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Popkultur

Die musikalische DNA von Guns N’ Roses

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Nicht viele Bands schaffen es, überhaupt erfolgreich zu werden. Manche arbeiten lang und hart für ein bisschen Anerkennung. Andere wiederum erobern die Welt wie über Nacht im Sturm. Das aber sind nur die wenigsten. Guns N’ Roses gehören definitiv zur letzten Kategorie und sind stellen noch viele ihnen ebenbürtige Gruppen in den Schatten. Zählen wir kurz nach: Wie viel Guns N’ Roses-Studioalben gibt es? Nur sechs? Das kann nur bei einer ganz besonderen Band die Unsterblichkeit garantieren.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Guns N’ Roses an:

Für die ganze Playlist klickt aus “Listen”.

Dabei sah es doch anfangs gar nicht danach aus, als würde aus den Hardrockern aus Los Angeles überhaupt etwas werden: Ihr Debütalbum Appetite For Destruction verkaufte sich nur mäßig, bevor es ein Jahr nach Veröffentlichung den ersten Platz der Albencharts enterte. In den folgenden fünf Jahre indes wurden Guns N’ Roses die unangefochtene größte und, einigen Kritikern zufolge, gefährlichste Rock-Band der Welt – und dann passierte erst mal wieder recht wenig. 14 Millionen US-Dollar und mehr als ein Jahrzehnt später erst erschien mit Chinese Democracy eine Platte, die viele gar nicht mehr erwartet hatten und von der viele auch gar nichts hören wollten. Guns N’ Roses ohne Slash? Quatsch! Meinten zumindest viele, als es 2008 endlich doch soweit war.

Für einige Die-Hard-Fans sind Guns N’ Roses nur das, was zwischen Appetite For Destruction und dem Use Your Illusion, das heißt auch zwischen Axl Rose und Slash geschah. Natürlich aber ist das unfair und nicht unbedingt richtig. Denn hätte die Band es jemals soweit geschafft, wenn da nicht noch mehr wäre? Und nein, wir meinen damit nicht die Heerscharen von Anwälten, die zwischen den Bandmitgliedern vermitteln mussten. Sondern der Musik. Wenn wir alle Einflüsse von Guns N‘ Roses auflisten müssten, würde das vermutlich länger dauern, als Fans auf Chinese Democracy gewartet haben. Wir versuchen es trotzdem und werfen einen Blick auf ihre musikalische DNA – welcome to the jungle!


1. Hanoi Rocks – Don’t You Ever Leave Me

Bevor es Guns N’ Roses gab, waren da… Na? Fans wissen es natürlich: L.A. Guns und Hollywood Rose hießen die beiden Bands, aus denen Guns N’ Roses hervorgingen. Die Geschichte der beiden ist ziemlich verworren und dass sich daraus eine (einigermaßen) feste Besetzung rekrutieren konnte, grenzt nahezu an ein Wunder. Hätte es die Band überhaupt jemals gegeben, wenn Slash nach dem Ende von Hollywood Rose bei Poison eingestiegen wäre? Und wenn ja: Wie das wohl geklungen hätte…? Vermutlich eins können wir mit Sicherheit sagen: Dass der Einfluss einer ganz bestimmten Band dennoch präsent gewesen wäre.

Hanoi Rocks kamen ausgerechnet aus dem kalten Finnland, lieferten jedoch den kalifornischen Chaoten von Guns N’ Roses von Anfang an Inspiration. „Slash spielte auf genau die richtige Art Gitarre, weil er mit Hanoi und dem Spiel von Andy (McCoy, Gitarrist der Hanoi Rocks) und mir aufgewachsen ist“, gab Hanoi Rocks-Sänger Michael Monroe stolz zu Protokoll. Es nicht ganz unwahrscheinlich, dass sich Axl Rose sogar einige Styling-Tipps von den skandinavischen Kollegen abgeholt hat. Der beständige Einfluss auf Guns N‘ Roses resultierte schließlich auch in mehrere Kollaborationen, so ist Monroe etwa auf Use Your Illusion 1 und “The Spaghetti Incident” zu hören. Neidisch auf den Erfolg der Zöglinge zeigte sich Monroe – bürgerlich eigentlich Matti Fagerholm – allerdings nie. „Guns N’ Roses hatten ihr eigenes Ding am Laufen“, sagte er. „Sie waren selbstbewusst genug, Hanoi Rocks als Einfluss zu nennen.“


