zusammenzubleiben.“ Vitalogy entpuppte sich dabei als der Kitt der beginnenden Risse.

Zeitsprung: Am 30.6.2000 passiert Schlimmes bei einer Pearl Jam-Show in Roskilde.

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Popkultur

10 Songs von Little Richard, die man kennen sollte

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Little Richard
Foto: Getty Images

„Wop bop a loo bop a lop bom bom“! Wenn diese Laute ertönen, wissen wir alle: Gleich legt Little Richard los, der Architekt des Rock’n’Roll, der Miterfinder dessen, was wir alle so sehr lieben. Die folgenden zehn Songs geben einen Einblick in die jahrzehntelange Karriere des virtuosen Künstlers.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Little Richard anhören:

Zur Welt kam Little Richard am 5. Dezember 1932 in Macon, Georgia. Sein bürgerlicher Name: Richard Wayne Penniman. Als Schwarzer, homosexueller Mann, dürfte er es im Süden der USA mehr als nur schwer gehabt haben. Umso beeindruckender ist sein Lebenswerk, das aus unsterblichen Songs wie Tutti Frutti, Long Tall Sally, Good Golly, Miss Molly, Lucille und Rip It Up besteht. (Mehr dazu gleich.) Elvis Presley, Paul McCartney, Mick Jagger, Elton John, John Fogerty, Bob Dylan: Sie alle schauten und schauen zu ihm auf. Immerhin 87 Jahre wurde Little Richard alt. Am 9. Mai 2020 verstarb er in Tullahoma, Tennessee an den Folgen einer Knochenkrebserkrankung. Sein musikalisches Vermächtnis bleibt uns zum Glück erhalten.

1. Tutti Frutti (1955)

Little Richards größter Hit entsteht quasi aus Wut. Bei Aufnahme-Sessions im September 1955 regt sich der Künstler nämlich darüber auf, dass sich die animalische Energie seiner Live-Auftritte nicht so recht auf Band bannen lässt, also setzt er sich verärgert ans Piano. „Wop bop a loo bop a lop bom bom“, ruft er und haut wütend in die Tasten. Produzent Robert Blackwell möchte das Stück sofort aufnehmen.

2. Long Tall Sally (1956)

Was ein gut gepflegtes Adressbuch alles bewirken kann. Damit sie die Krankenhausrechnungen für ihre Tante Mary bezahlen kann, entwickelt Radio-DJ Honey Chile in den Fünfzigern die Grundidee für den Song Long Tall Sally und bietet das Stück Little Richards Produzent Robert Blackwell an. Der arbeitet die Komposition mit Richard weiter aus — und ein Hit war geboren!

3. Slippin’ And Slidin’ (1956)

Buddy Holly, die Beatles, Otis Redding, Shakin’ Stevens: Sie alle haben diesen Song gecovert oder zumindest öffentlichkeitswirksam zum Besten gegeben. Entstanden ist die Nummer im Februar 1956; ursprünglich diente sie als B-Seite für Long Tall Sally. Doch Slippin’ And Slidin’ markiert einen von Little Richards größten Hits, der bis heute auf zahlreichen Rock’n’Roll-Playlisten zu finden ist.

4. Rip It Up (1956)

„Well, it’s Saturday night, and I just got paid“ — Mit diesen Worten beginnt der nächste von Richards wichtigsten Songs. Zugegeben, allzu viel Tiefgang hat die Nummer nicht. Es geht im Wesentlichen darum, an einem Samstagabend zu feiern, sein Geld zu verjubeln und Mädels aufzureißen. Es handelt sich allerdings um einen Rock’n’Roll-Klassiker, der auch von Elvis Presley gecovert wurde.

5. Ready Teddy (1956)

Das gleiche gilt für Ready Teddy, der im Sommer 1956 auf der B-Seite von Rip It Up zu finden war. „I’m ready ready ready to rock’n’roll“, verkündet Richard in dem Song. Als hätten wir je daran gezweifelt! Einen seiner größten Auftritte hatte das Stück am 9. September 1956, als Elvis Presley Ready Teddy für 60 Millionen Fernsehzuschauer*innen in der Ed Sullivan Show zum Besten gab.