2. Aerosmith – Mama Kin

Hanoi Rocks waren selbstverständlich nicht die einzige Band vom anderen Ende des großen Teichs, ohne die Guns  N’ Roses so nicht denkbar gewesen wären. Von Led Zeppelin zum Beispiel lernte die aufstrebende Band – zum Leidwesen von Hotels in aller Welt – nicht nur musikalische Kniffe, sondern auch die Manieren. Doch ihr direktes Umfeld lieferte ebenso Inspiration und eine gehörige Portion Starthilfe. Auf ihrer ersten EP Live ?!*@ Like A Suicide zollten Guns N’ Roses nicht nur Rose Tattoo, sondern auch Aerosmith Tribut.

Ihr Cover von Mama Kin weckte wohl die Aufmerksamkeit der Band um Steven Tyler, die Guns N’ Roses gemeinsam mit Iron Maiden auf eine Nordamerika-Tour mitnahmen. Ein Schuss in den Ofen für die Headliner, denn am Ende der Tour hatten Guns N’ Roses ihre Mentoren überflügelt. „Wir waren total angefressen, dass das Rolling Stone-Magazin aufkreuzte, um eine Story über Aerosmith zu machen und am Ende Guns N’ Roses auf dem Cover landeten“, erinnerte sich Aerosmith-Manager Tim Collins. Wie sehr der Band der Erfolg zu Kopf gestiegen war, zeigte sich auch 2016: Als sich Tyler stolz damit brüstete, Rose bei einem Treffen zu der Guns N’ Roses-Reunion überzeugt zu haben, setzte die Band einen hämischen Tweet in seine Richtung ab. (LINK: https://twitter.com/gunsnroses/status/692524095532089345) Don’t mess with the best!


3. The Eagles – Hotel California

Wie es aber nun mal mit Guns N’ Roses ist: Sonderlich viel Respekt haben sie ihren Idolen nie entgegengebracht, der produktive (und manchmal schlicht zickige) Wettstreit ist ihnen lieber. Wobei gerade Rose mit seinem hitzigen Gemüt nicht immer unbedingt viel Konstruktives beizutragen weiß. Taten zahlen sich bei ihm gemeinhin mehr aus als alle Worte. Was seiner Band Ende der achtziger Jahre gelang, war nichts anderes als die Neuerfindung des Sounds von Kalifornien. Nachdem dieser in den sechziger Jahren von den Beach Boys und in den Siebzigern maßgeblich von den Eagles bestimmt wurde, trugen Guns N’ Roses das Selbstverständnis des Golden State mit voller Lautstärke in die Welt hinaus.

Dass aber auch ihre Interpretation des kalifornischen Sounds an den Vorgängern geschult war, zeigte sich allein an der guten Verbindung der Band zu den Eagles, deren Drummer Don Henley schon mal spontan für einen Gig einsprang, als Roses-Schlagzeuger Steven Adler in der Reha-Klinik eine Auszeit nahm. Was Guns N’ Roses von den Eagles mitnahmen, war das Gespür für die sanften Untertöne. Denn so sehr Guns N’ Roses für einen harten, von Bands wie Black Sabbath oder Motörhead ebenso wie von den Rolling Stones und Iggy Pop beeinflussten Sound standen: Sie konnten immer auch anders und blieben (zumindest musikalisch) stets auf dem Boden ihres Heimatstaats. Obwohl sie mehr als einmal vom Boden der Tatsachen abhoben, versteht sich.


4. Elton John – Your Song

In ihrem Dylan-Cover von Knockin’ On Heavens Door oder den großen Balladen angefangen mit Sweet Child O’ Mine hin zum unsterblichen November Rain zeigte sich in Guns N’ Roses Schaffen stets eine einfühlsame Ader. Dass eine der zweifellos schönsten Live-Performances von November Rain ausgerechnet mit Sir Elton John entstand, mag auf den ersten Blick verwundern. Ist nicht Axl Rose mehrfach wegen homophober Äußerungen in die Kritik gekommen? Und was haben Guns N’ Roses schon bitte mit dem Typen gemein, der den Soundtrack zu König der Löwen eingesungen hat? Fans wissen die Antwort: eine ganz Menge!

Nehmen wir beispielsweise den Song My Michelle von Appetite For Destruction. Der entstand über Umwege dank Johns ewigem Klassiker My Song. Denn die im Guns N‘ Roses-Stpck angesprochene Michelle Young brachte die Band auf die Idee zum Song, nachdem sie auf dem Weg zu einer Show My Song im Radio hörten. „Oh, das ist so ein schönes Lied“, sagte sie damals. „Ich wünschte, jemand würde ein ähnliches über mich schreiben.“ Nun ja, nun gut – die Unterschiede zwischen beiden Stücken sind gelinde gesagt merklich. Kein Wunder, dass Young mittlerweile sehr gemischte Gefühle hat, wenn sie an My Michelle denkt. Auf andere Art aber ging die Geschichte sehr gut aus: Axl Rose und seine Band sollten sich bald mit Elton John anfreunden.


5. Queen – Bohemian Rhapsody

Noch bevor Guns N’ Roses und Elton John ihre legendäre Performance von November Rain zum Besten gaben, fanden sie zuerst im Jahr 1992 beim Freddie Mercury Tribute Concert auf der Bühne zusammen. Ihr Auftritt rief laute Proteste der Organisation ACT UP auf den Plan, die Rose wegen seiner schwulenfeindlichen Lyrics im Song One In A Million kritisierten. Erst kreischt der „immigrants and faggots / they make no sense to me“ – und dann soll er einen der größten schwulen Künstler des Jahrhunderts ehren? Undenkbar!

Brian May von Queen versuchte, ein gutes Wort für Rose einzulegen. „Die Leute scheinen blind zu sein“, schäumte er damals. „Verstehen die nicht, dass allein die Tatsache, dass Guns N’ Roses hier sind, schon Statement genug ist?“ Dass Rose dann ausgerechnet gemeinsam mit dem bekanntlich ebenfalls homosexuellen Elton John die Bühne erklomm, wird für einige die endgültige Provokation bedeutet haben. Anscheinend aber wurde Rose dadurch auf die harte Tour von seiner Homophobie geheilt, denn beim gemeinsamen Bohemian Rhapsody-Duett mit John blieb es nicht: 1994 war es Rose, der den älteren Briten in die Rock and Roll Hall of Fame einführen durfte. So wäre das sicher auch im Sinne Freddie Mercurys gewesen, der nicht nur einer von Elton Johns engsten Freunden, sondern auch ein großes Idol von Axl Rose war.


6. Charles Manson – Look At Your Game, Girl

Nicht, dass Guns N’ Roses jemals aufgehört hätten, zu provozieren. Als im November 1993 das Album “The Spaghetti Incident?” erschien, versteckte sich darauf eine handfeste Überraschung, die allerseits für Empörung sorgte. Neben Coverversionen von Punk-Bands wie The Damned, den U.K. Subs oder Fear versteckte sich auch eine Neuinterpretation von Charles Mansons Song Look At Your Game, Girl als Hidden Track auf dem Album. Zur Erinnerung: Charles Manson war der Anführer der Manson Family, der unter anderem inspiriert von The Beatles’ Helter Skelter reihenweise Hippies in seinen Bann zog und seine Gefolgschaft zu grausamen Morden angestiftet haben soll. Guns N’ Roses waren sich wohl bewusst, wie brenzlig ihre Auseinandersetzung mit der Musik Mansons sein würde. Die Promo-Kopien des Albums, die vorab an die Presse gesandt wurden, enthielten das Stück nämlich nicht.