6. Lucille (1957)

Lucille ist nicht nur der Name von B.B. Kings Gitarre, sondern auch der Titel eines der größten Hits von Little Richard. Komponiert wurde das Stück von ihm selbst und einem Herrn namens Albert Collins, bei dem es sich allerdings nicht um den gleichnamigen Bluesgitarristen handelt. 1994 dichtete Richard den Song von Lucille in Rosita um und besang damit die gleichnamige Figur in der Sesamstraße.

7. Keep A-Knockin’ (1957)

Auch mit seiner erfolgreichen Single Keep A-Knockin’ trat Little Richard im Fernsehen auf, diesmal in der der Familien-Sitcom Full House. Inhaltlich beschäftigt sich die Nummer je nach Version mit einem Liebhaber, der vor verschlossener Tür steht — entweder, weil schon jemand anderes zu Besuch ist, oder, weil er sich daneben benommen hat. Ob es sich um einen autobiografischen Song handelt, können wir nur erahnen.

8. Good Golly, Miss Molly (1958)

Den Ausruf Good Golly, Miss Molly hörte Little Richard zum ersten Mal bei Jimmy Pennick, einem DJ aus den Südstaaten. Das Intro für den gleichnamigen Song entlieh Richard laut eigener Aussage dem Stück Rocket 88 von Ike Turner. „Ich mochte das Stück immer schon“, erzählte er mal in einem Interview. „Und ich habe das Riff oft für meine Konzerte benutzt. Als wir eine Einleitung gesucht haben, passte das einfach.“

9. Get Down With It (1967)

Diesen Song kennt ihr möglicherweise vor allem von den britischen Glam-Rockern Slade. Doch Noddy Holder und Co. entdeckten das Stück bloß, weil Little Richard es vor ihnen gecovert hatte. „Jahrelang , bis zum Ende unserer Karriere, war das der Song, mit dem wir unsere Sets vor den Zugaben beendeten“, erzählt Holder in einem aktuellen Interview mit Classic Rock. Die Vorarbeit dafür leistete Little Richard.

10. Mockingbird Sally (1972)

Bei Mockingbird Sally handelt es sich weder um das bekannteste, noch um das wichtigste Lied von Little Richard. Doch die Nummer ist vor allem eins: ein richtig guter Rock’n’Roll-Song. 1972 veröffentlicht, gehört das Stück schon zum Spätwerk des Künstlers. Begeisterung im Mainstream konnte Richard zu jener Zeit kaum noch entfachen. Doch seine Bedeutung für die Musikgeschichte kann gar nicht überschätzt werden.

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Zeitsprung: Am 14.9.1955 nimmt Little Richard „Tutti Frutti“ auf.

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Popkultur

Zeitsprung: Ab 5.12.1981 definieren Black Flag mit „Damaged“ das Hardcore-Genre.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.12.1981.

von Peter Hesse und Christof Leim

Am 5. Dezember 1981 lassen Black Flag mit neuem Sänger Henry Rollins ihr ungestümes Debütalbum Damaged auf die Welt los. In der Folgezeit werden die kalifornischen Krachmacher zu wichtigen Vertretern des Punk Rock, auch weil sie die Idee des DIY, des „Do-It-Yourself“, wie wenige beherzigen und umsetzen. Ihr Sound ist ebenso frisch: Hardcore nennt sich diese Variante, weil sie den Punk Rock noch aggressiver, schneller und ungestümer spielen. Die Szene steht applaudierend daneben und beklatscht die Scheibe als Meilenstein.

Hier könnt ihr euch Damaged von Black Flag anhören:

Punk ist nicht nur Punk, weil man bunte Haare hat. Der Masterplan dahinter umfasst mehr. Henry Rollins, Black-Flag-Frontmann von 1981 bis 1986, erklärt das in einer Radiosendung so: „Du bist gegen das Establishment? Gründe eine Band! Du kannst kein Instrument spielen? Schaff dir das drauf! Du hast kein Label, keinen Grafiker und niemanden, der Konzerte bucht? Auch das kannst du dir mit Fleiß und in kompletter Eigenregie draufschaffen.“

Vielseitige Inspirationen

Mit dieser Do-It-Yourself-Maxime – „Sei dein eigener ideologischer Macher!“ – fühlt sich Bandchef Greg Ginn als Gitarrist, Songwriter und Texter sehr wohl. Zunächst heißt seine Truppe noch Panic, die ersten professionellen Gehversuche als Black Flag datieren auf den Spätsommer 1978. Geprobt wird in einer Garage in Hermosa Beach, einem kleinen Kaff im Süden von Kalifornien. Privat schwört Ginn auf Black Sabbath und die Scorpions, im weiteren Verlauf der Achtziger lässt er sich von der Freejazz-Avantgarde eines Glenn Branca oder dem Jazzrock des Mahavishnu Orchestra inspirieren. 