„Axl will, dass der Track für sich selbst spricht“, wiegelte Bandmanager Doug Goldstein damals ab. Rose selbst betonte, dass die Band absichtlich versuchen wollte, keinen Wirbel um das Stück entstehen zu lassen. „Der Grund, warum er nicht aufgeführt wird, liegt darin, dass wir ihn herunterspielen wollten“, äußerte er sich auf seiner Website. „Wir geben Charles Manson keinen Credit dafür.“ Slash hingegen schob das Cover auf den „naiven und unschuldigen schwarzen Humor“ der Band. Es half nichts, es kam zu einer Art Streisand-Effekt (LINK: https://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt) und die Geschichte schlug immer größere Wellen. Zuerst verkündete die Band, dass die Einnahmen aus dem Verkauf des Stücks einem wohltätigen Zweck zugeführt würden, dann sagte Rose in einem Interview, dass es auf zukünftigen Auflagen des Albums nicht mehr zu hören sein würde. Er konnte es trotzdem nicht lassen: Kurz nach der Kontroverse trat er bei einem Konzert in England im Manson-Shirt auf. Und das Versprechen, den Song vom Album zu nehmen? Wir warten immer noch drauf…


7. Misfits – Attitude

„Attitude, you got some fucking attitude / I can’t believe what you said to me / You got some attitude” – das sind doch Zeilen, die Guns N’ Roses besser charakterisieren könnten, als es jeder Biograf vermag! Zu hören waren sie zuerst auf dem Misfits-Album Static Age, das die Horror-Punk-Band 1978 aufnahm und doch nicht – Chinese Democracy lässt grüßen! – vor 1996 veröffentlichten. Attitude ist einer der Songs, der es schon vorher an die Öffentlichkeit schaffte und der den Punk-begeisterten Guns N’ Roses ganz offensichtlich aus der Seele sprach. Nicht ohne Grund coverten sie ihn neben vielen anderen Punk-Stücken und dem unheilvollen Manson-Song auf “The Spaghetti Incident?”.

Die sich damals noch um Frontröhre Glenn Danzig gruppierenden Misfits hatten den Kaliforniern vorgemacht, dass Skandale durchaus gut fürs Geschäft sein können. Der Titelsong ihrer Bullet-EP, auf der auch Attitude zu hören war, widmete sich in ungeschönten Worten dem Attentat auf John F. Kennedy. Ein kleiner Skandal entstand, der Band oder gar ihren Plattenverkäufen aber schadete es keineswegs. Obwohl es natürlich Axl Roses Idee gewesen sein soll, ausgerechnet diesen Misifts-Song neu einzuspielen, übernahm für die Aufnahme Bassist Duff McKagan das Mikro, um der Version eine noch rotzigere Note zu verpassen. Wo Attitude drauf steht, muss schließlich auch Attitüde drin sein!


8. Rolling Stones – Sympathy For The Devil

Allen Koketterien mit Charles Manson und ihrer Punk-Attitüde zum Trotz: Guns N’ Roses wussten immer auch um die Wurzeln ihres Sounds im Blues Rock, wie er von den Rolling Stones im Laufe der „British Invasion“ Mitte der sechziger Jahre in den USA populär gemacht wurde. Oft spielten Slash und Gilby Clarke, der ab 1991 Izzy Stradlin an der Gitarre ersetzte, die Stones-Ballade Wild Horses auf Konzerten, am bekanntesten aber ist wohl Guns N‘ Roses‘ Neuinterpretation von Sympathy For The Devil, welches 1994 auf dem Interview mit einem Vampir-Soundtrack zu hören war.

Sympathy For The Devil markierte einen Wendepunkt für die Band, deren Wahnsinnserfolg seine Spuren zu zeigen begann. Tatsächlich ist es die letzte Aufnahme, die sowohl Slash, McKagan und Matt Sorum an den Drums versammelte. Dass Paul „Huge“ Tobias aus dem Hollywood Rose-Umfeld dabei war, schmeckte Slash so gar nicht. 2001 gestand er in einem Interview, dass er die Band 1996 vor die Wahl gestellt hatte: „Entweder geht Paul oder ich!“ Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Wie es wohl weitergegangen wäre, hätte Slash nicht das Handtuch geworfen? Dann hätte vielleicht Ozzy Osbourne Recht behalten. Der nämlich attestierte der Band, sie hätten „die nächsten Rolling Stones“ werden können. Wenn sie sich doch nur zusammengerissen hätten… So bleibt uns zumindest ihr Cover von einem der größten Stones-Hits.


9. Ulrich Schnauss – Wherever You Are

Slashs Ausstieg aus der Band markierte den Anfang eines sich ewig dahinziehenden Findungsprozesses, der erst 2008 mit der Veröffentlichung von Chinese Democracy ein Ende fand. Schon seit 1994 war die Gerüchteküche am Brodeln, im Laufe der Jahre wurde der “The Spaghetti Incident?”-Nachfolger zu einer Art Running Gag des Rock-Businesses. Die letztlich ganze 14 Millionen US-Dollar verschlingenden Aufnahmen waren geprägt von zahlreichen Stilwechseln, an denen das direkte Umfeld der verbliebenen Roses-Mitglieder nicht unschuldig war. Moby etwa wurde als Produzent eingeladen, mit Robin Finck und Chris Vrenna gesellten sich ehemalige Nine Inch Nails-Mitglieder zum sich ständig drehenden Besetzungskarussell.

Obwohl Chinese Democracy doch ein relativ konventionelles Rock-Album werden sollte, so zeigte sich darauf dennoch der subtile Einfluss elektronischer Musik. Die Labels Independiente und Domino interessierten sich ganz besonders für den Song Riad N’ the Bedouins. Warum? Der Beginn der Stücks klingt verteufelt nach Ulrich Schnauss’ Tracks Wherever You Are und A Strangely Isolated Place, deren Rechte die beiden Labels verwalteten. Für Fans bedeutete der resultierende Rechtsstreit eine bittere Enttäuschung. Erst mussten sie beinahe zwei Jahrzehnte warten – und dann klaut die Band noch von anderen? Da halfen auch Ausreden nichts, nach denen das Produktionsteam der Platte die Samples mit dem Versprechen an die Band weiterleiteten, dass alle rechtlichen Fragen geklärt gewesen sein. Guns N’ Roses kamen zurück, um sich prompt in die Nesseln zu setzen! Ob’s das nun war mit ihrer Leidenschaft für elektronische Sounds?


10. AC/DC – Whole Lotta Rosie

Versuchen wir es positiv zu fassen: Von den Hanoi Rocks und Aerosmith über die Eagles und Elton John bis hin zu Queen, Charles Manson, den Misfits und den Stones sowie Ulrich Schnauss – allein die Bandbreite von Einflüssen zeugt davon, dass es sich bei Guns N’ Roses um eine ganz besondere Band handelt. Andere Bands sind da schon etwas, sagen wir mal, wertkonservativer. AC/DC beispielsweise sind im Laufe der Karriere weitgehend bei ihren Leisten geblieben und haben dem Publikum immer genau das gegeben, was dieses von ihnen erwartete. Dennoch ließ sich selbst ein Angus Young von der Energie anstecken, die Guns N’ Roses auf ihrem großen Reunion-Konzert auf dem Coachella Festival im Jahr 2016 ausströmten. Zum ersten seit fast genau 40 (!) Jahren erklomm der schottisch-australische Vollblutrocker mit einer anderen Band als der eigenen die Bühne.

Ganz so weit lehnte sich Young aber nicht aus dem Fenster: Gemeinsam mit Guns N’ Roses performte er einen Song, an dem er selbst mitgeschrieben hatte: Whole Lotta Rosie. Das Generationentreffen auf der Bühne ist bezeichnend für Guns N’ Roses, die es als eine der wenigen aufstrebenden Bands immer wieder geschafft haben, ihre eigenen Helden zu Fans zu machen. Tatsächlich sollte der zum Zeitpunkt wegen eines gebrochenen Fußes auf dem legendären „Rock’n’Roll Recovery Throne“ – einer Leihgabe von Dave Grohl – sitzende Axl Rose wenig später den ausgefallenen AC/DC-Sänger Brian Johnson bei einer Tour ersetzen. Vom Fan zum Frontmann – was für eine Karriere!


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25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Der kürzeste Song, die längste Tour: Diese 7 Bands haben Weltrekorde aufgestellt

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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