Black Flag 1983 in London – Pic: Erica Echenberg/GettyImages.

Doch als musikalische Ziehväter gelten in der frühen Black-Flag-Phase vor allem die Stooges und die Ramones. „Wir haben nicht so viel in Genres gedacht“, erinnert sich Ginn. Mit dem ersten Sänger Keith Morris besucht er 1976 ein Konzert der Ramones in Los Angeles. „Nachdem wir sie gesehen hatten, war ich mir sicher: Wenn die das können, dann können wir das auch.“ 

Dreckig und ungestüm

Drei EPs bringen Black Flag von 1979 bis 1981 unter die Leute, Ende 1981 steht dann das Line-up für die erste vollständige Langspielplatte. Dabei sind: Greg Ginn (Leadgitarre), Dez Cadena (Rhythmusgitarre), Chuck Dukowski (Bass) und Robo (Schlagzeug), am Gesang ein Neuzugang namens Henry Rollins, heute unter anderem als Solokünstler, Autor und Spoken-Word-Held bekannt.

Diese Mannschaft nimmt mit dem ungestümen Selbstvertrauen der frühen Jugend in den Unicorn Studios am Santa Monica Boulevard in West-Hollywood das erste Album auf: Damaged. Die Stimmung in der Band ist gut in dieser Zeit; die fünf Mitglieder leben während der Arbeiten wie eine Punk-Rock-Kommune in einem anderen Teil des Studiogebäudes, wo sie auch die Songs einstudieren.

Die Lösung zur Tragödie

Als Markenzeichen des Black-Flag-Debüts erweist sich im betont brachialen Wall-Of-Sound-Klang vor allem der Gitarrenton von Greg Ginn. Seine Riffs und Soli klingen auf Stücken wie Gimmie Gimmie Gimmie oder What I See immer wie eine Mischung aus Distortion-Orgie, Autounfall und Blitzeinschlag. Dieses dreckige Grundriffing wird später im Death und Black Metal noch oft zitiert werden.

Die Texte bei Stücken wie Six Pack, Thirsty & Miserable oder TV Party drehen sich dabei um Alltagsbeschreibungen; im Song Depression singt Rollins gegen die bösen Geister in seinem Kopf an. Sein Selbstverständnis als Songschreiber beschreibt er so: „Iggy Pop sagte mal, dass Rock’n’Roll die Lösung für die menschliche Tragödie sein soll und dass Bands verzweifelt versuchen, dieses Problem zu lösen. Das habe ich auch irgendwie probiert.“ Seine Sensibilität stilisiert er mit vielen Kraftausdrücken,  – die Live-Konzerte werden zu ungestümen Brachialdarbietungen. 

Vom Untergrund in die Legendengalerie

Das Album erscheint am 5. Dezember 1981 über SST Records, das Ginn erneut in bester DIY-Manier neben Black Flag gegründet hatte. Hier erscheinen auch die ersten Lärmereien von Anti-Mainstream-Bands wie Minutemen, Hüsker Dü, Meat Puppets, Soundgarden, Sonic Youth und Dinosaur Jr. Damaged markiert damals nach ein paar Singles und EPs die erst siebte Veröffentlichung auf Label.

Anfangs beschränkt sich die Wirkung der Platte erwartungsgemäß auf die Punk-Szene und den Untergrund. Doch im Laufe der Jahre wird Damaged in der Punk-Weltgemeinde zusehends als Genreklassiker verehrt. Der Rolling Stone etwa schreibt: „Black Flag haben den L.A.-Hardcore definiert mit den brutalen Gitarren und dem angepissten Geschrei von Henry Rollins, insbesondere auf TV Party und Rise Above. Heute noch hören Punks diese Platte, und heute noch finden Eltern das fürchterlich.“ So muss es sein.

Zeitsprung: Am 30.11.2003 bekommt Joey Ramone seine eigene Straßenecke in New York.

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